Online-MegazineInterview

ÜEBERMUTTER

Humor ist, wenn Mann trotzdem rockt

Luci van Org ist zurück. Das Frolleinwunder dürfte den älteren Semestern als schaukelndes Girlie in Erinnerung sein, sang sie als "Lucilectric" noch vom "Mädchen"-Sein. Doch nun ist Schluss mit lustig. Mit ordentlich Wut im Bauch, ordentlich Eiern (wenn man das so sagen darf) und einer gehörigen Portion Humor in ihren überzeichneten Texten betritt Luci als "Üebermutter" die Bühne. Ziehet euch warm an und vernehmet ihre UNHEILige Botschaft.

Bei den Printkollegen seid ihr wegen vermeintlich eindimensionaler Musikalität durchgefallen. Belastet dich das oder geht es dir eh primär um die Botschaft in deinen Texten?

»Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich schlechte Kritik nicht auch irgendwie berührt. Aber Musikalität ist eben immer auch Geschmackssache. Und es gibt ja auch 'ne Menge Leute, die uns in diesem Bereich in den höchsten Tönen loben. Was ich allerdings nicht erwartet hätte und ganz wunderbar finde, ist, dass viele von denen, die die Musik nicht so mögen, auf die Botschaft trotzdem sehr positiv reagieren.«

Gehen wir einen Schritt zurück: zur Geburt. Wann kam denn die ÜEBERMUTTER auf die Welt?

»Musikalisch habe ich ja schon seit längerem einen Hang zu etwas härteren Pfaden. Dieser Hang traf auf meinen Ärger über die sich in unserem Land plötzlich immer weiter verbreitende Bigotterie und Rückwärtsgewandtheit - und auf den mir höchst seelenverwandten Songschreiber Michael Kernbach. Der schickte mir irgendwann eine völlig schraddelige, noch unbesungene Songszizze mit nur einer Textzeile: "Heim und Heerd, Heim und Heerd!" Da hat es "Klick" gemacht und wir haben begonnen, wie im Rausch Liedgut zu verfassen. Dabei wurde uns dann durch prophetische Eingebung das Buch UNHEIL! übermittelt. Wir, so erfuhren wir, haben die Aufgabe, nach dem Auserwählten zu suchen. Nach dem Einen, der da kommen soll, um sein gesamtes Geschlecht zu erlösen. Nach ihm, dem UNHEILand. Durch eigenes, grenzenloses Leid büßt er für sämtliche von Männern an Frauen begangenen Sünden- und macht uns alle bereit für ein erquickliches Miteinander. Nach langer Suche wurden wir fündig: In einem winzigen Dorf bei Trier. Ein wahrhaft öder Ort mit vielen Schafen und ohne Straßennamen - aber mit Michael Brettner, dem UNHEILand, gut erkennbar an seinen Wundmalen, seiner Dornenkrone und daran, dass er sich von mir sofort unablässig quälen und geißeln ließ. Heldenhaft nahm er sein seit Anbeginn vorherbestimmtes, schweres Schicksal auf sich. Dass er ganz zufällig auch noch einer der besten Metal-Gitarristen Europas ist, war für uns natürlich ein Riesenglück. Wenig später führte uns die Prophezeiung dann mit der UNHEILSarmee zusammen. Drei unglaublichen Frauen, die Dir vom ersten Akkord an mit ihren Instrumenten das Gehirn aus dem Schädel blasen. Es gibt keinen besseren Gegenbeweis für dieses beschissene Vorurteil, dass Frauen nicht moshen und rocken können, als Anja Schlemm am Bass, Sabine Ahlbrecht an den Drums und Peggy Junghanns an der Gitarre.«

(Aaaah ja, somit hätte wir das Konzept der Band auch untergebracht.)

Den musikalischen Wandel konnte man bei dir ja nicht unbedingt vorhersehen. Ist das eine konsequente Weiterentwicklung (wenn man das so sehen will) hinter den Kulissen oder ist die Härte der Musik reines Stil- oder Ausdrucksmittel?

»Wenn man, was man natürlich nicht muss, ein wenig über mich weiß, dann ist diese Entwicklung gar nicht so überraschend. Zum einen ist der Sound von ÜEBERMUTTER eine Rückbesinnung auf meine musikalischen Wurzeln. Die liegen im Punk, im Industrial und dem, was man heute wohl Gothic-Rock nennen würde - eben in der Musik, die ich in den 80ern als Teenager gehört habe. Bands wie The Cure, die Dead Kennedys oder DAF verehre ich noch heute glühend. Zum anderen sind zumindest Gothic und Industrial der Sound der Fetisch- und BDSM- Szene, in der ich seit Jahren privat zu Hause bin. Das hat mich natürlich geprägt. Schon 1998 bin ich mit einem Fetisch-Soloprojekt herumgetourt, mit "Das Haus von Luci" haben wir 2004 das WGT gerockt und auf Bikertreffen gespielt. Da ist der Schritt zu ÜEBERMUTTER nicht mehr so weit. Und, auch wenn man's nicht glaubt, sogar die Musik von Lucilectric war, mit Ausnahme der Singles und des zweiten, echt misslungenen Albums, härter und dunkler, als man vielleicht heute vermutet. Mein Bandpartner Ralf kam schließlich aus dem Umfeld der "Einstürzenden Neubauten" und unser Keyboarder aus dem von Nick Cave. Aber dafür hat sich niemand interessiert, weil es nicht ins Bild passte. Aber ich will mich nicht beschweren. Das "Mädchen" hat mir schließlich 'ne Menge Glück gebracht.«

Was hat sich in dir geändert seit Lucilectric? Hattest du auch damals schon diese fulminante Stimme?

»Ich habe seit meinem 11. Lebensjahr fünf Oktaven Stimme und habe mir schon mit vierzehn Jahren Geld als Janis-Joplin-Imitatorin verdient. Leider ist es sehr schwer, einen solchen Stimmumfang zu zeigen, ohne dass es nervt. Bei Lucilectric hat es einfach nicht zur Musik gepasst. Dass ich bei ÜEBERMUTTER endlich mal zeigen kann, was ich stimmlich drauf habe, macht mir natürlich großen Spaß.«

Wer sind deine Mitstreiter/innen? Michael Brettner, der ja schon eine ganze Weile härteren Gitarrentönen verfallen ist, ist der einzige Mann, eine für Rockbands eher seltene Konstellation. Wer sind die anderen und warum durfte gerade er mitmachen?

»Die Mädels der UNHEILsarmee sind alle drei absolute Ausnahmemusikerinnen aus Berlin. Anja Schlemm und Peggy Junghanns kennen Insider möglicherweise von der Rockband "Stiefmutter". Unsere Drummerin Sabine Ahlbrecht ist mit ihrer anderen Band KARRAS auch noch im Death-Metal-/Hardcore-Bereich unterwegs.«

Deine Texte sind hart, aggressiv, polemisch, martialisch, provokativ. Hat sich da (lyrisch) was aufgestaut? Woher kommt die Wut?

»Daher, dass die Dinge, um die es auf dem Album geht, mich selbst ganz persönlich betreffen. Wenn dein Lebensstil und der deiner Freunde nicht unbedingt der gesellschaftlichen Norm entsprechen, bekommst du es überall mit völlig unnötigen Grenzen und Bigotterie zu tun. Und dank des Wiedererstarkens der katholischen Kirche werden diese Grenzen und der Stock im Arsch der Leute immer größer. Das kotzt mich an, das geht mir auf die Eier!«

In 'Am Anfang War Das Weib' spielst du mit biblischen Zitaten und drehst die Schöpfungsgeschichte in ihr Gegenteil, aus der im Stechschritt marschierenden 'Gebäermaschine' wird eine martialische Gebieterin, 'Heim Und Herd' überzeichnet die dem Manne untergeordnete Rolle der Frau. Bist du jetzt eine Art Metal-Feministin?

»Ich bin keine Feministin. Gegen jede Form von -ismus hatte ich schon immer 'ne Abneigung. Ich bin einfach nur Gerechtigkeitsfanatikerin und wünsche mir deshalb gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten für alle. Natürlich nervt es mich deshalb, dass irgendwelche Schlammhirne gegen Kitas wettern und Frauen noch immer für dieselbe Arbeit weniger Geld bekommen. Aber genauso wütend macht es mich, wie oft Väter die Arschkarte haben, weil verständnislose Arbeitgeber sie zum Versorger degradieren und ihnen die Zeit mit ihren Kinder stehlen.«

Du bist weder Fan von Roger Cicero noch von Chansonnettchen Barbara Schöneberger. Ersteren bezichtigst du des Transports des "50er-Jahre-Frauchen-Miefs". Braucht die (Musik-)Welt ein "unheiliges" Gegengewicht?

»Das hoffe ich natürlich stark. Aber es geht mir nicht primär darum, genauso medienpräsent zu werden, wie diese beiden. Mir geht es um die Menschen, die genauso wütend sind. Die sich von dem ansprechen lassen, was ich zu sagen habe. Wie heißt es so schön bei den X-Men: "Es wird Zeit, dass die, die anders sind, sich verbünden."«

Vor gar nicht allzu langer Zeit erschien dein Song 'Loslassen' auf der Internetseite des "Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland e. V." Da klingt's recht swing-jazzig aus den Boxen. Wie bist du mit dem Verband verbandelt?

»Ich habe die große Ehre, Schirmherrin der verwaisten Eltern in Deutschland zu sein. Das ist ein Verein, der sich um Eltern kümmert, die mit dem Tod eines Kindes oder sogar mehrerer Kinder leben müssen. Vor anderthalb Jahren ist die Vorsitzende des Vereins nach einer Lesung auf mich zugekommen, mit den Worten: "Du passt nirgendwo rein - du passt perfekt zu uns". Ich hatte damals "Der Tod wohnt nebenan" geschrieben, ein Buch mit stillen, nachdenklichen Spukgeschichten und dazugehöriger "Das Haus von Luci"-Akustik-CD, auf der auch 'Loslassen' ist. Mein Ziel war und ist bis heute, auch beim Thema Tod unnötige Grenzen einzureißen. Und da wären wir wieder bei den verwaisten Eltern. Denn es ist kaum zu glauben, mit wie vielen unnötigen Grenzen und daraus resultierenden Verletzungen diese Eltern klarkommen müssen. Menschen, die ja ohnehin schon vom Schicksal das Allerschlimmste aufgebürdet bekommen haben, werden stigmatisiert, diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft geschoben. Verstorbene Kinder sind ein Tabu. Viele wollen mit verwaisten Eltern am liebsten gar nichts zu tun haben - aus Angst, daran erinnert zu werden, dass auch ihnen jederzeit eine solche Katastrophe passieren könnte.«

Du bist Schauspielerin, Autorin, Songschreiberin - und jetzt Üebermutter. Wo liegt der Schwerpunkt deiner Arbeit? Oder gibt es Phasen, in denen du dich vermehrt auf eine Profession konzentrierst?

»Genau so funktioniert das. Ich mache alles eher nacheinander. Das, was gerade am meisten Zeit braucht, wird vorangestellt. Mit einer Ausnahme. Ich bin ja nicht nur ÜEBER- sondern auch noch ganz normale Mutter. Mein Sohn hat immer Priorität. Was nicht heißt, dass ich die ganze Zeit um ihn herumglucke. Mein Mann und ich teilen uns die Kindererziehung 50 zu 50 und er ist in 'ner Kita. Es heißt nur, dass ich absolut alles für meinen Sohn hinten anstellen würde, wenn es nötig ist.«

Wie sieht's mit weiteren Tourplänen aus? Ihr wart ja jetzt schon unterwegs. Wie ist's gelaufen? Wie sieht das Üebermutter-Publikum aus?

»Bis jetzt waren die Reaktionen absolut positiv. Hätte ich selbst nicht erwartet. Sooo viel waren wir ja auch noch nicht unterwegs - aber mein Eindruck vom Üebermutter-Publikum ist folgender: Es mag Lautstärke und echten Wumms von der Bühne, liebt virtuos gespielte Instrumente, guten Gesang - und hat 'ne Menge Humor.«

Würdest du mit MANOWAR auf Tour gehen?

Luci: Was ne Vorstellung (lacht) ... geil! Klar würde ich! Ich hab doch sowieso mehr Eier, schon rein biologisch ...!«

www.myspace.com/uebermutter