Online-MegazineInterview

MARK EVANS - Das Sandmännchen ist wieder da

Seit seinem Ausstieg bei AC/DC im Mai 1977 hat sich Bassist Mark Evans (alias „The Sandman") betont zurückgehalten. Für dieses Sonderheft willigte er ein, sein Schweigen zu brechen. In dem australischen Musikgeschäft, wo er seit 1990 arbeitet (er sammelt speziell angefertigte Fender Precision-Bässe, Fender-Stratocaster- und -Telecaster-Klampfen sowie Martin- und Gibson-Akustikgitarren), sprach Mark mit uns über Vergangenheit, Gegenwart... und die Zukunft. Denn der „Sandmann" hat die Bässe und Gitarren noch längst nicht an den Nagel gehängt, wie dieses Gespräch beweist.

 

Bist du in einer musikalischen Umgebung aufgewachsen?

 

»Ich wurde am 2. März 1956 in Melbourne geboren. In meiner Familie gab es keine Musiker, aber meine älteren Geschwister, Bruder wie Schwester, schwärmten für Musik, und daher bin ich mit den Platten von Elvis Presley aufgewachsen. Ich muss so zwei oder drei Jahre alt gewesen sein. Zu Beginn der Sechziger ließ mich meine Schwester dann die Beatles, die Stones und andere Acts entdecken. Obwohl niemand zu Hause ein Instrument spielte, bin ich doch in einer Umgebung groß geworden, die von Musik geprägt war.«

 

Wie bist du zur Gitarre gekommen? Denn auf diesem Instrument hast du angefangen, nicht auf dem Bass...

 

»Das ist richtig. Einer meiner Kumpels fuhr sehr auf Australian Football ab, einen Sport für Fanatiker, der ausschließlich von Draufgängern ausgeübt wird. Wir haben eine Weile zusammen gespielt. Bis zu dem Tag, an dem er sich eine Gitarre geschnappt und mir einige Griffe gezeigt hat; so habe ich spielen gelernt. Wir hatten viel Spaß. Sehr schnell danach habe ich mich ans Bass-Spielen begeben. Um mich herum gaben all jene, die angefangen hatten, Gitarre zu lernen, nach und nach auf. Ich nicht. Das Spielen schien mir leicht zu fallen. Ich hatte so eine Art Begabung dafür.«

 

Erzähl uns von deinen ersten Gruppen.

 

»Meine erste „wirklich" professionelle Gruppe war AC/DC. Ich hatte erst ca. 18 Monate gespielt, als ich bei ihnen einstieg. Mein Niveau auf der Gitarre war okay. Nicht außergewöhnlich, aber okay.«

 

Wie bist du bei AC/DC eingestiegen?

 

»Oh, die Legende will es, dass ich die Gruppe im Station Hotel in Melbourne kennengelernt habe, nachdem ich mich mit einem Rausschmeißer geprügelt hatte, der mich nicht wieder reinlassen wollte. Das ist falsch; denn es ist einzig und allein eine Erfindung unseres damaligen Managers.

Die Wahrheit ist weniger glamourös. Steve McGrath, der Freund, mit dem ich Football gespielt hatte und der sich ein Appartment mit mir teilte, war für kurze Zeit Roadie bei AC/DC. Er war es, der mir erzählte, dass AC/DC einen Gitarristen suchten. Als er für die Gruppe arbeitete, entwickelten sich AC/DC zum Quartett: mit Bon Scott als Sänger, Phil Rudd am Schlagzeug, Angus an der Gitarre und Malcolm am Bass. Ich habe sie aufgesucht, habe mich vorgestellt und herausgefunden, dass sie keinen Gitarristen suchten, sondern einen Bassisten. Ich hatte einen alten Fender-Bass zu Hause, also hat mich das nicht übermäßig gestört.«

 

Was hast du bei deiner Audition gespielt?

 

»Bei meinem ersten Besuch, einem Samstag im März 1975, gaben sie mir eine Cassette ihres ersten Albums („High Voltage", australische Pressung) und baten mich, die darauf befindlichen Stücke zu lernen. Am nächsten Tag bin ich zu ihnen zurückgekehrt und habe diese Titel mit ihnen gespielt. Bereits am folgenden Dienstagabend bin ich mit ihnen aufgetreten. Meine Integration ging also recht schnell über die Bühne.«

 

War Bon nicht bei deiner Audition anwesend?

 

»Nein, auch nicht bei der einzigen Probe, die ich vor diesem ersten Konzert mit der Gruppe absolvierte. Ich habe Bon erst am Tag des Gigs getroffen. Ich wusste aber, um wen es sich handelte, denn Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger hatte ich ihn mit den VALENTINES gesehen, einer Popgruppe, die von Kopf bis Fuß in orangefarbenes Satin eingehüllt war. Ein ziemlich tragischer Look, haha! Seine Gruppe hatte zwei Frontleute: neben Bon sang Vince Lovegrove

 

Wer war Bassist bei AC/DC, bevor du bei der Band angeheuert hast?

 

»Malcolm hatte sich, wie schon gesagt, eine Zeit lang damit befasst, aber es war George Young, der vor meinem Einstieg den Bass zupfte. Bevor Phil und ich einstiegen, hatten AC/DC schon diverse Bassisten und Schlagzeuger verschlissen. Auf dem Sängerposten lief das einfacher: Bon hatte Dave Evans abgelöst. Aber ein halbes Dutzend Schlagzeuger und Bassisten waren uns vorausgegangen.

Hier in Australien war das erste wirklich bekannte Line-up jenes mit Bon, Phil und mir: die „klassische" Besetzung. Erst viel später haben die Fans entdeckt, dass es vor uns auch andere Mitglieder gegeben hat.«

 

Woher kommt dein Spitzname „The Sandman"?

 

»Oje, haha! Ich hatte gehofft, dass du diese Frage nicht stellen würdest, haha! Meine Tochter wird dieses Interview wahrscheinlich lesen, also werde ich vorsichtig sein. Eine Version – auf jeden Fall jene, an die ich mich freiwillig gerne klammere – ist, dass wir hier in Australien diese fiktive Figur haben, den Sandmann, der den Kindern Sand in die Augen streut, damit sie einschlafen. Nun, bei AC/DC habe ich die meiste Zeit geschlafen. Das ist im Übrigen immer noch der Fall. Wenn ich in ein Auto oder ins Flugzeug steige, schlafe ich innerhalb von fünf Minuten ein. Ich schaffe es überall, mit der größten Leichtigkeit einzuschlafen. Daher dieser Spitzname, den die Gruppe mir gegeben hat. Nun, dies ist die korrekte Version. Ich werde es aber schön bleiben lassen, die dreckige Variante zu erzählen, haha!«

 

Zu deiner AC/DC-Zeit gab es in Australien eine Fernsehsendung namens „Countdown", seither ein TV-Mythos. Ihr habt dort unzählige Male gespielt...

 

»Ja, „Countdown" war ein Programm des Regierungssenders ABC (Australian BroadCasting - Red.), vergleichbar mit der BBC in England. Dieses Programm gab es seit dem Frühjahr 1974. Es lief eine Stunde lang und wurde jeden Sonntagabend ausgestrahlt. Man konnte dort zahlreiche internationale Videos sehen. Jeder denkt, dass MTV das Konzept erfunden hat, mit Videoclips zu arbeiten, aber angesichts unserer Isolation, verglichen mit dem Rest der Welt, waren wir schon lange vorher daran gewöhnt, derlei Clips zu sehen. Bei ABC hatten sie ein Studio, in dem sie die Gruppen live filmten. Wenn ich „live" sage, meine ich damit, dass die Sänger wirklich live sangen. Die Musik hingegen kam vom Band. Ich glaube, dass der Kerl, der diese Sendung moderierte, Molly Meldrum (eine lebende Legende der australischen Musikszene - Red.), AC/DC enorm dabei geholfen hat, nach oben zu kommen. Schon als das erste Album „High Voltage" veröffentlicht wurde, kam es nicht gerade selten vor, die Band bei „Countdown" zu sehen. Ich selber erinnere mich, sie dort gesehen zu haben, bevor ich bei ihnen einstieg. Jeder hat sich diese Sendung angeschaut. Du konntest dort drei oder vier Mal innerhalb von zwei Monaten spielen und anschließend durch ganz Australien touren, ohne Angst zu haben, unbeachtet zu bleiben, denn es war ein Programm, das flächendeckend im ganzen Land ausgestrahlt wurde.«

 

Wir haben zwei Stücke bei „Countdown" gesehen: eins, wo Bon sich als Schülerin verkleidet hatte, und ein anderes, bei dem Angus ein Superman-Kostüm trug...

 

»Bon hat jedes Mal versucht, etwas Neues zu finden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Denn wir spielten so oft in dieser Sendung, dass es äußerst wichtig war, das Publikum nicht zu langweilen. An dem Tag, als er sich als Schüler verkleidete, hatten wir keine Ahnung, dass er dies tun würde. Niemand war auf dem Laufenden. Zu den Proben war er normal angezogen gekommen. Die Sendung war live. Als das Intro von ´Baby Please Don´t Go´ schon lief, war immer noch kein Bon in Sicht. Wir sagten uns: „Scheiße, der Junge versetzt uns!" Und da kam er plötzlich in letzter Sekunde hereingeschneit, verkleidet mit einer Schulmädchen-Uniform. Alles lachte sich krank! Es war mein erster „Countdown"-Auftritt, da ich erst ein oder zwei Wochen vorher eingestiegen war. Wir hatten wirklich einen Mordsspaß!

Ein anderes Mal, ich schätze im April 1975, hat sich Bon als Tarzan verkleidet und mit Hilfe eines Seils von einer Bühnenseite zur anderen geschwungen. Angus, der ein Gorillakostüm trug, war in einen Käfig gesperrt! Auch da haben wir, wenn ich mich recht erinnere, ´Baby Please Don’t Go´ gespielt. Angus hat von Zeit zu Zeit unterschiedliche Figuren ausprobiert: Die bekannteste war der Schüler, aber als ich bei AC/DC einstieg, spielte er neben dem Gorilla Rollen als Superman - er betrat ein Telefonhäuschen, das in einer Ecke der Bühne stand, und kam als SuperAngus wieder heraus -, als Zorro - mit Hut, schwarzer Halbmaske, Degen und dem ganzen Zinnober - und bei ´Jailbreak´ auch schon mal als Sträfling. Letzten Endes hat sich die Schuluniform als selbstverständliches Outfit durchgesetzt.«

 

Waren AC/DC in Australien die Speerspitze einer musikalischen Erneuerung?

 

»Ja, man muss verstehen, dass wir gerade die Bubblegum-Ära hinter uns hatten, als die Musikwelt von Marc Bolan und diesem ganzen Glamrock-Scheiß dominiert wurde. Nun war Melbourne zu der Zeit - mittlerweile hat sich´s gebessert - eine sehr rauhe Industriestadt. Wir haben daher dem Knüppel zur Rückkehr verholfen; dazu kam die Geburt wirklich guter Rockgruppen wie den COLOURED BALLS, den späteren BUSTER BROWN, zu deren Besetzung Phil Rudd und der spätere Rose Tattoo-Sänger Angry Anderson gehörten. Dies war die Sorte Bands, die den Erfolg nach Melbourne zurückbrachten. Die Tatsache, dass sich AC/DC, obwohl sie ursprünglich aus Sydney kamen, entschieden, nach Melbourne umzuziehen, hat der ganzen Band sehr gut getan.«

 

Genau, erzähl uns von diesem Aufruhr, der sich im Myer Store in Melbourne ereignet hat...

 

»Das war im September 1975. Man hatte uns engagiert, weil wir dort fünf Tage hintereinander zur Mittagszeit auftreten sollten. Myer war eine Art Kaufhaus der Sorte Marks & Spencers. Man hatte uns in einer Abteilung für Mädchenklamotten im ersten Stock untergebracht. Als wir am ersten Tag zu spielen anfingen, hatten wir kaum Zeit, den ersten Akkord von ´School Days´ anzuschlagen, als alles außer Rand und Band geriet. Es war wirklich seltsam: Da spielten wir auf einer winzigen Bühne vor einer Menge aus rund 2.000 Leuten, die sich fast ausschließlich aus 14- bis 15jährigen Mädchen zusammensetzte. Wir hatten den Eindruck, als ob uns eine riesige Welle von Jungfrauen verschlingen würde, haha! Wir wurden gegen unsere Verstärker gedrückt, und ich bekam richtig Angst, dachte, dass es unweigerlich Verletzte geben würde!

Es war das einzige Mal in meiner gesamten Karriere, dass ich wirklich eine Mordsangst um mein Leben bekam. Malcolm hatte auf einmal eine Schnittwunde über dem Auge, und Bon wurde quer durchs ganze Geschäft gejagt, wobei ihm seine Klamotten zerrissen wurden... Einer der Organisatoren packte mich und zog mich aus dem Durcheinander heraus. Heute lacht man darüber, aber im ersten Moment war es wahrlich angsteinflößend! Zwei Stunden später sind wir noch einmal an die Stelle der Verwüstung zurückgekehrt: Es war ein richtiges Desaster. Es sah aus, als wäre ein Orkan durch die Bude gefegt. Das reinste Schlachtfeld! Ich muss wohl nicht betonen, dass die Geschäftsleitung uns bezahlt hat - uns jedoch auch bat, an den restlichen vier Tagen nicht mehr wiederzukommen.

Der Witz bei der Geschichte ist, dass Bon von seiner damaligen Freundin einen Anpfiff einstecken musste, weil sein Rücken von oben bis unten zerkratzt war und die Dame verdammt eifersüchtig war, haha!«

 

Und wie lief dieses Konzert in Adelaide, als euch der Promoter den Strom abgestellt hat?

 

»Das war Silvester 1975. Molly Meldrum, der Moderator von „Countdown", war da. Wir hatten die Zeit überschritten, die sie uns zugedacht hatten. Sie haben uns den Saft abgedreht. Daher haben wir als Zeichen unseres Protests angefangen, a cappella zu singen, worauf das ganze Publikum einstimmte. Meldrum hat von - was weiß ich woher - einen Dudelsack geholt, das Gerät Bon in die Hand gedrückt, der das Ding spielen konnte, ihn anschließend auf seine Schultern genommen und dann damit begonnen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Die Leute sind vor lauter entfesselter Energie förmlich in die Luft gegangen. Das Publikum hat die Absperrungen aus dem Weg geräumt, ist auf die Bühne geklettert und hat die Verstärkeranlagen umgeworfen. Die Leute haben den ganzen Laden auf den Kopf gestellt!

Wir haben immer sichergestellt, dass wir unseren Job so gut wie möglich machen. Nichts war geplant; wir haben stets instinktiv auf die jeweiligen Situationen reagiert, mit denen wir uns konfrontiert sahen. Es ist in Melbourne auch vorgekommen, dass uns in Clubs mit nicht gerade sorgfältig ausgesuchter Kundschaft übel mitgespielt wurde und wir uns prügeln mussten. Also sprangen wir von der Bühne und warfen uns in den Haufen. Man muss dazu sagen, dass unser Ruf uns vorauseilte: Jeder glaubte, dass wir hyperaggressiv wären. Hey, wir waren kaum 20 Jahre alt, hatten sehr wenig Erfahrung, und alle, die sich mit uns anlegen wollten, sollten es mit uns zu tun bekommen!«

 

Im März 1976 habt ihr euer Abschiedskonzert im Bondi Lifesaver in Sydney gegeben, während ihr euch angeschickt habt, Australien zu verlassen, um euer Glück in Europa zu versuchen. Wie war die Stimmung an diesem Abend?

 

»Völlig irre! Unsere Abreise ins Ausland hatten wir absichtlich nicht zu sehr durchsickern lassen. Außer der Gruppe, unseren Eltern und unserem beruflichen Umfeld wussten nur sehr wenige Leute, dass wir uns zum Ziel gesetzt hatten, Australien den Rücken zu kehren. Ich glaube, dass Angus an jenem Abend seinen Geburtstag gefeiert hat (er wurde am 31. März 1955 geboren - Red.) und dass wir am nächsten Tag nach England geflogen sind. Wir haben diesen kleinen sympathischen Club, der ein bisschen dem Marquee in London ähnelte, zum Explodieren gebracht.«

 

Welche Erinnerungen an deinen ersten Kontakt mit England und Europa sind noch lebendig?

 

»Unheimlich viel zu reisen und mit eigenen Augen all das zu entdecken, was wir bis dahin nur in Büchern sehen konnten. Ich fand es toll, die historische Vergangenheit Europas zu entdecken, in Paris den Eiffelturm zu sehen, indem man einfach aus dem Fenster schaute. Alle diese Entdeckungen haben mich begeistert.«

 

Warst du das jüngste Mitglied der Gruppe?

 

»Ja, ich war ein Jahr jünger als Angus.«

 

Das musste doch sagenhaft sein, in diesem Alter kreuz und quer durch die Welt zu reisen! Wenige so junge Australier wie ihr konnten sich das leisten.

 

»Sicher. Für einen Typen von gerade mal 20 Jahren war das sicherlich eine Erfahrung. Heutzutage, wenn ich Jugendliche ins „Abenteuer" aufbrechen sehe, sage ich mir, dass das Gören sind. Es schockiert mich. Trotzdem darf ich nicht vergessen, dass ich, als ich so alt war wie sie, mit AC/DC in London lebte. Mit allem, was das mit sich bringt, haha! Ich erinnere mich, dass ich 1975 nach meinem Einstieg entdeckte, dass Bon 28 Jahre alt war und zu mir selber sagte: „Verdammt, was ist das für ein alter Knacker! Oh Gott! Ich werde mit einem Typen arbeiten müssen, der zehn Jahre älter ist als ich!" Mit dem Abstand von heute weiß ich, dass zehn Jahre Unterschied letzten Endes keine große Sache sind.«

 

Ihr habt England rasch erobert. Trotzdem kamt ihr am 29. August 1976 beim Reading Festival nicht richtig an. Wie erklärst du dir diesen Flop?

 

»Wir haben uns sehr viel von diesem Konzert in Reading erwartet, denn in London hatten wir schnell bemerkenswert viel Erfolg. Reading sollte der nächste Schritt sein, mit dem wir eine neue Phase hätten einläuten können. Aber nix da: Wir spielten genau vor diesem amerikanischen Gitarristen, Ted Nugent, und das Publikum hat nicht geschnallt, was wir vorhatten: „Was ist das denn für ein Witz?" In London und Umgebung waren wir sehr bekannt. Aber auf diesem Festival traten wir vor Zuschauern aus ganz Europa auf, die nicht verstanden, was dieser kleine Schüler da machte, der überall auf der Bühne herumhopste und ihnen seine Arschbacken zeigte. Sie waren dafür nicht sonderlich empfänglich.

Dies war hinterher der Anlass für ziemliche Spannungen innerhalb der Band. Wir haben uns heftig angeschnauzt, als wir zu ergründen versucht haben, warum die Show nicht wie vorgesehen hingehauen hatte, und uns gefragt: Was ist passiert? Was haben wir verkehrt gemacht? Ich glaube, dass es jede Menge Gründe gab, warum es nicht funktionierte. Selbst wenn wir die Beatles gewesen wären, hätten wir nicht mehr gerissen. Manchmal kannst du dich wie ein Trottel verspielen, und es wird das Publikum trotzdem nicht davon abhalten, zu denken, dass deine Band die beste der Welt ist. Und umgekehrt. Es war ein verlorener Tag. Und es hat uns um so mehr enttäuscht, weil ganze Horden von Pressefritzen von diesem Open Air berichtet haben.«

 

Wie lief danach die „Giant Dose Of Rock´n´Roll"-Tour, die eure Rückkehr nach Australien Ende ´76/Anfang ´77 bedeutete?

 

»Es war eine prima Sache für uns, am Jahresende nach Australien zurückzukehren. Denn dort unten war Sommer. Wir entkamen somit der Härte des europäischen Winters und hatten die Möglichkeit, die Festtage bei der Familie zu verbringen. Leider waren dort jedoch einige Leute der Meinung, dass wir von nun an Europa auf Kosten von Australien bevorzugen würden, dass wir uns nicht länger als australische Band betrachten würden - was falsch war. Obwohl wir sehr populär blieben, wurden wir von vielen geschnitten. Wir haben nicht den erhofften Erfolg genossen. Von diesem Punkt bis zum Desaster ist es oft nur ein kleiner Schritt... Man hat uns zu verstehen gegeben, dass unser Aufbrechen zu anderen Horizonten nicht übermäßig geschätzt wurde. Erst als 1978 „Powerage" veröffentlicht wurde, besserte sich die Situation hier wieder. Aber die Band war immer ehrgeizig in Australien, da sie von da an die meiste Zeit in Europa und in den Staaten verbrachte. Man musste allerdings fast fünf Jahre warten, um AC/DC auf der „Back In Black"-Tour wieder in Australien sehen zu können.«

 

Im April 1977 wart ihr als Support-Act von BLACK SABBATH in Europa unterwegs, aber die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gruppen ging böse aus...

 

»Es war die letzte Tournee, die ich mit AC/DC gemacht habe, bevor ich allein nach Australien zurückging. Soweit ich weiß, ist Malcolm mit dem Bassisten von BLACK SABBATH, Geezer Butler, aneinander geraten. Ich glaube, Geezer hatte ihn mit einem Messer bedroht. Ich möchte es allerdings nicht beschwören. Ich habe es später irgendwo gelesen. Jedenfalls gab es ein Missverständnis zwischen Malcolm und Geezer, wir sind direkt ins Hotel zurückgefahren, haben unsere Koffer gepackt und die Tournee am nächsten Tag abgeblasen. Ursprünglich sollten wir uns via Helsinki direkt danach auf unsere erste US-Tournee begeben. Aber die Tour wurde gecancelt, weil unser US-Plattenlabel sich nur mäßig für das Album „Dirty Deeds Done Dirt Cheap" begeistern konnte - und sich im Übrigen weigerte, die Scheibe in den Staaten zu vertreiben. Unter anderem wurde die Frage aufgeworfen, ob es richtig wäre, jemanden wie Bon Scott als Sänger zu haben. Aus welchen Gründen weiß ich nicht. Statt also nach Helsinki zu gehen, sind wir von Offenbach aus direkt nach London zurückgekehrt.«

 

Und dort hast du dann erfahren, dass die Gruppe vorhatte, dich zu feuern?

 

»Sagen wir es so: Es gab Spannungen zwischen Angus und mir. Manchmal verstanden wir uns gut, aber die meiste Zeit nicht. Und wenn man sich ernsthaft zwischen Angus und mir entscheiden muss, denke ich, dass sie die richtige Wahl getroffen haben. Quatsch, ich rede Stuss, haha! Angus und ich konnten uns nicht mehr sehen, und letzten Endes sorgte dies für einige Unstimmigkeiten. Wenn du Teil einer Band wie dieser bist, musst du dich tausendprozentig einbringen. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr zufrieden damit war, in diesem Klima zu arbeiten, obwohl ich die Band nach wie vor mochte. Ich denke auch heute noch, dass es eine großartige Gruppe ist. Aber in meinem eigenen Interesse und im Interesse von AC/DC war es besser, dass ein anderer Musiker meinen Platz einnahm. Wenn ich der richtige Mann für diesen Posten gewesen wäre, wäre ich sicher immer noch Teil der Band. Dies ist nicht der Fall, weil Cliff Williams mich ersetzt hat.«

 

Warst du dennoch enttäuscht oder überrascht?

 

»Enttäuscht, ja, sehr enttäuscht. Aber keineswegs überrascht. Ich hatte zu diesem Thema eine oder zwei Unterhaltungen mit Phil, Bon und Malcolm geführt. Malcolm hatte mir gesagt, dass Angus nicht zufrieden damit sei, wie die Dinge sich entwickelt hätten. Ich habe versucht, mit Angus darüber zu diskutieren, aber er wollte nicht darüber reden, vermied das Thema: „Das Problem liegt nicht bei mir, Malcolm möchte, dass die Dinge anders laufen." Ich habe versucht, die Unstimmigkeiten zu lösen, aber... Eines Abends habe ich mit Phil gesprochen, und der sagte dann: „Schau dich an, du bist mit uns nicht mehr glücklich." Die Messe war gelesen. Meine Zukunft lag nicht bei AC/DC.«

 

Mit AC/DC hast du die Alben „T.N.T.", „Dirty Deeds..." und „Let There Be Rock" aufgenommen. Man sagt, dass George Young bei einigen Titeln dieser drei Scheiben den Bass gezupft hat. Ist das wahr?

 

»Ja, vollkommen richtig. Wenn die Gruppe ins Studio ging, arbeiteten Malcolm, Angus und George zusammen am Gerüst der Titel. Manchmal nahm George die Gitarre, ein anderes Mal setzte er sich ans Piano, um die Stücke zu testen, oder er spielte Bass. Es kam oft vor, dass ich mich neben ihn setzte, um zu beobachten und zu lernen. George produzierte uns, er war daher für die endgültige Abmischung verantwortlich. Und ich weiß aus sicherer Quelle, dass er auf einigen Titeln der erwähnten Alben spielt und dass ich die übrigen Stücke spiele. Auf „High Voltage" und „T.N.T." scheint es mir, dass George sogar die Backing-Vocals mit seinem Kumpan Harry Vanda beisteuerte. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, auch nur ansatzweise irgendwelche Backing-Vocals für „T.N.T." aufgenommen zu haben. Aber mein Gedächtnis kann mich täuschen. Es ist schon so lange her...«

 

War George ein guter Lehrer?

 

»Ein hervorragender. Ich glaube nicht, dass es mir gegeben war, einen ähnlich klugen und intelligenten Mann wie George im Musikbusiness zu treffen. Er ist ganz einfach der beste Musiker und Komponist, den ich kenne.«

 

Du hast AC/DC also im Mai 1977 verlassen. Was hast du nach deiner Rückkehr nach Australien gemacht?

 

»Ich habe hier und da rumgehangen und mit Kumpels einige Alben aufgenommen. Eine Weile hab ich im Musikverlagswesen gearbeitet, dann, zu Beginn der Achtziger, habe ich wieder mit dem Spielen angefangen. Mit einem Kumpel aus Melbourne, Rob Riley, habe ich THE BEAST gegründet, bevor Rob Gitarrist bei ROSE TATTOO wurde. Das hat mich wieder hochgebracht.«

 

Wir möchten dir eine Liste mit Gruppen vorlegen. Kannst du uns sagen, ob du tatsächlich mit ihnen gespielt hast?

Finch/Contraband?

 

»Ja, Finch/Contraband waren in der Tat eine einmalige und einzigartige Band. Ich bin mit ihnen von meinem Ausstieg bei AC/DC bis 1980 zusammen geblieben. Dann haben wir uns getrennt.«

 

SWANEE?

 

»Das war die Band von Sänger John Swan, einem sehr guten Freund von Malcolm und Angus. Ein weiterer aus Glasgow stammender Schotte. Ich habe zu Beginn der Achtziger Tracks mit ihm aufgenommen, und wir waren zusammen auf Tour.«

 

THE BEAST?

 

»Die Band, in der ich, wie schon gesagt, an der Seite von Rob Riley gespielt habe. Wir haben einige Titel aufgenommen, die leider nie veröffentlicht wurden und in den Archiven des Albert-Labels eingekerkert blieben. Es gab genügend Material, um zwei Alben damit zu füllen.«

 

HEAVEN?

 

»Ja, ich habe Gitarre bei ihnen gespielt. Zu diesem Anlass war ich nach Los Angeles umgezogen. Ich erscheine auf keinem Studioalbum, aber man kann mich auf einigen Liveaufnahmen von 1983/84 und auf einer Maxi-Single hören. Der Manager von HEAVEN war kein Geringerer als Michael Browning, der zuvor AC/DC gemanagt hatte. Was den Sänger angeht: Das war ein weiterer Schotte namens Alan Fryer, der nach dem Tod von Bon ganz nahe dran war, Sänger bei AC/DC zu werden. Ich glaube sogar, dass der New Musical Express (britische Wochenzeitung - Red.) ihn bereits als neuen Sänger der Band angekündigt hatte. Wir waren alle Kumpels, und ich habe eine großartige Zeit bei Heaven verbracht. Es hat mir die Gelegenheit gegeben, in den Staaten mit BLACK SABBATH, MÖTLEY CRÜE und KISS auf Tournee zu gehen.«

 

HEADHUNTERS?

 

»Das war eine Band, die Dave Tice, der Ex-Sänger von BUFFALO und ein anderer Kumpel von mir, Ex-ROSE TATTOO-Gitarrist Mick Cocks, zusammengewürfelt hatten. Diese Zusammenarbeit hat sich gehalten, denn ich arbeite auch heute noch mit Dave.«

 

BOSS?

 

»Nein. Ich kenne die Band, aber ich habe nie irgendwas mit ihnen gemacht.«

 

ROSE TATTOO?

 

»Ich habe des öfteren mit ihnen gespielt, und zwar als Special Guest bei Wohltätigkeitskonzerten oder Fanclub-Treffen, aber ich war nie offizielles Mitglied. Sie sind zweifellos meine Lieblingsband. Als ich nach meinem Ausstieg bei AC/DC nach Australien zurückkam, hat Mick Cocks mir vorgeschlagen, ihren ursprünglichen Bassisten Ian Rillen, der die Band verlassen hatte, zu ersetzen. Ich hätte es liebend gerne gemacht, aber ich hatte mich soeben Finch/Contraband angeschlossen, die einen Deal bei CBS unterschrieben hatten, und ich hatte mich verpflichtet, ein Album mit ihnen aufzunehmen. Mit dem heutigen Abstand betrachtet, muss ich aber sagen, dass ich meine Wahl bereue.«

 

Chris Turner Band (alias THE TOMCATS)?

 

»Ich erscheine tatsächlich auf zwei seiner Alben, „Exile" und „Guitar Stories". Ein exzellenter Gitarrist, der bei Rose Tattoo und mit meinem derzeitigen Sänger Dave Tice bei BUFFALO gespielt hat. Er ist übrigens mein Nachbar. Wir wohnen nur einige Meter voneinander entfernt...

Chris ist auch ein Teil der Geschichte von AC/DC, denn es sind seine Hände, die man auf dem australischen Cover von „Let There Be Rock" sehen kann. Angus war zu dieser Zeit in Europa und stand daher nicht zur Verfügung, um Fotos zu machen.«

 

Mama´s Darlings?

 

»Oh, das war eine wirklich seltsame Band: Rob Riley gehörte dazu, ebenso wie der Gitarrist von HEAVEN, John Haese. Es war mehr oder weniger eine Gruppe von Wiederholungstätern. Wir haben uns damit begnügt, sehr lauten Rock´n´Roll zu spielen, haha!«

 

SONS OF STEEL?

 

»Das war nur eine Session, sonst nichts.»

 

THE ZOO?

 

»Ein Projekt auf Anregung von Mick Fleetwood (ex-FLEETWOOD MAC - Red.) und Billy Thorpe (legendärer australischer Gitarrist - Red.). Sie hatten sich in Kalifornien niedergelassen und wollten, dass ich mich ihnen anschließe, um mit ihnen zu arbeiten. Ich habe 1991 allerdings lediglich ein paar Demos mit ihnen aufgenommen. Nichts davon ist je veröffentlicht worden.«

 

Zurück zur Gegenwart: Momentan trittst du mit Dave Tice, auf dessen letztem Album du auch spielst, als Akustikduo auf. Wie hast du ihn kennengelernt?

 

»Das geht auf unsere Headhunters-Ära im Jahr 1984 zurück. Seit ca. zweieinhalb Jahren geben er und ich R&B/Blues/Rock-Konzerte. Zwei akustische Gitarren und die Stimme von Dave. Punkt. Nichtsdestotrotz bleibt es hart und aggressiv genug. Einer unserer Kumpels hat einen Pub in Sydney. Er hat uns gebeten, dort aufzutreten. So kam uns die Idee mit diesem Duo. Seitdem spielen wir dort drei bis vier Mal die Woche. Meist unplugged, aber manchmal kommt es vor, dass wir das elektrische Kratzen wieder rauskramen. Hängt alles vom Feeling ab... Wenn uns danach ist, greift uns Paul DeMarco (Drummer von ROSE TATTOO - Red.) unter die Arme, und es ist nicht selten, dass auch Peter Wells (Gitarrist von Rose Tattoo - Red.) aufkreuzt. Mit einer akustischen oder elektrischen Gitarre. Die Kombinationen sind also grenzenlos, das erlaubt uns, das Vergnügen abwechslungsreicher zu gestalten.

Wir spielen ziemlich oft Tracks von „Lay Down With Dogs" (dem letzten Soloalbum von Dave Tice, veröffentlicht im März 2000 bei Fullmoon Records, auf dem Mark spielt, zu ordern über fullmoon@bigpond.com.au - Red.), aber auch Coverversionen von Wilson Pickett, Sam Cooke, Chuck Berry, Bo Diddley oder Elvis Presley. Halt alles, wonach uns der Sinn steht. Das Ganze ist sehr offen gehalten; nichts wird im Voraus geplant. Diese improvisierten Konzerte laufen so gut, dass Dave und ich mittlerweile soweit sind, ein akustisches Livealbum herauszubringen.«

 

Interview: Philippe Lageat

Übersetzung: Dani Lipka

Bearbeitung: Matthias Breusch

Fotos: Archives/XF

 

 

Discographie Mark Evans (ohne AC/DC)

 

FINCH

Nothing To Hide (1978)

 

CONTRABAND

Nothing To Hide (1979, gleiches Album wie Finch, anderes Cover)

Contraband (1979)

 

SWANEE

This Time Is Different (1982)

 

HEADHUNTERS

I Believe I'm In Love * Buy Me A Ticket (Single, 1986)

 

CHRIS TURNER BAND

Exile (1990)

Guitar Stories Vol. 1 (1996)

 

DAVE TICE

Lay Down With Dogs (2000)

 

(Anm.d.Red.: Mark, der u.a. auch bei Cheetah und den Hellcats gespielt hat, hat so viele Studiosessions bestritten, dass es uns unmöglich war, eine vollständige Liste seiner Aufnahmen zu veröffentlichen. Hier sind nur seine wichtigsten Projekte aufgeführt.)