ReviewAlbum des Monats

Band
ATLANTEAN KODEX 
Kategorie
Album des Monats 
Heft
RH #282 
Titel
The Golden Bough 
Erscheinungsjahr
2010 
Note
9.0 

Ohne an dieser Stelle genauer auf ihre Philosophie einzugehen (ein ausführliches Interview findet ihr im nächsten Heft): Die Bayern ATLANTEAN KODEX sind mit ihrem regelrecht orthododoxen Heavy Metal zwischen Epic (mehr) und Doom (weniger) einer der wichtigsten Gegenpole zur fortschreitenden Ballermannisierung der Szene und rufen vor allem eines ins Gedächtnis: Diese Musik, hier zum ersten Mal im Full-length-Format, ist nicht nur unbändiger Spaß, sondern auch bitterer Ernst. Die zutiefst melancholischen Hymnen der Band führen das fort, was die Großen einst erschaffen haben: Bathory mit „Hammerheart“ und „Twilight Of The Gods“, Fates Warning mit „Awaken The Guardian“, Manowar mit „Into Glory Ride“ und „Hail To England“, Candlemass mit „Nightfall“, Solstice mit „New Dark Age“, Manilla Road mit „Crystal Logic“. (Kollege Kühnemund hört zudem viel Warlord raus, aber die waren - trotz eines vergleichbaren Gitarrensounds - wesentlich ätherischer, zerbrechlicher.)
Kaum ein Ton ist überflüssig auf dieser guten Stunde, gerade extrem ausufernd komponierte Epen wie ´A Prophet In The Forest´ (15 Minuten), ´Fountain Of Nepenthe´ (zehn Minuten) oder das zutiefst berührende, mit einer klassikerwürdigen Chorus-Melodie gesegnete ´Pilgrim´ (gut elf Minuten - inklusive John-Arch-meets-´Child In Time´-Gedächtnispart) gehen mit ihrer Hingabe unter die Haut und sprechen die Sinne so an, wie es nur Kunst schafft, aber bloße Unterhaltung niemals.
Wenn ATLANTEAN KODEX-Sprachrohr Manuel Trummer immer wieder betont, dass er es nicht gutheißen kann, wenn Metal intellektualisiert wird, dann ist seine Intention ehrenhaft und nachvollziehbar. Aus der Falle raus kommt er aber nicht so einfach, denn ATLANTEAN KODEX selbst sind für diese Aussage eigentlich viel zu reflektierend und „intellektuell“, sie erschaffen extremst ausgearbeitete Bilder, sie haben eine Botschaft (und wenn es nur die ist, keine zu haben und eskapistisch zu sein), und sie positionieren sich zudem als Personen mit klaren, begründeten Meinungen.
Aber genau das macht „The Golden Bough“ zur besten Metal-Platte seit While Heaven Wepts „Vast Oceans Lachrymose“.


DISKOGRAFIE

Vestal Claret/Atlantean Kodex (Split-EP, 2007)
The Pnakotic Demos (EP, 2007)
A Prophet In The Forest (12“, 2008)
The Annihilation Of Koenigshofen (Live-LP, 2009)
The Golden Bough (2010)


LINE-UP

Markus Becker (v.)
Manuel Trummer (g.)
Michael Koch (g.)
Florian Kreuzer (b.)
Mario Weiß (dr.)


DIE PATEN

Wer folgende Bands mag, steht auch auf ATLANTEAN KODEX:

Bathory, Manowar, Solstice, Fates Warning, Candlemass, Manilla Road, Cirith Ungol, Warlord, Brocas Helm, Medieval Steel, Ereb Altor, Doomsword, Heavy Load, Pagan Altar, Solitude Aeturnus, Cloven Hoof


Und das sagen Gitarrist Manuel Trummer und Sänger Markus Becker zu „The Golden Bough“:

Manuel: »In musikalischer Hinsicht ist „The Golden Bough“ die logische Fortsetzung unserer „Pnakotic Demos“. Der entscheidende Fortschritt ist, dass jeder einzelne Aspekt - vom Sound über die Songs bis zum textlichen Überbau - mächtiger, schlüssiger, abwechslungreicher, schlicht größer klingt.«
Markus: »Wenn „The Golden Bough“ erreicht, dass sich die Hörer intensiv mit einem Album, seiner Musik und seinem Konzept beschäftigen, statt es nur wie Metal-Beamte in die Sammlung einzutragen und danach im CD-Regal verstauben zu lassen, sind wir zufrieden. Denn „The Golden Bough“ steht auch als trotziges Statement gegen die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit unserer Zeit.«


Boris Kaiser 9.0

AMAZONEMPFEHLUNG