Sonderheft KISSInterview

GENE SIMMONS

Eine Klasse für sich: Interview-Auszüge

Exklusiv für dieses Rock-Hard-Sonderheft bat uns Gene Simmons erneut zu einem ausführlichen Gespräch. Vorrang hatten diesmal diverse Themen, die in den KISS-Interviews der letzten Jahre zu kurz gekommen sind.

Wühlen wir zunächst in der tiefsten Rock-History: Wer hat sie erfunden, die „devil´s horns“, die „Pommesgabel“, den weltweit verständlichen Metal-Gruß? Gene Simmons oder Ronnie James Dio?

»Das geht noch viel weiter zurück«, holt der bestens aufgelegte 61-Jährige aus. »Als wir 1972 mit KISS anfingen, war ich ein großer Comicfan. Besonders die Marvel-Helden hatten es mir angetan. Es gab einen Künstler namens Steve Ditko, der für „Spiderman“ und „Doctor Strange“ verantwortlich war. Beide Charaktere machten diese Geste mit der Hand: Zeigefinger und kleiner Finger nach oben, Daumen zur Seite. Während unserer ersten Fotosession streckte ich 1973 wie Doctor Strange die Arme aus und machte mit den Händen das dazugehörige Zeichen. Ich habe gar nicht drüber nachgedacht. Es war eine Hommage an die Comicfigur. Als wir anfingen, live zu spielen, winkten uns Leute aus dem Publikum zu. Ich wollte zurückgrüßen, hatte aber in einer Hand mein Plektrum und in der anderen den Bass. Das ging daher nicht so einfach. Ich hielt das Pick mit meinem Daumen und den beiden mittleren Fingern und winkte mit den beiden äußeren. Die Fans griffen die Geste auf und machten sie mir nach. Sie hielten das wohl für ein geheimes Symbol. Das war vor 38 oder 39 Jahren. Sieh dir seitdem junge Bands an oder irgendeine Sportveranstaltung auf der Welt, die nichts mit Musik zu tun hat, oder einfach andere großartige Menschen: Viele machen diese Geste. Und eine Menge von ihnen streckt gleichzeitig die Zunge raus. Warum machen sie das nur? (Er macht eine bedeutungsschwangere Pause.) Sie wissen bestimmt nicht mal, woher die Idee kommt. Sie entstand auch bei mir einfach aus Zufall. Wenn ich den Bass nicht spiele, z.B. bei Fotoaufnahmen, spreize ich wieder wie ganz früher den Daumen mit ab. Manche Leute halten das für ein Teufelszeichen. Aber in der Gebärdensprache heißt es schlicht und einfach „Ich liebe dich“. Das wusste ich damals allerdings wirklich nicht.«

Anfang der Achtziger entwickelten KISS für die Neuzugänge Eric Carr und Vinnie Vincent eigene Make-up-Charaktere. Als Peter Criss und Ace Frehley nach der Reunion erneut von Bord gegangen wurden, übernahmen die Nachfolger Eric Singer und Tommy Thayer hingegen deren Schminke, was manche alte Fans auf die Barrikaden brachte. Von einer Mogelpackung war die Rede, einige sprachen gar von einer halben Coverband. Welche Entscheidung war schwieriger? Carr und Vincent komplett neu zu integrieren oder Singer und Thayer quasi in die Gruppe zu mogeln?

»Für Tommy Thayer und Eric Singer war es kein Problem, in die bekannten Rollen zu schlüpfen. Schwer war hingegen die Sache mit Eric Carr und Vinnie Vincent. Wir waren uns nicht sicher, was wir tun sollten. Aber dann dachten wir uns einfach „Augen zu und durch“ und machten, was wir wollten. Und wir wollten es damals nun mal so. Die Wahrheit ist jedoch, dass bei Gigs mit Tommy und Eric niemand im Publikum irgendein Transparent hochhält und nach Ace und Peter verlangt. Die Leute wissen gar nicht mehr, wer Ace und Peter waren. Viele Fans sind zwischen 15 und 20 Jahre alt. Sie waren noch nicht mal geboren, als wir erstmals auf Tour gingen. Manche der ELTERN waren noch nicht mal geboren, wenn man genauer drüber nachdenkt. Es ist ähnlich wie bei den Rolling Stones. Als 50- oder 60-Jähriger weißt du noch, wer Brian Jones war (für die U-50-Fraktion: Brian war Gitarrist und Gründungsmitglied der Stones, er starb 1969 - jj). Aber wenn du jünger bist, hast du davon keine Ahnung, und es ist dir genauso egal, wer Mick Taylor (Nachfolger von Jones bis 1974 - jj) war. Du willst die Stones HEUTE sehen. Das ist wie bei einem Football-Team. Sie sind nicht anders als Rockbands. Es geht nicht darum, wer im Team WAR, sondern wer im Team IST und ob er ein Tor schießen kann.«

Es ist also durchaus möglich, dass die mehrfach angekündigte KISS-Nachfolgeband KISS 2.0 tatsächlich Wirklichkeit wird, ohne dich, ohne Paul Stanley.

»Alles kann passieren. Niemand kann an die Stelle deiner leiblichen Eltern treten. Stimmt´s?«

Stimmt.

»Aber wenn sie sich scheiden lassen und neu heiraten, besteht die Möglichkeit, dass der Stiefvater oder die Stiefmutter bessere Menschen sind als die tatsächlichen Eltern. Es gibt keine Regeln. Jeder, der dennoch welche haben möchte, kann meinetwegen so leben. Ich habe nichts dagegen. Aber die Massen vor der Bühne interessiert das nicht. Sie sehen nur, wer in genau diesem Moment vor ihnen steht.«

Das mag sein, aber trotzdem möchte sich ein Fan nicht mal in seinen wüstesten Alpträumen KISS ohne Paul oder dich vorstellen.

»Es ist dennoch eine gute Idee. Wenn die Zeit reif ist, dass wir unsere Stiefel und Gitarren an den Nagel hängen, könnte der richtige Moment gekommen sein: für eine Reinkarnation von KISS, eine Wiedergeburt durch die nächste Generation, mit 21- bis 25-Jährigen, die unsere Tradition fortsetzen. Warum auch nicht? Die Idee KISS ist größer als jedes einzelne Mitglied. Es wäre sogar eine Ehre, wenn man unsere Charaktere auf diese Art weiterleben lässt. Denn diese vier Make-up-Gesichter sind die bekanntesten Antlitze auf dem Planeten. Wusstest du das?«

Ja.

»Weißt du hingegen, wie der König von Schweden aussieht?«

Ja.

»Oh, wirklich? Hier in Amerika tut das niemand. Aber jeder in Schweden weiß, wie KISS aussehen. Und jeder in Japan. Frag jemanden in Simbabwe nach dem König von Schweden. Er wird keine Ahnung haben, aber er kennt KISS.«

 
 

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