RH #338Interview

SCORPIONS

Skorpione am Spieß

SCORPIONS

Mit Rudi, Klaus & Co. in China

Going out with a bang: Erstmals in ihrer 50-jährigen Bandgeschichte geben die SCORPIONS ein Konzert in China und setzen dort den spektakulären Startschuss für ihre aktuelle Welttournee.

Das Sheraton-Hotel an der Dritten Ringstraße im Norden von Peking ist eine kleine Parallelwelt: Eilfertig trippeln schick herausgeputzte Bedienstete über die blitzblanken Marmorböden, in den Toiletten ist ein eigener Diener dazu abgestellt, den werten Kunden die Hände einzuseifen und abzutrocknen, und ein Cocktail an der Bar macht locker den durchschnittlichen Wochenlohn einer Kellnerin aus. Unmittelbar neben diesem Luxustempel steht ein abbruchreifes Siedlungshaus, das man kaum anzuniesen wagt, da es sonst in sich zusammenkrachen würde. Während die Bewohner dieses Termitenhaufens die Fensterrahmen mit ihren Unterhosen dekorieren, hat sich im Nachbarhotel hoher Besuch angesagt: Die SCORPIONS haben Quartier bezogen, um sich für ein paar Tage zu erholen, bevor die Reise weitergeht nach Zhenjiang in Ostchina.
Dort sollte die Hardrock-Legende als Jubiläumshighlight ihr erstes Konzert in China nach 50 Jahren Bandhistorie spielen. Es ist auch die erste Show mit der neuen Bühnenproduktion, allerdings ist die Stimmung eher erschöpft als aufgeregt: Der zehnstündige Flug fordert in Kombination mit dem unvermeidlichen Jetlag seinen Tribut. Am ehesten aufgeweckt wirkt noch Drummer James Kottak, der beim Anblick eines Rock-Hard-Shirts gleich einige recht professionelle Rock´n´Roll-Faxen zum Besten gibt. Der Rest der Band verschanzt die Augen vorsorglich hinter dicken Sonnenbrillen.

»Offensichtlich braucht es eine gewisse Zeit, bis man den richtigen Promoter findet, mit dem die Grundvoraussetzungen und die organisatorischen Abläufe stimmen«, erklärt Sänger Klaus Meine die lange Wartezeit mit dem Aufwand, den die Band bei ihren Touren betreibt. »Dazu gibt´s auch eine schöne Geschichte: Als wir 1991 nach Japan geflogen sind, sprachen wir mit dem damaligen Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Hans „Johnny“ Klein, der zufällig neben uns im Flugzeug saß. Der hat es tatsächlich geschafft, uns zwei Einladungen nach China zu organisieren - die wir jedoch ausschlagen mussten, da wir zu den Zeitpunkten jeweils woanders gebucht waren. Das haben uns die Chinesen ein wenig übel genommen«, ergänzt Gitarrist Rudolf Schenker ein weiteres Problem.

Dass die Deutschen überhaupt in China spielen können, grenzt für Kenner des Landes an ein Wunder. Gerade in diesem Jahr ist es für Konzert- und Eventveranstalter zunehmend schwierig bis unmöglich geworden, entsprechende Genehmigungen zu bekommen. Nach der Massenpanik in Shanghai zu Silvester 2015 mit 36 Toten liegen die Nerven der Behörden blank. Zudem wirft die große Militärparade ihre Schatten voraus, die Anfang September über den Platz des Himmlischen Friedens rollen wird, um das Ende des Zweiten Weltkriegs in Asien zu feiern. Die Folge: Im Frühjahr stürmte die Pekinger Polizei - geübte Partycrasher - das „330 Metal Festival“ und stellte die Veranstaltung ab. Großereignisse wie das „Strawberry“ wurden von vornherein gecancelt, während das MIDI Festival Beijing ins tausend Kilometer entferne Suzhou umsiedeln musste.

Das „Chang Jiang Music Festival“ in Zhenjiang erhält hingegen massive Unterstützung von der Lokalregierung. Dennoch: Dass diese ausgerechnet die SCORPIONS einladen würde, verwundert angesichts ihres größten Hits dann doch. ´Wind Of Change´ handelt bekanntermaßen vom politischen Wandel Ende der Achtziger in Europa und Russland - und wenn Chinas Staatspräsident Xi Jinping eines hasst, dann die Politik von Glasnost und Perestroika, vor deren Folgen er seine KP-Genossen wiederholt und eindringlich gewarnt hat. Auf die Frage, ob es wegen des Songs im Vorfeld Probleme gegeben habe, antwortet Leadgitarrist Matthias Jabs kurz und knapp: »Nö.« Wenn das mal Metallica oder H.I.M. wüssten: Die sind in der Volksrepublik in der Vergangenheit bereits wegen deutlich unpolitischerer Songs wie ´Master Of Puppets´ bzw. ´Wings Of A Butterfly´ zensiert worden.

Bei der Pressekonferenz sind politische Kontroversen hingegen kein Thema. Stattdessen kommen die zahlreichen Fanclub-Vertreter aus dem Staunen nicht mehr heraus, als ihre Idole leibhaftig vor ihnen sitzen. Da die meisten weder des Englischen noch des Deutschen mächtig sind, bleibt eine gewisse Distanz, viele wirken unsicher und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Als etwa Luo Qi auf die Bühne kommt und Klaus um ein kleines Duett bei ´Send Me An Angel´ bittet, kichert sie verlegen wie ein Backfisch, obwohl sie als bekannteste Rocksängerin - und erstes Drogen-Starlet - des Landes das Rampenlicht gewohnt sein sollte. Ein Journalist wiederum fragt nach den Pensionsplänen der Band und hört sich dabei an wie eine Mischung aus Bugs Bunny und Donald Duck: „Es war der erste Satz, den ich auf Englisch gelernt habe. Ich habe einen Monat lang dafür geübt“, berichtet er anschließend stolz. Dass Klaus mit „Ähem, wie war noch mal die Frage?“ antwortet, bringt ihn nicht weiter aus dem Konzept. Umgekehrt bleiben die SCORPIONS cool, als die Fans zum Schluss dann doch nicht mehr zu halten sind und auf die Bühne stürmen, um mit ihren Helden ein Foto zu machen. Anschließend gönnen sich die Bandmitglieder noch eine Massage sowie ein gemeinsames Abendessen mit Pekingente in der Nähe der berühmten Einkaufsmeile Wangfujing. Den berühmt-berüchtigten Nachtmarkt mit frittierten Skorpionen am Spieß lassen sie allerdings aus. Also von wegen „Sting In The Tail“.

Einigermaßen ausgeschlafen besichtigt die deutsch-polnisch-amerikanische Freundschaft am nächsten Tag Badaling, einen Abschnitt der Großen Mauer in der Nähe von Peking - diesmal ohne Medienvertreter. Der Rummel am Vortag war anscheinend doch ein wenig viel. Das Rock-Hard-Team fliegt einstweilen 900 Kilometer Richtung Süden nach Nanjing, einst die Hauptstadt der Republik China und - zeitweise - des chinesischen Kaiserreichs. In der jüngeren Geschichte erreichte die Stadt traurige Berühmtheit, als sie 1937 von japanischen Truppen angegriffen wurde, die mindestens 200.000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten sowie rund 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigten. Unvergessen ist hier bis heute der Deutsche John Rabe, ein Nationalsozialist und Geschäftsmann, der seinen Einfluss nutzte, um tausenden Chinesen das Leben zu retten. Es ist zwar nicht zu übersehen, dass die moderne Gedenkstätte dieser Tage stark propagandistisch genutzt wird, wer jedoch einmal in Nanjing ist, sollte sich das Museum auf jeden Fall ansehen.

Mit dem brandneuen Schnellzug geht´s dann in nicht einmal 20 Minuten weiter nach Zhenjiang, wo auf einer riesigen Insel im Jangtsekiang das „Changjiang International Music Festival“ über die Bühne geht. Schon bei der Anreise zeigt sich, dass mit dem Support der Regierung manches ein wenig einfacher ist. Üblicherweise ist das Shuttlebus-System die Achillesferse eines jeden Festivals, doch hier sind so viele Busse im Einsatz, dass selbst 70.000 Besucher keine fünf Minuten auf ihre Fahrt warten müssen. Diese führt über eine gigantische Brücke auf die Insel, die von Schiffswerften umgeben ist und den Menschenmassen ausreichend Platz bietet. Das Festival selbst ist im Gegensatz zu einigen chinesischen Mitbewerbern geradezu gespenstisch gut organisiert: Es gibt nirgendwo Wartezeiten, Aufteilung und Anordnung sind verhältnismäßig logisch, es gibt ausreichend Verpflegungsstände und sogar ein chinesisches Schwarzbier zu kaufen. Die Toiletten hingegen fallen unter die Rubrik „legendär“, und abgesehen vom Headliner lässt das Musikprogramm zu wünschen übrig: Die Russengoten von Mysteria Mortis würden selbst Wladimir Putin zur Kapitulation zwingen, und die auf Einladung der SCORPIONS spielenden Rapscallions sind so etwas wie Red Hot Chili Peppers für Arme.

Die Mehrheit des Publikums ist jedoch ohnehin wegen der SCORPIONS hier, die sich stilecht in einer Mercedes-Karawane auf die Insel kutschieren lassen. Genauso dick trägt die Band dann allerdings auch auf der Bühne auf: Der Sound ist vom Feinsten, und mit dieser Lichtshow sind die Deutschen endgültig (wieder) in der Oberliga angekommen. Vor allem aber: Klaus ist top. Gewiss, er bewegt sich nicht mehr allzu viel, und in der Video-Nahaufnahme sieht man ihm seine 66 Jahre durchaus an. Dafür trifft er in der zum Schneiden dicken Luft jeden einzelnen Ton, verzichtet auf peinliche Mitsing-Spielchen und krönt seine starke Leistung stattdessen mit ein paar recht drolligen chinesischen Ansagen.
Der Rest der Band? Rudi rollt wie immer, Matthias gönnt sich zu Beginn des Konzerts die eine oder andere künstlerische Freiheit, kriegt sich dann aber schnell wieder ein, und Paweł Mąciwoda ist anwesend (mehr erwartet man auch nicht von ihm). Der wahre Gewinner an diesem Abend ist jedoch James Kottak, der zuletzt in den Schlagzeilen nicht immer gut weggekommen ist. Sollte es ihm an jenem Abend darum gegangen sein, ein paar Meter gutzumachen, so ist ihm dies zweifellos gelungen, da er bei jedem Punch mit einer ansteckenden Begeisterung mitgeht. Nur seine „Kottak Attack“ braucht nach wie vor nur einer: Sänger Meine, der sich für ein paar Minuten eine wohlverdiente Pause gönnt. Und dann passiert es tatsächlich: Das charakteristische Pfeifen ertönt, und Klaus spaziert wieder die Moskwa entlang, hinunter zum Gorki-Park - und tausende Chinesen singen bemerkenswert textsicher mit. Der Saft wird nicht umgehend abgedreht, keine Behörden schreiten ein, und ein Hauch von „Wind of Change“ weht durch China. Das hat selbst bei diesem totgenudelten Song etwas Magisches, und noch einmal schreiben die SCORPIONS ein kleines Stück Geschichte. 


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Setlist SCORPIONS China 2015:
Going Out With A Bang
Make It Real
Is There Anybody There?
The Zoo
Delicate Dance (Matthias solo)
Top Of The Bill/Steamrock Fever/Speedy´s Coming/Catch Your Train (70´s Medley)
We Built This House
Coast To Coast
Always Somewhere/Eye Of The Storm/Send Me An Angel (Acoustic Medley)
Wind Of Change
Sting In The Tail
Raised On Rock
Dynamite
In The Line Of Fire (Unreleased Instrumental)
Kottak Attack
Crazy World
Blackout
Rock´n´Roll Band
Big City Nights
Rock You Like A Hurricane
Still Loving You


VERLOSUNG
Rock Hard verlost drei von allen Bandmitgliedern handsignierte Poster des „Chang Jiang Music Festival“. Dazu müsst ihr folgende Frage beantworten: In welcher chinesischen Provinz liegt die Stadt Zhenjiang?
Wer eines der Poster gewinnen will, schickt bis zum 22. Juli eine Postkarte mit dem Stichwort „Einmal A-14 bitte!“ an Rock Hard, Postfach 11 02 12, 44058 Dortmund oder eine Mail mit demselben Stichwort in der Betreff-Zeile an verlosungen@rockhard.de. Viel Glück!

 

Pic: Liu Jun

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