Im Privatleben ist Dizzy Reed passionierter Golfer, pfeift auf Promis, trinkt gerne Jägermeister und scheut das Scheinwerferlicht. Beruflich ist er Keyboarder und Pianist bei GUNS N´ROSES, die mit „Appetite For Democracy: Live At The Hard Rock Casino - Las Vegas“ ihren ersten Konzertfilm seit 1992 veröffentlicht haben. Akkordarbeit geht anders, aber Dizzy stellt tatsächlich ein neues Album in Aussicht.

Dizzy, von wo rufst du an?

»Aus Buffalo, New York. Ich bin mit meiner Band Hookers & Blow auf Tour, wir haben kürzlich mit einer Show in L.A. unser zehnjähriges Bestehen gefeiert. Ich bin gerne auf Achse.«

Der Grund unseres Gesprächs ist die Veröffentlichung der neuen GUNS N´ROSES-DVD, die ihr in Las Vegas aufgenommen habt. Was hast du gedacht, als euch das Angebot auf den Tisch flatterte, im Hard Rock Casino aufzutreten?

»Ich war ziemlich aufgeregt, denn ich stehe auf Las Vegas. Künstler wie Dean Martin, Humphrey Bogart, Sammy Davis, Jr. und Frank Sinatra unter dem „The Rat Pack“-Banner oder Elvis Presley haben mit ihren Vegas-Shows Musikgeschichte geschrieben. Ich kenne die Legenden und Mythen, die sich um ihre damaligen Konzerte ranken, wie sollte ich da nicht begeistert sein? Zumal uns die Leute vom Hard Rock Casino super behandelt haben.«

Als die Meldung von den GUNS N´ROSES-Shows in Vegas die Runde machten, meinten viele Kritiker, dass ihr nun in einer Reihe mit Acts wie Céline Dion, Liberace oder Siegfried And Roy stehen würdet.

»Mir doch egal (lacht). In letzter Zeit hat sich in Vegas diesbezüglich einiges geändert. Bands wie Mötley Crüe, Kiss und Def Leppard haben wie wir mehrere Shows dort gespielt. Ich glaube, dass das ein Modell für die Zukunft sein kann. Die Fans haben die Möglichkeit, sich mehrere Konzerte ihrer Lieblingsband am selben Ort anzusehen, und ganz nebenbei gibt es in Las Vegas ja noch genügend andere Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort langweilig wird. Für mich passt die Kombination Rock´n´Roll und Las Vegas. Wir hatten Fans, die aus Südamerika, Australien, Japan und natürlich auch Europa angereist sind. Damit hätte ich nicht gerechnet.«

Warst du unsicher, was den aktuellen Status von GUNS N´ROSES anging?

»Ein wenig. Es liegt nicht immer in der Hand der Band, wie viele Zuschauer zu den Konzerten kommen, sondern in der Verantwortung der Promoter und der jeweiligen Konzerthallen. Hier lief alles perfekt, man entwickelte nach unseren Vorstellungen eine Bühnenshow, und wir hatten nur dafür zu sorgen, dass wir gut eingespielt waren. Wir haben verschiedene Setlists ausgearbeitet, da sich manche Fans mehrere Shows angesehen haben und wir ihnen etwas Besonderes bieten wollten. Bei uns gab es nie eine feste Setlist, wir lassen Raum für Experimente und wählen die Songs aus drei oder vier verschiedenen Pools.«

Das dürfte eure Techniker nicht besonders begeistern.

»Unsere Licht-Crew kotzt schon mal ab, wenn wir in der letzten Minute einige Songs austauschen, aber für uns Musiker ist das völlig normal. Man ist besser gut vorbereitet, wenn man bei GUNS N´ROSES spielt. Unsere Bandproben sind extrem aufwendig und fordernd, denn wir müssen uns das komplette Konzert plus einige zusätzliche Songs, die eventuell ins Programm rutschen könnten, draufschaffen. Und selbst dann besteht immer noch die Möglichkeit, dass Axl in der Mitte der Tour entscheidet, die Setlist völlig umzuwerfen.«

Während deines Solospots auf „Appetite For Democracy“ spielst du ´No Quarter´ von Led Zeppelin. Warum hast du dir ausgerechnet diesen Track ausgesucht?

»Als ich jung war, habe ich diese Nummer oft mit meiner Highschool-Band gespielt. Über die Jahre hat Axl mich immer nach irgendwelchen Solospots gefragt, die ich bringen könnte, und diesmal habe ich mich wieder an meine alte Liebe erinnert und Led Zeppelin geehrt. John Paul Jones´ Spiel bei dieser Nummer ist unglaublich. Zum ersten Mal gehört habe ich den Song, als ich mit Freunden die Nacht vor einem Jeff-Beck-Konzert in Red Rocks gecampt habe. Einer meiner Kumpels überraschte uns mit einem Led-Zeppelin-Kassetten-Bootleg, und bei dieser Version spielte John Paul Jones ´No Quarter´ nicht auf einem elektrischen, sondern auf einem richtigen Piano. Dem Rest der Band gefällt die Nummer auch. Vor allem unserem Drummer Frank Ferrer. Schlagzeugern geht ja immer einer ab, wenn sie sich an Sachen versuchen können, die John Bonham eingetrommelt hat.«

Ihr seid in diesem Jahr wieder für mehrere Shows nach Las Vegas zurückgekehrt. War es immer noch aufregend, oder hatte sich schon eine gewisse Routine eingestellt?

»Nein, das wird nie der Fall sein. Da kann man noch so oft in Vegas spielen. Jede Show ist etwas Besonderes, und diesmal hatte ich das Gefühl, dass die Auftritte sogar noch besser für uns liefen. Die Atmosphäre um die Konzerte herum war positiver als beim ersten Mal. Damals hatten die Skeptiker die Oberhand. Die Leute haben sich wirklich gefreut, dass GUNS N´ROSES zurückgekehrt sind, und für die Fans war es leicht, mit uns in Kontakt zu kommen, ein gemeinsames Foto zu machen oder einfach ein paar Worte zu wechseln.«

Zugänglichkeit für Fans ist kein Attribut, das mir bisher im Zusammenhang mit GUNS N´ROSES aufgefallen wäre...

»Zu Beginn der Neunziger war das auch nicht möglich, da waren die Leute teilweise auf gefährliche Art und Weise fanatisch. Es herrschte eine regelrechte Hysterie, wenn wir irgendwo aufgetaucht sind. Da gingen schon mal Scheiben zu Bruch.«

Also geht es bei euch heute relaxter zu als früher?

»Auf jeden Fall. Was nicht zuletzt am Jägermeister liegt.«

Den trinkst du immer noch?

»Natürlich. Auch gestern Abend, hier in Buffalo, New York.«

Du solltest echt mal nach ´nem Endorsement-Deal für das Zeug fragen.

»Da arbeite ich längst dran! Das ist der große Geheimplan, ich darf aber noch nicht darüber reden.«

Wenn eine Band wie GUNS N´ROSES in Las Vegas spielt, geben sich da die Prominenten die Klinke in die Hand?

»Es kommen schon einige Prominente. Natürlich auch solche, die sich lediglich dafür halten (kichert). Magier, Comedians, Andrew Dice Clay, Nicolas Cage und dann noch so ein Zauberer, der Leute verschwinden lässt. An dessen Namen kann ich mich aber nicht mehr erinnern.«

Nicolas Cage wohnt in Vegas, oder?

»Ich glaube schon. Obwohl er das vielleicht nicht tun sollte, wenn sein Lebensstil dem im Film „Fear And Loathing In Las Vegas“ gleicht. Da ist die Sache ja nicht so gut für ihn ausgegangen (kichert). Heute wohnen viele kreative Leute in der Stadt. DJ Ashba genauso wie Alex (Grossi, g. - tk), mit dem ich zusammen bei Hookers & Blow spiele. Las Vegas wird immer mehr das neue Hollywood. Und da gehören Prominente nun mal dazu.«

Gibt es welche, die dich besonders beeindruckt haben?

»Nö, eigentlich nicht. Aber einmal, da ist es doch passiert. Ich war golfen und habe auf der Driving Range Jim Brown (Schauspieler und ehemaliger Football-Profi - tk) getroffen. Das hat mich schwer beeindruckt.«

Hast du ihn angesprochen?

»(Entrüstet) Natürlich nicht. Erstens hat er wie ich trainiert, und zweitens tut man so etwas in Hollywood nicht. Da verhält man sich respektvoll. Trotzdem hätte ich gerne mit ihm geredet (lacht).«

Bist du derjenige Musiker von GUNS N´ROSES, der sich am wenigsten aus dem Scheinwerferlicht macht?

»Das müssen andere Leute bewerten, aber wenn ich nicht auf einer Bühne stehe, lebe ich ein ziemlich normales Leben. Ich schreibe Songs, nehme sie auf und habe eine Vorliebe für alkoholische Getränke. Und Golf spiele ich gerne, auch wenn ich es wohl nie lernen werde. Ich spiele zwar schon seit 20 Jahren, aber so richtig damit angefangen habe ich erst vor fünf. Jetzt, wo meine Kinder erwachsen sind, habe ich Zeit dafür. Zu ihren Teenagerzeiten habe ich es nicht übers Herz gebracht, meine Zeit auf dem Golfplatz zu verbringen. Wenn ich zu Hause war, gehörte den Kindern meine ungeteilte Aufmerksamkeit.«

Mit deiner jüngsten Tochter Shade arbeitest du an einem gemeinsamen Album.

»Wir haben einige Songs geschrieben und aufgenommen, aber der Prozess zieht sich schon eine Weile, denn wir machen diese Platte in unserer Freizeit. Stilistisch geht es in die Rock´n´Roll-Richtung, da ist Shade wirklich gut.«

Also steigt demnächst die nächste Generation der Familie Reed ins Showbusiness ein?

»Das wäre toll. Dann könnte ich zu Hause bleiben, und sie müsste das Geld für meine Golfstunden verdienen.«

Zurück zu GUNS N´ROSES: Sowohl von dir als auch von DJ Ashba war zu hören, dass es genügend Songs für eine neue Platte geben würde.

»Die Möglichkeit einer neuen Platte besteht immer (lacht).«

Haltet ihr nach Tourneen untereinander Kontakt und arbeitet gemeinsam an Songideen, oder geht jeder seine eigenen Wege?

»Wir treffen uns nur vor einer Tour zu Proben, inzwischen wohnen wir alle ziemlich verstreut. Es gibt so viel Material, das aufgenommen ist... Es braucht nur jemanden, der es sichtet, die interessanten Parts heraussucht und die dann fertigstellt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das gerade passiert. In naher Zukunft wird es eine Veröffentlichung geben.«

Wenn es so viele Songs und Songfragmente gibt: Ist es schwierig, den Überblick über das Material zu bewahren?

»Klar, das ist nicht leicht. Aber wir konzentrieren uns auf die Sachen, die fast fertig sind. Das werden die Songs sein, die wir veröffentlichen.«

Sind das Überbleibsel der „Chinese Democracy“-Sessions oder neue Songs?

»Eine Kombination aus beidem. Das Material ist stark.«

Gibt es Tourpläne für das nächste Jahr?

»Nicht, dass ich davon wüsste, aber das muss nichts heißen. Meist ist es so, dass ich einen Anruf bekomme und man mich fragt, ob ich Zeit für Proben habe. Bisher habe ich noch nie nein gesagt (lacht).«

Was ist der größte Unterschied zwischen der aktuellen GUNS N´ROSES-Besetzung und dem Line-up, das aktiv war, als du bei der Band eingestiegen bist?

»Ich würde lieber die Gemeinsamkeit der Line-ups herausstellen: Jeder, der je bei GUNS N´ROSES dabei war, hat verdammt hart dafür gearbeitet. Im Studio und auf der Bühne. Ohne diesen Einsatz hält sich niemand in der Band.«

Gab es eine Phase in deiner Karriere, in der dir die Berühmtheit von GUNS N´ROSES zu Kopf gestiegen ist?

»Nein. Und ich kann dir eins sagen: Wäre das zu Beginn meiner Karriere der Fall gewesen, also zu Zeiten der „Use Your Illusion“-Touren, dann hätten die anderen Jungs mir diese Gedanken ziemlich schnell ausgetrieben. Vermutlich mit einer ordentlichen Tracht Prügel (lacht).«

www.gunsnroses.com

www.facebook.com/gunsnroses


DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Appetite For Destruction (1987)
G N´R Lies (1988)
Use Your Illusion I (1991)
Use Your Illusion II (1991)
The Spaghetti Incident? (1993)
Chinese Democracy (2008)

 

Pic: George Chin/Iconic Pics

 
 

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