RH #326Festivals & Live Reviews

TRUCKFIGHTERS, BLOOD CEREMONY, SÒLSTAFIR, SAMSARA BLUES EXPERIMENT, BLOODY HAMMERS, KADAVAR

FREAK VALLEY FESTIVAL 2014: Netphen-Deuz

FREAK VALLEY FESTIVAL

Welcome To Freak Valley!

Das FREAK VALLEY FESTIVAL hat sich im Siegerland über die letzten drei Jahre zu einer ernstzunehmenden Alternative zu den stilistisch ähnlich gelagerten DesertFest und Roadburn gemausert. Rock Hard tauchte vor Ort in die Welt des Stoner-, Psychedelic- und Seventies Rock ab und genoss die relaxte Atmosphäre des kleinen, perfekt organisierten Events in Netphen-Deuz.

Der Startschuss für das Festival fiel 2012, sowohl das Gelände als auch die Zuschauerzahlen wurden 2013 und 2014 in kleinen Schritten vergrößert. Bei der dritten Auflage zählt das Freak Valley überschaubare 2.000 Gäste und bietet durch die Nutzung des AWO-Geländes am Weiherdamm eine sehr gute Infrastruktur. Die Nachfrage hätte in diesem Jahr auch für 5.000 verkaufte Tickets gereicht, doch der veranstaltende Rock Freaks e.V. will den familiären Charakter des Events wahren und das Festival zukünftig nicht weiter vergrößern. Auch fernab der Ticketverkäufe setzt man an allen Ecken und Enden auf Wohlfühlfaktor statt kommerzielle Abzocke: Die Festival-Shirts sind Fair-Trade-Produkte, das (vegane) Essen an den Ständen verdient fast ausnahmslos das Prädikat „ausgezeichnet“, und am Merchstand verticken die meisten Bands ihre Platten und Shirts persönlich. (rb)

Donnerstag
THE COLTS aus Deutschland eröffnen mit einem ambitionierten Rock´n´Roll-Auftritt um 16:30 Uhr auf der Nebenbühne das Festival. Anschließend setzen THE LONE CROWS aus Minneapolis als erste Band der Hauptbühne mit ihrer progressiven Mixtur aus Bluesrock und Rage-Against-The-Machine-Rhythmusparts ein fettes Ausrufezeichen. Ihre Premiere in Europa meistern THE HEAVY EYES aus Memphis mit Bravour und kämpfen mit starkem Heavyrock, der Merkmale von Blue Cheer, Cream und auch Edgar Broughton aufweist, gegen das immer beschissener werdende Wetter an.
Dass man mich mit Gothic und Dark Wave die Wittgensteiner Berge rauf und runter jagen kann, hat nichts damit zu tun, dass der Auftritt der BLOODY HAMMERS zu einer Tortur wird. Ein grässliches und zu allem Unglück nach vorne gemischtes Keyboard sowie ein lustlos wirkender Anders Manga (b./v.) sind der Grund dafür, dass man die Amis als erste, aber einzige Enttäuschung des Tages einstufen muss.
Mit PAPIR folgt eine der Hauptattraktionen am Donnerstag. So unscheinbar die Kopenhagener auch wirken – insbesondere die Ansagen von Nicklas Sørensen (g.) sind fast zaghaft –, so großartig und rauschhaft gerät ihre rein instrumental gehaltene Performance. In der Regel beginnen die Stücke unaufdringlich und verspielt, dann werden die Can-mäßigen Grooveteppiche von Christoffer Brøchmann (dr.) und Christian Becher Clausen (b.) immer zwingender und hypnotischer, bevor sich der Spannungsbogen durch ekstatische Riffs entlädt. Die im Hintergrund laufende Videoprojektion ist fast unnötig, denn für diesen Trip reicht die Musik völlig aus.
Als letzte Band des Tages stellen die US-Boys von RADIO MOSCOW zweifelsfrei Headliner-Qualitäten unter Beweis, indem sie kompromisslos und brachial ihr kantiges, stereotypenfreies Bluesrockgebräu in die Meute schleudern. Im Mittelpunkt steht dabei Parker Griggs, der mit aggressivem Gesang – er bellt förmlich ins Mikro – und einem extrem zackig-harten Gitarrenanschlag die Band vorwärtstreibt. Trotz ungemütlicher Temperaturen lassen sich nicht viele Festivalbesucher diesen imposanten Auftritt entgehen und holen das Trio für zwei Zugaben zurück auf die Bühne. (sg)

Freitag
Am Freitag beginnt das bunte Treiben bereits um 11:30 Uhr auf der Wake & Bake Stage mit WIGHT und MOTOR MAMMOTH. Die für das Freak Valley typische Gesamtentspannung hat allerdings schon um sich gegriffen, so dass IVY GARDEN OF THE DESERT um 13:30 Uhr auf der Hauptbühne meine erste Band des Tages sind. Die Italiener spielen soliden Stoner Rock, dem aber über weite Strecken noch der nötige Wumms fehlt, weshalb ein Hang zur Langeweile nicht ausbleibt. THE MIDNIGHT GHOST TRAIN entpuppen sich dagegen als frühes Highlight: Das Trio aus Kansas verschmilzt Stoner- und Southern Rock mit Delta Blues sowie Gospel-Einflüssen und rockt sich ordentlich den Arsch ab. Besonders durch die völlig verrauchten Vocals klingt das Ganze wie eine kaputte Version von Clutch. Ein ausgezeichneter Wachmacher! STUBB pendeln im Anschluss etwas dröge zwischen Psychedelic- und Bluesrock herum, was viele Besucher zum Anlass nehmen, es sich zu der sich langsam durch die Wolken schälenden Sonne auf der Wiese bequem zu machen.
Die schwedischen MOTHER OF GOD wissen vor allem dann zu überzeugen, wenn sie frühe Soundgarden zitieren, ansonsten bleibt die Performance leider – gerade gesanglich – etwas blass. Die andere „Mutterband“ reißt´s dafür raus: Nicht zuletzt durch den volltätowierten Gitarristen Kelley Juett und die latente Metalkante in seinem Spiel wissen die amerikanischen Heavy-Rocker MOTHERSHIP das Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Der Okkult-Rock von BLOOD CEREMONY hätte eine Nachtposition gebraucht, um seine Mystik zu entfalten. Bei Tageslicht wirkt Alia O´Briens knallenges Lederoutfit mit den roten Fransen an den Ärmeln etwas deplatziert. Das tut der Qualität der Musik aber keinen Abbruch. Gut eingespielt sind die Kanadier, auch wenn Alias Flötenspiel sicherlich Geschmackssache ist: Meinen Kumpel neben mir zerlegt es jedenfalls fast vor Begeisterung über die musikalische Mischung aus Black Sabbath und Jethro Tull. WO FAT rücken dann in die Nähe einer Stoner-Rock-Urformation: Die Texaner walzen wie eine psychedelisch angereicherte Version von Fu Manchu über den Acker.
SOLSTAFIR sind heute definitiv die Exoten im Billing. Die Isländer haben mit Stoner Rock so gut wie nix am Hut, zaubern dafür aber aus selbigem epische Songs im Spannungsfeld von Prog-, Folk-, Doom-, Black- und Post Metal. Und keiner kann so schön leiden wie Fronter Adalbjörn Tryggvason: Besonders das intensive ´Fjara´ geht unter die Haut, egal wie viel man heute schon gekifft hat. Die TRUCKFIGHTERS heizen dem Publikum dann um 22:30 Uhr wieder mit dem auf dem Freak Valley dominierenden Wüstensound ein. Das ist auch bitter nötig, denn in Netphen ist es mittlerweile arschkalt geworden. Auch wenn es dem Trio etwas an offensichtlichen Hits mangelt, muss man den Schweden eine starke Liveshow attestieren, die von der Tightness der Musiker lebt.
Der Gig der hochgelobten BLUES PILLS wird anschließend mit Spannung erwartet. Und die Band, deren Debütalbum zum Zeitpunkt der Show immer noch aussteht, wird mal wieder allen Erwartungen gerecht oder übertrifft sie sogar. Besonders der Janis-Joplin-Gesang von Elin Larsson und das schier unfassbare Gitarrenspiel des gerade mal 18-jährigen Dorian Sorriaux zeigen den Klassenunterschied zu allen (!) heute auftretenden Bands auf. Eigentlich wollte das schwedisch-amerikanisch-französische Kollektiv zum Ende hin noch einen Kadavar-Track covern, doch der strikte Curfew verhindert ein Überziehen der 75 Minuten Spielzeit. Da das Publikum dennoch jedes Mal laut aufheult, wenn die Bandmitglieder zum Abbau die Bühne betreten, setzen sich Elin und Dorian auf den Bühnenrand und zocken für die verbliebene Menschentraube noch ein Akustikstück. Der Song und die Geste treiben mir Tränen in die Augen. Hammer! (rb)

Samstag
Für Rockfreaks, die mit nur ein paar Stunden Schlaf auskommen, hat man die Wake-&-Bake-Nebenbühne ins Leben gerufen. Dort machen mit BUSHFIRE und MAGNETIC MOUNTAIN zwei Darmstädter Bands ordentlich Dampf. Apropos „Rauch“: Nach den Kielern BONE MAN entern ZODIAC die Hauptbühne. Am frühen Nachmittag chillen die meisten Besucher noch bei Räucherstäbchen im Gras, da darf es besser nicht zu laut werden. Mit der Neil-Young-Nummer ´Cortez The Killer´ machen die Münsteraner jedenfalls alles richtig. Und das ØRESUND SPACE COLLECTIVE setzt mit seiner improvisierten Space-Jam noch einen drauf. Viele Rockfans wenden sich etwas gelangweilt von den wabernden Sounds ab, das Outfit der dänisch-schwedischen Musik-Kommune ist allerdings legendär. Wer ist jetzt schriller? Der Sikh oder der bärtige Sound-Wizard?
Wie am Vortag Mothership setzen MOS GENERATOR auf dicke Ami-Eier und MC5-Rock´n´Roll-Garagen-Spirit und bringen damit den Großteil des Publikums hinter sich. Das gelingt THE ADMIRAL SIR CLOUDESLEY SHOVELL nur stellenweise. Wie die meisten Bands verbringen die witzigen Briten, die auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Spinal Tap und „Wayne´s World“ anmuten, die vollen drei Tage auf dem Freak Valley, um abzuhängen und Party zu machen. Vermutlich zu viel, wie unser Robert mutmaßt, anders kann man sich ein paar krasse Spielfehler nicht erklären. „Aber danach war der Gitarrist sofort wieder fit! Geil, Alter!“ Beim Freak Valley gelten eben mehrere Qualitätsmaßstäbe parallel...
SAMSARA BLUES EXPERIMENT hätten danach eigentlich ihre musikalische Klasse ausspielen können, verzetteln sich aber in Soundproblemen, die noch gravierender sind, weil man nach der Trennung von Bassist Richard nur noch zu dritt unterwegs ist. In der zweiten Hälfte des Sets beweisen die Berliner mit einigen feinen Jams, dass auch diese Besetzung ihren Reiz hat, obwohl die massive Soundwand ihrer Platten damit fürs Erste ad acta gelegt ist. (hs)
ELDER rechtfertigen souverän ihren hohen Platz im Samstagsbilling und lassen viele Fans durch ihre unwiderstehliche Mischung aus hypnotischen, immer wiederkehrenden Riffs und markanten Melodielinien ausflippen. Das Bostoner Trio serviert dabei überwiegend Songs vom grandiosen zweiten Studioalbum „Dead Roots Stirring“, die dem Stoner-Rock-Genre neue Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. (sg.)
MOTORPSYCHO kommen als einzige Band des Festivals mit eigener Produktion und dürfen diese zwei Stunden lang präsentieren. Von der Intensität her erreicht die Band mit ihrer originellen Mischung aus Psychedelia, Country und Jazz stellenweise Neurosis-Dimensionen, der Headliner sorgt mit diesem Lärmwall allerdings nicht bei allen für helle Begeisterung. Einigen Besuchern ist der Sound der Norweger zu sperrig.
Es obliegt den Hauptstadt-Hippies KADAVAR, gegen Mitternacht das Festival abzuschließen, obwohl „es ja schwer ist, nach Motorpsycho aufzutreten, hihi“, berlinert Sänger/Gitarrist Christoph „Lupus“ Lindemann irre kichernd durch seinen immensen Bart. Das Trio fällt zunächst einmal dadurch auf, dass das Schlagzeug an der Stelle steht, wo sonst der Sänger im Mittelpunkt steht. Christoph „Tiger“ Bartelt nimmt die Rolle des Antreibers allerdings gerne an. Wild headbangend wirbeln Haare und Bärte durch die Luft, und Kadavar beeindrucken durch satte Hardrock-Power aus der Black-Sabbath-Frühphase, die selbst die Originale nicht mehr übertreffen können. Mit Songs wie ´Doomsday Machine´ hat man zudem erstklassiges Songmaterial in der Hand, das jedem Stoner-Doom-Head mittlerweile geläufig ist. Eine Stunde lang begeistern Kadavar mit einem kurzweiligen Set, dann ist das Freak Valley zu Ende, und 2.000 begeisterte Besucher schlurfen zu ihren Zelten oder schleppen sich mit letzter Kraft zu den Bussen oder PKWs. Mit seiner familiären Atmosphäre, der unkomplizierten Location und der unaufgeregten Crew hat sich das Freak Valley seinen festen Platz im Rock-Hard-Festivalkalender erobert. Wir sehen uns im nächsten Jahr! (hs)

DEN WEG INS FREAK VALLEY FANDEN RONNY BITTNER (RB), ROBERT FUST (ROCK-HARD-STAND), STEFAN GEIDE (SG) UND HOLGER STRATMANN (HS).

 

Pic "Welcome To Freak Valley": Ronny Bittner

Alle anderen Pics: Holger Stratmann

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

KADAVAR20.12.2017BremenTowerTickets
KADAVAR21.12.2017MannheimAlte FeuerwacheTickets
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KADAVAR28.12.2017ChemnitzAJZTickets
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SAMSARA BLUES EXPERIMENT15.03.2018AschaffenburgColos-Saal Tickets
SAMSARA BLUES EXPERIMENT16.03.2018DortmundPianoTickets
SAMSARA BLUES EXPERIMENT17.03.2018DresdenBeatpolTickets

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