RH #310RH vor 10 Jahren

Oi! Oi! Amen!

Rock Hard #190

In Washington rüstet man sich für den nächsten Krieg, in Birmingham für die Metal-Reunion des Jahrzehnts.

JUDAS PRIEST-Trommler Scott Travis erwähnt in einem Interview ganz nebenbei, dass »wir hoffen, dass Rob Halford zur Band zurückkehrt«. Das folgende Brimborium (das Management dementiert hastig, Noch-Frontmann Ripper Owens glaubt, er sei nach wie vor der etatmäßige Sänger) kennt man bereits aus dem Rockstar-Handbuch „Reunions für Dummies“, wo sich auch Kiss, Maiden & Co. schon mehr oder minder elegant bedient haben. Götz hofft übrigens inständig, dass die letztjährige Bemerkung von Pe Schorowski, bald stünden die Böhsen Onkelz wieder gemeinsam auf der Bühne, nicht in dieses Schema gehört.

Neben der Musik dominiert der Irakkrieg Großteile des Hefts. Ohne jetzt die „Bush ist der neue Hitler“-vs.-„Macht die Scheißschwarzbärte einfach platt“-Diskussion (und ein paar etwas durchdachtere Statements dazwischen) wiederzukäuen: Es fällt auf, dass speziell in Deutschland viele Fans und Rock-Journalisten nicht damit klarkommen, dass die amerikanische Metal-, Hardcore- und Punk-Community keineswegs per se links, liberal oder sonst wie sonderlich lieb ist. Auch die reflexartige Einstufung von Bush-Gegnern in „intelligent, gebildet, nachdenklich“ und USA-Fans in „doof, prollig, menschenverachtend“ ist extrem kurzsichtig. Regelrecht hilflos wirkt die hiesige Szene, wenn sich Johnny Ramone als hundertprozentiger Republikaner outet und Sick Of It All auf eine „American Pride Tour“ gehen. In Schland entsteht daher schnell eine Grauzone. Musiker wie Panteras Phil Anselmo und Kid Rock bekommen von ihren deutschen Label-Departments für politische Äußerungen einen Maulkorb verpasst, damit sie sich ihr Image nicht ruinieren. Andere passen ihre Statements dem jeweiligen territorialen Klima an und diktieren der lokalen Journaille exakt ins Aufnahmegerät, was sie hören will. Da kann man über die Ehrlichkeit von Ted Nugent und speziell Billy Milano (dessen reaktionäre S.O.D.-Texte in Deutschland 15 Jahre lang unter dem Motto „Das ist doch gar nicht ernst gemeint, und außerdem sind die beiden Anthrax-Jungs voll nett!“ durchgewunken wurden) schon fast froh sein. Sie beziehen wenigstens mit allen Konsequenzen Position.

Inmitten dieser Aufregung rauscht George W. Bush im Leserpoll als „Depp 2002“ sogar an Osama bin Laden vorbei. Bei den „schlechtesten Livebands“ lassen MANOWAR die No Angels (ältere Leser werden sich dunkel erinnern) hinter sich und erklimmen die Pole-Position. Im Alternativ-Poll reicht es hingegen für Ritchie Lawless, Keili Minog und Helga Schneider nur für Achtungserfolge. Bei den „Vorsätzen für 2003“ finden sich jede Menge Perlen, die zeigen, dass das Sexleben unserer Leser auch nicht seltsamer ist als das einiger Redakteure: „Nicht mehr ins Rock Hard onanieren“, „Nie mehr mit EC-Karte in den Puff“, „Eventuell ausnahmsweise Sex mit ´ner Frau“. Das klingt fast wie der Mitschnitt einer Dortmunder Silvesterfeier.

 

Und sonst?

  • Faulster Musiker des Hefts ist Joel Nelson von den Ami-Punks STAR STRANGLED BASTARDS, der sich einen Zweitkühlschrank gekauft und neben seinem Fernsehsessel aufgebaut hat, damit er überhaupt nicht mehr aufstehen muss.
  • Die Textzeile des Monats kommt von den Antifa-Glatzen JESUS SKINS: „Pornos, Peepshows - Satan hat Macht/ Hat viele Skinheads schon vom Weg abgebracht“. Redaktionsfleischmütze Götz fühlt sich in seiner prä-antikosmischen Phase noch umgehend angesprochen und kommentiert mit einem zackigen „Oi! Oi! Amen!“.