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KÄRBHOLZ

Riffs statt Rummelboxen

KÄRBHOLZ

Gibt es bessere Vorraussetzungen, um in die kommende KÄRBHOLZ-Platte reinzuhören als einen lauen Spätsommerabend in einem Burger-Restaurant in Köln? Eben. „Überdosis Leben“ wird die neue Scheibe heißen und ab Januar erhältlich sein.

Am Rock Pit empfangen mich bestens gelaunt die vier Kärbhölzer Torben Höffgen (v.), Adrian Kühn (g.), Stefan Wirths (b.) und Henning Münch (dr.), die sich offenbar tierisch freuen, ihre neuen Songs den angereisten Journalisten zu präsentieren. Eigentlich stand der Abend unter dem Titel „Kegeln mit Kärbholz“, aber aufgrund eines Wasserschadens findet die Listening-Session nicht auf der Kegelbahn, sondern im Restaurant-Bereich statt. Nachdem Promoter Stefan die Anwesenden begrüßt und betont, dass die Songs noch nicht abschließend gemixt sind und Manager Enno die Technik gebändigt hat, kann es auch schon losgehen.

* Den Start macht laut der vorläufigen Tracklist der Song 'Ich hoffe du kannst mich sehen', ein guter Deutsch-Rocker, der ein bisschen an die ehemaligen Label-Kollegen Betontod erinnert. Die Nummer ist laut Adrian, der neben der Gitarre auch für alle Texte zuständig ist, autobiografisch geprägt: »Die Zeile „Was aus dem Kind wohl einmal wird/Rummelboxer oder Wirt“ ist von meinem Englisch-Lehrer beeinflusst, der sich meine Zukunft in meiner Abi-Zeitung wie folgt vorgestellt hat: „Erst ein kurzer Versuch Flokati-Vorhänge herzustellen, danach eine große und erfolgreiche Karriere als Rummelboxer.“ Der Text ist generell an Leute gerichtet, die uns unterschätzt haben oder uns als das gesehen haben, was wir waren: Jungs, die nicht wissen, wo sie hinwollen.«


* Der Titeltrack 'Überdosis Leben' schraubt danach mit hartem, fast metallischem Riffing den Härtegrad nach oben, im Mittelteil sagen sogar Iron Maiden kurz hallo.
* Mit 'Feuerräder' zeigen die Rheinländer dann die ganze Bandbreite ihres Sounds: Der Track beginnt balladesk, steigert sich in einen fetten Chorus, bevor ein kurzer Double-Lead-Teil einen von modernem Metal-Riffing getragenen Part einleitet. Eines der absoluten Highlights der Platte!

* Das darauf folgende 'Ich kann es nicht ändern' hat in der Strophe ein cooles Basslick, fällt aber ansonsten, gerade im Vergleich zum Vorsong, leider etwas ab.

* Das anschließende 'Schwerelosigkeit' beginnt fast bluesig, steigert sich aber und kann ebenfalls mit einem fast schon metallischen Mittelteil punkten. Die Ska-Einflüsse, die auch auf den letzten Alben der Truppe immer wieder durchschienen, spielen auch auf „Überdosis Leben“ eine Rolle.

* 'God Save The Sin' ist einer dieser Tracks; die Strophen grooven im Ska-Beat, bevor sich ein typischer KÄRBHOLZ-Mitgröl-Refrain Bahn bricht. Wird live sicherlich für ordentlich Stimmung sorgen.

* Die folgende Nummer ist wohl die ungewöhnlichste der Platte: 'Kinder aus Hinterwald' ist textlich ein Liebeslied ans Dorfleben, musikalisch wandeln die Ruppichterother passenderweise auf Country-Faden. Getragen wird der Song von einer Geige (!), die Alexander Suck (Vogelfrey) eingespielt hat. Der Chorus bleibt im Ohr, und der fast schon unvermeidliche Pathos bei diesem Thema hält sich angenehm in Grenzen. Spannende Nummer!

* Mit der Singer/Songwriterin Franzi Kusche ist bei 'Perfekt Unperfekt' der nächste Gast am Start. Die Nummer ist als Duett geschrieben und ein lockerer Rocker, der zusammen mit 'Kinder aus Hinterwald' eine willkommene Verschnaufspause von den harten Tracks der ersten Albumhälfte liefert. 


* Die hat der geneigte Rockfan auch dringend nötig, denn mit 'Evolution Umsonst' kommt anschließend der wohl härteste Song der KÄRBHOLZ-Geschichte. Inhaltlich hat man sich dem momentan sehr populären Thema der Smartphone-Kritik angenommen, und auch dieser Track wartet mit Gastbeteiligung auf: Lenny, der Sänger der Hamburger Todesmetaller Endseeker, sorgt mit seinen Growls für einen ordentlichen Punch. Die Nummer beginnt als klassischer Deutsch-Rock-Track, im Mittelteil sind die Jungs dann musikalisch fast schon im Thrash-Bereich unterwegs.

* Das darauf folgende 'Nur wir beide' ist ein guter, aber recht unspektakulärer Rocker, dessen inhaltliches „Lass' ma' treffen und saufen“ als einziger die Deutsch-Rock-Klischees bedient.

* Musikalisch ist 'Der Spiegel' auf einer ähnlichen Ebene, die Nummer ist aktuell als Bonus-Track angedacht.

* Darauf folgt mit 'Wenn ich nur' ein Midtempo-Song, der inhaltlich den Gedanken „Soll ich mich trennen oder nicht?“ aufbereitet.

* 'Weck mich nicht auf' beginnt ironischerweise mit einer 'Overkill'-Reminiszenz und ist auch sonst ein fixer Rock'n'Roller in bester Motörhead-Manier, der dann von einer ruhigen, sich aufbauenden Bridge eingebremst wird. Auch das wieder sehr stark!

* 'Da ist noch Leben drin' beginnt ebenfalls recht hart, bietet einen coolen Mitgröl-Refrain inklusive Gangshouts und enthält Adrians erklärte Lieblingsstelle: einen Break mit anschließendem ruhigen Arpeggio-Mittelteil.
* 'In Flammen stehen' bildet dann die Bombast-Abschluss-Nummer, die das Thema Leidenschaft nochmal in den Mittelpunkt rückt.

Zusammengefasst haben KÄRBHOLZ ihr wohl härtestes, aber auch abwechslungsreichstes Album eingeknüppelt, das ihnen sicherlich neue Fans bescheren wird.

»Mit dem Album setzen wir uns auf jeden Fall ziemlich von allen anderen ab, das wird mir gerade bewusst. Da habe ich gar nicht so drüber nachgedacht«, erzählt Sänger Torben anschließend. Generell scheint die Band sehr stolz auf das neue Material zu sein. Laut Adrian mussten sie aber erst lange darauf hinarbeiten, ihre Ideen auch in Songmaterial umzumünzen: »Das ist ein Produkt der Erfahrung und der Zeit, die wir damit verbracht haben und jetzt ist der Punkt erreicht, an dem man Sachen, die man anders angehen möchte, auch anders angehen kann. Ich glaube, dass uns das in vielerlei Hinsicht auch gelungen ist.« Einen entscheidenden Anteil an der aktuellen Vielseitigkeit des Materials hat auch das Produzententeam Alex Dietz (Heaven Shall Burn) und Eike Frese: »Wir gehen immer mit einer Grundidee ins Studio, dass ist auch schon ein ziemlich gutes Konzept, aber ich glaube im Studio hat sich noch extrem viel entwickelt, vor allem was den Gesang und die Gitarren unter der Obhut von Alex angeht.«, erzählt Torben, und Adrian fügt hinzu: »Wir haben oft mit Off-Beats und Melodien gearbeitet, aber wirklich mit Riffs zu arbeiten, ist eine andere Art Musik zu machen, die wir uns im Proberaum erarbeitet haben. Eike und Alex haben die Proberaumaufnahmen gehört und sowohl die härteren als auch die leichteren Sachen verstanden. Ich glaube, wir haben da einen guten Draht zueinander gefunden. Sie haben ihr Wissen und ihre Erfahrung miteinbringen können, weil das für uns zum Teil neues Terrain war.«

Zum Abschluss verrät Adrian noch, dass sich unter den Songs schon ein fertig gemixter befunden habe, den ich aber nicht identifizieren konnte. Der Sound ist gewollt rau gehalten: »Die Platte sollte sich nach einer Rockband anhören!« Das ist auf jeden Fall gelungen, Chapeau für diese Scheibe, meine Herren!

 

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