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SOPHICIDE

Einheit von Körper und Geist

SOPHICIDE

Die musikalischen Chamäleons Atrocity sind weder Taufpaten der SOPHICIDE-EP „The Art Of Atrocity“ gewesen, noch haben „Halluciantions“ und „Todessehnsucht“ das Songwriting von Adam Laszlo für das Debütalbum „Perdition Of The Sublime“ geprägt. Er und Neugitarist Sebastian wurden von jüngeren Bands inspiriert.

Wieso hat sich Deutschland zu so einem Tech-Death-Paradies entwickelt?

Adam: »Bei mir waren es eher moderne Bands, die mich an technischeren Death Metal herangeführt haben, wie z.B. The Faceless, Obscura und Necrophagist. Es liegt in der menschlichen Natur, die Grenzen auszuloten und immer einen Schritt weiter zu gehen, das Dagewesene zu überbieten. So entstehen immer mehr neue Bands, die wiederum die nächste Generation beeinflussen.«

Sebastian: »Was den Aufholprozess noch begünstigt, ist die Tatsache, dass regionale Musikhochburgen, wie die Bay-Area oder Gothenburg eine weniger zentrale Rolle für die Weiterentwickelung spezieller Stile einnehmen. Die Vernetzung im Internet ist nicht lokal gebunden. So kann jeder leicht Einflüsse aus aller Welt gewinnen und weiterentwickeln.«

´The Art Of Atrocity’ und ´Within Darkness’ stellen schwedische Melodiebögen dennoch am deutlichsten in den Fokus.

Adam: »Vor allem Bloodbath, Edge Of Sanity und Opeth sind für die schwedische Note in meinem Songwriting verantwortlich.«

Früher musste eine Band im Proberaum zusammenwachsen, sich und ihr Material live beweisen und darüber Kohle zusammenkratzen, um drei bis fünf Demosongs in einem echten Studio aufzunehmen. Heute veröffentlicht jeder ein am PC aufgenommenes „Album“...

Adam: »Mir gefällt die Tatsache, dass man mit vergleichsweise geringen Mitteln Musik kreieren kann. Gerade bei elektronischer Musik wird das deutlich, wenn Leute mit einem Laptop und Kopfhörern Musik erschaffen, die Millionen von Leuten begeistert. Auch im Metal-Bereich hat man heutzutage viel mehr Möglichkeiten und ist weniger abhängig von teuren Studios und technischen Gerätschaften. Natürlich verleiten diese Möglichkeiten manche auch dazu zu “tricksen”. Aber ich finde das auch legitim, das muss jeder für sich selbst entscheiden.«

Sebastian: »Wenn die Musiker ihr Material live wirklich mehr schlecht als recht rüberbringen können, dann ist das natürlich uncool. Andererseits wächst man mit seinen Herausforderungen. Ich denke, dass man auf diese Weise sogar noch ein Quäntchen mehr aus sich herausholt, weil man unlimitierter Musik kreieren kann. Entsprechend sieht man heute auch vereinzelt noch extremere Fingerakrobatik als vor 20 Jahren. Ich will aber gar nicht der Tatsache widersprechen, dass man heutzutage fauler beim Produzieren von Musik agieren kann.«

In welchen Bands habt ihr Erfahrungen gesammelt?

Adam: »Ich habe bisher in diversen Bands verschiedener Genres das Vergnügen gehabt, wobei ich die meiste Live-Erfahrung mit meiner Band Buffet Of Fate sammeln konnte - zuletzt auf dem diesjährigen Summer Breeze - bei denen ich als Gitarrist und Produzent aktiv bin. Musikalisch bewegen wir uns da allerdings eher im melodischen Metal-Bereich.«

Sebastian: »In meinem Fall bisher hauptsächlich mit einer Band namens Dissolving, aber die ist in der Konstellation inzwischen leider dissolved (pun originally not intended).«

Welche externen Produzenten stünden überhaupt zur Diskussion?

Adam: »Andy Sneap wäre wohl dabei, der ja mehr als genug Referenzen hat. Dann noch Andy Schmidt, der die großartige „Back To Times Of Splendor“ von Disillusion produziert hat und auf jeden Fall Steve Wilson/Mikael Åkerfeldt, die mit „Blackwater Park“ eines meiner Lieblingsalben produziert haben.«

Sebastian: »Ebenfalls die Wilson/Åkerfeldt-Kombi zu „Blackwater Park“ Zeiten, wobei mir der Sound auf „My Arms Your Hearse“ noch mehr zusagt und die Masvidal/Reinhart-Produktion des Cynic-Albums „Traced In Air“. Den perfekten Sound gibt es nicht. Jedes Album hat seinen eigenen Charakter und ich habe das Gefühl, dass an mancher Stelle eine “schlechtere” Produktion die Atmosphäre sogar unheimlich bereichern kann.«

Der lyrische rote Faden von „Perdition Of The Sublime“ sind die Verdrängung von Intellekt und Kreativität durch Massenmedien und religiöse Gehirnwäsche. Ist die Trägheit nicht vor allem auch der Technik und immer komplexeren Tagesabläufen geschuldet?

Sebastian: »In der einen oder anderen Weise war die Menschheit schon immer träge. Das fällt den Menschen beim Älterwerden auf und so bildet sich leicht der Eindruck die Generation sei schlimmer/träger/dümmer/fauler als die letzte. Der technische Fortschritt ist enorm und beeindruckend. Kritisches Denken ist natürlich richtig und wichtig, aber viele Menschen scheinen mir immer erst die Abwehrhaltung anzunehmen, bevor sie sich überhaupt mit dem Thema auseinandersetzen. Diese Tendenz hemmt im Kern jegliche progressive Bestrebungen.«

Adam: »Die meisten Menschen lassen sich lieber sagen, was zu tun ist, als selbst zu denken und aktiv zu werden. Diese Grundtendenz ist unabhängig von der technologischen Entwicklung. Ich sehe den Knackpunkt vielmehr darin, dass in unserer globalisierten Welt die Handlungen jedes einzelnen alles andere beeinflussen, wenn auch nur gering. Somit trägt jeder beispielsweise mit seinem Konsumverhalten zum Wohl oder Leid der ganzen Welt bei und dieser mächtigen Verantwortung muss man gerecht werden.«

Ist das ein für mehrere Alben tragbares Konzept?

Adam: »Ich denke schon, schließlich lässt sich so ziemlich jeder gesellschaftlicher Missstand mindestens indirekt darauf beziehen.«

Euer Logo beinhaltet die Sense, sicher als Tribut an Death. Ihr Stiel ist eine Wirbelsäule – eine  Anspielung auf die Giger-Skultur von Carcass „Heartwork“?

Sebastian: »Das Wirbelsäulenthema kam von Steve Voigt. Nach dem “Heartwork”-Cover richtet sich das nicht und es soll auch nicht an Suizid erinnern. Man kann es sogar positiv deuten. Beispielsweise steht die Wirbelsäule aufgrund des Rückenmarks als Bindeglied zwischen Gehirn und Rumpf auch stellvertretend für die Einheit von Körper und Geist.«

Wie bewahrt ihr eure Musik davor, zu maschinell und unmenschlich zu werden?

Adam: »Um ehrlich zu sein, ich weiß es gar nicht. Ich hatte im Vorfeld bereits Banderfahrung sammeln können, auch in Bezug auf Songwriting. Es ist nicht so, dass meine ersten Songversuche gut gewesen wären, ganz im Gegenteil. Ich habe mich da eben herangetastet, lerne immer noch dazu. Es ist ein stetiger Prozess.«

‚Lafayette’s Deception’ spricht das Thema Scientology an. Die Strategie dieser Sekte, die Politik, Wirtschaft und das Unterhaltungsgeschäft zu unterwandern, ist bekannt.

Adam: »Scientology-Metalbands kenne ich persönlich nicht, aber im Musikbereich gibt es durchaus den ein oder anderen Scientologen. Tabu ist für diese Organisation definitiv nichts, die brüsten sich mit jedem Prominenten, der sich der Sekte zugehörig fühlt. Genau das gehört explizit zur Methodik, um so Scientology nach außen ein gutes Gesicht zu verleihen. Das perfide ist, dass solche Mitglieder anders behandelt werden, als das “Proletariat” von Scientology, dementsprechend stellen sie diese Organisation nach außen hin ganz anders dar. Gerade deswegen ist auch eine Gegenbewegung notwendig, um diesen Verbrechern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Erfahrungen aus erster Hand musste ich zum Glück noch nicht sammeln, aber man findet genügend glaubwürdige Informationen von Aussteigern und anderen Scientology-Experten. Zwangsarbeits- und Umerziehungslager für Mitglieder, die der Organisation aufstoßen, sind nur ein Beispiel dafür, dass diese Leute auf die Menschenwürde spucken.«

Das Erschreckende ist der Versuch, Kinder möglichst früh einzubinden und gar keine Opposition zuzulassen.

Sebastian: »Erziehung ist ein sehr komplexes Thema und dem Prozess muss man mit Respekt gegenüber der Sache begegnen. Freie Selbstbestimmung ist ein wichtiges Element, um zukünftigen Generationen einen reflektierten Umgang mit den Problemen der Welt, wie auch immer geartet, zu ermöglichen. Man weiß heute nicht, was in Zukunft geschehen wird, also scheint es doch sinnvoller, nicht vorzuschreiben was zu tun ist, sondern zu lehren, wie man die Welt selbst erforschen kann und zu bewerten lernt. Es gibt genügend historische Beispiele, welche die Gefahren dogmatischer Systeme aufweisen. Jedenfalls ist es schwierig allumfassende Ethik und Moral zu finden, bzw. logisch und allgemeingültig zu begründen. Noch schwerer ist es, das Ganze in Gesetzestext zu formen, denn wie soll man etwas verallgemeinern, was in jedem Fall differenziert betrachtet werden sollte? Genau da setzt auch das selbstbestimmte Denken ein. Es geht dabei nicht nur darum sich selbst zu definieren, sondern auch, ein eigenes Weltbild zu formen. Man muss sich also selbst entscheiden, wie man zu etwas steht und das setzt voraus, dass man darüber nachdenkt. Das ist zwar der harte Weg, aber es ist der beste, um nicht dem Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen.«

Erfüllt euch der derzeitige Niedergang der Piratenpartei in der Wählergunst (zumindest in den Umfragen) mit Genugtuung?

Adam: »Ganz im Gegenteil, ich persönlich bin auch für einen liberaleren Umgang mit dem Urheberrecht. Ich freue mich, wenn Leute unsere Musik hören und wertschätzen, unabhängig davon, ob sie dafür bezahlt haben, oder nicht. Einige Musikliebhaber könnten es sich auch schlichtweg nicht leisten, sämtliche Musik käuflich zu erwerben. Die damit in Verbindung gebrachte Problematik, dass Künstler schließlich auch von etwas leben müssen, könnte man auch anders aushebeln, beispielsweise mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Das ganze Thema ist aber definitiv nicht zu einfach zu betrachten. Urheberrechte sind sinnvoll, aber es ist auch richtig und wichtig, frei mit Wissen und Information umzugehen, dem Fortschritt der Menschheit halber. Es gilt, einen guten Mittelweg zu finden. In dem Sinne, hier der Link zu unserem kostenlosen Album-Stream: http://www.decibelmagazine.com/featured/full-album-stream-sophicides-perdition-of-thesublime/

 

Den ergänzenden Interviewteil aus Ausgabe 306 findet ihr hier.

www.facebook.com/sophicide

 

Pic: Daniel Dornhoefer (Promo)