Online-MegazineKolumne

Wo die Ohren durchgepustet werden

CHENGDU

Rock Hard stattet Chengdu, der Provinzhauptstadt von Sichuan einen Besuch ab, findet scharfes Essen from hell, explodierende Furien, freundliche Rocker und unheimliche Folterknechte, die es einem auf die Ohren geben.

Wer sich in popkultureller Hinsicht für China interessiert, kommt an Beijing nicht vorbei: Manchmal scheint es, als ob sich zeitgenössische Kunst ausschließlich in der Hauptstadt abspielen würde. So hielten es bereits die Kaiser, die ihre Dichter, Hofnarren und Konkubinen aus den Provinzen ankarren ließen, um sich in der Verbotenen Stadt bespaßen zu lassen. Nur mit den Eunuchen alleine wäre es dort auch ein wenig langweilig geworden. Kulturell gesehen kommt hinter Beijing also erstmal die Wüste Gobi, direkt dahinter allerdings schon Chengdu, die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Sichuan. Auch Chengdu war einst Sitz von Königen, ein riesiger Kaiserpalast thronte während der Ming-Dynastie im Stadtzentrum. Der wurde jedoch während der Kulturrevolution zerstört, und wo einst Hofliteraten und kaiserliche Sänger in verschwiegenen Kammern ihre Künste zum Besten gaben, winkt heute eine Mao-Statue in die betongewordene Tristesse.

Überhaupt erweckt die Stadt auf den ersten Blick nicht den Eindruck, dass hinter ihrer grauen Fassade eine kulturelle Seele schlummert: Die in die Jahre gekommenen Plattenbauten werden wie überall in China von futuristischen Stahlspargeltürmen und Einkaufszentren abgelöst, in denen man sich sofort als Ausländer zu erkennen gibt, wenn man kein iPhone 6 hat. Und doch war Chengdu von jeher auch ein kulturelles Zentrum – nicht von ungefähr setzte hier mit Du Fu einer der berühmtesten Dichter der Tang-Dynastie seine Pinselstriche. Heute geht die Post beispielsweise im North Village Art District (北村艺术区) ab, wo man der Künstlerin Wang Dan dabei zugucken kann, wie sie mit blau gefärbter Zunge kopulierende Weinbergschnecken malt. Im Chengdu East Music Park (成都东区音乐公园) trifft sich die Elite, um einer Art Ambient-Techno zu lauschen, der irgendwie an das Hintergrundrauschen eines kaputten Fernsehers erinnert – Fans von Paysage D’Hiver oder Bölzer können hier bedenkenlos mal vorbeischauen. Und im äußerst kommerziellen Künstlerviertel Lan Kwai Fong treffen sich die Hipster im Lenbacher Bierhaus, um beim Oktoberfest zu den Klängen der Alpenrocker das Resthirn wegzuschunkeln (über den kulturellen Wert derartiger Veranstaltungen darf natürlich diskutiert werden).

Vielleicht ist die inspirierende Atmosphäre der Stadt dem berühmten Essen geschuldet, denn Chengdu ist die Hochburg der Sichuan-Küche – und die steht für Feuer. Das Nationalgericht „Hot Pot“ (Huǒguō, 火鍋  /  火锅) trägt seinen Namen nicht ohne Grund: Das chinesische Fondue wirkt bereits optisch wie eine Mischung aus kochendem Blut und brodelnder Lava, und genau so sollten die Ingredienzien – Lammfleisch, Pilze, Lotus, Blattgemüse, Tofu etc. – nach vollzogenem Schärfebad auch schmecken. Die Brühe bleibt jeweils das Geheimnis des jeweiligen Restaurantbetreibers; meist basiert sie auf einer mit Chili, Ingwer und Sichuanpfeffer versetzten Knochenmarksuppe, und bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einige Lokale als besondere Zutat Opium verwenden. Dieser Verdacht konnte beim Lokalaugenschein – unglücklicherweise – nicht bestätigt werden, süchtig macht diese SM-Variante der chinesischen Küche jedoch allemal. Übrigens: Den wirklich zauberhaften Mädels von Sichuan wird nachgesagt, dass ihre Schönheit auf das tägliche Futtern rattenscharfer Aphrodisiaka zurückzuführen sei. Andererseits scheint einigen die tägliche Gewürzüberdosis auch in die hübschen Köpfe zu steigen. Explodierende Furien, die ihrem männlichen Anhang unter nicht druckreifen Flüchen die Handtasche ins Gesicht schleudern, sind in den Straßen der Stadt ein vertrauter Anblick.

Deutlich entspannter geht es hingegen in der New Little Bar (Xiao Jiuguan, 小酒馆 / 芳沁店) zur Sache, Chengdus Rock 'n' Roll-Treffpunkt Nummer 1. Der gemütliche Club im Süden der Stadt versteckt sich hinter der unscheinbaren Türe eines Bürokomplexes, bietet jedoch alles, was das Rockerherz begehrt. Jede chinesische Band mit Rang und Namen hat hier bereits gespielt, und auch die eine oder andere ausländische Gruppe hat sich in dieses wilde Territorium vorgewagt. Wobei „wild“ relativ ist: Die einheimischen Rocker sind ausgesprochen freundlich und aufgeschlossen, wodurch man prinzipiell rasch mit ihnen ins Gespräch kommt – wenn man sie denn versteht, denn der schwere Sichuan-Dialekt ist auch für Sprachkundige eine kleine Herausforderung. Und trotz gewisser Verständnisschwierigkeiten steht rasch fest, dass alle Leute hier Turbonegro kennen und Dream Theater scheiße finden. Sympathisches Volk eben.

An diesem Abend sind gerade THE MEMORY BOX (记忆的盒子) zu Gast, eine Artrock-Band aus der Nähe von Xining vom tibetischen Hochplateau (!), die gerade ihr erstes Album herausgebracht hat und eine angenehme Überraschung darstellt. Gänzlich unplugged präsentieren sie kitschbefreite, eigenständige Kompositionen, die irgendwo zwischen Leafblade, den Beatles und der sehnsüchtigen Qinghai-Folklore angesiedelt sind. Zum unprätentiösen Auftreten passt auch die persönliche Attitüde der Band, die nach ihrem Gig unverzüglich an der Bar die ersten Bierchen verhaftet und sich über jede verkaufte CD freut, als ob gerade der Weihnachtsmann vorbeigeschaut hätte: „Wir haben diese Band gestartet, damit wir endlich einmal rauskommen aus unserem Dorf. Heute in diesem Club zu spielen, ist für uns das Größte, denn wir lieben es einfach, unterwegs zu sein und zu reisen.“ Ob die Burschen dann vielleicht einmal international auftreten wollen? „Alter, wir kommen aus Qinghai; weißt du, was das heißt? Das halbe Jahr sind wir dort oben vom Schnee eingeschlossen, da kommen wir nie weg – also konzentrieren wir uns lieber darauf, Musik zu machen, die uns etwas bedeutet und von der wir glauben, dass sie etwas zu sagen hat.“

Wer also den Botschaften der Gedächtnisbox noch besser lauschen möchte oder nach einem Motörhead-Konzert schlicht und ergreifend nichts mehr hören kann, sollte sich abschließend eine traditionelle Ohrenpflege gönnen. In den Parks und Flanierstraßen von Chengdu warten überall professionelle Ohrenputzer, die mit Stirnlampen und langen Eisenstäbchen auf ihre Opfer lauern. „Du hast Angst? Komm schon, du musst dich nur zurücklehnen und entspannen, dann erlebst du die schönste Viertelstunde deines Lebens“, lockt der 40-jährige Großputzmeister Li Bai. Was er da genau macht? „Zuerst reinige ich mit einer Bürste und einer kleinen Gabel den äußeren Gehörgang, dann entferne ich mit einer Art Schaufel das Ohrenschmalz vor dem Trommelfell. Abschließend bringe ich mit einer Stimmgabel ein Wattestäbchen im Gehörgang zum Schwingen, dort sitzen viele Nerven, die selten massiert werden.“ Und das soll gut sein? „Das ist das Beste, was es überhaupt gibt auf der Welt – meine älteste Kundin ist jetzt fast 100 Jahre und sie sagt, dass sie nur deshalb so alt werden konnte, weil ich ihr täglich die Ohren durchputze!“ Ist dabei schon mal etwas passiert? „Naja, das Trommelfell ist sehr empfindlich, deshalb muss ich millimetergenau arbeiten. Jedes Ohr ist unterschiedlich, manche Gehörgänge sind weit, manche schmal, andere besonders tief und verwinkelt. Aber bei dir ist das ganz einfach, denn Asiaten haben trockenen Ohrenschmalz, bei Europäern hingegen ist es feucht und leichter zu entfernen. Das haben wir gleich.“ Bekomme ich dann einen Rabatt? „Nein.“ Wie bitte? „Nein, keinen Rabatt.“ Entschuldigung, ich kann nichts hören, wiedersehen.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

NEW LITTLE BAR photo by Cai Ming

THE MEMORY BOX © Zhang xiao si,  li meng ke