Online-MegazineKolumne

ALICE IN CHAINS

Willkommen im normalen Rockstar-Modus

ALICE IN CHAINS

Eine Sonntagnacht, irgendwann Anfang der Neunziger, auch auf dem platten westfälischen Land gibt es endlich Kabel-TV. Auf MTV läuft „Headbangers Ball“, damals ein Pflichttermin für Metal- und Hardrockfans. Als die Moderatorin Vanessa Warwick in betont lässiger Manier das aktuelle Video einer Band namens ALICE IN CHAINS ankündigt, beginnt eine neue Zeitrechnung. Doch das weiß damals niemand. 'Man In The Box' vom „Facelift“-Debüt ist dennoch so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, das Entree in eine neue musikalische Welt. Seitdem habe ich das Glück, die Band aus Seattle in ihrer Karriere zu begleiten. Erst als begeisterter Zaungast auf ihren Konzerten, dann zusätzlich als interessierter Interviewpartner. Denn einfach war es nie, auch dieses Mal nicht.

ALICE IN CHAINS waren (und sind) wie alle Bands der sogenannten „Grunge-Szene“ etwas anders, was die öffentliche Positionierung angeht: Auf der zweiten Tour zu „Dirt“ 1993 schlurft zum Beispiel Sänger Layne Staley mit Pudelmütze beinahe unerkannt durchs Publikum der Bonner Biskuithalle, um sich den Support Screaming Trees anzuschauen. Dafür hat er extra ein wichtiges Magazin-Interview abgebrochen. Einige wenige Autogramme auf Bierdeckeln gibt er trotzdem, ohne dabei großartig zu lächeln.

Der Spaß innerhalb der Band kehrt tatsächlich erst fast 25 Jahre später zurück. Vor allem die beiden „überlebenden“ Original-Mitglieder, Gitarrist/Sänger Jerry Cantrell und Drummer Sean Kinney, tragen ihre Lebensfreude fast auf der Zunge. Früher wortkarg und zurückhaltend, sprechen sie mittlerweile reflektierend über ihre Karriere. Und Bassist Mike Inez (früher u.a. bei Ozzy Osbourne und Heart) ist laut Fotograf Thorsten Seiffert „der freundlichste Rockstar aller Zeiten“. Wobei die Fotosession zur Titelstory in Köln Anfang Juli für unseren „Doc Rock“ trotzdem alles andere als leicht ist: Sänger William DuVall erweist sich als schwieriger Charakter, es sind keine Einzel-Shots möglich, und überhaupt ist die Zeit vor dem Gig knapp bemessen. Auch die Live-Situation ist alles andere als optimal: Fotos nur „vom Mischpult aus und kein Licht“. Außerdem müssen die Bilder vorab genehmigt werden. Aber egal, wie heiß und stickig es in der Live Music Hall ist, alle Anwesenden schwärmen hinterher von einem grandiosen Konzert.

Dass „Rainier Fog“ ebenfalls „Platte des Monats“ bei uns geworden ist, mag dem einen oder anderen True-Metaller eventuell sauer aufstoßen, aber ALICE IN CHAINS haben nicht nur ihre eigene Nische besetzt, sondern auch maßgeblich die Metal-Szene beeinflusst. In der Grunge-Historie, die im Heft an die Interviews mit Kinney und Cantrell angehängt ist, wird klar, wie facettenreich diese letzte große Umwälzung der Prä-mp3-Musikgeschichte tatsächlich vonstattengegangen ist. ALICE IN CHAINS haben dabei deutlich ihre Spuren hinterlassen und werden es auch weiterhin tun, sollte es noch weitere Alben geben. Und wenn Cantrell im Nebensatz zugibt, dass er mittlerweile golfen geht, scheint die Band allmählich auch im „normalen“ Rockstar-Modus angekommen zu sein. Wir hätten übrigens gerne noch ein Interview mit Susan Silver, der ehemaligen Managerin der Band und Ex-Frau von Chris Cornell, geführt, aber unsere Anfrage ist nie richtig beantwortet worden. Ihre Sichtweise der Dinge als unmittelbar beteiligte und aktive Person hätte der ganzen Geschichte sicherlich eine weitere Facette hinzugefügt. Aber vielleicht ist ihr Schweigen nach dem Selbstmord ihres Ex-Mannes auch verständlich. Vielleicht gibt es trotzdem noch einige Infos, die bisher untergegangen sind, zum Beispiel in den ebenfalls angefügten Top 20 der besten Grunge-Scheiben – alles nachzulesen in ROCK HARD Vol. 376.          

 
 

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