Online-MegazineKolumne

Modern Heavy Metal – Dienstag, 09.06.15

MODERN HEAVY METAL

Vom 8. - 12. Juni veranstaltet die Aalto University – School of Business in Helsinki, gemeinsam mit mehreren weiteren finnischen Universitäten und der International Society For Metal Music Studies, die inoffizielle Jahreskonferenz der Metalforscher. Mit dabei ist unsere Autorin Laura Niebling, die selbst zu Musikfilmen forscht und uns zwischen den Konzerten, Diskussionen und einer Metalkreuzfahrt aus der heimlichen Hauptstadt des Heavy Metal berichtet.

Zweite Lektion in finnischer Mentalität: finnischer Alkohol ist nichts für Weicheier. Was dem Finnen sein Sommergetränk, ist mir heute Morgen meine Nemesis. Ich fühle mich als hätte jemand eine finnische Sauna auf meinem Kopf abgestellt, als der Wecker um sieben – in Deutschland sechs – Uhr klingelt. Zum Glück sind in dem zentrumsnahen akademischen Viertel Kamppi (das zwar klingt wie Campus, sich aber vom finnischen Wort für „Kampf“ ableitet. Trve.) die Hochschulen, Hostels und Clubs problemlos fußläufig erreichbar. Ich schleppe mich durch die Sonne zur Handelshochschule und begebe mich erst mal auf die Suche nach Kaffee.

Die erste Keynote ist für viele auch ein Highlight der Konferenz. Deena Weinstein, legendäre Soziologieprofessorin aus Chicago, hat bereits 1991 den Genreklassiker „Heavy Metal: A Cultural Sociology“ geschrieben. In ihrer Rede adressiert sie heute „Metal's 3rd wave in the era of post-globalization“. Mit Blick auf die sozio-politischen Kontexte der letzten Dekaden, erzählt sie die Geschichte des Metal von den Anfängen bis heute. Sie erklärt, dass es in der Entwicklung drei Epochen gab – die dritte Ära, in der wir uns nun befinden, zeichnet sich durch zunehmend unabhängige Medien aus, die wiederum die Major-Label nicht mehr unterstützen und damit zu einer Ökonomie beitragen, in der die Großen eher lizensieren als neue Bands unter Vertrag zu nehmen. Was bleibt sind teure Tickets bei Bands aus jener Zeit, in der Rock noch stark beworben wurde. Die Stärke und Innovation, erklärt Weinstein, liegt heute bei den Indie-Labels. Doch vor allem der Blick auf eine neue Art von Metal-Fans, nämlich die Gelegenheitshörer für die Metal ein hippes Trendthema ist, erfüllt sie durchaus mit skeptischer Sorge für den Markt der Zukunft.

Der Kanadier Martin Popoff, der im Anschluss die zweite Keynote des Morgens abliefert, ist sicherlich einer der umtriebigsten Journalisten der Rockmusik. Sein neues Buch „Who Invented Heavy Metal?“ verspricht die definitive Geschichte des Heavy Metal – begonnen bei den Trompeten, die Jericho zu Fall brachten. Sein Vortrag ist geprägt von seiner Faktenliebe, aber auch seinen gewohnt provokant-subjektiven Thesen, wie der Behauptung, dass Johnny Burnette's 'Train Kept A Rollin'' von 1956 der erste Heavy-Metal-Song der Musikgeschichte ist. Bei der Frage nach der Modernität von Metal ist diese Art von Ursachenforschung sicherlich wichtig. Sie zeigt aber auch, dass eine definitive Geschichte des Metal nicht nur unmöglich ist, sondern der Versuch sie zu erzählen auch ziemlich die Gemüter erhitzt.

Methodisch sachlicher geht es im ersten Panel zu, in dem Statistiken zu Metal-Fans versammelt sind. Die reichen von den Orten, an denen Fans bei Konzerten gerne stehen bis zu der Frage, was Engländer am Download-Festival gefällt. Besonders die Erhebung zweier französischer Soziologen im Rahmen des Hellfest – mit fast 9000 Teilnehmer – hält dabei einige interessante, weil durch den Umfang statistisch repräsentative Ergebnisse bereit. So zeigt sich, beispielsweise, dass Black-Metal-Fans im Durchschnitt einen sehr geringen oder überdurchschnittlichen Bildungshintergrund haben – einen Umstand, den einer der beiden Forscher scherzhaft als die „U-Kurve“ des Black Metal bezeichnet und der sich, laut Umfrage, auch in der empfundenen Stimmung zwischen den einzelnen thematischen Hellfest-Bühnen bemerkbar macht. Als Grundlagenforschung sind Statistiken sicherlich ein gutes Instrument, doch der Umfang der Studien in dem Panel ist durchaus kritisch zu bewerten. Nicht nur der Fokus auf Festivals, sondern auch die fehlende Repräsentativität hinterlassen mehrfach den Beigeschmack: Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast.

Das zeitgleich stattfindenden Panel im zweiten Konferenzsaal handelt von Politik, Macht und sozialen Prozessen und versammelt Themen wie die Rolle lauter Musik im Kontext sozialer Revolutionen oder den Moshpit als Lernort. Obwohl die Panels so konzipiert sind, dass man zwischen den Vorträgen wechseln könnte, setzt doch rasch eine gewisse Trägheit ein, die einen in dem Raum verweilen lässt, in dem man ohnehin ist. Die Trägheit hält bei mir sogar noch bis ins zweite Panel des Tages vor, in dem es im einen Raum um nationale Identität und die kulturellen Wurzeln des Heavy Metal, im anderen um Image und visuelle Darstellung geht. Die Zusammenstellung der kulturellen Zugänge erweist sich jedenfalls als äußerst kurzweilig. Karl Spracklen, Herausgeber des ISMMS-Journals, startet dabei mit einem kurzen Ausflug in die britische Geschichte und deren Einfluss auf Iron Maidens 'The Trooper'. Die Begeisterung für das urdeutsche Genre „Mittelalter-Metal“ nimmt Jennifer Dobschenzski von der Universität Regensburg ins Visier. Warum französische Mainstream-Bands im Gegensatz zum Underground lange kaum Metal auf Englisch gemacht haben, ist in dem Panel einer der besonders interessanten Beiträge. Michael Spanu von der Universität Paris hat mit Interviews wichtige Themen der französischen Musikförderung und der kulturellen Selbstwahrnehmung erarbeitet. Er entrüstet dabei versehentlich einen Mitarbeiter des auswärtigen finnischen Amtes, der ebenfalls im Publikum sitzt und sich äußerst irritiert darüber zeigt, dass dem französischen Black-Metal-Underground die eigene Sprache „zu homosexuell“ klingt. Hier zeigt sich die Stärke der akademischen Auseinandersetzung mit Metal. Während jede normale Unterhaltung an diesem Punkt vermutlich in einen erbitterten Grabenkampf ausgeartet wäre, mischen sich diverse Vortragende und Publikumsteilnehmer ein und debattieren die Ursprünge und Lösungsansätze dieser definitiv fragwürdigen Homophobie.

Die Keynote des Abends ist ein improvisiertes Stand-Up-Programm von Scott Ian. Der Anthrax-Klampfer eröffnet launig damit, dass er mehr Fragen an das Metal-forschende Publikum hat als Geschichten, die er erzählen möchte: „Ihr übersteigt mein Interesse an Metal bei Weitem!“. Für ihn ist ebenso wie für Skolnick die Konferenz ein echter Glücksgriff, denn er ist überzeugt, dass Wissenschaftler mehr über den „Status von Heavy Metal“ wissen, als er selbst und ihm hoffentlich endlich einige seiner brennenden Fragen beantworten können. Das alles ist eine charmante Einleitung in ein durchaus ungewöhnliches Vortragskonzept: „Ich kann euch helfen, Metal zu studieren, fragt mich doch einfach etwas“, schlägt er vor – und macht damit aus seinem Vortrag einfach eine Fragerunde. Deena Weinstein nutzt die Chance als erste und erkundigt sich, ob es zu den Anfängen des Bay-Area-Thrash Rivalität und Verrat gegeben hat. Zumindest für Anthrax, die einzige Band mit der Dave Mustaine niemals Knatsch hatte, kann Ian sich nicht an solche Probleme erinnern: „Wir waren nur Kids im Underground damals. Wir kennen uns alle aus der Zeit als wir quasi grade vom Töpfchen kamen“, scherzt er. Was allerdings durchaus Grund zum Streit lieferte, war der Konflikt mit „diesen Typen, die aussahen wie meine Tante, wenn sie Samstag Abend ausgeht“: „Ich habe allerdings nie Poser getötet, also richtige Street Credibility habe ich nicht. Aber ich habe Leuten das T-Shirt runtergerissen... Auch sicher nicht mein stolzester Moment“, erinnert er sich grinsend zurück. Mehrere Trips über die gewundenen Wege der Musikindustriegeschichte später, geht es schließlich um die Frage ob schon einmal eine Location Anthrax abgelehnt hat wegen der potentiellen Schäden. „Madison Square Garden hätte uns ablehnen sollen, der Ort war viel zu nett!“ lacht Ian und erinnert sich, dass sie damals einen Agenten und Vertrag hatten, der jeden Ort vorwarnte: „Wenn Sie die Stühle nicht rausnehmen, machen die Fans das für Sie!“. Die plüschigen Sitzkissen des Madison Square Garden wurden schließlich während der Tour mit Slayer und Megadeth so heftig durch die Gegend geworfen, dass die Security das Konzert unterbrechen musste. Die Keynote hat viele Elemente seines Stand-Up-Programms und ist definitiv nicht wissenschaftlich, dafür aber eine unterhaltsame Version des „Oral History“-Konzepts. Und sie ist durchaus erhellend in Bezug auf aktuelle Themen. So spielt Ian beispielsweise nicht einfach aus Vergnügen Gitarre: „Gitarren sind für mich wie Schraubenzieher und Hammer beim Hausbau. Sie sind ein Instrument zum Songschreiben“. Lediglich die Frage danach was „Modern Heavy Metal“ ist, findet er durchaus kompliziert zu beantworten – und ist damit definitiv nicht allein. Dieses Rätsel, so scheint es langsam, wird über die Konferenz hinaus Bestand haben.

KONZERT IN DER BAR BÄKKÄRI

Schon den ganzen Tag macht sich der finnische Longdrink des Vorabends bemerkbar. Mehrfach habe ich Mühe nicht wegzuschlummern und so ist auch der Abschluss des Abends, der erneut in der Bar Bäkkäri stattfindet, mit Konzertbeginn um 21:15 Uhr nicht unbedingt ideal. Nach einem fantastischen Abendessen im FaFa (einem einfallsreichen aber trotzdem günstigen Bio-Imbiss direkt bei der Bar Bäkkäri mit kleiner aber köstlicher Auswahl), gehen SHIRAZ LANE auf die Bühne. Die blutjungen Finnen sehen aus wie eine Mischung aus Hardcore Superstar und Soul Asylum und machen ziemlich tanzbaren Glampunk. Große internationale Festivals haben die Teenager schon absolviert, das Tuska Open Air, die Endauswahl des Wacken Metal Battle und eine Tour mit Santa Cruz stehen für dieses Jahr an. Von der komplett leeren Tanzfläche lassen sie sich sympathischerweise nicht beeindrucken – dass Sänger Hannes die große Gruppe bärtiger Metalforscher mittleren Alters auffordert: „Let me see you shake your booty“, ist sicherlich ein Glanzpunkt des Abends. Noch ist das Songwriting äußerst unkoordiniert – es scheint man weiß noch nicht so recht, wo man musikalisch hin will. Das wird sich allerdings ziemlich sicher mit zunehmendem Alter und Erfahrung finden – da könnte also definitiv noch einiges kommen. Einen Schritt weiter sind die letztjährigen Gewinner des Metal Battle für Finnland, BLIND CHANNEL. Die Jungs machen unfassbar tighten Nu Metal mit Industrial-Elementen, Metalcore-Schreien und Rap-Einlagen. Nicht viel älter als die Vorband, ist das Songwriting der Jungs bereits dermaßen ausgereift, dass das erste Album – an dem sie gerade sitzen – mehr als nur überfällig ist. Die musikalische Mischung mit Dickies-Hose und South-Bronx-T-Shirt ist sicherlich nicht für jeden geeignet und dürfte klassische Metalheads kaum ansprechen. Kommerziellen Erfolg wird das Quintett in der Zukunft trotzdem ziemlich sicher haben (vor allem, wenn sie den Spagat zwischen den Metal- und Hip-Hop-Festivals schaffen sollten). Durch das Crossover ist ihnen vermutlich sogar größerer Erfolg sicher, als die nachfolgenden RANGER je erreichen könnten. Dafür sind letztere nicht nur von den weißen Turnschuhen bis zum Schnäuzer eine Hommage an die Achtziger – sondern bereits Kult in der Szene. 2008 als Turbin gegründet, spielt die Truppe starken, treibenden Speed Metal und bildet ein nicht minder energetisches Kontrastprogramm zu ihren Vorgängern. Statt Rumhüpfen beschränkt man sich auf ekstatische und ziemlich amtliche Gitarrenarbeit. Leider geht es nach dem ersten Drittel des Sets bereits stark auf 12 Uhr zu und ich muss die Fahnen streichen und die Groove-Metaller Bloodred Hourglass auslassen. Ein exzellenter Einblick in die junge finnische Musikszene war das Konzert aber allemal – und damit eine hervorragende Grundlage für den nächsten Tag, dessen Nachmittag ganz im Zeichen der Frage stehen wird: „Wie schaffen es finnische Bands auf den deutschen Markt?“.

 

http://www.modernheavymetal.net/

Modern Heavy Metal - Tag 1

Modern Heavy Metal - Tag 3

Modern Heavy Metal - Tag 4

Modern Heavy Metal - Tag 5