Online-MegazineInterview

CATHEDRAL

Spirituelle Heimat

CATHEDRAL

Wer CATHEDRAL für die farbenfrohen LSD-Märchencover von Dave Patchet liebt, wird vom Abschiedsalbum „The Last Spire“ zunächst enttäuscht: Ein Gargoyle im Stil des „In Memorium“-Demos und der „Soul Sacrifice“-EP bildet das Haupt-Artwork. Erst hinter mehreren Aufklappflügeln offenbart sich bei der LP eine bizarre Zusammenkunft im spektakulären Patchet-Stil. Bandgründer Lee Dorian erklärt die Hintergründe des Vorgehens, mit dem sich auch optisch ein Kreis schließt.  

»Die Tatsache, dass „The Last Spire“ nicht wie geplant vor einem Jahr erschienen ist, gab uns die Zeit, alles richtig zu machen. Dave Patchet war damals so sehr mit anderen Arbeiten beschäftigt, dass er gar keinen Beitrag hätte leisten können. Als wir dann endlich an die Aufnahmen gehen konnten, war auch Dave wieder frei für uns. Für dieses Motiv hat er gar nicht so lange benötigt, aber an „The Carnival Bizarre“ und „The Etheral Mirror“ saß er vier bis fünf Monate.«

Auf eurem Demo habt ihr Pentagram gecovert, noch bevor Peaceville ihnen mit CD-(Wieder-)Veröffentlichungen einen leichten Popularitätsschub gaben und einige ihrer Mitglieder sogar kurzzeitig bei CATHEDRAL spielten. Ist es nicht ironisch, dass sie nach eurem Ende immer noch da sind?

»Nein, wir haben immer weitergemacht, während sie sich mehrmals aufgelöst haben. Wenn man diese ganzen Jahre aus ihrer Bandgeschichte abzieht sind es sicher weniger als 23. Aber ich bin froh, dass es sie wieder gibt und immer mehr Menschen erkennen, wie verdammt gut sie sind. Wir wollten diesen Bands einen Tribut zollen, als wir uns gründeten: Pentagram, Trouble, Saint Vitus, Witchfinder General, Candlemass. Wir waren nur wesentlich jünger als sie. Und im Gegensatz zu ihnen waren wir keine klassischen Musiker, sondern kamen aus dem extremen Underground. Hätte ich wie Ronnie James Dio singen und Gaz wie Yngwie Malmsteen spielen können, hätten CATHEDRAL nicht die gleiche Bedeutung erlangt. Unsere Stärken waren nicht die Technik, sondern unser Charakter und die Extreme.«

Als Labelchef musst du zumindest über eine gute Spürnase für Talente verfügen.

»Ich würde mich nie Produzent nennen, obwohl ich gerade bei CATHEDRAL viel Zeit im Studio verbracht habe. Ich könnte dort sitzen und einer Band detailliert erklären, wie sie zu klingen hat. Aber mein Ego ist diesbezüglich gar nicht motiviert. Meine Position ist eher die eines Sammlers als eines Verkäufers. Ich kann nicht erklären, welche Qualität es ist, was genau eine Band aus der Masse hervorstechen und individuell klingen lässt. Die Genre-Wahl muss nicht originell, sein, aber die Art zu spielen. Zu viele Bands kopieren einfach nur, statt sich selbst preiszugeben.«

Hast du dabei auch versagt und Potenzial in den hoffnungslosen Bands gesehen?

»Es wäre ungerecht Namen zu nennen, aber das ist ein paar Mal passiert. Auch weil Besetzungen auseinander fielen oder Egospielchen aufkamen. Das ist dann ein Verbrennen von Zeit und Geld. Bei den meisten Bands bin ich aber stolz auf die Zusammenarbeit.«

Ein Song von „The Guessing Game“ war Jill Phipps gewidmet, einer Tierschützerin, die bereits Mitte der 1990er verstarb. Ging es primär um sie als Person oder ihre Arbeit?

»Sie war eine sehr enge Freundin, ich kannte sie seit meinem 14ten Lebensjahr. Man kann Tier- und Menschenrechte dabei gar nicht voneinander trennen. Viele behaupten, dass Tierschützer sich nicht um die Lebensbedingungen von Menschen scheren. Dabei suchen diese Leute nur nach einer Entschuldigung, dich zu attackieren und kümmern sich selbst am allerwenigsten um irgendetwas. Vor zehn Jahren war es gesellschaftlich absolut inakzeptabel, Pelze zu tragen. Heute ist das kein Konsens mehr. Als Tierschützer braucht man eine sehr dicke Haut, weil die anderen nicht diese Empathie haben. Überall wo du hinschaust gibt es Tierquälerei. Ob es nun Pelzträgerinnen im Bus sind oder der Blick in das Schaufenster einer Metzgerei oder ein auf den Boden geworfener Chicken Wing. Ich mache dafür nicht jeden einzelnen verantwortlich, so werden die Menschen einfach konditioniert.«

Wenn man nicht gerade bei Manowar oder Lordi spielt, kann man sich als Metaller gut von Pelzen fernhalten. Aber Lederjacken gelten als Headbanger-Insignien.

»Wobei ich über die Jahre auch hin und wieder Leder getragen habe. Ich bin eben nicht perfekt, selbst als Tierschützer nicht, auch wenn ich über die Jahre zum Hardcore-Aktivisten wurde. Ich bin auch nicht 100% vegan, manchmal lebe ich wieder nur vegetarisch. Daher zeige ich auch nicht auf Menschen, die ebenfalls nicht perfekt sind. Es gibt einige essentielle Unterschiede zwischen Leder- und Pelzbekleidung, aber letztlich stehen sie für das Gleiche.«

Letztlich auch als Trophäe, als Zeichen von Überlegenheit.

»Absolut. Es ist nichts anderes, als beispielsweise eine Krokodilkralle um den Hals zu tragen. Das ist für mich auch kein positives Statussymbol, sondern lässt den Träger nur dumm aussehen.«

Zurück zum Album: Bezieht sich der Titel „The Last Spire“ auf eine Totenglocke?

»Wahrscheinlich, denn ich habe mir beim Schreiben dieser letzten Texte vorgestellt, ich würde im Turm einer Kathedrale sitzen. Der letzte Ort, an dem ich für diese Band kreativ tätig werde. Es handelte sich dabei aber um eine Phantasie, nicht um das Abbild eines existierenden Raums. Ich kann mich problemlos in großen Kathedralen aufhalten, aber in kleinen Kapellen packt mich der Ekel. Der Geruch und die Atmosphäre machen mich körperlich krank. Nicht weil ich ein Satanist wäre – das bin ich nicht. Aber dort wird mir zu deutlich, wofür die Kirche wirklich steht.«

Ist der 'Tower Of Silence' also ein Kirchturm ohne Glockengeläut?

»Es ist ein Ort in deinem Inneren, ein Refugium vor dem ganzen Bullshit der Gesellschaft. Das Konzept der Anarchie hat nie funktioniert und es wird nie funktionieren. Also muss man in sich selbst einen Ort finden, an dem man es gedanklich realisieren kann. Es ist wie Meditation, der 'Tower Of Silence' ist deine spirituelle Heimat. Die meisten Songs haben im Kern so eine positive Botschaft. Ich bin keine unglückliche Person. Natürlich verspürt jeder mal Frust. Wenn man keine Möglichkeit hat, diese Stimmung auszudrücken, ist sie sehr schwer zu überwinden. „The Skull“ von Trouble ist eine der depressivsten Platten überhaupt, aber wenn man sie gehört hat, fühlt man sich besser.«

Bist du in den ganzen Jahren auf eine Band gestoßen, deren Songs du liebst, aber deren Konzept und Einstellung du radikal ablehnst? Gerade im Black Metal meinen viele, sie könnten differenzieren und auch Nazi-Bands nur um der Musik willen hören. Bestes Beispiel sind Burzum.

»Nazi Rock ist genauso wie christliche Rockmusik einfach scheiße. Burzum haben mir nie gefallen, dafür war ich früher mit Euronymous befreundet. Ich habe einen Punk-Background und wurde über die Jahre immer mal wieder für meine Einstellung inhaftiert. Das größte Problem, welche sich mit anderen habe, ist deren Ignoranz. Wer mit Faschismus flirtet, weiß nicht, was Faschismus bedeutet und welche Konsequenzen er hat.«

Lange bevor Euronymous sich radikalisierte und seinen eigenen Labelveröffentlichungen das „No Mosh No Core No Trend No Fun“-Logo verpasste, bezeichnete er sich in Fanzines als beinharter Napalm-Death-Fan. Gab es einen konkreten Konflikt als Auslöser für seinen plötzlichen Wandel?

»Als Euronymous zusammen mit Metallion und Necrobutcher England besuchte, wohnten sie erst bei mir und dann bei Bill Steer von Carcass. Damals hatte ich 15 pressfrische Kopien von „Deathcrush“ in meiner Wohnung und vertickte sie nach und nach für ein paar Bier in Pubs in Coventry. Jeder weiß, was die Teile heute wert sind. Wir rauchten viel gemeinsam. Euronymous wollte die Wohnung nie verlassen und so folgte ein Bong nach dem anderen. Irgendwann wollte er seiner Musik einen böseren Anstrich geben. Aber soweit ich es mitbekommen habe, stand er mehr auf sozialistische Diktatoren, die ich auch nicht für besser als Faschisten halte. Es ist beeindruckend, wie viele Idioten diesbezüglich von einem Extrem zum entgegengesetzten wechseln.«

Der schwarze Tod ist ein Synonym für die Pest, den roten Tod kennt man von E.A. Poe. Aber was ist der graue Tod in 'Infestation Of Grey Death'- das Alter mit seinen grauen Haaren und dem grauen Star?

»Es ist ein trostloser Tot. Als Kind war ich in Blackpool an der Nordküste Englands in viele Vergnügungsparks und besuchte Sehenswürdigkeiten wie den Blackpool Tower. Letztes Jahr war ich in der Mitte des Winters für einige Tage wieder dort und ich fühlte mich, als würde ich durch ein Mausoleum gehen. Die English Defense League, eine faschistische Partei, hatte dort eine Veranstaltung in einem Pub organisiert. Die Menschen sahen wie wandelnde Leichen aus. Das einzige, was sie tun um sich aus ihrem Dahinvegetieren zu befreien, ist Lottopsielen. Während sie darauf warten, dass irgendetwas ihr Leben verändert, stopfen sie den letzten Dreck in sich hinein. 'An Obervation' beschreibt verschiedene Perspektiven auf mein Leben. Die erste Strophe befasst sich mit Erlebnissen mit dem Okkulten, die ich in den 1990ern hatte und bei denen ich Dinge sah, die ich besser nicht gesehen hätte. Die zweite Strophe thematisiert meine Erfahrungen mit LSD und Acid. Letzteres spornt zunächst die Kreativität an, hemmt sie dann aber bei häufigerem Gebrauch nachhaltig und wirkt destruktiv. Glücklicherweise habe ich rechtzeitig Abstand davon nehmen können.«

Das Intro 'The Last Laugh' wirkt wie eine Persiflage auf Manowars 'Pleasure Slave', bei der Gelächter das ekstatische Gestöhne ersetzt.

»Ich kenne den Manowar-Song nicht, das war eine ungeplante Studiospielerei. Neben den vielen Supportern hatten wir über die Jahre auch einige heftige Kritiker. Es ist ein „Fuck you and goodbye“ an sie vor unserem letzten Albumsong. In 'This Body, Thy Tomb' geht es darum in einem fleischlichen Gefängnis gefangen zu sein. Alles, was du sein und erreichen willst, ist an die Restriktionen des Körpers gebunden.«

 

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Pic: Esther Segarra (Promo)

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