Online-MegazineInterview

MÄRVEL

„Schöne Hüte“

MÄRVEL

Die schwedische Rockszene boomt noch immer, und es schwimmen immer wieder talentierte Bands auf die Oberfläche. MÄRVEL haben zwar schon einige Alben auf der Habenseite, aber erst mit ihrem starken aktuellen Langspieler „Hadal Zone Express“ scheint das Trio vollends registriert zu werden. The King, The Vicar und The Burgher wurden von uns zum Interview geladen und sprachen mit Rock Hard u.a. über das neue Album, Wikipedia und ihre Alter Egos.

Ihr habt schon vier Alben herausgebracht. Warum hat die Rockwelt noch nicht mehr Notiz von euch genommen? Eine Verschwörung?

»Natürlich hat die Welt keine Notiz von uns genommen, weil wir unsere Gesichter mit Masken bedeckt haben (lacht). Ich schätze aber, dass Du eher die aktuelle Band meinst und in dem Fall denke ich, dass dies ein Mythos ist. Wir erhalten sehr viel Beachtung hier in Skandinavien und auch Deutschland war immer nett zu uns. Ich denke, dass dieses Empfinden daher rührt, dass wir nicht gerade die schnellste Band im Showbusiness sind und es schon einmal drei Jahre dauern kann, bis wir eine neue Platte aufnehmen. Natürlich besteht so die Gefahr nicht immer präsent in den Köpfen der Rockfans zu sein. Das versuchen wir jetzt mit „Hadal Zone Express“ und in Zukunft durch schnelleres Arbeiten zu ändern.«

Worin bestehen die Unterschiede zwischen „Warhawks Of War“ und „Hadal Zone Express“?

»Ich schätze, dass das neue Album eine größere musikalische Bandbreite zu bieten hat, als es bei „Warhawks Of War“ der Fall war. Es fühlt sich jedenfalls nicht falsch an D-Beats und Balladen auf dem gleichen Album zu haben. Wir sind für „Hadal Zone Express“ sehr viel im Proberaum gewesen und haben an den Songs gearbeitet, was viel Zeit in Anspruch genommen hat. Schlussendlich haben sich elf Songs herauskristallisiert, die unserer Meinung nach kompositorisch am besten klangen. Die Stücke haben es auf das Album geschafft. Unserer Meinung nach klingt das neue Album zudem erwachsener, vielleicht sogar etwas düsterer und das, obwohl wir nicht älter geworden sind. Man könnte auch sagen, die Platte ist wie ein Schlag ins Gesicht, gefolgt von einer Hand, die dich liebevoll streichelt.«

Hadale sind tiefste Graben auf dem Grund des Ozeans in denen kaum Leben möglich ist. Soll der Albumtitel suggerieren, dass es mit der Menschheit immer weiter bergab geht?

»Es gibt Dinge die in diese Richtung, aber auch in die entgegen gesetzte Richtung deuten. Die Hadale sind ein faszinierender Ort und man kann sie - auf eine künstliche Weise -  durchaus als Metapher für das gegenwärtige Leben auf der Oberfläche sehen. Die Lebensbedingungen dort unten sind rau, einige Spezies akzeptieren das jedoch nicht und leben weiter. Die Dinge sind nicht wirklich gut oder schlecht. Es ist eher eine Frage von Ursache, Wirkung und Interpretation. Wer wollen wir sein? Herbert Grönemeyer oder Großvater Kelly?«  

Was erwartet die Insassen des „Hadal Zone Express“ am Ende ihrer Reise?

»Wir möchten den Leuten keine Interpretationen geben, sie sollen ihre Phantasie einsetzen. Wenn ich aber eine Vermutung anstellen müsste, würde ich sagen, es ist wie durch die Tore der Hölle zu schreiten. Allerdings mit ein wenig mehr blau als gelb (lacht). Es würden überall riesige Feuerkaskaden zu sehen sein, die sich aber unter Wasser befinden. Große Tiefseekreaturen würden herumhängen und coole Musik hören. Sie wären glücklich, zugleich aber auch melancholisch. Der Zug würde dabei nicht anhalten und immer weiter spiralförmig in die Tiefe fahren. Ich möchte aber nicht die Vorstellungskraft der Leute beeinflussen. Alles ist möglich.«

„Hadal Zone Express“ hat einen basischen Sound und klingt sehr natürlich. So bekommt das Album fast schon Livecharakter. Ist es euch wichtig nur Sachen mit auf eine Platte zu nehmen, die man live auch genauso reproduzieren kann?

»Ja und nein, würde ich sagen. Als wir bereit für die Aufnahmen waren, gingen wir mit der Prämisse ins Studio, ein Album ohne diesen komprimierten Sound aufzunehmen. Wir haben uns für eine sehr strikte Arbeitsweise entschieden und nichts hinzu addiert, das nicht absolut nötig war. Es sind beispielsweise viel weniger Gitarrenspuren auf dem Album zu hören. Die Grundidee hierzu hatten wir allerdings schon bei den Proben, bei denen wir immer nach Möglichkeiten gesucht haben unsere Kompositionen kraftvoll klingen zu lassen, ohne viele Hilfsmittel zu benutzen. Gänzlich vermeiden ließ sich das natürlich nicht, aber es stand immer der Song im Vordergrund, so dass wir live keine Probleme haben sollten, die Songs zu performen.«

Habt ihr dieses Mal wieder mit Gastmusikern gearbeitet?

»Wir hatten in der Vergangenheit das Glück mit wirklich tollen Musikern zusammen zu arbeiten. Für dieses Album waren aber nur diese drei großartigen Musiker verfügbar: The King, The Vicar und The Burgher.«

Ihr habt euch für die Bühne Alter Egos zugelegt. Was wollt ihr mit den Figuren ausdrücken?

»Es geht um das Streben nach Macht. Wir sind The King, The Vicar und The Burgher. Sie stehen für die Kirche, das Königtum, die generelle Gier der Wohlhabenden und deren Streben nach Macht. Das Rückgrat ist hierbei die Kirche auf der einen Seite und die gierigen Reichen auf der anderen, die zwei Seiten einer Münze. Sie wollen beide das Gleiche, wählen dabei aber verschiedene Herangehensweisen. Das Königtum ist die dritte Variable in dieser Gleichung. Sie diktieren dir durch ihre Verhaltensweisen, wie du dein Leben gestalten sollst. Im Ernst, es geht uns nur um die schönen Hüte. Findest Du sie nicht schön? Sie machen was her und unterscheiden sich von den Hüten oder Masken anderer Bands.«

Doch, sicher. Warum habt ihr euch nach den ersten Platten ein neues Image zugelegt?

»Schwierige Frage. Ich sehe es eher als konstante Entwicklung, denn als Imagewechsel. Wir hatten durch Tonys Erscheinungsbild (The Vicar - cb) schon immer in irgendeiner Form mit Masken oder Maskerade zu tun. Während unserer Anfangszeit haben wir zudem eine Menge ausprobiert, bis wir zu unserem aktuellen Outfit vorgestoßen sind. Musikalisch würde ich meinen, dass wir über die Jahre etwas eleganter agieren ohne dabei das Gespür für High Energy Rock aus den Augen zu verlieren. Zumindest hoffe ich das (lacht).«

Die musikalischen Einflüsse von MÄRVEL reichen von den fünfziger bis hin zu den siebziger Jahren und streifen den Metal nur rudimentär. War nach 1979 musikalisch schon alles gesagt?

»Sicher. Hier in Schweden gibt es einen Typen, Lasse Holm, der einen Song über Pizza gemacht hat, was vorher und nachher nie wieder passiert ist. Warum das so ist? Das weiß nur Gott. Wenn wir Rock als etwas betrachten, das auf der Gitarre gespielt werden muss, ist nach 1979 wohl nicht viel Innovatives geschehen. Es gibt viele großartige Bands, die beeindruckende Songs geschrieben haben, aber die Hauptentwicklung in der Rockmusik ist doch eher enttäuschend verlaufen. Wenn man mit seiner Musik nicht zwangsläufig unter das Banner „Retro“ fallen möchte, ist es erforderlich, dass man wütend ist und jegliche Dynamik aus seiner Musik verbannt. Das ist eine sehr traurige Entwicklung, wie ich finde. Es gibt sicherlich einige neue Bands, die verschiedene Sachen miteinander verbinden, die es so vorher nicht gab und das liebe ich auch. Als Innovation geht aber auch das nicht durch.«

Ein großer Einfluss scheinen Kiss für euch zu sein. Ist es ein Ziel von MÄRVEL finanziell ähnlich erfolgreich und beliebt bei den Frauen wie Paul Stanley & Co. zu werden?

»Oh, der von Dir genannte zweite Punkt ist schon eingetroffen. Vor allem bei Frauen mittleren Alters kommen wir gut an, sie stehen total auf unsere Masken. Was den ersten Punkt hingegen angeht sind wir am Arsch. Gene Simmons (Kiss-Basser - cb) scheint schon auf alles ein Patent oder eine Marke angemeldet zu haben, das uns einfällt. Das ist ziemlich mies. Musikalisch hingegen kann man gegen ein Album wie „Rock And Roll Over“ rein gar nichts sagen, wobei Kiss aber kein Haupteinfluss von uns sind. Wir sind sehr open-minded und hören beispielsweise auch Sachen wie Toto, Dire Straits, alten britischen Punk, Black Sabbath, Europe, Judas Priest oder Northern Soul sehr gerne. Über die Musik hinaus werden wir auch von anderen Dingen beeinflusst, keine Frage.«

‚Dead Rock ‘n’ Roller‘ wartet am Ende mit einer Reminiszenz an Ian Gillan auf. Wie wichtig ist er, beziehungsweise DEEP PURPLE, für die Musik von MÄRVEL?

»Ich habe gerade ja schon gesagt, dass unsere Einflüsse mannigfaltig sind und Deep Purple gehören natürlich dazu. Vielleicht ist es beim neuen Album so, dass einige unserer Einflüsse, die schon immer vorhanden waren, einfach weiter in den Vordergrund getreten sind, als es früher der Fall war. Wir sind dieses Mal sehr verspielt an das Album heran gegangen und haben uns bemüht beim Komponieren - Achtung: Klischee! - über den Tellerrand zu gucken. Es freut mich zu hören, dass diese kleine Gillan-Hommage nicht unbemerkt bleibt.«

Generell kann man die Einflüsse auf „Hadal Zone Express“ bei einigen Songs sehr gut erkennen. Stört es euch nicht, dass man hier und da lesen kann, euch würde es an Originalität und Qualität mangeln?

»Natürlich würde uns das stören, aber ich habe ehrlich gesagt, bislang noch nicht gehört, dass es MÄRVEL an Qualität mangelt. Wir sind stolz. Vor allem, wenn uns die Leute mit den Hellacopters vergleichen und sagen, wir würden exakt so wie sie klingen. Für diese Lobhudelei sind wir dankbar. Auf der anderen Seite sind die Leute auch sehr engstirnig und habe schäbige Zähne (lacht). Für mich klingt jede ‚moderne‘ Rockband gleich, von daher denke ich, dass es immer auf die eigene Sichtweise ankommt. Wir spielen unseren eigenen Sound und wissen wer wir sind. Abgesehen davon legen wir nicht allzu viel Wert darauf als „originell“ betitelt zu werden. Uns geht es vielmehr um Spaß und gute Songs. Falls jemand außer uns diese Songs mag, prima. Das ist ein schöner Bonus.«

Wie wichtig ist Humor im Rock ‘n’ Roll? Ich habe zuweilen das Gefühl, dass sich viele Bands selbst zu ernst nehmen.

»Es gibt einige Personen die sagen, dass Humor nichts in der Musik verloren hat. Da sind wir aber komplett anderer Auffassung. Wir denken, dass es sehr wichtig ist Humor im Rock ‘n’ Roll zu haben. Zumindest sollte man in der Lage sein, sich zurückzulehnen und nicht alles zu ernst zu nehmen. Es gibt in der Musikszene genug Menschen, die keinen Humor haben und die größten Arschlöcher der Szene sind. Auf der anderen Seite soll es nicht heißen, dass wir unsere Musik nicht ernst nehmen. Sie nehmen wir sogar sehr ernst. Letztlich ist das der Grund, warum wir hier sind.«

Warum sind, eurer Meinung nach, gerade schwedische Rockbands die musikalische Speerspitze des High Energy Rock? Weiß der Rest der Welt nicht, wie man ordentlich rockt?

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wahrscheinlich, weil es in Schweden nichts anderes zu tun gibt, als sich mit seiner Gitarre hinzusetzen und zu spielen. Vor allem im Winter dürfte das der Fall sein. Vielleicht treibt uns die gleiche Macht an, die den schwedischen Death Metal an die Spitze der Szene gebracht hat. Wer weiß? Ich schätze aber, dass es ganz banal ist und wir einfach zeigen wollen, dass Schweden musikalisch mehr zu bieten hat als Abba (lacht). Unabhängig davon ist die schwedische Rockszene in den letzten Jahren tatsächlich explodiert und es scheint so, als würden jeden Tag irgendwo neue Bands auf der Bühne stehen. Es fühlt sich wirklich großartig an ein Teil dieser Szene zu sein.«

MÄRVEL haben keinen Wikipedia-Eintrag. Wie konnte das denn passieren?

»Schrecklich, oder? Es wird momentan daran gearbeitet, diesen Zustand zu ändern.«

Wo siehst Du MÄRVEL in zehn Jahren?

»Frei nach Alphavilles Motto : „Forever Young“. Wir hoffen, dass es uns noch möglich sein wird, einige coole Platten aufzunehmen und zu touren. Außerdem haben wir noch andere Projekte im Kopf und es schwirren einige interessante Ideen im MÄRVEL HQ herum. Eine von ihnen beinhaltet Overhead-Projektoren. Aber ich will nicht zu viel verraten.«

Wie werdet ihr das Album supporten? Mit einer Tour oder spielt ihr jobbedingt nur Einzelshows?

»Zunächst einmal werden wir unsere Jobs bei McDonald’s kündigen, damit wir uns vermehrt auf den Rock konzentrieren können. Mitte Mai haben wir zwei Releasepartys in Deutschland (Berlin, Marl), die wir in Kooperation mit dem Soulseller-Magazin veranstalten. Das wird bestimmt ein Spaß werden und ich freue mich schon darauf den Leuten von unserem Fanclub unseren Dank für ihre Treue aussprechen zu können. Des Weiteren werkeln wir an einem Video und unser tätowierter Manager Papa Bear arbeitet zudem an einem Tourplan für uns. Dafür solltet ihr unsere Facebook-Seite immer im Auge behalten. Liebt den Rock, Leute.«

 

http://www.marvel.nu/
https://www.facebook.com/marveltheband