Online-MegazineInterview

BEASTMILK

Post-Punk im Düsterland

BEASTMILK

Seit dem 29. November geht eine Combo aus Finnland mit ihrem Erstling „Climax“ in der Metal-Welt durch die Decke. BEASTMILK müssen sich aus dem Underground wohl endgültig verabschieden – und das, obwohl sie eigentlich nie einen Langspieler produzieren wollten. Welche Rolle bei diesem Meinungsumschwung früh schließende Bars, jede Menge Flüssigkeiten und harte finnische Winter spielen, erklärt uns Gitarrist und Gründungsmitglied Juho „Goatspeed“.

BEASTMILK - ClimaxJuho, euer Album „Climax“ steht seit vergangenem Freitag in den Läden. Bisher habt ihr einige ziemlich gute Reviews dafür eingefahren – zum Beispiel neun von zehn Punkten im aktuellen Rock Hard. Bist du mit dem Feedback zufrieden?

»Ja, das ist cool. Ich versuche allerdings, das nicht zu sehr zu verfolgen (lacht).«

Wie kommt denn das?

»Ich weiß auch nicht so recht. Ich freue mich, dass die Leute das Album mögen. Ich weiß ja, wieso es mir persönlich gefällt, aber ich versuche, nicht zu erfahren, wieso es anderen gefällt. Ergibt das Sinn? Es ist cool, dass die Scheibe bei anderen gut ankommt, aber ich versuche, diese Informationen nicht zu verwerten.«

Googelst du deine Band dann auch nicht?

»Nein, ich versuche, das sein zu lassen, haha!«

Trotzdem gibt es eine BEASTMILK-Facebook-Seite, auf der zu einer Release-Party in eurem Lieblings-Plattenladen in Helsinki eingeladen wurde. Vor Ort habt ihr nicht nur „Climax“ signiert, sondern den Fans auch Milch und BEASTMILK-Kuchen spendiert.

»Ja, das war echt klasse! Ehrlich gesagt war ich im Vorfeld eher skeptisch, aber es ist wirklich gut gelaufen. Der Laden hat an dem Tag alle BEASTMILK-Alben verkauft, die auf Lager waren, und es waren jede Menge Leute da. Ich hätte nicht erwartet, dass überhaupt jemand kommt, aber den Fans hat es sehr gut gefallen.«

Ihr beschreibt euren Musikstil als „apokalyptischen Post-Punk“, oder auch als „apokalyptischen Death-Rock“. Was genau darf man darunter verstehen?

»Diese Bezeichnung haben wir uns eines Abends ausgedacht, weil unser Label eine Beschreibung für die Aufkleber auf unserer Platte brauchte. Ich schätze, das war einfach das Erste, was uns eingefallen ist. Eigentlich bezieht sich das hauptsächlich auf unseren Sound, der zwar ein bisschen dreckig ist, aber auch ziemlich heftig. Ein bisschen wie die Explosion einer Atombombe.«

Wie kommt es, dass ihr euch so eingehend mit Themen wie der Apokalypse und der Endzeit beschäftigt?

»Ich glaube, die Menschen werden sich langsam darüber klar, dass das Ende möglicherweise naht, und das treibt die Leute irgendwie auch an. Wenn man davon ausgehen würde, dass wir für alle Ewigkeiten hier sein werden, dann säßen wir doch alle faul auf dem Sofa. Aber wenn du die Gewissheit hast, dass die Welt irgendwann aufhören wird zu existieren, dann stellt das eine viel größere Herausforderung für dich dar, etwas in deinem Leben zu erreichen und das Beste aus der kurzen Zeit zu machen, die dir auf dieser Erde beschieden ist.«

Ist es deiner Meinung nach ein bloßer Zufall, das so viel düstere Musik aus Finnland kommt – siehe zum Beispiel Sentenced, Swallow The Sun oder To/Die/For?

»(Lacht) Wenn du jetzt gerade hier in Finnland wärst, dann würdest du es sofort verstehen. Unsere Band wurde in genau dieser düsteren Winterzeit gegründet. Es ist den ganzen Tag lang dunkel. Im Moment versuche ich, den Tag zu verschlafen und meine Sachen abends zu erledigen, weil das sonst so furchtbar deprimierend ist.«

BEASTMILK werden oft mit Bands wie Killing Joke, The Cure oder auch Joy Division verglichen. Ich finde allerdings, dass ihr einen ganz eigenen Stil habt, den man nur sehr schwer in eine bestimmte Schublade stecken kann.

»Danke dir, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du unsere Musik originell findest. Ich persönlich finde es etwas zu simpel, uns einfach nur mit anderen Bands zu vergleichen. Ich kann verstehen, dass das vielleicht das Erste ist, was den Leuten in den Sinn kommt. Ich hoffe aber, dass sie sich unser Album anhören und feststellen, dass wir für die verschiedensten Einflüsse offen sind. Wir schreiben unsere Songs in so einer Art persönlichem Vakuum. Normalerweise setzte ich mich hin und nehme eine instrumentale Demo-Version eines Songs auf. Die schicke ich dann unserem Sänger Kvohst, und er schreibt den Text und die Gesangsparts dazu – und das war es auch schon. Hat irgendwie autistische Züge, nicht wahr? Wir reden eigentlich nicht viel darüber. Das ist eine ziemlich isolierte Sache.«

Soweit ich weiß, kam der Platten-Deal mit eurem Label Svart Records ziemlich überraschend. Fanden die Aufnahmen zu „Climax“ also in einer Nacht-und-Nebel-Aktion statt, oder hattet ihr die Songs bereits in der Hinterhand als es an die Produktion eures Debütalbums ging?

»Svart Records waren das einzige Label, an das wir unser Demo-Tape schickten. Zum Glück hat es ihnen gefallen und wurde als Seven-Inch-Platte veröffentlicht. Danach wollte das Label auch unsere nächste Scheibe veröffentlichen. Damals waren wir noch eine richtige Underground-Band und wollten ausschließlich Seven-Inches und Kassetten rausbringen. Aber dann entdeckte uns Kurt Ballou (Converge) und trat mit uns in Kontakt. Er sagte, dass er gern unser Album produzieren würde. Dabei hatten wir zu der Zeit gar nicht darüber nachgedacht, ein Album zu veröffentlichen, und waren deshalb ziemlich überrascht. Dann aber dachten wir: „Wieso nicht? Wenn so jemand, der jede Menge Erfahrung hat, Interesse daran zeigt, mit uns zusammenzuarbeiten, sollten wir es versuchen.“ Es war also nicht wirklich übers Knie gebrochen. Wir haben dieses Vakuum sehr genossen, das Arbeiten in unser eigenen Welt. Im Moment geht es bei uns ganz schön rund, von jetzt an werden die Dinge also ein bisschen anders ablaufen.«

Ich finde es übrigens ziemlich optimistisch, ein Debütalbum „Climax“ (dt.: Höhepunkt) zu nennen.

»Einer der anderen Namensvorschläge, die wir auf dem Tisch hatten, wäre „The End“ gewesen (lacht). Ich schätze, mit „Climax“ haben wir uns für den positiveren der beiden Titel entschieden. Ich finde, das ist ein guter Titel für ein Album. Er hat verschiedene Ebenen. Was ist eigentlich der Höhepunkt? Er ist das Ende, aber er ist auch ein neuer Anfang, eine Gelegenheit, etwas Neues zu tun, aber auch, etwas abzuschließen. Daraus kann man etwas lernen. „Climax“ ist genau der richtige Name für unser Album. Viel besser als „The End“, und nicht so eindimensional. „Climax“ hat sehr viele Schichten, so wie alles was wir tun, visuell, musikalisch und in unseren Lyrics. Einige Leute sehen und verstehen das, andere wiederum nicht. Letztere mögen für gewöhnlich auch unsere Musik nicht. Jeder muss für sich selbst herausfinden was sein persönlicher Höhepunkt ist.«

Welcher ist dein persönlicher Höhepunkt auf „Climax“?

»Hm, ich weiß nicht. Das hat mich bisher noch niemand gefragt. Im Moment proben wir die Songs für unsere Shows, und einige funktionieren und wirken live ganz anders als auf der Platte. Einige machen mehr Spaß, andere sind in Sachen Arrangement etwas schwieriger umzusetzen. Ich denke, 'Death Reflects Us' ist ein ziemlich guter Song. Er kommt live sehr schön rüber und klingt, wie ich finde, richtig cool.«

Stichwort Live-Shows: Stimmt es, dass BEASTMILK ursprünglich ein reines Studioprojekt waren?

»In gewisser Weise ja. Wir wollten eigentlich nie live spielen oder Alben veröffentlichen. Wir wollten auch nicht unsere Namen herausgeben, oder irgendwelche Promobilder verbreiten. Ich weiß nicht so genau, was dann passiert ist, aber irgendwie änderte sich diese Einstellung. Wir wollten also ursprünglich nicht unbedingt eine Studio-Band sein, aber eine Band, die keine Konzerte gibt. Wir hätten auch nicht gedacht, dass es wirklich Menschen geben würde, die Interesse an unserer Musik haben. Wenn das nicht passiert wäre, dann würden wir vermutlich immer noch Kassetten herausbringen (lacht). Ich finde es aber dennoch schön, dass die Musik für sich selbst spricht. Wir haben auch eigentlich keine weiteren Ziele als gute Songs zu schreiben und eine interessante Welt für sie zu erschaffen.«

Euer Sänger Kvohst hat mit Hexvessel noch eine weitere Band, und auch du bist in einer anderen Combo namens Rainbowlicker aktiv. War BEASTMILK anfangs also eher als Nebenprojekt gedacht?

»Ja, das hat sich einfach so ergeben als Kvohst gerade nach Finnland gezogen war. Er war zu dem Zeitpunkt sehr deprimiert und wir hingen gemeinsam in einer Bar rum. Wir fühlten uns beide furchtbar und suchten nach einem Weg, unsere negativen Gefühle zu verarbeiten. Und dann dachten wir: „Lass uns eine Band gründen und gemeinsam Musik machen!“ Dann machte die Bar zu und wir gingen nach Hause. Ich setzte mich sofort hin und schrieb die Instrumentalparts für eine Demo-Aufnahme. Die schickte ich Kvohst, und am nächsten Tag schickte er sie mir mit Text und Gesangsaufnahmen wieder zurück. So entstand der erste Song unseres ersten Demos – im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht.«

Gegründet habt ihr BEASTMILK 2010 – also erst vor drei Jahren. In dieser kurzen Zeitspanne seit ihr ziemlich weit gekommen. Wie drastisch, wenn überhaupt, hat sich dein Leben seither verändert?

»Derzeit ist die Menge an Promo-Arbeit ziemlich überwältigend. Eigentlich ist die Musik für mich ja nur ein Hobby. Ich habe zwar schon immer Musik geschrieben, aber die habe ich größtenteils für mich behalten. Und jetzt interessieren sich plötzlich so viele Leute für unsere Songs. Es ist schon ein bisschen merkwürdig, sich auf einmal im Radio zu hören oder in einer Zeitschrift zu entdecken. Das fühlt sich ehrlich gesagt irgendwie seltsam an. Ich bin wirklich schlecht in Sachen Zeiteinteilung, und jetzt, da wir so viele Dinge planen müssen, wird das sogar noch schlimmer, haha.«

Euer erstes Demo „White Stains On Black Tape“ ist inzwischen vollkommen ausverkauft. Nicht mal bei eBay findet man das gute Stück noch. Habt ihr mal darüber nachgedacht, es erneut zu veröffentlichen, jetzt, da das Interesse derart gewachsen ist? Oder wollt ihr das Frühwerk lieber im Dunklen lassen?

»Nein, ganz und gar nicht! Ursprünglich haben wir nur 100 Kassetten davon veröffentlicht, die waren recht schnell vergriffen. Dann brachten Svart Records ein Re-Release auf Vinyl heraus, das den Titel „White Stains On Black Wax“ trug, und auch das ging weg wie warme Semmeln. Wir wollen das Demo also tatsächlich noch einmal veröffentlichen – eigentlich sogar beide unserer EPs. Es gibt gar keinen Grund, sie in der Versenkung verschwinden zu lassen, denn das ist wirklich coole und ehrliche Arbeit: Nur ein paar Mikrofone in unserem Proberaum, und wir nahmen das Ganze an einem einzigen Tag auf. Ich mag die Atmosphäre sehr.«

Die nächste Frage hast du vermutlich schon einige Male gehört, aber da ihr in Deutschland Newcomer seid, stelle ich sie trotzdem: Wie kamt ihr darauf, eure Band BEASTMILK zu taufen?

»Als wir über einen Bandnamen nachdachten, war ich gerade richtiggehend besessen vom Thema Flüssigkeiten. Ich dachte darüber nach, wie verschiedene Flüssigkeiten die Beziehungen in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Die unterschiedlichen Schichten einer Gesellschaft sind mit verschiedenen Flüssigkeiten verbunden. Nimm zum Beispiel Blut, Muttermilch, Wasser, Alkohol, Öl – all diese Flüssigkeiten haben für die Menschen verschiedene Bedeutungen und treiben sie auf unterschiedliche Art an. Ohne Flüssigkeiten würden wir gar nicht existieren. Muttermilch ist die Verbindung zum Kind, das es zu ernähren gilt, und steht dafür, einen neuen Menschen auf dieser Erde zu erschaffen. Öl dagegen ist im Moment eine eher negative Sache, weil es auf zerstörerische Weise eingesetzt wird. Blut läuft durch die Venen eines jeden Menschen, hält uns am Leben und treibt uns an. Das wilde Tier („beast“) wirft die Frage auf, wer eigentlich diese Kreatur ist, und auf welcher Ebene. Gibt es nur ein Biest oder mehrere? Nur ein Denkanstoß.«

Hui, das ist ja ganz schön tiefgehend!

»Ja, es ist ziemlich lustig, wenn die Leute davon ausgehen, dass BEASTMILK nur ein einfaches Wortspiel ist. Ich bin sehr stolz auf unseren Bandnamen und stehe voll und ganz dahinter. Vielleicht machen unsere Texte und die Welt unseres Albums auch viel mehr Sinn, wenn man sie im Kontext des Bandnamens betrachtet und darauf achtet, wie alles zusammenhängt.«

Eine Frage zum Abschluss: Wann können wir BEASTMILK live sehen?

»Es gibt da einige Pläne. Gerade erst wurde bekanntgegeben, dass wir die Doomriders auf ihrer Europa-Tour im Mai supporten werden. Ich glaube, es gibt vier Termine in Deutschland. Wir spielen in Köln (06.05.14), Berlin (07.05.14), Leipzig (09.05.14) und München (10.05.14). Es könnte auch noch ein paar weitere Konzerte geben, aber das sind die bisher bestätigten.«

Wir drücken euch die Daumen für die Tour. Vielen Dank fürs Interview!