Online-MegazineInterview

AVATARIUM

Kenne deine Limits

AVATARIUM

Nachdem im Interview in ROCK HARD Vol. 319 vor allem die Bandgründung und das erste Album von AVATARIUM im Mittelpunkt standen, kommentiert Leif Edling in der Online-Ergänzung unter anderem seine momentane Top-5-Album-Playlist, schimpft über blasphemische Vinyl-Reissues und träumt von einem Lebensabend unter Gleichgesinnten.

Leif, Die Sweden-Rock-CD-Beilage, bei der Candlemass und Entombed sich gegenseitig covern, wird schon für Horrorpreise auf Ebay angeboten.

»Das ist lächerlich. Ich habe auch nur ein Exemplar, und weil ich kein Abonnent bin, habe ich ihr Büro kontaktieren müssen und nach einem Heft mit CD gefragt. Das Cover ist okay, aber AVATARIUMs Interpretation von 'War Pigs' ist um Längen besser. Ich mag auch die Version von Faith No More und nicht zu vergessen die von Sacred Reich – war die nicht auf dieser „Surf Nicaragua“-EP?«

Exakt. In 'Moonhorse' hast du als Texter die Rolle eines fiebernden Kindes eingenommen. Warst du in deiner eigenen Krankheitsphase unsicher, ob du überleben wirst?

»So dramatisch war es nicht. Der Junge weiß im Fieber nicht, was mit ihm passiert, daher diese aus Erwachsenensicht albernen Fragen und Phantasien. In der Songmitte ist dieses 'Sabbath Bloody Sabbath'-Riff, über das Jennie-Ann singt. Eigentlich endete der Song mit dem Akustik-Vers nach dem ersten Heavy-Part. Später habe ich das Finale mit dem Dreiminutensolo und auch weitere Textzeilen hinzugefügt. Erst da stand fest, dass das Kind im Sterben liegt und bereits in der Übergansphase zum Land der Mondpferde, mit denen es spielen kann. Wo auch immer das ist.«

Gibt es in Stockholm einen Wald oder einen Park, in dem sich Liebende umbringen, wie in 'Boneflower' besungen?

»Der bevorzugte Ort für Selbstmörder allgemein ist eine wirklich hohe Brücke hier in der Nähe. In Stockholm gibt es auch einen Park, in dem die Leute ihre verstorbenen Haustiere begraben. Aber ein so romantischer Ort wie in dem Song existiert hier meines Wissens nach nicht. Die Liebenden in dem Song wollen gemeinsam einen besseren Ort aufsuchen.«

Es ist also euer „Romeo und Julia“. Traurige Musik zu komponieren und zu spielen schien für dich immer kathartische Wirkung zu haben. Sind dir Subgenre wie Funeral Doom oder Suicidal Black Metal hingegen zu nah an der Realität und Umsetzung?

»Heutige Musik hat zu viele Klischees. Man erwartet, dass alle deprimiert oder böse sind. Musiker und Fans versuchen, ihr Optimalbild eines Doom-Rockers oder Black Metallers zu erreichen. Sie nehmen sich zu ernst. Ich wuchs mit Black Sabbath auf, und bei ihnen hast du einige Downer-Texte, aber auch sehr wache Lyrics, in denen Geezer beispielsweise den Vietnam-Krieg oder Verschmutzung der Meere und der Luft thematisierte. Und man sieht sie auf allen Fotos in den 1970ern lachen. Das gibt es heute nicht mehr. Heute gucken alle entweder vor oder im Proberum, im Wald, an einem Cliff oder einer Fabrik grimmig. Das ist lächerlich. Egal, ob man das Sweden Rock, Terrorizer oder Rock Hard aufschlägt – überall dieselben Fotos. Wie langweilig!«

Was hältst du dann von einer Band wie Watain, die wirklich fanatisch etwas verkörpern, was andere nur als oberflächliche Klischees reproduzieren?

»Sie sind wirklich besessen davon, aber es erschreckt mich nicht – ich kenne die Jungs. Nicht innig, aber ich war bei ihnen im Wolflair und wir hatten einige Drinks. Sie nehmen ihre Musik 120% ernst, dafür respektiere ich sie. Auch wenn Black Metal für mich weiter enorm viele Klischees enthält. Niemand will ernsthaft im Chaos leben, in ewiger Dunkelheit. Wie viel Spaß macht das schon? Echter Satanismus bedeutet, Kraft aus sich selbst zu ziehen, ist sehr egoistisch. Es kann bedeuten, eine einflussreichere Position in seinem Job zu bekommen oder das hübsche Mädchen zu treffen, das man an der Bushaltestelle sieht. Mehr Geld zum Ausgeben haben. Das alles kann ein guter Lifestyle-Coach auch aus dir herausholen. Es geht darum, sich selbst zu pushen. Dieses ganze Gelaber „Wenn das Chaos herrscht, werde ich der Boss sein“ – nein, wirst du nicht, du bist eins der ersten Opfer, weil Stärkere dir in den Arsch treten werden. Ich respektiere Watain, weil sie ihre Musik absolut ernst nehmen und liebe Ghost aus einem anderen Grund: Sie haben ein brillantes Image, welches auch etwas Ironisches hat. Sie wirken enorm auf Fotos und der Bühne und ich kann nur applaudieren, weil die Musik ebenfalls brillant ist. Manche halten das Papst-Outfit und die Nameless Ghouls für lächerlich. Ich beschäftige mich grundsätzlich nicht mehr mit den Texten anderer Bands, weil sie zu 99,9%  Schrott sind. Mir reicht gute Musik. Ghost habe etwas kreiert, das sehr clever, sehr smart und vor allem sehr gut ist. Niemand hat bisher einen Mix aus Mercyful-Fate- und Alice-Cooper-Riffs mit Pop gewagt. Wer so etwas Originelles mit vielen Hooks und Melodien kreiert - fuckin hell. Ich bin Ghost-Fan.«

Carl Westholm spielt auf eurem Album auch Theremin. Besitzt er selbst eins?

»Einen Ribbon Controller, ja. Er ist der Doktor... «

Also studierter Musiker?

»Wir waren letztes Wochenende zum Abendessen bei ihm und er meinte, er habe an dem Tag drei Bypässe gelegt. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er im OP Musik hört, aber ich war nie dort. Hoffentlich muss er mir keinen Bypass verpassen. Aber ich würde ihm 100 % vertrauen, er ist einfach in allem, was er tut im positiven Sinne ein Nerd. Er arbeitet in einem der großen Stockholmer Krankenhäuser und bekommt auch Forschungsgelder. Kürzlich wurden neue Erkenntnisse zur Herzmedizin von ihm in „Science“ publiziert (wer als medizinischer Laie mal so richtig gar nichts verstehen will: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0894731713003775 - Anm. d. Verf.). Er hört eigentlich nur Jazz und progressives Zeug wie Genesis, keinen Metal. Für ihn passte das Theremin einfach bei 'Lady In The Lamp', genau wie das Mellotron-Solo am Ende von 'Boneflower'. Er diskutiert so etwas auch nicht, sondern schickt mir einfach seine Ideen und es klingt fantastisch. Genauso wie sein Moog-Solo bei Candlemass. Er hat immer Überraschungen auf Lager. Bei Candlemass kontrolliere ich ihn etwas mehr, bei AVATARIUM hat er freie Hand. Er ist ein Genie, wenn es um analoge Tastensounds geht.«

Sind Rainbow auch bei AVATARIUM ein wichtigerer Einfluss als Uriah Heep?

»Klar, das Solo am Ende von 'Lady In The Lamp' - das ist doch Richtie, oder? Uriah Heep findet man auch, aber nicht so offensichtlich. Während ich die Songs schrieb, habe ich auch viel Alice Cooper gehört.«

Magst du auch die Alben aus seiner Deliriumsphase in den frühen 1980ern, oder seine Wiedergeburt im Desmond-Child-Korsett?

»Nur die 70er Alben, es gibt auch vieles von ihm, was ich nicht mag. „Killer“ und „Muscle Of Love“ sind fantastisch, mein Lieblingsalbum ist „Billion Dollar Babies“, neben „Welcome To My Nightmare“. Die spätere Phase interessiert mich nicht wirklich. Der neue Teil von „Welcome To My Nightmare“ ist auch wirklich schrecklich.«

Okay, die würde also nicht in deine Playlist kommen.

»Ich kaufe mir ohnehin eigentlich nur Veröffentlichungen aus dem Backkatalog und kann erzählen, was ich letzte Woche in Kanada erstanden habe. Dabei kaufe ich mir kaum Wiederveröffentlichungen und bin besonders erzürnt über die Back-On-Black-Pressungen. Sie hauen beim Remastern viel zu viel Bass rein und ruinieren die Aufnahmen dadurch.«

Und das aus dem Munde eines Bassisten...

»Ich will einfach einen guten Sound. „Holy Diver“ haben sie so ruiniert, dabei hat das Original einen umwerfend guten Sound und Mix. Solche Alben haben keinen überfetten Bass, weil sie ihn nicht brauchen. Ich habe mir auch die Back-On-Black-Version von Uriah Heeps „Demons And Wizards“ gekauft und war so enttäuscht , dass ich wieder zum Plattenladen zurückging und mein Geld zurückforderte, was ich auch bekam. Sie haben nicht nur zu viel Bass addiert, sondern die ganze Produktion matschig klingen lassen. Der Originalmix ist kristallklar. Das Album endet eigentlich mit 'Paradise'/'The Spell', einer superben Mini-Oper. Sie haben jetzt 'Paradise' genommen und damit die B-Seite des Doppelvinyls beendet. Seite C beginnt mit dem Piano aus der Mitte, also 'The Spell' (summt – Anm. d. Verf.). Ein fantastischer Song, und die haben ihn zerstückelt, weil sie Bonustracks auf den Rest der Seite und die komplette D-Seite packen mussten, die einfach Müll sind. Aber mit Boni verkauft man eben mehr. Sie haben dafür ein Meisterwerk zerfleischt. Ich glaube nicht, dass Uriah Heep überhaupt davon wissen. Ich bin mir sicher, dass Ken Hensley und Mick Box ausrasten und David Byron sich im Grab umdrehen würde. Was für Idioten, elende Metzger. Das war mein letzter Back-On Black-Kauf. So geht man nicht mit historischen Schätzen um.«

Du hast also hunderprozentige Kontrolle über deinen Katalog mit allen Bands?

»Das dachte ich zumindest, bis ich diese Woche mitbekam, dass Peaceville bald „Tales Of Creation“ neu auf 150 Gramm-Vinyl auflegen. Bei „Epicus...“ und „Ancient Dreams“ kontaktierten sie uns. Ich konnte mit ihnen daran arbeiten, schrieb Liner Notes. Wäre es wie bisher gelaufen, hätten sie ein paar unveröffentlichte Fotos bekommen können. Es wäre schön, über so was informiert zu werden und zu kooperieren. Davon abgesehen habe ich alles unter Kontrolle. Wenn ich bei einem Label oder Verlag arbeiten würde, wäre ich auf der Seite der Künstler. Ich bin seit fast 35 Jahren in diesem Business und mache immer noch neue Erfahrungen, auch wenn ich dachte, wir hätten jeden Fehler des großen Buchs mindestens einmal begangen. Man glaubt auch, dass man daraus lernt und sie nie wieder macht. Irrtum, Schnauze halten –nächste Woche wird das Gleiche passieren. Es gibt keine Möglichkeit, in diesem Geschäft Fuck-ups zu vermeiden. Frag irgendwen danach, es wird jeder bestätigen. Man lernt nur die Temperatur etwas herabzudrehen.«

Deine Memoiren würden also eher in eine Richtung Business-Fibel gehen, statt Exzesse abzuarbeiten?

»Ich würde gerne die Geschichte von Candlemass zu Papier bringen. Da waren wirklich nicht so viele Drogen, Chicks und Sex, wie es in allen anderen Büchern auf dem Markt beschrieben steht. Dafür sind wir durch sehr viele tiefe Täler gegangen und es ist interessant, wie hart es sein kann, in einer eigentlich ganz erfolgreichen Band zu sein und zu versuchen, das alles funktioniert.  Einige Lacher hätten wir auf jeden Fall auch dabei. Aber Musik zu schreiben ist wichtiger.«

Vermisst du es Lead-Sänger zu sein?

»Oh nein, wenn man mit Koryphäen wie Jennie-Ann, Mats Levén oder Robert Lowe arbeitet, hat man die Besten ihres Fachs um sich. Man muss einfach realisieren, wo die eigenen Stärken liegen. Ich lese gerade das Buch von Martin Popoff über die Scorpions. Uli Jon Roth ist ein Gitarrengott, aber er kennt seine Grenzen nicht und bestand darauf, zu singen (lacht).«

Hast du also bei Trilogy das Handtuch geworfen, weil du dir deiner Limits bewusst wurdest?

»(grübelt) Nein, sie wollten etwas anderes und warfen mich raus. Daraufhin gründete ich Nemesis und konnte meine eigenen Songs schreiben. Ich bin kein Sänger, sondern Songschreiber und ein ganz passabler Bassist. Aber wir sind abgeschweift, es ging um die Top 5. Gestern erst hab ich die neu gekauften Alben in meine Sammlung einsortiert, da komme ich jetzt mit dem Telefon nicht ran. Aber ein paar sehe ich von hier. Darunter ist „Not Fragile“ von Bachmann-Turner Overdrive. Weil ich in Kanada war, habe ich die dortige Pressung mit dem Prägecover. In Schweden habe ich es trotz jahrelanger Suche nicht gefunden. Außerdem habe ich mir Budgie gekauft, „Bandolier“ . Ein exzellentes Album, die amerikanische Pressung hat einen tollen Sound. Dann das selbstbetitelte Debüt von Captain Beyond, dessen US-Pressung man in Schweden auch selten findet, und „Salisbury“ von Uriah Heep, die rote US-Version ohne 'Bird Of Prey', dafür aber 'Simon The Bullet Freak'. Die Songreihenfolge ist auch anders, 'High Priestess' macht den Opener.«

Uriah Heeps 'Bird Of Prey'  ist in E-Dur – euer gleichnamiger AVATARIUM-Song in E-Moll?

»Nein, es müsste D sein... Und dann hab ich mir noch etwas gekauft, was ich von hier nicht sehe. Eine Wiederveröffentlichung vom Culpeper’s Orchard Debüt aus dem Jahre 1970, einer sehr guten dänischen Band. Die einzige Person, die begeistert darüber redet, ist Mikael Åkerfeldt.«

Dessen Sammlung alle genannten Alben in allen möglichen Ausführungen umfassen wird...

»Plus einige Tausende, dir ich mir nie werde leisten können. Ich trank vor ein paar Wochen Wein bei ihm und er legte diese ganzen phantastischen Alben auf, die du anderswo nie zu Gesicht bekommst. Er gibt auch mal 2000 Euro für eine einzige Platte aus. Ich könnte dort wochenlang sitzen und einfach nur Musik hören. «

Ihr solltet im Alter eine WG aufmachen, statt in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Dann habt ihr Zeit dafür.

»Ein Kumpel von Mats Levén denkt über ein Altersheim für Rockmusiker nach. Wenn er das umsetzt, reserviere ich mir einen Platz. Da sitzen dann alte Bastarde und lassen sich zu Hardrock- und Metal-Klängen von sexy Krankenschwestern Drinks servieren. Florida wäre dafür gut geeignet, aber ich ließe mir auch ein nettes Eckchen in Schwedens Natur dafür gefallen. Und jetzt brauche ich dringend einen Erkältungstee.«

 

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