Online-MegazineInterview

RED DRAGON CARTEL

Kein Bock auf Kompromisse

Vollgepackt mit Ideen und Erinnerungen aus seinem 15-jährigen Hiatus wirkt „Red Dragon Cartel“ eher wie eine Soloplatte denn wie das neue Bandprojekt von Gitarrenlegende Jake E. Lee. Die gleichnamige Band entstand während der Albumproduktion – ein Blick zurück und nach vorn.

Jake, unter Gitarristen bist du eine lebende 80er-Jahre-Legende. Du hast unter anderem „Bark At The Moon“ (1983) mitgeschrieben und mit Ratt, Dio und Ozzy gespielt. Wie erinnerst du dich an die Zeit als – finanziell gesehen – noch alles ziemlich rosig in der Musikindustrie aussah?

»Als ich mit Ratt gespielt habe, gab es kein Geld. Das war irgendwann 1981 oder so, bei Ozzy hatte ich es natürlich gar nicht mehr in der Hand – Sharon hat die ganze Sache organisiert und wir mussten im Prinzip immer machen, was sie sich gerade so einfallen ließ. Ich habe das nicht immer mit mir machen lassen und hatte ein paar Diskussionen mit ihr. Ich erinnere mich, dass wir in der ersten Woche, die ich in der Band war, in England waren und Kerrang! ein Weihnachtsposter von Ozzy machen wollten. Also fragten sie, ob wir uns alle nackt ausziehen, Nikolaus-Mützen aufziehen und die Instrumente vor uns halten könnten. Ich habe mich geweigert, weil ich nicht wie ein Idiot aussehen wollte. Ich wollte nicht, dass das meine Präsentation gegenüber der Welt ist: „Hier bin ich: der Gitarrist. Ich bin nackt und trage eine Nikolaus-Mütze“. Solche Sachen habe ich nicht mitgemacht. Ein anderes Mal sollte es ein Poster geben, auf dem Ozzy auf einem Thron sitzt und eine Krone trägt. Sharon wollte, dass ich seinen Ring küsse und auch da habe ich mich geweigert und sie war da nicht sehr glücklich drüber. Solche kleineren Vorfälle gab es, das meiste Geschäftliche hat aber Sharon gemacht, ich war also abgeschirmt davon und hatte keine Wahl – nun habe ich allerdings übers Erzählen den Faden verloren.«

Wir sprachen über Geld in der Industrie. Wie hat sich die Situation für dich seitdem verändert?

»Wir haben natürlich heutzutage viel weniger Geld für alles. Als wir damals das erste Badlands-Album gemacht haben, hat das eine Viertelmillion Dollar gekostet und selbst damals haben wir noch Geld aus der Marketing-Kampagne genommen um es fertig zu produzieren. Das war einfach Standard – es kostete mindestens 150.000 Dollar ein Album aufzunehmen. Wir haben im Studio herumgesessen, Pizza gegessen und Geschichten erzählt und irgendwann haben wir auch mal was aufgenommen, ohne Eile aber, es war ja genug Geld da. Dann wurde die Luft allerdings schnell dünner, als ich noch in Badlands spielte. Vielleicht war das sogar eine Wendung zum Guten – eigentlich ist es ziemlich lächerlich, so viel Geld für ein Album auszugeben. Heutzutage ist das Budget echt knapp bemessen. Momentan touren wir mit sieben Leuten in einem Van und ziehen einen Trailer hinter uns her – wir fahren teilweise 12 Stunden zwischen den Gigs. An so etwas erinnere ich mich nicht aus den Achtzigern (lacht). Andererseits hat Leiden auch einen Zweck. Ich weiß aber nicht wie lange ich das durchhalte, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.«

Das ist natürlich die naheliegende Frage: Du hast dich damals nach Badlands freiwillig aus der Industrie zurückgezogen, Touren werden sicherlich nicht einfacher sein. Wenn deine Gesundheit stabil bleibt, wie lang machst du die ganze Sache dann dieses Mal mit?

»Das ist tatsächlich eine gute Frage. Das weiß ich ehrlich nicht, ich lebe das Ganze momentan von Tag zu Tag. Es ist hart und wenn es zu krass wird, naja, ich brauche das alles hier nicht. Ich spiele gerne, auch live. Alles dazwischen ist etwas anstrengend. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen brauche ich aber diese Publicity nicht. Ich muss nicht von irgendwelchen Leuten geliebt werden, so unsicher bin ich nicht. Es reicht mir, wenn ich zu Hause bin und meine Freunde mich mögen. Solange ich die Gesamtsituation hinnehmen kann – und hoffentlich wird die besser, denn die erste Tourhälfte in Amerika war bisher ziemlich brutal – oder sie einfacher wird und nicht meine mentale, physische und spirituelle Gesundheit gefährdet, solang ich also froh bin zu leben, mache ich es. Sobald ich mich schlecht fühle oder das Spielen zu einem Moment wird, der mich unglücklich macht, dann höre ich auf. Ich muss das nicht tun. Für mich hängt alles daran, wie zufrieden ich bin und ich bin auch außerhalb des Scheinwerferlichts glücklich, wenn ich nicht spiele. Okay, vielleicht nicht genauso glücklich, aber zumindest fast so zufrieden! Wieder mit einer Band Musik zu machen, hat also keine Priorität für mich. Ich weiß, all das klingt wie etwas, das ich vermutlich nicht sagen sollte – aber ich bin nur ehrlich. Mein Management wird das vermutlich lesen, anrufen und fragen: „Was zur Hölle hast du da erzählt?“ (lacht).«

Hat diese Bescheidenheit, dieses Desinteresse an Ruhm, eigentlich damals deine Karriere gekillt?

»Das ist eine interessante Frage (lacht). Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich weiß nicht, ob Bescheidenheit Karrieren zerstört. Was meine Karriere in den Sand gesetzt hat, war wohl eher die Tatsache, dass ich überhaupt kein Respekt für das Musikbusiness habe. Jeder, der mal darin gewesen ist, weiß, dass es voller Haie ist, Leuten, die Dinge unter der Hand regeln, die dich verraten – und ich kann das wirklich schlecht tolerieren. Mir gefällt es nicht, dieses Spiel zu spielen, aber du musst es tun, wenn du mit den großen Fischen schwimmen willst. Dann will ich lieber keine große Karriere haben und sage jemandem, der meine Karriere gefährden könnte, ins Gesicht, dass ich nicht mit ihm arbeiten will. Ich weiß nicht, ob das Bescheidenheit ist, denn ich fände es furchtbar, wenn Bescheidenheit eine Karriere ruinieren könnte – aber das ist wirklich eine interessante Frage. Vielleicht hast du sogar Recht, ich bin mir nicht sicher.«

Wir haben ja schon über Bandchemie gesprochen. Du hattest das Glück, dass du dir diesmal deine Bandkollegen aussuchen konntest – sie haben bei dir vorgespielt, nicht umgekehrt. Wie stehst du also zu deinen neuen Bandkollegen? Ist das jetzt die ideale Besetzung oder zumindest eine, mit der du arbeiten kannst?

»Wow, diese Frage könnte mich echt in Schwierigkeiten bringen! (lacht) Es ist eine super Band und wir kommen alle miteinander klar. Ich liebe die anderen auf einer persönlichen Ebene – und das ist prima. Ich wurde oft gefragt, ob ich nicht in einer von diesen – Leute nennen sie Supergroups – spielen will – mit einem berühmten 80er-Jahre-Sänger, einem berühmten 80er-Jahre-Schlagzeuger und einem berühmten 80er-Jahre-Bassisten. Ich habe mich immer geweigert. Es macht einfach keinen Spaß mit Leuten in einer Band zu sein, die man nicht leiden kann. Ich habe Freunde, die in solchen Bands waren. Das macht keinen Spaß. Ich verstehe warum Eddie und David Van Halen aufgelöst haben – oder eher warum Eddie David abgeschossen hat – denn, ich will ihm jetzt nichts in den Mund legen, aber er hat mir persönlich gesagt, dass er David Lee Roth nicht ausstehen konnte. Es macht keinen Spaß in etwas festzustecken, wo du jeden Tag mit jemandem verbringen musst, den du nicht magst. Wichtiger als alles andere war, dass ich die anderen in der Band mag. Die zweite Priorität war, dass sie ihren Job gut machen, und das tun sie. Wir sind immer noch eher eine Babyband, was unsere Spielerfahrung angeht. Mit Badlands sind wir damals zusammengekommen und haben einfach gejammt für vier oder fünf Monate und konnten uns so musikalisch kennenlernen. Mit dieser Band war es anders – wir hatten ein Album und zum Schluss eine Band, die wir drumherum gebaut hatten. Aber erst vor einigen Monaten haben wir zum ersten Mal zusammen gespielt. Wir arbeiten also noch daran uns musikalisch aufeinander einzustellen. Es wird mit jeder Show besser – du hast sicherlich Ausschnitte von der Show im Whisky A Go Go gesehen...«

Die bereits berüchtigt ist...

»(seufzt) Ja, berüchtigt und legendär – wenn auch aus den falschen Gründen. Ich bin froh, dass ich zumindest anderen eine Lehre sein kann für andere, die auch ein Comeback anstreben.«

Was ist eigentlich schief gelaufen?

»Alles. Zum Teil war das Management Schuld. Sie haben mich nie gefragt, ob ich Shows spielen will – ich ging auf unsere Webseite und habe dort von den Terminen erfahren, an denen wir auftreten. Ich wollte, dass die Band vorher einen Monat Zeit  zum Proben hat, bevor wir zum ersten Mal auf die Bühne gehen. Das war aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Zwei der Jungs sind Kanadier und konnten aufgrund von Visa-Problemen lange nicht einreisen. Wir konnten vor der ersten Show im Whisky A Go Go nur dreimal zusammen spielen. Das waren lange Nächte – wir haben jeweils acht oder neun Stunden lang gespielt und unser Bestes versucht ,alles auf die Beine zu stellen. Es sah aus, als ob wir es schaffen könnten und wir haben einfach hoch gepokert. Aber ungefähr alles, was schief gehen konnte, ging auch schief (seufzt entnervt).«

Auch, weil euer Sänger Darren James Smith betrunken war, oder?

»Ja, war er. Er hatte sich auf dem Flug nach Vegas erkältet. Er dachte es wäre warm in Vegas, denn das ist es normalerweise auch. Im Sommer ist es sehr heiß, aber jetzt haben wir Winter und die Temperaturen sinken auf 20 Grad Fahrenheit (unter 0 °C – ln). Er hat sich also erkältet und Ron (Ronnie Mancuso, b. - ln) gab ihm Medizin, die verschreibungspflichtig war. Er war ein wenig nervös, trank vorher einige Kurze, und als wir auf die Bühne kamen, war er sturzbetrunken.«

Ist es auf der anderen Seite nicht aber auch witzig eine solche Story zu haben? Nicht viele Bands starten so in ihre (Comeback-)Karriere.

»Ja, und tatsächlich hat uns das so auch viel mehr Aufmerksamkeit beschert, als wenn wir gut gespielt hätten. Wäre der Auftritt gut gelaufen, wäre es eine Fußnote gewesen: „Ja, Jakes Band hat gespielt, klang ziemlich gut“. Das hat uns viel mehr Aufmerksamkeit beschert, was nicht unbedingt eine gute Sache war, aber das ist die positive Seite, auf die wir uns jetzt zu konzentrieren versuchen. Außerdem werden wir nie wieder eine so schlecht Show spielen! (lacht) Es kann nur besser werden.«

Sprechen wir ein wenig über das Album und den gleichnamigen Bandnamen: RED DRAGON CARTEL – wo stammt der her?

»Ich wünschte ich könnte dir dazu eine bessere Geschichte erzählen. Tatsächlich saßen wir herum und haben versucht einen Bandnamen zu finden. Und Kevin Churko, der ausführender Produzent auf dem Album war, sagte: „Wie wäre es mit Red Dragon Cartel?“, und ich dachte: „Wow, das ist ziemlich cool“. Ich war ein wenig fuchsig, dass ihm das so einfach eingefallen war, also versuchte ich zumindest die Farbe zu ändern. Black Dragon Cartel klingt zwar besser, aber so viele Bands beginnen mit der Farbe 'Schwarz'. White Dragon Cartel klang leider etwas zu … naja, arisch. Pink Dragon Cartel hat auch nicht funktioniert, Blue Dragon Cartel war nicht schlecht, aber – lange Rede kurzer Sinn – wir haben am Ende genau Kevins Vorschlag genommen. Keine Ahnung, wie ihm das eingefallen ist, aber der Name funktioniert einfach prima. Ich bin Halbjapaner und Kartell klingt einfach cool.«

Du hast schon in diversen Interviews erwähnt, dass du einige der Ideen für die Songs seit Jahrzehnten mit dir herumgetragen hast. Wie hat also der Kompositionsprozess des Albums funktioniert?

»Ich habe den Albumprozess nicht von mir aus angestrebt. Als ich nach Vegas gezogen bin, lebte Ronnie Mancuso schon dort. Ich kannte ihn aus den 80er Jahren, damals noch in Los Angeles und durch gemeinsame Freunde wusste ich, dass er ebenfalls in Vegas ist und so haben wir uns wieder getroffen. Er war damals in einer Band namens Beggars & Thieves und die drehten ein Video und fragten mich, ob ich einen Cameo-Auftritt haben möchte. Als das Video auf Youtube veröffentlicht wurden, sahen mich wohl ziemlich viele Leute und fragten sich, ob das bedeutete, dass ich zurück im Musikbusiness bin. Ich dachte mir nur: „Ich mache das Video, warum nicht?“, aber aufgrund der Reaktionen und weil Ronnies Studio direkt neben dem von Kevin Churko liegt, setzten die beiden sich zusammen. Kevin sagte dann, er wäre immer ein Fan von mir gewesen und dass er mit Ozzy gearbeitet hat, aber immer gewünscht hätte, er hätte mal mit mir arbeiten können, und so machten sie mir einen Vorschlag: „Wie wäre es, wenn du versuchst wenigstens etwas zu machen? Komm ins Studio, schreib ein paar Songs, wir nehmen etwas auf Tape auf!“ - Na, heute nimmt man gar nicht mehr auf Tape auf, daran siehst du mal wie alt ich bin - „also, wir nehmen die Sachen auf einer Festplatte auf und schauen ob es sich gut anfühlt“. Kein Stress! Wir haben das also für eine Weile gemacht und Ron und ich schrieben den erste Song 'Feeder' zusammen und fragten uns, wer ihn singen könnte. Ich sagte: Robin Zander (Cheap Trick – ln), er machte ein paar Anrufe und Robin Zander sang den Song. Als ich den fertigen Song hörte, wusste ich, dass ich es wieder machen wollte.«

Ist „Red Dragon Cartel“ also ein Solowerk, das Mancuso in Form gegossen hat?

»Ich hatte viele Ideen, obwohl ich mich Mitte der 90er Jahre entschieden hatte aus dem Business auszusteigen, mochte ich es immer noch Musik zu spielen und zu produzieren. Durch den Fortschritt in der Technologie, konnte ich Sachen zu Hause am Computer aufnehmen und meine Ideen auf – nun hätte ich fast wieder Tape gesagt! – Festplatte bannen. Als wir weiter schrieben, fragte Ron mich, ob ich Ideen hätte. Ich sagte „Ja, hunderte!“ und habe meine Festplatte mitgebracht. Er hat sie durchgestöbert und die Sachen rausgepickt, die ihn interessiert haben – das sind im Endeffekt nun auch die, die wir verwendet haben. Einige waren 15 Jahre alt, andere ein Jahr alt. Das Piano-Stück 'Exquisite Tenderness' allerdings, das habe ich geschrieben als ich 13 oder 14 war. Das ist das erste Stück, das ich jemals alleine geschrieben habe, damals als ich noch Klavier gespielt habe. Der einzige Grund, warum es der Song auf die Platte geschafft hat, war die Tatsache, dass das Studio an eine Jazz-Lounge angeschlossen ist. Eines Abends stand da ein Piano herum und ich habe einfach angefangen es zu spielen. Da ich lange kein Klavier gespielt hatte, war das die einzige Melodie, die ich noch konnte. Ron hörte es und sagte: Wir müssen das aufs Album nehmen! Das ist also das älteste Stück auf der Scheibe.«

Deine Fans bewundern dich vor allem für die Shredding-Skills, die du damals bei Ozzy an den Tag gelegt hast. Wird das in der Zukunft wieder eine größere Rolle spielen für RED DRAGON CARTELL?

»Das denke ich nicht. Ich erliege dem Drang zu Shredden bei Liveshows bisweilen etwas, weil ich in den Gesichtern der Fans sehen kann, wie sehr sie es sich wünschen (lacht). Aber eigentlich spiele ich so nicht mehr. Ich spiele lieber melodischer. Seit Badlands interessiere ich mich mehr für Jazz und Blues und kann einfach nicht mehr shredden. Ich habe das eine Zeit lang gut gemacht, aber ich mag es mich auch selbst zu fordern. Also nein, nichts was ich in der Zukunft mache, wird nochmal in diese Richtung gehen. Hoffentlich mache ich stattdessen musikalisch und gitarrentechnisch etwas anderes interessantes.«

Vielleicht eher künstlerischer?

»Ja, künstlerisch, das gefällt mir (lacht).«


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