Online-MegazineInterview

IRON MAIDEN

Autoreninterview mit Matthias Mader zur Serie „The Early Days Of Iron Maiden“

MATTHIAS MADER

 

Matthias, warum eine mehrteilige Serie zu den Anfängen von IRON MAIDEN? Es gibt ja noch andere Mega-Bands, deren Entstehungsgeschichte interessante Aspekte beinhaltet.

»IRON MAIDEN für diese Serie auszuwählen, lag eigentlich auf der Hand, oder? Gibt es eine andere wahrhaftige Metal-Band, die die Szene in den letzten 35 Jahren mehr geprägt hat als IRON MAIDEN? Zudem sehe ich immer noch einen großen Nachholbedarf in Sachen Recherche, was die Historie der Gruppe speziell von 1976 bis 1979 angeht. Da sind längst nicht alle Sachverhalte geklärt, nicht einmal alle Fragen gestellt. Ab dem ersten Album ist der Werdegang von IRON MAIDEN relativ gut dokumentiert (selbst wenn es auch hier noch die eine oder andere offene Frage gibt, etwa die genauen Umstände der Veröffentlichung von „Maiden Japan“ in Venezuela mit alternativem Cover-Artwork). Aber vor 1979 tappen die Fans noch so ziemlich im Dunkeln. Und da sind Prä-MAIDEN-Bands wie Smiler oder Gypsy´s Kiss noch nicht einmal mit inbegriffen. Es kommt hinzu, dass die weltweite Fangemeinde von MAIDEN sehr wissbegierig und detailversessen ist. Das ist längst nicht bei allen „Mega-Bands“ der Fall. Wenn ich nur an die Ignoranz gegenüber Al Atkins erinnere, der nicht nur der ursprüngliche Sänger von Judas Priest ist, sondern auch Namensgeber und Komponist. MAIDEN-Fans sind da anders: Für die Die-Hards ist ein Tony Parsons genauso Teil der Familie wie Dave Murray, Barry Purkins genauso wichtig in der Evolution der Band wie Blaze Bayley. Natürlich wären auch andere „Mega-Bands“ in Frage gekommen, und ich möchte eine ähnlich gelagerte Serie über eine andere große Gruppe nicht kategorisch ausschließen, aber die Selektion wäre ungleich schwieriger. KISS? Was soll man diesbezüglich noch in Erfahrung bringen, was nicht bereits in den weit über 50 KISS-Büchern gestanden hätte? Die AC/DC-Prähistorie ist ebenfalls recht gut dokumentiert. Slayer? Ich bin mir nicht sicher, ob die Band selbst ein Interesse an der Erforschung ihrer ersten Gehversuche (als reine Cover-Combo) hat. Die ganz frühen Tage von Metallica? Sicherlich eine ernstzunehmende Option, auch wenn die Anzahl der Protagonisten nicht allzu ausufernd ist...«

War es schwierig, deine Interviewpartner zu finden? Die meisten Musiker der Anfangstage sind bekanntlich nicht mehr aktiv.

»Mein Anspruch war relativ hoch. Da ich bereits selbst ein Buch über MAIDEN geschrieben habe, wollte ich auf gar keinen Fall alte Storys wiederkäuen. Es geht mir bei solch einem Projekt irgendwo auch immer um meinen eigenen Erkenntnisgewinn. Also war die Auswahl gar nicht mehr so riesig, da ich mit allen Musikern, die jemals auf einer MAIDEN-Platte gespielt haben, schon ein oder mehrere Interviews geführt hatte. Diesbezüglich war von meiner Seite aus bereits alles gesagt. Also blieben in erster Linie die frühen Wegbegleiter der Band aus dem direkten Umfeld (Journalisten, Fans, Roadies, Freunde) sowie alle aktiven Mitglieder vor der ersten LP von 1980. Aber da gibt es ja zum Glück eine große Anzahl. Es war auch in Zeiten der Kommunikation über „soziale Medien“ schwierig, bestimmte Musiker aufzuspüren. Und die weiterführende Frage lautete: Wollen jene Musiker überhaupt über ihre Vergangenheit bei MAIDEN reden? Paul Mario Day und Doug Sampson lehnen dies z.B. kategorisch ab. Irgendwie standen die Sterne aber dennoch günstig. Es war nämlich in dem einen oder anderen Fall tatsächlich so, dass Musiker befreundeten englischen Buchautoren bereits einen Korb gegeben hatten, während mein Interview problemlos über die Bühne gegangen ist. Da hat der vorzügliche internationale Ruf des ROCK HARD sicherlich seinen Teil dazu beigetragen. Und manchmal kann man auch den Dominoeffekt ausnutzen; einige Musiker sind immer noch untereinander in Kontakt, und so ergibt sich das eine oder andere Nachfolge-Interview. Beschwert hat sich über die Berichterstattung bis dato wirklich noch niemand. Zusätzlich kommt man an exklusives Fotomaterial aus erster Hand heran. Was will man mehr? Hier und da hat auch das Timing nahezu perfekt gestimmt. Etwa im Falle des Sängers Dennis Wilcock. Dieser hatte seit über 30 Jahren kein einziges Interview mehr autorisiert. Da er aber mittlerweile seine alte Band Gibraltar reformieren möchte, kam ihm ein wenig Öffentlichkeitsarbeit natürlich sehr gelegen. Nutznießer davon waren die ROCK HARD-Leser.«

Hattest du das Gefühl, dass jemand es bereut, nicht länger bei IRON MAIDEN durchgehalten zu haben?

»Im Grunde genommen ist es schon so, dass so ziemlich alle frühen Ex-Mitglieder der Band es bereuen, nicht länger dabeigeblieben zu sein. Wenn auch nur aus monetären Gründen (was natürlich keiner so unverblümt eingesteht). Bei einigen spricht auch ein wenig Verbitterung aus ihren Worten. Verbitterung darüber, eben kein Stück vom großen Kuchen abbekommen zu haben. Und in dieser Beziehung muss man wirklich eingestehen, dass manche Musiker durchaus einen frühen Beitrag zur Entwicklung von IRON MAIDEN geleistet haben. Die Rolle von Dennis Wilcock etwa, dem direkten Vorgänger von Paul Di´Anno, ist nach wie vor grob unterbewertet. Er war neben Steve die zweite prägenden Figur von MAIDEN vor der ersten LP. Natürlich stänkert auch das eine oder andere ehemalige Mitglied, weil es keine Songwriting-Credits bekommen hat. Das kann ich nachvollziehen, wenn man bedenkt, dass spezielle Stücke, die etwa erst 1981 auf „Killers“ veröffentlicht wurden, schon 1976 oder 1977 live gespielt worden sind. Da kann dann etwas mit der Urheberschaft nicht stimmen (es sei denn, es gingen wirklich 100 Prozent auf die Kappe von Steve Harris, was ich für nicht sehr wahrscheinlich halte). Andererseits muss man sich auch in die Lage von Steve Harris hineinversetzen: Hätte es 1980 beim Debütalbum oder 1981 für den Nachfolger „Killers“ wirklich Sinn gemacht, einen Musiker von 1976 mit Co-Writing-Credits zu bedenken, der mal ein Gitarrenriff oder eine Gesangslinie beigesteuert hat? Da hat man halt die Tantiemen unter den damals aktuellen Mitstreitern aufgeteilt. Eine sehr entspannte Einstellung hatte Keyboarder Tony Moore, der war irgendwie völlig mit sich selbst im Reinen und hat auch rückwirkend glasklar erkannt, dass er als Keyboarder bei MAIDEN damals fehl am Platze war. Tony war bis dato der angenehmste Gesprächspartner, ganz ohne Ego und keineswegs verbittert.«

Welche Geschichte hat sich dir besonders eingeprägt oder dich selbst als MAIDEN-Kenner noch überraschen können?

»Diese EINE Geschichte, die mich verblüfft hat, gibt es eigentlich nicht. Es sind mehr die kleinen Details am Rande, die mich haben schmunzeln lassen. Etwa, dass Steve Harris noch sehr lange bei seiner Oma gewohnt hat, während Kollegen wie Thunderstick zur selben Zeit schon ein Haus besaßen und verheiratet waren. Wirklich spannend fand ich die Tatsache, dass sich von Interview zu Interview zwei Besonderheiten immer mehr verdichtet haben. Erstens, wie klein, aber auch wie fanatisch die Anhängerschaft von IRON MAIDEN zwischen 1976 und 1979 war – dabei handelte es sich um kaum mehr als 200 Fans (und das ist bereits wohlwollend taxiert), geschätzte 90 Prozent davon rekrutierten sich aus dem direkten lokalen Umfeld der Band. Viele der ganz frühen Fans sind dann später, unter der Regie von Rod Smallwood und nach dem Vertragsabschluss mit der EMI, offiziell bei MAIDEN in die Organisation eingebunden worden, etwa Fanclub-Leiter Keith Wilfort oder die Roadie-Ikone Dave Lights – das war ein organischer Prozess. Der zweite Aspekt hängt eng mit dem ersten zusammen: Der englische Journalist Garry Bushell hat erkannt, dass es beim Übergang von den Siebzigern in die frühen Achtziger auf der Welt kaum eine andere Band gegeben hat, die so sehr mit ihrem soziokulturellen Umfeld verwachsen war wie IRON MAIDEN. Das ist historisch einmalig. Die West-Ham-Utensilien von Steve Harris waren eben kein billiger PR-Gag. Dennis Stratton, Paul Di´Anno und Steve Harris sind auch wirklich in den Upton Park gepilgert, um den ´Irons´ zu huldigen. Genau wie die frühe Anhängerschaft von MAIDEN. Da gab es keine Trennlinie – es handelte sich um pure Arbeiterklasse-Musik. IRON MAIDEN waren von 1976 bis 1979 Ostlondon pur – Steve hätte wohl niemals einen Millwall-Anhänger in die Band aufgenommen. U.a. mit MAIDEN, Urchin, Remus Down Boulevard sowie den Desolation Angels gab es (analog zu den Cockney Rejects und Cock Sparrer im Oi!-Bereich) eine eigene kleine Ostlondoner Metal-Szene, die vom trendigen West End ziemlich abgekoppelt war.«

Auf wie viele Teile ist die Serie eigentlich angelegt?

»Ursprünglich sollte das Interview mit Dennis Wilcock die Serie beenden. Das wäre ein runder Abschluss gewesen. Irgendwie habe ich es dann aber doch nicht übers Herz gebracht, den Deckel zuzuklappen. Es gibt in der Tat noch einiges zu erzählen. Das Ziel, alle ehemaligen MAIDEN-Members von 1979 bis heute vors Mikrofon zu bekommen, ist natürlich illusorisch, aber es gibt diesbezüglich noch ein weites Feld zu beackern. Selbstverständlich stehen auch Rod Smallwood und Steve Harris ganz oben auf meiner Liste, aber Rod gibt nach eigener Aussage gar keine Interviews (mehr), und die Band selbst macht nach den kräftezehrenden Tourneen gerade eine kleine Pause. Wenn man Steve auf dem richtigen Fuß erwischt, dann wird aber auch er irgendwann einmal ein ausführliches Interview zu den frühen Tagen von MAIDEN geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Die Band ist ja schließlich sein Lebenswerk! Ich habe bis dato kaum einen ehrlicheren und bodenständigeren Musiker als Steve Harris kennengelernt. Da kommt höchstens noch Brian Johnson heran. Aber trotz aller regionalen Animositäten sind sich Ostlondoner und Geordies sowieso wesentlich ähnlicher, als sie zuzugeben gewillt sind.«

 

Pic: Matthias Mader (links) im Gespräch mit Blitz von Overkill

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