Online-MegazineInterview

CHRISTIAN KRUMM

At dawn they read

„At Dawn They Sleep“ - klar, kennt man. Ist ein Slayer-Song. Ist aber außerdem der Titel eines brandneuen Romans über, in und für die Metalszene. Der Autor, Dr. Christian Krumm, in Fachkreisen auch bekannt als „Doctor Rock“, liefert mit diesem Buch zwar schon sein drittes Werk über die schwermetallische Welt, jedoch seinen Erstling im Sektor Belletristik ab. Bei uns packt der schreibende Dozent aus: über falsche Bandnamen, missverstandene Ideale und echte Ängste.

Christian, als ich dein Buch gelesen habe, dachte ich anfangs: „Das ist schon ein bisschen vorhersehbar.“ War es letzten Endes aber kein bisschen!

»(lacht) Ja, das ist auch ein wenig beabsichtigt. Ich habe mir im Vorfeld überlegt, dass es immer diese Geschichten gibt, die letzten Endes alle auf das Selbe hinauslaufen – und das wollte ich ein bisschen zerstören. Dekonstruieren, wie man so schön sagt.«

Im Gegensatz zu mir kennen die meisten Leser deinen Roman ja noch nicht. Vielleicht kannst du ihn kurz anteasern.

»Ich denke, was den Roman ausmacht, ist zunächst einmal seine Entstehungsweise. Ich habe ja bereits zwei Bücher über die Metalszene geschrieben. Eines gemeinsam mit Holger Schmenk („Kumpels in Kutten. Heavy Metal im Ruhrgebiet“) und eines allein („Century Media. Do it yourself – Die Geschichte eines Labels“). Dabei habe ich immer versucht, die Metalszene an sich zu beschreiben. Das war in reiner Sachbuchform aber sehr schwierig. Ich habe mich gefragt: Was für Leute sind das eigentlich, die in der Metalszene verkehren?  Irgendwie scheinen die anders zu sein. Dann habe ich mich gefragt, was diese Andersartigkeit eigentlich ausmacht, denn selbst in der Szene gibt es ja auch die „Normalen“. Es gibt den gleichen Klatsch und Tratsch, die gleichen Probleme, und da wollte ich ansetzen. Was diese Leute verbindet, ist die Musik. Metal ist – auch was die Texte betrifft – eine Musik, die ganz bestimmte Gefühle transportiert. Es werden oft negative Gefühle ausgedrückt, aber auch ein ganzes Spektrum von anderen Gefühlen. Ich glaube, die Gemeinsamkeit all dieser Leute ist, dass sie diese Gefühle teilen. Mit diesem Gedanken habe ich mich hingesetzt und eine ganze Menge Songs durchgehört, und darüber habe ich versucht, die Geschichte wirken zu lassen.

Ich würde sagen, rein inhaltlich geht es um zwei Personen: Alioscha und Tyler. Und es geht darum, dass beide mit dem, was sie machen wollen – einmal mit dem Schreiben, einmal mit Musik – Erfolg haben, oder zumindest die Chance auf Erfolg, und dann beide aus gewissen Gründen scheitern, nämlich, weil sie das, was den Metal ausmacht, ab einem gewissen Zeitpunkt falsch verstehen.«

Inwiefern?

»Sie meinen, dass sie, um das wirklich leben zu können, erfolgreich sein müssen. Tyler zum Beispiel findet, man muss ein richtiger Rockstar sein, um den Metal leben zu können, mit Sex, Drugs und Rock 'n' Roll. Alioscha meint, man müsse sich in der Szene hocharbeiten, was die Größe der Magazine angeht, für die er schreibt, mit sämtlichen Kontakten auf gutem Fuß stehen, tun, was sie auch tun, und so weiter – sich einschmeicheln, um dazuzugehören. Ich glaube, das sind die beiden Dinge, bei denen viele Menschen in Versuchung geraten, sie falsch zu verstehen.«

Du nennst in deinem Roman ausdrücklich keine Städtenamen. Hattest du trotzdem eine bestimmte Stadt oder Region im Hinterkopf, als du das Buch geschrieben hast?

»(Lacht schallend) Naja,  Björn Gooßes, der das Cover gestaltet hat, kam sofort zu mir und meinte: „Das spielt doch im Ruhrpott!“ Das ist aber keine Absicht gewesen. Ich wollte keine regionsspezifische Geschichte schreiben. Es ist aber so, dass man gerade am Anfang der Geschichte, wenn es an die Konzeption der Orte geht, mit sehr viel Bedacht die Stätten auswählt, an denen der Roman spielt. Ich finde, in einer Geschichte muss jede Szene eine gewisse, eigene Atmosphäre haben. Und der Ort, an dem eine Szene spielt, ist ganz wichtig für die Atmosphäre. Da habe ich mich natürlich an den Orten bedient, die ich irgendwie auch kenne, und so ist es ganz offensichtlich nicht das Allgäu geworden, in dem die Geschichte spielt (lacht wieder). Man kann es wohl nicht verleugnen, und ich finde es auch nicht schlimm, wenn man sagt, dass die Geschichte in einer metropolistischen Region wie dem Ruhrpott spielt.«

Unvermeidbare Frage: Ist die Geschichte zu einem gewissen Grad autobiografisch geprägt, oder sind die unterschiedlichen Charaktere komplett erfunden und sollen einfach ein breit gefächertes Identifikationspotenzial für die Leser bieten?

»Es ist natürlich bis zu einem bestimmten Punkt meine Erfahrungswelt. Du kannst den Roman in seiner Entstehung vermutlich nachvollziehen, wenn du das, was ich in den letzten Jahren in der Metalszene erlebt habe, recherchierst. Es gibt natürlich Bezüge, aber diese Bezüge sind nicht die Hauptsache des Romans. Ich denke, dass ich nicht mehr und nicht weniger wirklich erlebt habe, was in dem Roman vorkommt, als viele andere auch. Wenn also nun jemand sagt: „Alioscha ist dein Alter Ego“, muss ich ganz klar sagen: Nein, ist er nicht. Und natürlich habe ich mich bei vielen Figuren ab und zu mal aus meinem Umfeld bedient, vor allem, was die Sprüche angeht. Die Leute haben das dann auch gemerkt (lacht). Aber man kann beispielsweise nicht sagen: „Das ist doch ganz klar der und der.“ Dafür sind sie erstens zu idealtypisch, zweitens zu konstruiert, und drittens macht man das sowieso nicht.
Als Schriftsteller bringst du aber eigentlich immer mindestens eine Urangst von dir in die Geschichte hinein. Und ich glaube bei mir, wie bei sehr vielen Leuten, wäre das wohl die Angst, zu scheitern. Das Autobiografische an dem Roman ist also, wenn man das so zusammenfassen will, eigentlich diese Urangst, komplett zu scheitern.«

Beim Thema „Alter Ego“ ist mir eine andere Sache aufgefallen. Gegen Ende des Buches gibt es folgende Passage: „An einer Ampel hält ein blauer Kastenwagen an, an dessen Heckscheibe CROSSPLANE geschrieben steht. Ein blonder Kerl mit Sonnenbrille sitzt am Steuer...“ Hast du dir da aus Jux selbst eine kleine Cameo-Rolle in deinem Roman hineingeschrieben, oder ist die Ähnlichkeit reiner Zufall?

»Nee, das ist kein Zufall! (Lacht) das liegt ein bisschen daran, dass ich schon in der letzten Entstehungsphase des Romans mit einigen Bands korrespondiert habe, und zwar aufgrund einer Idee, die Roman Bartosch von Path Of Golconda kam, der das Buch auch probegelesen hat: dass Bands Songs spendieren.«

Auf diesen Plan wollte ich ohnehin noch zu sprechen kommen, also leg los!

»Die meisten Bands in „At Dawn They Sleep“ sind fiktiv. Ein paar Bands habe ich dann aber doch mit reingeschrieben, weil ich einen persönlichen Bezug zu ihnen hatte. Eine davon ist eben Crossplane. Und Crossplane haben gesagt: „Wir spendieren gerne einen Song, such dir einen aus!“. Genommen habe ich 'Real Life', denn genau an dieser Stelle fand ich es fantastisch, mit den letzten Zeilen des Buches ins wirkliche Leben einzutreten. Das war einfach perfekt. Dann musste ich nur noch schauen, wie ich den Song irgendwie in den Roman hineinbekomme. Deswegen kam der blaue Kastenwagen, und der Blonde ist eigentlich der Celli (Sänger/Gitarrist – am).«

Ihr plant also einen richtigen Soundtrack zum Buch?

»Ganz genau, wir planen das. Wir werden alle Songs der Bands, die mitgemacht haben, im Internet eine Woche lang zum Download anbieten. Das sind alles Songs und Bandnamen, die in dem Roman vorkommen – so weit der aktuelle Stand der Dinge. Was darüber hinaus zustande kommt, wird die Zukunft zeigen. Ich habe auch Kontakt zu dem einen oder anderen Label aufgenommen, so dass wir den Soundtrack vielleicht auch irgendwann als CD rausbringen werden. Deshalb werden die Downloads auch nur temporär sein. Aber das steht noch in den Sternen. Das ist eine super Sache: Die Bands promoten den Roman, und ich promote die Bands. Wenn man daraus einen Sampler machen könnte, wäre das natürlich fantastisch.«

Kam das Feedback zu deinem Buch bisher eher aus der Metalszene und von den entsprechenden Medien, oder auch dem Bereich Literatur und Lokalpresse?

»In erster Linie bisher aus dem Metal-Bereich. Das hat aber auch etwas mit Promotion im weitesten Sinne zu tun. Wir setzen aber auch da an, dass der Roman von jemandem kommt, der schon ein oder zwei Bücher über die Szene geschrieben hat. Daher kommt die Resonanz auch zunächst einmal aus der Metalszene. Ich muss aber sagen, dass es mich freut, wenn Leute aus meinem Umfeld, die überhaupt nichts mit der Szene zu tun haben, und die es auch gar nicht so sehr interessiert, dass das Buch diese Szene thematisiert, den Roman trotzdem lesen wollen – ganz einfach, weil bei einem Roman, anders als bei einem Sachbuch, das Interesse am Autoren mehr im Vordergrund steht.«

Sind dir positive Kritiken aus der „Normalo“-Szene dementsprechend wichtiger?

»Das kann ich so nicht sagen, denn das würde ja implizieren, dass mir positive Kritiken überhaupt wichtig sind. Natürlich schmeichelt so etwas. Aber wenn mir jemand sagt, er findet das Buch nicht gut, oder sich darüber aufregt, was drin steht, dann finde ich das auch in Ordnung. Ich freue mich über jegliche Art von Reaktion. Solange sich die Leute damit auseinandersetzen, ist das cool. Und wenn es einigen nicht gefällt, sollte man es ihnen durchaus zugestehen.«

Hauptberuflich bist du allerdings kein Autor, sondern arbeitest an der Uni Duisburg-Essen und lehrst dort unter anderem Geschichte. Wie findest du da noch die Zeit, Bücher zu schreiben?

»Tja, das ist natürlich immer so eine Gratwanderung, wenn du Bücher schreibst, dass nicht irgendwann dein Arbeitgeber ankommt und sagt: „Willst du nicht mal lieber deine Arbeit machen?“ (er lacht). Da muss ich jetzt vielleicht ein bisschen biografisch werden. Angefangen habe ich mit dem Bücher schreiben ja eigentlich über meine Doktorarbeit. Und dann kam der Punkt, an dem ich mir die Frage stellte: „Willst du jetzt weiter wissenschaftlich schreiben, oder machst du etwas anderes?“ Dann kam „Kumpels in Kutten“ raus und ich habe gemerkt, dass ich eigentlich gar keinen Bock habe, weiter wissenschaftlich zu schreiben. Ich habe viel mehr Ideen für solche Bücher. Als Autor hast du ja ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Und das, was ich mitzuteilen habe, wie ich die Dinge sehe, ist mit Sachbüchern und wissenschaftlichen Büchern nur sehr schwierig mitzuteilen. Dafür eignet sich die erzählerische Form viel besser. Das Gute an der Sache ist, dass ich an der Uni auch Schreiben unterrichte, und das darum ganz gut mit meinem Job kombinieren kann.«

Planst du bereits weitere Romane?

»Ja, ich habe gerade vor zwei Wochen mit einem neuen angefangen. „At Dawn They Sleep“ spielt gewissermaßen in der Welt, in die ich in den letzten zwei Jahren vor der Realität geflüchtet bin. Das ist auch eigentlich das, was das Schreiben so spaßig macht: Du hast es permanent im Kopf, du hast Figuren im Kopf, du kannst dich jederzeit damit beschäftigen, und du kannst jederzeit deinen Tagträumen frönen, wenn deine Umgebung dich mal wieder total ankotzt. Jetzt, da der Roman draußen ist, habe ich aber gemerkt, dass ich in diese Welt nicht mehr flüchten kann. Und deshalb habe ich mir eben eine andere geschaffen (lacht). Nachdem ich einen Roman über die Metalszene geschrieben habe, die mehr aus der Sicht eines Einsteigers funktioniert, arbeite ich nun an einem Buch, das die Sicht eines Etablierten widerspiegelt. Die Herausforderung wird es diesmal sein, die Geschichte aus der Metalszene mit einem anderen Genre zu verknüpfen.Das hat Michael Rensen ja zum Beispiel auch schon mal gemacht (und zwar mit dem in der Rockszene spielenden Krimi „Zen, Drugs & Rock'n'Roll“ - am).«

Termine der anstehenden Lesungen und weitere Infos zum Roman „At Dawn They Sleep“ von Dr. Christian Krumm findet ihr hier:

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Pic: Nadezda Agapova