Online-MegazineInterview

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Nachdem MTV sich in den vergangenen Jahren immer mehr in Richtung Teenager-Kuppelstation entwickelt hat und zudem im kommenden Jahr kostenpflichtig wird, sieht es für Musikinteressierte in der deutschen Fernsehlandschaft finster aus. Eine Alternative zum klassischen Musikfernsehen bietet der Internetsender tape.tv. Wir haben uns mit Geschäftsführer Conrad Fritzsch über die Zukunft des Musikfernsehens unterhalten. 

Mit eurer Website tape.tv bietet ihr eine interessante Alternative zum klassischen Musikfernsehen an. Der User kann sich sowohl zufällig ausgewählte gemischte Clips anschauen als auch nach seinen Wünschen personalisieren. Wie genau entstand die Idee zu eurer Website?

Ganz einfach: Es gab kein Musikfernsehen mehr, das noch wirklich Musikinhalte zeigte. Andererseits waren da jede Menge begeisterte Musikfans wie ich, die gerne noch Musikvideos sehen wollten und von dem Angebot aus Klingeltonwerbung und Lifestyle-Sendungen wenig begeistert waren und sind. Musikfernsehen musste neu erfunden werden, und zwar so personalisierbar wie möglich und so einfach wie nötig. Somit haben wir es uns zum Ziel gemacht genau das jederzeit anzubieten, ohne dass der User vorher wissen muss, was er sucht. Gleichzeitig geben wir auch den Künstlern mit unseren eigen produzierten Formaten wieder eine spannende und innovative Darstellungsfläche.

Wie würdet ihr euch denn im Vergleich zu konventionellem Musikfernsehen einordnen? Auf Sendern wie MTV gibt es ja schon seit Jahren immer weniger Musik und immer mehr Teenager-Dating-Shows.

Bei tape.tv findet die Musik den User und nicht umgekehrt. Das heißt, jeder sieht genau das Musikfernsehen, das er will, ohne dass er vorher genau wissen muss, welche Lieder er sucht. Fernsehen mit linearem Konzept funktioniert nicht mehr. Im Gegensatz dazu besteht das Angebot von tape.tv aus drei Intelligenzen: die der Technologie, die der Redaktion und die des Users. So bieten wir On-demand-Fernsehen, sind aber gleichzeitig mehr als ein Online-Player für Musikvideos. Wir produzieren eigenen Content und werden ab 2011 ein Vollprogramm mit elektronischem Programmguide bieten. Wir sind ein Sender und keine Plattform. Bei tape.tv kann der User sich entweder zurücklehnen und das redaktionelle Programm genießen oder aktiv sein persönliches Musikfernsehen kreieren.

MTV wird ab nächstem Jahr kostenpflichtig – habt ihr für die Zukunft ähnliche Pläne, oder bleibt ihr kostenfrei?

Unser Angebot bleibt kostenlos. Wir arbeiten allerdings momentan an weiteren Einnahmequellen außerhalb der Werbung und werden sehr wahrscheinlich in naher Zukunft auch ein Bezahlmodell anbieten. Damit kommen wir dem Wunsch einiger Nutzern nach, tape.tv auch ohne Werbung sehen zu können. Zusätzlich können wir uns vorstellen zahlenden Kunden auf Abruf z.B. Partystreams oder DJ-Services oder speziellen Content zur Verfügung zu stellen. Aber unser Hauptangebot wird unabhängig davon weiterhin kostenlos zur Verfügung stehen.

Hat euch die Bezahlschranke für klassisches Musikfernsehen bereits neue Kunden eingebracht?

Ja, nicht nur die Bezahlschranke hat uns zu neuen Nutzern verholfen, sondern vor allem die Repositionierung von klassischen Musiksendern wie MTV und VIVA. Hier wurde der Fokus weg von Musik auf Dating- und andere Lifestyle-Sendungen gelegt. Somit musste der Musikfan schon seit einigen Jahren nach Alternativen suchen und ist dabei im Netz fündig geworden. Musikvideos sind das zweithäufigste Bewegtbild, das im Internet geschaut wird und Jugendliche verbringen fast ein Viertel ihrer Zeit im Netz mit der Nutzung von Musik- und Videoangeboten. Das Musikfernsehen von heute hat sich weiterentwickelt und im Netz neu erfunden. Wir konnten so seit Anfang des Jahres einen Zuwachs von 900% verbuchen, was ebenfalls bestätigt, dass die Nachfrage nach Musikfernsehen ungebrochen ist. Doch auch im Netz gilt: Musikfernsehen funktioniert nur dann, wenn es sich wirklich um Musik kümmert.

Bisher blendet ihr nur kurze Werbeclips ein und nutzt euer 360°- MotionAd-System. Gibt es Pläne für richtige Werbeblöcke?

Werbeblöcke wird es nicht geben. Online Werbung darf nicht eins zu eins aus anderen Medien übertragen werden. Sie muss überraschen und kreativ sein und ständiger Weiter- und Neuentwicklung unterliegen. Werbung wird bei uns natürlich eingebunden, sonst macht sie das, was sie meistens tut: nerven. Wünsche und Möglichkeiten im Netz muss man nutzen und innovativ umsetzen. Der nächste Entwicklungsschritt für Online-Werbung ist die Neuerfindung von Product Placement, Sponsoring und spannendem Markeninvolvement.

Videopremieren hattet ihr ja bereits in der Vergangenheit. Könntet ihr euch vorstellen, auch komplette Musik-DVDs auszustrahlen, wenn ihr die Gelegenheit dazu bekommt?

Ja, das haben wir bereits getan. Wir haben z.B. vor der Veröffentlichung die Live-DVD „Tour of the Universe“ von Depeche Mode zwei Wochen lang exklusiv in voller Länge ausgestrahlt. Ebenfalls haben wir Live-Mitschnitte der "Big Four" 2010 ausgestrahlt. Beides kam sehr gut bei den Usern an und bietet auch dem Label eine neue Verkaufsstrategie. Im kommenden Jahr planen wir neben den bekannten Premieren ein neues Format: tape.tv LIVE. Hier wird es Live-DVDs, Live-Übertragungen aus Clubs, Office-Konzerte und viele andere Live-Erlebnisse zu sehen geben. Generell schließen wir kein Format aus- solange der Bezug zur Musik und echten Künstlern bestehen bleibt. Schließlich machen wir Musikfernsehen.

Wie sehen eure langfristigen Pläne aus? Was soll sich in den nächsten Jahren noch verändern?

Wir werden das Musikfernsehen neu erfinden und damit Europa erobern. Wie tape.tv dabei in ein paar Jahren aussieht, ist kein stringenter Pfad, den wir engstirnig verfolgen. Der Fokus liegt darauf, was der User will. Die Herausforderung der Digitalisierung der Welt und die daraus resultierende ständige Veränderung der Medien und deren Nutzung ist es, das richtige Produkt zur richtigen Zeit als Antwort zu haben. Warum sollte es verboten sein jeden Tag schlauer zu werden? Es ist wichtig über sich selbst und auch Fehler lachen zu können. Eine gewisse Selbstironie unterstützt Reflexion und Weiterentwicklung. Egal wie sich unser Sender entwickelt, es muss so einfach wie nötig und so individualisiert wie möglich sein. Das Motto lautet nicht mehr KISS (Keep it short and simple) sondern KISP (Keep it short and personalized)- sonst kommt am Ende etwas wie RTL II dabei raus.