Online-MegazineInterview

BOLT THROWER

Wehrdienst für Langhaarige

Irgendwie ist die Spannung besonders groß: Man hat zwar das sichere Gefühl, dass BOLT THROWER auch diesmal wieder ein Killer-Death Metal Album aufnehmen werden, und doch ist beim neuen Longplayer „Honour Valour Pride“ einiges anders. Erstmals wird im Studio nicht Karl Willets hinter dem Mikro stehen, denn bekanntermaßen ist inzwischen der ehemalige Benediction-Frontmann Dave Ingram für die Vocals bei BOLT THROWER zuständig.

Insofern ist die angereiste Pressemeute ausgesprochen neugierig auf die neue BOLT THROWER-Platte, deren Präsentation in dem Ort Southend-on-Sea (etwa anderthalb Autostunden östlich von London gelegen) stattfinden soll. Wo genau, weiß keiner, aber immerhin wartet ein Kumpel der Band auf uns im Hotel, der uns in einem Mini-Bus zum Ort des Geschehens bringen soll. Und so fahren wir los in Richtung Küste. Und fahren. Und fahren. Die Landschaft wird immer karger, die Straßen immer schlechter, es tauchen Warnschilder mit der Aufschrift „Militärisches Sperrgebiet!“ auf, und irgendwann fragt der Vertreter der Plattenfirma Metal Blade nicht zu Unrecht, ob sich der Fahrer denn sicher sei, dass wir noch auf dem richtigen Weg sind. »Na ja, nicht wirklich«, antwortet dieser. »Wir fahren bis zum Ende dieser Brücke und drehen da wieder.« Eine gute Idee - wenn da bloß nicht am Ende eben jener Brücke zwei Uniformierte mit Knarren im Anschlag auf uns warten und den Mini-Bus anhalten würden.

»Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass sie sich in militärischem Sperrgebiet befinden???«, brüllen sie den Fahrer an. »Was machen sie hier, und wer sind sie? Zeigen sie mir sofort ihren Ausweis!« Tja, und da der Mann seinen Ausweis nicht dabei hat, wird er kurzerhand aus dem Bus gezerrt und zu Boden geworfen, während man die Waffe auf ihn richtet. Und, liebe LeserInnen, genau dies ist der Moment, wo ich anfange, mich reichlich unwohl zu fühlen. Prompt werden auch alle Schreiberlinge nach draußen gebeten, abgetastet und letztlich auf einen abgedunkelten Militärlaster verfrachtet, wo wir von zwei bewaffneten Soldaten begleitet und zehn Minuten durch die Gegend gefahren werden. Irgendwie wird´s langsam ungemütlich...

Schlussendlich werden wir in einen Raum geführt - und genau dort warten die Damen und Herren BOLT THROWER mit einem breiten Grinsen auf uns. Die haben das Ganze nämlich arrangiert und mit großem Amüsement mit ihren Feldstechern beobachtet. Die uns begleitenden Soldaten sind Teil einer sogenannten „Military Entertainment“-Gruppe, und wir befinden uns auf einem stillgelegten Truppenübungsplatz. Und bevor wir die neue Platte vorgespielt bekommen, gilt es noch einige andere Übungen hinter sich zu bringen: Handgranaten werfen, mit Pumpguns auf Pappkameraden schießen (und dabei möglichst nicht die Papp-Zivilisten treffen), mit ´nem Panzerfahrzeug durch die Gegend kurven... Ein richtiges Militärtraining also, das meine lieben Kollegen da mitmachen müssen, während ich mich aus allem raushalte, da ich aus Überzeugung keine Waffe in die Hand nehme - außer es handelt sich um einen lebensbedrohenden Notfall. Stunden später ist es dann endlich soweit: Aus einer kleinen P.A. dröhnen die ersten Songs des neuen Albums, und wären nicht alle so kaputt von dem Training, sie würden sicher aufspringen und sofort in Ganzkörper-Banging verfallen. So aber nicken alle im Takt zu den neuen Granaten wie ´Inside The Wire´, ´7th Offensive´ oder ´K-Machine´. Und eins wird sofort klar: BOLT THROWER präsentieren sich einmal mehr in absoluter Bestform. Tonnenweise schütten sie mörderische Riffs über uns aus, kombinieren sie mit ihren unvergleichlichen Gitarrenharmonien und alles zermalmenden Drum-Beats. Alles wie gehabt und wie immer Weltklasse. Die größte Überraschung sind für mich aber Dave Ingrams Vocals, die sich kaum nach dem anhören, was er vorher bei Benediction gemacht hat. Orientierte er sich dort zuletzt ein bisschen mehr an Hardcore-Shouting (passend zur musikalischen Ausrichtung der Band), so growlt er inzwischen wieder im klassischen Death Metal-Stil und ähnelt dabei streckenweise sogar seinem Vorgänger Willets, obwohl man natürlich jederzeit das Markante in Ingrams Stimme heraushören kann. Wie dem auch sei - nach erstmaligem Hörgenuss bleibt nur ein Urteil für „Honour Valour Pride“: Daumen hoch!

»Wir sind auch sehr glücklich über Daves Performance«, eröffnet Gitarrist Gavin wenig später den gemütlichen Plausch in einer Militärbarracke. »Eigentlich wollten wir ihn schon für „Mercenary“ haben, aber wir wollten niemandem auf die Füße treten. Er musste einfach bei Benediction aussteigen, bevor wir ihn anheuern konnten. Das war ein Gebot der Fairness, denn letztlich waren Benediction gute Kumpels von uns.«

War dann das Warten auf Dave letztlich auch der Grund, weshalb es verhältnismäßig lange gedauert hat, bis ihr endlich mit dem Songwriting anfangen konntet?

»Nein, das liegt an unserer Arbeitsweise. Wir sind eh nicht gerade die schnellsten Songwriter, zudem komponieren wir üblicherweise erst mal etwa zwölf Stücke und fangen danach an, all diese Tracks wieder zu überarbeiten; manche Stücke landen auch komplett im Mülleimer. Wir unterlegen uns selbst außerdem dem Zwang, uns möglichst wenig weiterzuentwickeln. Das hört sich vielleicht zunächst etwas negativ an, aber für uns ist das etwas sehr Positives. Wir haben uns für diesen Musikstil entschieden, weil wir ihn lieben, und wir möchten überhaupt nix Anderes machen. Wir versuchen einfach nur, diesen Stil Schritt für Schritt zu perfektionieren, noch bessere Songs zu schreiben oder die Produktion noch fetter klingen zu lassen. Gerade im Produktionsbereich sind wir noch relativ unerfahren, weil wir ja erst seit „Mercenary“ selbst Hand ans Mischpult legen. Auch diesmal haben wir mit Andy Faulkner einen Engineer zu Rate gezogen, andererseits mehr selbst erledigt als je zuvor.«

Vom produktionstechnischen Aspekt mal abgesehen, dürfte es doch eine spannende Erfahrung gewesen sein, zum ersten Mal mit einem anderen Sänger als Karl Willets im Studio zu arbeiten, oder?

»Auf jeden Fall. Die ersten zwei, drei Tage passte das alles auch noch nicht so recht, aber danach wurde es von Stunde zu Stunde besser. Obwohl sich die Recordings über drei Monate hinzogen, hatten wir diesmal einen Heidenspaß, was wohl auch daran lag, dass wir uns jetzt erst richtig kennen gelernt haben. Das ist schon etwas eigenartig, denn Dave ist schon sehr lange in der Band, aber die meiste Zeit lebt er ja in Kopenhagen. Jetzt hingen wir zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum zusammen ab, lernten, was für ein Mensch er ist und was er gerne mag; all diese simplen Dinge. Jetzt wissen wir, dass wir ihn wirklich mögen...«

Sowohl die Vocals als auch der Gesamtsound klingen jedenfalls recht trocken und naturbelassen, wenn man das mal so sagen darf...

»Ganz genau. Wie haben so gut wie überhaupt keine Effekte benutzt, weder beim Gesang noch bei Klampfen oder Drums. Ich mag diese mit Technik überladenen Platten heutzutage überhaupt nicht. Die besten Scheiben sind sowieso die, denen man nicht anhört, in welchem Jahr sie aufgenommen wurden. Und genau das ist unser Ziel: Platten einspielen, die auch in sechs Jahren noch zeitgemäß klingen, weil sie nicht mit Effekten aufgenommen wurden, die nur in einer bestimmten Zeitperiode „hip“ waren. Natürlich sind wir noch nicht an diesem Punkt angelangt. Wir suchen immer noch nach dem perfekten BOLT THROWER-Album. Wir glauben zwar, dass wir unseren Idealvorstellungen inzwischen sehr nahe gekommen sind, aber ich denke, es geht immer noch ein paar Prozent besser.«

Du sagtest vorhin, dass ihr euch einen gewissen Zwang auferlegt, in eine bestimmte Richtung zu komponieren. Demzufolge müsste es doch auch massig Songideen geben, die keine Verwendung für BOLT THROWER fanden, oder?

»Ganz sicher sogar. Wir haben eine ganze Schatztruhe voller Riffs, die uns als nicht passend oder nicht gut genug erschienen. Oder nehmen wir ´Powder Burns´ vom letzten Album: Den Song wollten wir schon komplett in die Tonne kloppen, haben ihn dann aber massiv umgebaut und so lange rumgefummelt, bis er würdig war, auf einem BOLT THROWER-Album zu stehen. Inzwischen ist er einer unserer Lieblings-Songs.«

Fühlt ihr euch aber durch diese Arbeitsweise nicht manchmal beim Songwriting limitiert?

»Absolut nicht, denn unsere Songs entstehen auf natürliche Art und Weise. Wir mögen diesen Stil ganz einfach. Speziell Baz, der inzwischen den Großteil der Stücke komponiert, kann wahrscheinlich gar nix anderes schreiben - und das ist gut so, denn wir sind vermutlich eine Band, die sich gar nicht weiterentwickeln darf...«