Online-MegazineFestivals & Live Reviews

ROTTING CHRIST, BLACKSHORE, ANTLERS, KETZER, GLORIOR BELLI, CTULU, HEMELBESTORMER, OUTRE

UNAUSSPRECHLICHE CULTHE IV

ROTTING CHRIST

Zum ersten Mal fährt die Veranstaltungsreihe Unaussprechliche Culthe bei der 4. Ausgabe ihrer Tagesfestivals 12 Bands, verteilt über zwei Bühnen, auf. Das Frühlingswetter ist sonnig, sodass viele Stimmen aufkommen, man könne direkt auf Open Air umschwenken. Leider bleiben die Besucherzahlen mit gut 100 Besuchern niedrig, was angesichts des vielschichtigen und handverlesenen Line-ups sehr schade ist. Leute, ihr habt was verpasst.

Sputnikhalle

Los geht’s vor kleinem Publikum auf der großen Bühne mit TONGUE aus Bielefeld. Die vier Jungs zeichnen sich nicht gerade durch agiles Stageacting aus. Musikalisch geht es dafür ordentlich zur Sache. Gekonnt wechseln sie zwischen atmosphärischen Passagen und brachialem Geknüppel. Ansagen gibt es kaum. Die 30 Minuten Spielzeit wollen schließlich ausgenutzt werden. Mit einem schüchternen "Danke" verlassen die Bielefelder grinsend die Bühne. Ein absolut gelungener Auftakt!

Als nächstes steht angeblackter Heavy Metal auf dem Plan. SLAEGT fallen musikalisch heute etwas aus dem Rahmen. Doch davon lassen sich die Dänen nicht beeindrucken. Stattdessen feuern sie ihre messerscharfen Riffattacken mit einer Menge Aggressivität ins Publikum. Garniert werden die Songs mit zweistimmigen Lead-Gitarren, die das Geschehen zur richtigen Zeit auflockern. Mit blutbeschmierten Gesichtern macht die Band auch optisch was her. Dass hier die ersten Fäuste in die Luft fliegen, spricht für sich.

CTULU fahren im Anschluss mit den ersten größeren Bühnenaufbauten auf. Aufsteller, Puppen, Flammen – die Extrem-Metaller haben für ihre Produktion keine Kosten und Mühen gescheut. Das strickt durchinszenierte Konzert wirkt bisweilen allerdings etwas bemüht, manchmal sogar albern. Das Publikum überzeugen die Maskenträger trotzdem. Wohlwollendes Kopfnicken findet sich im ganzen Saal.
Als die Herren im Ring präsentieren sich OUTRE. Die Polen sind verdammt selbstbewusst und prügeln ihr Set ohne Gnade durch. Die energiegeladene Show wird von den Anwesenden dankend angenommen. Denn die feiern OUTRE nach allen Regeln der Kunst ordentlich ab. Die fiese Zerstörungsorgie endet ohne großes Tamtam. Stattdessen verschwindet die Band nach getaner Arbeit in einer Nebelwand. Der Applaus hält noch lange an.

KETZER müssen dieser Tage einiges an Kritik von ihren Fans einstecken. Zu anders, zu weichgespült sei das neue Album "Starless". Für den heutigen Abend wurde ein Special Set angekündigt, das sich auf genau diese Platte konzentrieren soll. Und schon das Eröffnungsdoppel aus ‘When Milk Runs Dry‘ und ‘Godface‘ zeigt, dass das Versprechen eingehalten wird. Gelegentlich werden Songs der ersten beiden Langspieler eingestreut. Der Kontrast zwischen den brutalen Black-Thrash Songs der Frühphase und dem eher rockigen Material der aktuellen Platte sorgt für eine abwechslungsreiche Show. Das Publikum singt sowohl alte als auch neue Songs lauthals mit. KETZER legen einen absoluten Triumphzug hin. Aber alberne 30 Sekunden die Bühne zu verlassen, um dann eine Zugabe zu spielen, hätte man sich sparen können.

Für wen die Meute heute angereist ist, wird schon bei den ersten Tönen von ROTTING CHRIST klar. Die Griechen beweisen ordentlich Zugkraft. Denn so voll war es vor der großen Bühne bei keinem anderen Act. Musikalisch gibt es die volle Bandbreite. Freunden von schleppenden und atmosphärischen Songs finden genauso ihr Glück, wie Fans des gepflegten Geballers. Zwischenzeitlich wummert der Bass extrem laut aus den Boxen. Doch von soundtechnischen Schönheitsfehlern lassen sich weder Band noch Publikum beeindrucken. Ein mehr als würdiger Headliner!

 

Café Sputnik

Auf der Café-Bühne beginnt das niederländische Trio TURIA. Bei Kerzenlicht- und Weihrauchatmosphäre folgen drei überlange Soundflächen aus repetitiven Riffs, Uffta-Drumming  à l à Darkthrone anno ´92, sowie beeindruckenden Screams einer jungen blonden Dame in schwarzer Robe und Rotweinpulle in der Hand. TURIA haben Lob für ihre Eigenwilligkeit verdient, sind auf Dauer aber recht gleichförmig und durch nur eine Gitarre melodisch limitiert.

Ihre Partnerband LUBBERT DAS geht musikalisch ähnlich ans Werk, legt mehr Wert auf Variationen und hat den Vorteil von zwei Saiteninstrumenten gegenüber nur einem verstanden. Der TURIA-Gitarrist wechselt an Bass und Mikro, während ein neuer Gitarrist den Platz der Sängerin einnimmt. Auch LUBBERT DAS haben ihren Reiz und versprühen jugendlichen Underground-Charme, würden sich dennoch nachts mit Feuer, Nebel und allem was dazugehört noch besser machen. Die Debüt-Releases beider Bands erschienen auf limitierten Tapes, die in der ersten Auflage bereits vergriffen sind.

Richtig voll vor der Bühne wird es beim Auftritt der Spanien-Sachsen-Connection ANTLERS, die 2015 ihr Debüt „A Gaze Into The Abyss“ über Vendetta veröffentlicht haben. Die Deko aus Tierschädeln erinnert ein wenig an Agalloch und passt perfekt zur unkitschigen Naturverbundenheit der Band. Mit ‚Hundreds‘ erklingt ein hymnischer Midtempo-Opener, bevor ANTLERS über die meiste Zeit aufs Gaspedal drücken (‚Carnival Of Freedom And Betrayal‘, ‚To The Throats‘), dies mit eingängigen Moll-Harmonien untermalen und einen publikumsnahen, sympathischen Eindruck hinterlassen. Gitarrist/Songwriter Pablo, der ursprünglich aus der Punk- und Folk-Ecke kommt, betreibt seit längerer Zeit außerdem das Projekt Sangre de Muerdago, welches eure Aufmerksamkeit verdient.

BLACKSHORE rumpeln und bölzen danach aus allen Poren. Motörhead meets Thrash, meets alte Immortal. Das norddeutsche Trio um Fäulnis-Chef Seuche, der hier den Bass bedient, kokettiert beim Bühnenbild und inhaltlich ironisch mit endzeitlicher Militärästhetik. Durch die dichte Kunstnebelbank guckt ein Soldatenhelm mit LED-Augen und Songs wie ‚Reaktor‘ pöbeln rotzig durchs Gebälk. Passend dazu gibt’s den ein oder anderen Verspieler, was im Fall von BLACKSHORE viel authentischer als klinische Sauberkeit ist. Unterhaltsamer, aber etwas zu langer Auftritt. Entsprechend verlassen einige Besucher schon verfrüht den Saal in Richtung Innenhof.

Im dicht getakteten, fordernden Programm des heutigen Tages sind HEMELBESTORMER eine Oase introvertierten Kopfkinos. Kamen die Tonträger der Belgier ein wenig ziellos daher, lässt der Live-Eindruck keine Zweifel zu. Alle vier Musiker agieren hochprofessionell eingespielt und erkunden mit epischen Post/Doom-Monumenten astronomische Weiten. Hypnotisierende Tripmusik mit wärmsten Bassfrequenzen und knurrenden Rhythmusgitarren ist hier vielleicht nicht für jeden was, erweitert das Festival-Spektrum aber ungemein.

GLORIOR BELLI ereilt zum Schluss das Pech der späten Stunde. Durch mittlerweile eine halbe Stunde Verspätung im Ablauf beginnt man erst nach halb zwölf vor merklich reduzierter Menge. In Sachen Technik und Sound ist alles top und das Quartett knüppelt sich durch rund eine Stunde ihres härtesten Materials, darunter ältere Schoten, sowie einiges vom aktuellen Longplayer „Sundown (The Flock That Welcomes)“. Die Southern/Stoner-Rock Elemente vernachlässigt man nahezu vollständig, was einiges vom Reiz des in den letzten Jahren etablierten Wiedererkennungswertes einbüßt.

Nun bleibt abzuwarten, wie es mit den Unaussprechlichen Culthen 2016 weitergeht. Liebhaber der härteren und experimentellen Dunkelkunst sollten die nächsten Gelegenheiten nicht verstreichen lassen und der Szene nördlich des Ruhrgebiets eine Chance geben. In Münster geht was.
Text: Dominik Rothe & Meredith Schmiedeskamp

 

Pics: Anh Tuan Pham

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

ROTTING CHRIST22.06.2017EssenTurock Tickets

Reviews

CTULU - CtuluRH #355 - 2016
MDD/Soulfood (35:58)Die Nordlichter CTULU zeichnen sich auf ihrem vierten Album ...
GLORIOR BELLI - Sundown (The Flock That Welcomes)RH #350 - 2016
Agonia/Soulfood (46:05)Man darf definitiv kein Verfechter des truen Old-School-M...
CTULU - SarkomandRH #349 - 2016
MDD/Alive (53:17)Auf ihrem dritten Album spielen die Delmenhorster melodischen B...
ROTTING CHRIST - RitualsRH #346 - 2016
„Rituals“ als logische Fortführung seines Vorgängers zu bezeichnen, zwingt...
KETZER - StarlessRH #345 - 2016
Schon klar: Wenn Musiker eine Entwicklung durchmachen und ihren Sound (deutlich)...
GLORIOR BELLI - Gators Rumble, Chaos UnfurlsRH #319 - 2013
Agonia/Soulfood (43:45) Die Franzosen GLORIOR BELLI gehen ihren Weg konsequent ...
CTULU - SeelenspiegelsplitterRH #318 - 2013
Black Blood/Source Of Deluge (63:53) Wer Bands wie Dissection, Necrophobic und ...
ROTTING CHRIST - Kata Ton Daimona EaytoyRH #310 - 2013
Season Of Mist/Soulfood (55:50) ROTTING CHRIST sind wie Gandalf: uralt und im A...
CTULU - SarkomandRH #302 - 2012
(47:36) Rasende Drums, Obertonmelodien, fieses Keifen - die schwedischen Black-...
KETZER - Endzeit MetropolisRH #298 - 2012
Iron Bonehead/NecroShrine Records (38:16) Die Black-Thrasher aus Bergisch Gladb...
GLORIOR BELLI - The Great Southern DarknessRH #293 - 2011
Metal Blade/Sony (48:15) Nach „The Great Southern Trendkill“ nun also „Th...
ROTTING CHRIST - Aealo
Season Of Mist/Soulfood (42:35) ROTTING CHRIST mögen alles Mögliche sein: sti...
KETZER - Satan´s Boundaries Unchained
KETZER sind die „deutschen Brüder“ von Deströyer 666 und fast genauso gut ...
GLORIOR BELLI - Meet Us At The Southern Sign
Candlelight/Soulfood (50:38) VÖ: bereits erschienen GLORIOR BELLI aus Paris g...
ROTTING CHRIST - Theogonia
(42:43) Bei den Griechen ROTTING CHRIST scheint nun nach zig stilistischen Neuor...
ANTLERS - Nothing That A Bullet Couldn´t Cure
(43:31) Lecker, lecker: beseelter, atmosphärischer, außerordentlich sorgfäl...
ROTTING CHRIST - Sanctos Diavolos
(48:41) Die „verrottenden Christen“ kratzen mit ihrem neuesten Album „Sa...
ROTTING CHRIST - In Domine Sathana
Eine der dienstältesten Black-Metal-Bands zieht Bilanz! Nach 15 Jahren Bandgesc...
ROTTING CHRIST - Genesis
Ich weiß, dass mich die „verfaulenden Christen“ für diese Aussage hassen w...
ROTTING CHRIST - Khronos
Dark Metal-Götter sollen die Griechen mittlerweile sein - behauptet man jedenfa...
ROTTING CHRIST - Sleep Of The Angels
Es gibt Platten, die einem erst nach dem fünften oder sechsten Durchlauf langsa...
ROTTING CHRIST - A Dead Poem
Na, aber hallo! Das, was da aus den Boxen dröhnt, ist die neue Langrille von RO...
ROTTING CHRIST - Triarchy Of The Lost Lovers
Ich muß gestehen, ROTTING CHRIST haben mich bisher nicht vom Hocker gehauen. Da...
ANTLERS - Nothing That A Bullet Couldn´t Cure
(43:31) Lecker, lecker: beseelter, atmosphärischer, außerordentlich sorgfält...