Online-MegazineFestivals & Live Reviews

ORPHANED LAND, VOODOO KUNGFU, CRISÁLIDA

Bochum, Matrix

ORPHANED LAND

Ob es eine gute Idee war, zum 25-jährigen Bandjubiläum eine weitere Europa-Tour für das „All In One“-Album anzuschieben, wird sich im Laufe der aktuellen Gastspielreise von ORPHANED LAND noch zeigen, denn der Exoten-Bonus der Israelis hat sich durch die Dauerpräsenz etwas verflüchtigt. Das ist trotzdem schade, weil die Band stets ein besonderes Konzerterlebnis darstellt und mittlerweile hochoriginelle „Global Metal“-Tourneen mit Klängen aus allen Kontinenten zusammenstellt (Deutschland-Daten bis zum 9. November!). Eine erfrischende Alternative zu den Standard-Metal-Paketen also, die fünfmal die gleiche Fleischwurst an der Theke verkaufen.

Knapp 150 Fans versammelten sich im Kellergewölbe der Matrix, um zunächst den Chilenen CRISALIDA zu lauschen, die mit einer prima Mixtur aus Darkrock und Dream-Theater-artigem Prog-Metal die Hörer in den Bann zogen. Die leicht melancholische Schlagseite im Songwriting verhinderte zwar den einen oder anderen Nackenbrecher, konnte aber bei den ruhigeren Passagen enorm punkten. Das Instrumental-Trio konnte musikalisch voll überzeugen, während die dauergrinsende Frontdame Cinthia, des Englischen wenig mächtig, mit ihren Ansagen dennoch Sympathiepunkte sammelte. Eine nette musikalische Visitenkarte aus Chile!

Ganz anders VOODOO KUNGFU aus Los Angeles, die teilmaskiert und mit beeindruckenden Bühnenklamotten alle Blicke auf sich zogen. Das galt natürlich in erster Linie für den bulligen Front-Stiernacken Nan Li, von dem es heißt, er habe nach der Verlegung seines musikalischen Projekts von Peking ins Sündenbabel am renommierten Berklee College of Music studiert. Kostproben seines Stimmvolumens gab es in allen Formen. Ob es sich dabei um irgendwelche asiatischen Sprachen handelte oder „nur“ um traditionelle Gesangstechniken, dürft ihr mich nicht fragen. Fest steht, dass die atmosphärischen Teile der Musik höchst beeindruckend waren und aus dem Kellergewölbe der Matrix wahlweise eine mongolische Jurte oder ein tibetisches Kloster machten, während der American-Psycho-Anteil der Musik (Slipknot, Devildriver & Co) teilweise verzichtbar wirkte, ebenso das alberne ´Raining Blood´-Cover zum Schluss. Zwischendurch starrte man auf die vorweggenommene Wiedergeburt von Angry Anderson (Rose Tattoo), und hoffte, dass man dem Typ nicht gleich noch in einer dunklen Gasse begegnet. Unvergesslich!



In den Umbaupausen wurde die Stimmung nun immer erregter und erneut erschallten „Orphaned Land“-Sprechchöre. Etwa 25 syrische Flüchtlinge nutzen die Gelegenheit, ihre Lieblinge nun endlich einmal live zu erleben und wurden von Kobi Farhi entsprechend freundlich begrüßt. »Es ist völlig verrückt, dass uns ausgerechnet ein Krieg zusammenführt«, spielte Farhi auf die Tatsache an, dass die Heimatorte einiger Besucher und der Band wohlmöglich nur wenige hundert Kilometer auseinander liegen, in der Realität jedoch Welten. Es dauert nie lange, bis es bei einem ORPHANED LAND-Konzert „menschelt“, die ersten Fans Tränen in den Augen haben und eine Stimmung wie bei einem Maiden-Konzert herrscht, jedes „Hohoho“ mitgesungen wird und die Arme im Takt schwingen. Zunächst werden die letzten beiden Alben abgearbeitet, bevor die Band sich einigen vergessenen Perlen ihrer Frühwerke widmet. Es ist nicht nur die sympathische Ausstrahlung und die handwerklichen Qualitäten der geschlossen auftretenden Israelis, die Jungs können auch eingängige Musik schreiben und man kann nur hoffen, dass ihnen mit dem nächsten Album endlich der verdiente Durchbruch gelingt. Im Herbst des nächsten Jahres wollen Kobi und Co. ein neues Konzeptalbum mit Meisterproduzent Jens Bogren eingetütet haben. Wir halten euch auf dem Laufenden!

 

Pics: Holger Stratmann