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DISTURBED, TWISTED SISTER, SIXX:A.M.

HELLFEST 2016, TAG 2

HELLFEST 2016

Zugegeben: Einen Hochkaräter wie Rammstein, die am Vorabend mit ihrer gigantischen Show so ziemlich alles aufgefahren haben, was nur irgendwie möglich ist, bietet das diesjährige Hellfest-Line-up am zweiten Tag nicht. Langeweile kommt dennoch nicht auf, denn auf den insgesamt fünf Bühnen spielen über den Tag verteilt gefühlt mindestens fünfzig Bands.

Die Wetterprognose sieht im Vorfeld eher bescheiden aus, für heute ist Dauerregen angekündigt. Um so erfreulicher ist es, dass es letzten Endes bei ein paar vereinzelten Schauern bleibt, zwischendurch aber doch immer die Sonne durch die Wolken bricht. Da der Boden mit einem Drainagen-System entwässert wird, verpackt er die Feuchtigkeit locker - von Schlamm gibt es auf dem Gelände keine Spur. Angenehm, davon könnte sich das eine oder andere Großevent in Deutschland gerne mal ein Scheibchen abschneiden.

Das erste (echte) musikalische Highlight des Tages findet um 15 Uhr auf der Main Stage 1 statt: SIXX:A.M., die neue Hauptband von Ex-Mötley-Crüe-Basser Nikki Sixx, Ex-Guns-N'-Roses-Klampfer DJ Ashba und Produzent/Sänger James Michael, spielen ihre allererste Show auf französischem Boden. Live verstärkt sich das Trio zusätzlich mit einen Drummer und zwei Background-Sängerinnen. Im Gegensatz zu den gigantischen Bühnen-Produktionen von GN'R und der Crüe köcheln SIXX:A.M. fast schon auf Sparflamme. Die Lichtshow ist zwar ansprechend, kommt am hellichten Tage jedoch nicht so gut wie die derjenigen Bands zur Geltung, die abends oder im Zelt spielen. An der Setlist gibt es nichts zu meckern, die Band spielt Songs von allen vier bisher erschienenen Alben und liefert einen gelungenen Einstand für das französische Publikum ab.

FOREIGNER

Im Anschluss dürfen FOREIGNER auf die Bretter, die sich souverän und spielfreudig wie eh und je geben. Fronter Kelly Hansen hat augenscheinlich einen richtig guten Tag und grinst von einer Backe zur anderen, während er wie ein Wirbelwind über die Bühne tut, und auch der Rest der Truppe ist beeindruckend agil. In der Setlist folgt ein Kracher auf den nächsten, am meisten geht die Crowd erwartungsgemäß bei Hits wie 'Cold As Ice', 'Urgent' und 'Juke Box Hero' ab. Stark!

SIXX:A.M.

Danach hat man die Qual der Wahl: Entombed A.D. im Zelt? Sick Of It All auf der Mainstage 2? Oder doch lieber die U.K. Subs auf der etwas abseits gelegenen Warzone-Stage? Wir entscheiden uns für eine ganz andere Option und gehen zur SIXX:A.M.-Pressekonferenz, auf der es aber leider nicht viel Neues zu erfahren gibt. Immerhin: Die nächste Platte soll definitiv noch in diesem Herbst erscheinen, und wenn die Herrschaften irgendwann mal genug Kohle mit ihren Shows einnehmen, wird's auch Pyro-Effekte geben.

JOE SATRIANI

So weit, so gut - ab zu JOE SATRIANI, der auf der großen Bühne eines seiner raren Europa-Konzerte gibt. Der Gitarrenmeister ist gut in Form, zockt erfreulich songdienlich und hat eine starke Begleitband am Start. Darüber hinaus bietet der Auftritt, der vom Publikum interessiert, aber nicht euphorisch zur Kenntnis genommen wird, so gut wie keine Schauwerte. (jp)

GUTTERDÄMMERUNG

Während Joe Satrianis Auftritt findet im VIP-Bereich eine GUTTERDÄMMERUNG-Pressekonferenz mit Henry Rollins und Regisseur Bjorn Tagemose statt. Der Film, bei dem viele Musikstars Gastrollen übernehmen und dessen Soundtrack von einer Liveband geliefert wird, feiert diesen Sommer auf diversen Festivals seine Live-Premiere. Was Henry und Bjorn über die mehrjährige Entstehung zu berichten haben, macht definitiv neugierig auf die leider erst um 1 Uhr stattfindende Vorstellung.

DISTURBED

Auf der Mainstage 2 animieren DISTURBED im Anschluss 'Ten Thousand Fists' zu raisen, was Herr Peters sichtlich goutiert und sich damit in bester Gesellschaft befindet, denn das szenige Denken, das in Deutschland vorherrscht, ist in Frankreich anscheinend nicht so verbreitet. Zu den modernen Klängen des amerikanischen Quartett nicken auch Träger diverser Old-School-Shirts die Köpfe, während immer wieder besonders waghalsige Fans per Seilbahn quer über das Publikum rasen, eine spektakuläre Neuerung der diesjährigen Hellfest-Ausgabe. Leider können DISTURBED den guten Start nicht halten: Auf Dauer klingt das Material und besonders der Gesang von David Draiman zu gleichförmig. Ganz schlimm wird es, als Gitarrist Dan Donegan ans Keyboard wechselt, noch zwei Streicher auf die Bühne gebeten werden und Simon & Garfunkels 'Sound Of Silence' hochdramatisch intoniert wird. Uff, das sind wirklich nicht die Klänge, die man von Disturbed hören möchte. Dann schon lieber die Mötley-Crüe-Coverversion 'Shout At The Devil', bei der Sixx:A.M. gastieren, was Jens natürlich einen weiteren guten Grund gibt, Disturbed zu mögen. Allerdings strapaziert die Band im Anschluss mit dem von Glenn Hughes gesungenen The-Who-Song 'Baba O'Riley', das nahtlos in RATMs 'Killing In The Name Of' übergeht, nochmal die Geschmacksnerven.

Das nächste Gig-Fenster, bei dem Moonsorrow parallel zu Within Temptation und Bad Religion spielen, nutzen wir daher lieber zur Nahrungs- und Alkoholaufnahme. Bei der Gelegenheit wittert Jens die Chance, beim mitgereisten weiblichen Teil unseres Teams noch wertvolle Schminktipps und einen Handspiegel abzustauben, womit dann endlich auch sein Eyeliner nachgezogen werden kann, denn: „Gut gepost, ist halb gewonnen!“ Frisch toupiert begleitet uns Jens dann zu HERMANO, die im Valley zahlreiche Stoner-Fans anziehen. John Garcia zeigt, dass er immer noch zu den besten Sängern der Stoner-Szene gehört, allerdings können die Hermano-Songs nur selten mit den Glanztaten seiner alten Bands Kyuss oder Slo Burn mithalten.

TWISTED SISTER

Danach hat Jens' Stunde dann vollends geschlagen: Seine Lieblinge von TWISTED SISTER spielen eines ihrer Abschiedskonzerte, und während Herr Peters sich in die ersten Reihen verabschiedet, wird für mich aus der Ferne sehr deutlich, warum es immer wieder problematisch ist, Bands, die in den letzten Jahren kaum aktiv waren, oder gerade eine Reunion feiern, auf große Bühnen zu stellen. Showtechnisch haben TWISTED SISTER bis auf viel Licht (Und Pyros! Und Dee Fuckin' Snider! - jp) nichts Spektakuläres zu bieten, dabei sind große Screens oder Bühnenaufbauten heutzutage fast ein Muss, wenn man auf einem Mega-Festival wie dem Hellfest als Headliner bestehen will. Beachtlich ist allerdings, wie fit und durchtrainiert Dee Snider mit seinen 61 Jahren aussieht. Die Saitenfraktion bleibt vom Aussehen und Stageacting hingegen eher blass (Was?! Frechheit. Gerade Basser Mark "The Animal" Mendoza kann ja wohl mal ALLES! - jp). Ich wechsele daher zwischendurch ins Valley zu FU MANCHU, die mit jeder Menge Spielfreude einen umjubelten Gig für die Stoner-Gemeinde abliefern. Das Ende der TWISTED SISTER-Show ist hingegen wieder sehenswert: Motörhead-Gitarrist Phil Campbell spielt mit der Band 'Born To Raise Hell' und hält nach dem Gig noch eine bewegende Trauerrede für seinen verstorbenen Freund und Bandleader. Auch der restliche Abend steht ganz im Zeichen des Motörhead-Fronters: Bei dem gigantischen Höhenfeuerwerk steht am Ende „R.I.P. LEMMY“ in den Himmel geschrieben und auf dem Weg zur Warzone-Stage kommt man an einer monströsen Lemmy-Statue vorbei, die bei den Besuchern für offene Münder sorgt.

GUTTERDÄMMERUNG

Und dann ist da ja noch der GUTTERDÄMMERUNG-Film, der im letzten Drittel Lemmys letzten Auftritt beinhaltet. Viel wurde schon über das Projekt geschrieben, was einen genau erwartet, blieb bis zum Vorführung um 1 Uhr in der Warzone dennoch unklar. Zu beindruckend starken Bildern, die ab und an durchaus Tarantino-Niveau erreichen, spielt eine Live-Band hinter dem Screen diverse Klassiker der Rock-Geschichte, die das Geschehen des Films untermalen sollen. Zwischendurch kommt Henry Rollins auf die Bühne und spricht seinen Leinwandpart live ins Publikum. Leider ist das Thema (ein Priester führt einen Kriegszug gegen die teuflische Gitarrenmusik) reichlich abgegriffen und flach erzählt. Durch die Bilder, die mit der Musik teilweise eine gelungene Symbiose eingehen, und die Leinwand-Gastauftritte von Ikonen wie Slash, Tom Araya, Lemmy Kilmister oder Josh Homme fällt der Streifen unterhaltsam aus, lässt aber oft den roten Faden vermissen. (rb)

Auf dem Hellfest fühlten sich wie Gott in Frankreich: Jens Peters (jp) und Ronny Bittner (rb). Die Fotos schoss Björn Fehl.

Reviews

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