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FISH, BEYOND THE BRIDGE, LAZULI

Friedberg, Stadthalle

FISH

Nachdem es vor zehn Jahren noch “Return To Childhood” hieß, steht nun mit der„Farewell To Childhood“-Tour der Bühnenabschied des außergewöhnlichen Albums an. Kein Wunder, dass die Stadthalle in Friedberg nahezu ausverkauft ist und im Vorfeld eine ganz besondere Stimmung herrscht. Ohne Zweifel ist „Misplaced Childhood“ eines der ganz großen Konzeptalben der Musikgeschichte und hat über die Jahrzehnte nichts von seiner Magie verloren.

Bevor das Marillion-Album in voller Länge zelebriert wird, bietet FISH vier Nummern seiner Soloscheiben und kann bereits mit denen vollauf überzeugen. Was folgt, ist eine gelungene Anmoderation zum Album - und dann die zutiefst emotionale Zeitreise in die Achtziger (Remember: „There Is No Childhood`s End!“). Und für die ist es nahezu unmöglich, die passende Superlative zu finden. Zumindest gibt es eine einstündige Dauergänsehaut und Ohrgasmen der schönsten Art. Die Setlist schließt nach der Albumpräsentation mit zwei Zugaben: Als erstes der erste Marillion-Hit 'Market Square Heroes' von 1982 und dann das folkloristische 'The Company'. Letzteres ist die perfekte Schlussnummer, bei der auch die am Abend erfolgte EM-Qualifikation von Irland gefeiert wird.

Nachdem Marillion in den letzten Jahrzehnten in einem anderen Kosmos schweben, muss man dem Schotten dankbar sein, dass er sich als der einzig wahre Gralshüter des alten Materials versteht. Besonders bemerkenswert, weil in den Tagen zuvor einige Shows wegen eines Virusinfekts in der Band ausfallen mussten. Davon merkt man heute eigentlich nichts (außer, dass `Long Cold Day` aus der Setlist gestrichen wird). Die Truppe bietet mit einer fast zweistündigen Show, die von dezenten Projektionen untermalt wird, einen der Konzerthöhepunkte des Jahres. Ein paar Worte noch zum Gentleman auf der Bühne: Wenn man das Begriffspaar „Natürliche Autorität/Persönlichkeit“ beschreiben will, bietet sich Derek William Dick dafür perfekt an. Trotz beachtlicher Wampe (oder wie er selbst dazu sagt:„Biergrab“) und lichtem Haar hat er eine Ausstrahlung wie kaum ein zweiter Frontmann. Bei seinen Ansagen (natürlich auf Deutsch) hängt man an den Lippen und nach den Anschlägen von Paris nimmt er sich natürlich Zeit, seine Ansichten zum Stand der Welt rüberzubringen. Dass dabei das Wort „Fuck“ das meistgenutzte ist, verwundert letztlich nicht. Der Mann ist verärgert und muss seine Wut kanalisieren. Dass er zudem auf der Bühne tänzelt, sein Palästinensertuch geschickt einsetzt und wunderbar bei Stimme ist (was wirklich nicht zu erwarten war), rundet seine außergewöhnliche Performance ab. Sonderlob geht aber auch an seinen Gitarristen Robin Boult, der die komplexe Spielweise von Steve Rothery perfekt interpretiert, sowie seine tighte Band.

Im Vorprogramm finden sich die nur kurz zuvor angekündigt LAZULI, die auf großer Europareise mit dem Headliner sind, und die für eine gigantische Überraschung sorgen. Um ihren außergewöhnlichen Stil zu beschreiben, lässt sich passenderweise die Veranstaltungsseite von Z7 (wo die Band mit dem Headliner ein paar Tage später auftritt) zitieren: „Wer dieses unglaublich musikalische Gemisch live erlebt hat, muss ihm zwangsläufig verfallen. Eine derartige Musik hat man bis dahin nicht gehört. Da treffen Elemente aus Progressive Rock, Chanson, Folk und Weltmusik auf die unglaublichen Klänge und heftige Percussiongewitter. So viel Schubladen gibt es nicht, dass man die Musik von LAZULI hineinpacken könnte.“ Dass die Franzosen dabei auf Instrumente wie Waldhorn, Vibraphon bzw. Marimba und Leode zurückgreifen, unterstreicht die Einzigartigkeit der Musikliebhaber. Progressive Rock erhält hier eine neue Dimension. Absolutes Highlight ist die Schlussnummer, bei der Truppe gemeinsam am Vibraphon jammt. Für mich ist die Band die Überraschung des Jahres, obwohl es sie schon seit 2008 gibt. Absolut unverständlich, dass die ihre bisherigen Alben mehr oder weniger unbeachtet geblieben sind. Solche Leidenschaft und Hingabe zur Musik gibt es wirklich selten zu bestaunen. Ganz großes Kino!

Ganz anders dagegen BEYOND THE BRIDGE: Zwar ist der erste Song der Hessen eine interessante Prog-Metal-Nummer, aber dann will es nicht mehr so richtig zünden. Auch wenn Maggy Luyten eine klasse Stimme hat, die Kombination mit dem männlichen Gegenpart und Tausendsassa Herbie Langhans, der auch auf der neuen Avantasia-Scheibe zu hören ist, klappt irgendwie nicht - was nicht zuletzt daran liegt, dass die Lady alle Klischees bedienen möchte und dabei stellenweise aufläuft. Zwar wird man von Publikum wohlwollend aufgenommen, aber im Vergleich zu dem hervorragenden Opener fällt man gigantisch ab.
Wirklich ärgerlich ist aber nur der unprofessionelle Getränkeservice, der auf den Besucheransturm offensichtlich nicht vorbereitet ist.


SETLIST FISH

Pipeline
A Feast Of Consequences
Family Business
The Perception Of Johnny Punter
+++
Pseudo Silk Kimono
Kayleigh
Lavender
Bitter Suite
Heart Of Lothian
Waterhole
Lords Of The Backstage
Blind Curve
Childhood's End
White Feather
+++
Market Square Heroes
The Company

 

Pic LAZULI: Dirk Keiner