Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 18.11.2015

ANTHRAX , EXODUS , MOTÖRHEAD , HATEBREED , SUICIDAL TENDENCIES , SLAYER - MOTÖRBOAT 2015

Sommer, Sonne, Serienmörder

Captain Lemmy rief, und viele kamen: Zum zweiten Mal hieß es diesen Herbst „Leinen los!“ für das Motörboat. Vier Tage feierte ein internationales Publikum auf hoher See den Motör-Böss, seine Band, ein hochkarätiges Drumherum-Line-up und nicht zuletzt sich selbst. Fürs Rock Hard mittendrin statt nur dabei: Nichts-ist-wichtiger-als-der-Nachtisch-Conny und Leichtmatrose Jay Jay.


„Welche Bands spielen denn außer MOTÖRHEAD auf der Kreuzfahrt?“, fragt der Beamte bei der Einreisekontrolle am Flughafen von Miami mit einer Mischung aus Verhörton und ehrlichem Interesse. „SUICIDAL TENDENCIES, SLAYER, ANTHRAX...“ Für einen weniger Metal-interessierten Menschen klingt das eher, als ob man gerade gesteht, ein mit Milzbrandviren verseuchter Selbstmordattentäter zu sein. Aber der hier guckt sogar ganz neidisch. „Geil, dann viel Spaß!“, lacht er. Als wir den Terminal verlassen, begrüßen uns schwüle 30 Grad Celsius. Ein paar Stunden später beschnuppern sich in den Hotels am Hafen die Fans mit den ersten eingetroffenen Bands. Über der Skyline hängt ein mächtiger Vollmond. Um sechs Uhr morgens (danke, Jetlag!) kann man dann beobachten, wie unser schwimmendes Hotel in den Hafen einläuft. Eigentlich heißt das Motörboat „Norwegian Sky“ und ist ein etwas luxuriöserer Kahn als der aus dem letzten Jahr: Er wiegt 77.000 Tonnen, ist stattliche 258 Meter lang, hat eine Crew von 934 Personen und fasst ca. 2.500 Passagiere. Wer sich zu viert in eine Innenkabine quetscht, ist ab 749 Dollar dabei. Wer ´ne Suite braucht, legt 2.099 Dollar auf den Tisch. Dazwischen gibt´s noch Kabinen mit Bullauge, Fenster oder Balkon. Pro Kopf kommen 225 Dollar Steuern und ein Zwangstrinkgeld für das Personal von täglich 13 Dollar on top. Dafür gibt´s neben den üblichen Kreuzfahrtannehmlichkeiten (Sonnenbrand, ständiges Überfressen an den Buffets, Kellner, die andauernd versuchen, einem kostenpflichtige Drinks unterzujubeln) ein echtes Killer-Line-up: SLAYER und MOTÖRHEAD sind die Chefs im Ring. Im Windschatten segeln Schwergewichte wie HATEBREED, ANTHRAX, SUICIDAL TENDENCIES und EXODUS. Auch die Freizeitkapelle des Motörhead-Sechssaiters, PHIL CAMPBELL´S ALL STARR BAND, sollte man nicht unterschätzen, zumal sie bei uns bislang live nicht aufgetaucht ist. Für Sammler interessant ist das teils exklusiv designte Merchandise, darunter EXODUS-Flipflops und ein Piratenshirt von SLAYER. Hier wird auch die Tradition mehr oder minder peinlicher Rechtschreibfehler fortgesetzt. Voriges Jahr vermerkte man auf dem offiziellen Cruise-Hemd noch ´ne Band namens Megadeath, diesmal schludern SLAYER beim Ort des Geschehens und wähnen sich auf einem „Mötorboat“.

Tag 1

Nach der auf wenig Interesse stoßenden Sicherheitseinweisung und einem „Familienfoto“ aller Passagiere schießen EXODUS mit einem herrlich asozial ins Mikro keifenden Zetro direkt an Deck die erste Breitseite ab. Es ist so heiß, dass die Band schon nach drei Takten wie bei ´ner knackvollen Clubshow schwitzt. Dass wir hier auf einem Schiff sind, merkt man vor allem daran, dass ab und zu ein Bikinigirl crowdsurft (nein, nicht Conny – und auch die rumfliegende „Stumme Ursel“, die sich Gary Holt irgendwann grinsend über die Schultern legt, ist nicht gemeint). Supervoll ist´s allerdings nicht. Insgesamt sind ca. 1.500 Fans an Bord. Dadurch gibt´s aber auch keinerlei Gedränge bei den Gigs oder an den Futtertrögen.
Im ziemlich schicken Stardust Theater lassen es CORROSION OF CONFORMITY um einiges ruhiger angehen. Zugegeben, es ist ´ne Minderheitenmeinung, aber bevor Pepper Keenan (g./v.) bei den Stil-Chamäleons einstieg, war die Band einfach besser. Ohne ihn kriegt sie aber wiederum überhaupt nix mehr auf die Reihe. Also lassen die drei Originalmitglieder Woody Weatherman (g.), Reed Mullin (dr.) und Mike Dean (b.) Pepper wieder auf den Chefsessel. Der fand das Motörboat schon 2014 ziemlich knorke, als er mit seinem Hauptarbeitgeber Down auftrat, und hat live genauso viel Spaß inne Backen wie bei seinen Rund-um-die-Uhr-Streifzügen durch die Schiffsbars, wo man ihn stets selig strahlend im Party-Modus antrifft. Die Band räumt speziell bei der Redneck-Fraktion im Publikum tierisch ab. Aber, Mann, wie geil wäre es gewesen, wenn die Herren sich einfach die Minute Zeit genommen hätten, zwischen all den Bierbauch-Rock-Nummern ´ne Granate wie ´Hungry Child´ runterzuholzen. Offensichtlich aus Angst vor dem anwesenden Grobvolk hat man übrigens sämtliche Sitzgelegenheiten des Theaters mit Plastikhüllen geschützt, was Anarcho-Conny gesellschaftlich herabwürdigend findet, die Folie laut meckernd von ihrem Sessel abzieht und umgehend einschläft (danke, Jetlag!).
In der plüschigen, aber auf gefühlte 15 Grad runtergekühlten Dazzles Lounge präsentieren sich THE DEAD DEADS. Die Mädels kleben sich Xe über die Augen, nennen sich Meta Dead, Billy Dead, Betty Dead, Daisy Dead und Hella Dead und feiern sich tatsächlich selbst als Supergroup, weil einige von ihnen vorher mal bei – Achtung, jetzt kommt´s – The Wolf Sisters, Prim! und Catfight am Start waren. Man erwartet also eher B-Klasse-Trash, doch dann hauen einem die Grazien einen sympathisch-naiven Schnodder-Sound zwischen Ramones-Bubblegum, Alternative, bekifften Horrorsoundtracks und Doo-Wop um die Ohren. Sängerin Meta hört auch auf den Spitznamen Doomy, was hormonell unausgelastete Kerle gern als „Do me“ (so in etwa „Nimm mich“) verstehen. Das Testosteron fließt entsprechend in Strömen, auch wenn nur ca. 50 Typen vor Ort sind. Jedenfalls geht´s mit amtlich dicken Eiern zu HATEBREED. Das Mosh/Stagedive/Circlepit-Verbot an Bord fällt bei keiner Band dermaßen auf wie bei dem metallischen Hardcore-Fünfer. Aber energisches Auf-der-Stelle-Headbanging geht zu Granaten wie ´Perseverance´ und ´Doomsayer´ notfalls auch. Ein bisschen sieht es allerdings aus, als ob man für eine Filmproduktion das falsche Publikum gecastet hätte. Frontmann Jamey Jasta passt sich den Umständen an und fordert nicht wie sonst fünf Circlepits und ´ne Wall Of Death parallel, sondern brüllt schlicht: „Bang your fucking heads with us!“ Geht klar!
Echt neugierig darf man auf PHIL CAMPBELL´S ALL STARR BAND sein. Sänger Neil Starr (daher auch das Doppel-R im Gruppennamen) hat einen etwas moderneren Background als MOTÖRHEAD-Gitarrist Campbell, kann aber verdammt noch mal echt alles singen. Wenn die Kerle – neben Phil und Neil noch drei Campbell-Söhne, die mit ihren verschieden langen Bärten schwer nach Berlin-Mitte-Hipstern aussehen – separat von MOTÖRHEAD touren, spielen sie ´ne Menge vergessene oder schlicht nicht mehr in die Setlist passende Motör-Classics, auf dem ´Boat mogeln sich hingegen mehr Standards anderer Bands ins Programm (´Children Of The Grave´, ´Communication Breakdown´, ´Jumpin´ Jack Flash´, ´Nutbush City Limits´). Dazu kommen smarterweise diverse Songs, die MOTÖRHEAD schon mal gecovert haben (´Cat Scratch Fever´, ´Heroes´, ´Rosalie´). Bei Letzterem singt ANTHRAX´ Joey Belladonna vom Backstage aus mit, traut sich aber nicht auf die Bühne, obwohl davor höchstens 100 Leute stehen und auch seine Frisur bombig sitzt. Der extrem gut gelaunte und redselige (!) Phil Campbell, der bei einem einzigen Gig seiner Starr-Gang gefühlt so viel plaudert wie in seiner kompletten bisherigen MOTÖRHEAD-Live-Karriere, quittiert´s mit einem gegrinsten „You fucking shy motherfucker!“. Joey erzählt uns später, dass er Phils Kids schlichtweg nicht die Show stehlen wollte.
Der heutige Tag hat gleich zwei Mottos. Jeder soll seine Landesfarben irgendwie repräsentieren. Manche hüllen sich in ihre Nationalflagge, andere tragen ganz unkompliziert eine global verständliche Alk-Fahne aus dem Mund vor sich her. Zum anderen war gestern „Blutmond“, also eine Mondfinsternis, während der der Erdtrabant in düsterem Rot über uns wachte. Ein paar sektiererische Hardcore-Christen sehen das als Zeichen für die Wiederkunft ihres Herrn und das gleichzeitige Ende für den Rest der Menschheit. Oder so ähnlich... Geklappt hat´s mit der Apokalypse jedenfalls nicht. SLAYER liefern dennoch den passenden Soundtrack nach und sind mit Abstand die zugkräftigste Band des Abends. Anders als beispielsweise auf der Kiss Kruise gibt´s keine reservierten Plätze im Theater (nicht mal von deutschen Mitfahrern über die Sitzplätze gelegte Handtücher gelten). „Wer zuerst kommt, malt zuerst“ (sic!), heißt´s im Programmheft, was ein adipöses Ami-XXXL-Monster wohl wörtlich genommen und sich kurzerhand mit ein paar Buntstiften „Metal Rules“ auf den zeltähnlichen Lappen über seinem 100.000-Kalorien-pro-Tag-Body gekrakelt hat. Zu voll wird´s dann doch nicht, was aber nicht am mangelnden Interesse an Slayer, sondern an der generell nicht ausgebuchten Reise liegt. Der Vierer hämmert durch ein geiles, selbstbewusst mit ´ner Menge „Repentless“-Nummern gespicktes Set. Araya sieht ohne seinen Jesus-Bart wieder um einiges jünger und fieser aus, auch wenn er erneut auf seinen Analog-Teleprompter (diverse DIN-A4-Seiten mit Texten) zurückgreift. Den Serienmörder-Track ´Dead Skin Mask´ widmet der olle Charmeur seiner anwesenden Ehefrau als „Lovesong“ zum Hochzeitstag. King und Holt sind präzise Riff- und Solomaschinen, und Bostaph hält das Massaker souverän auf Kurs. Song für Song spielen sich Band und Publikum vom eröffnenden Fressepolierer ´Repentless´ bis zur finalen Vernichtung durch ´Angel Of Death´ in einen echten Rausch. Ein Fan rastet sogar komplett aus, wird zum Ein-Mann-Ultra-Aggro-Pit, muss von fünf Sicherheitsleuten überwältigt werden und reißt dabei noch einen der fest montierten Bartische aus der Verankerung. Später am Abend verprügelt ein anderer Typ seine Frau und muss ebenfalls von diversen Sicherheitsleuten in Gewahrsam genommen werden. Vielleicht stimmt ja wirklich was nicht mit dem Mond, der riesig über dem Schiff thront...
Den heult an Deck auch HUNTRESS-Chefpilotin Jill Janus vor einer sehr überschaubaren Zahl Schaulustiger an. Selbst nach dem Ende des SLAYER-Gigs wird´s kaum voller. Schade eigentlich, Jill ist ´ne heiße Exzentrikerin mit absoluten Starqualitäten. Außerdem hat man auf dem Motörboat die erste Gelegenheit, die Dame wieder auf der Bühne zu erleben, nachdem sie wegen einer Krebsoperation die letzte Tour absagen musste. Ein bisschen erinnert ihre Theatralik an King Diamond, hat jedoch deutlich dickere Eier in der Hose bzw. unterm Shirt. Jills stimmliche Präsenz ist beängstigend gut, und auch die Ansagen sind klasse: „Nehmt ihr nachher noch illegale Drogen? Ja? Super! Ich geh schlafen.“ Das Grim-Reaper-Cover ´See You In Hell´ tauft sie in ´See You At The Buffet´ um, was bei ´ner Frau, die aussieht, als hätte sie vor vier Jahren das letzte Mal was gegessen, doppelt ironisch wirkt. Vielleicht wäre es ja einen Tick voller gewesen, wenn es in einer Schiffsecke nicht penetrant nach Kotze stinken würde.
Für Nachteulen, Jetlag-Geschädigte, generell unter Schlaflosigkeit leidende Menschen und Conny geht´s anschließend mit DJ-Beschallung und Karaoke weiter. Mitsingen will Frau Schiffbauer allerdings partout nicht (es standen halt keine Slipknot-Songs zur Auswahl - Conny).

Tag 2

Frühmorgens – Nachtisch-Conny („Ein Stück Kuchen geht noch!“) arbeitet in der Horizontalen die vergangene Partynacht ab – legen wir in Great Stirrup Cay an. Das ist ´ne Privatinsel der Reederei, also eine perfekt gestaltete Touristenfalle. An Bord (die eine Ecke auf dem Deck mieft immer noch hundsgemein nach wiedergekäutem Essen) und am Strand werden alle möglichen Actionspiele veranstaltet. Hinter den einladend bezeichneten „Beach Wars“ steckt zum Beispiel ´ne Art Mini-Bootcamp für alle Cruiser, die ihre Kadaver mit militärischer Disziplin wieder auf Vordermann bringen wollen. Wer´s ruhiger mag, geht zum „Heavy Metal Yoga“ mit relaxender Pantera-Beschallung.
TIM „RIPPER“ OWENS trällert derweil ein paar Unplugged-Stücke. Auch wenn er gern erzählt, dass es ihm in jeder Hinsicht besser ginge als zu Judas-Priest-Zeiten, ist er inzwischen eine tragische Figur (wenngleich der ähnlich gebeutelte Blaze Bayley noch um einiges bemitleidenswerter ist). Auch hier kann man sich jedenfalls beim besten Willen nicht vorstellen, dass es Owens wirklich Spaß macht, vor geschätzten 200 Nasen die menschliche Jukebox zu spielen. Stimmlich ist der Kerl allerdings nach wie vor überirdisch, und auch die Songauswahl von Priest-Sleepern wie ´Death Row´ bis zu globalen Gassenhauern (´T.N.T.´, ´Only Women Bleed´, ´Cold Gin´, das wirklich Gänsehaut auslösende ´Heaven And Hell´) ist voll in Ordnung.
Einige Bands laden zum „Beach & Greet“, wo die männliche Belegschaft beim Anblick von HUNTRESS-Fronthexe Jill Janus gleich wieder ein paar Testosteronbriketts nachlegt. THE DEAD DEADS sind ebenfalls weiterhin lecker und spielen ´ne Art Matinee-Gig in einem kleinen Beach-Kabuff. Dort trifft man auch EXODUS-Frontmann Zetro, der sich ebenso wie ANTHRAX-Mastermind Scott Ian und MOTÖRHEAD-Blondine Mikkey Dee am Strand rumtreibt. Das Partyvolk schiebt seine katergeplagten Körper in das badewannenwarme, türkisfarbene Meerwasser und beruhigt die promillegeschädigten Synapsen mit der nächsten Ladung Booze, die in der brezelnden Karibiksonne gleich doppelt so lecker schmeckt.
Zurück an Bord, dürfen C.O.C. zum zweiten Mal ran (sie spielen genau beim Ablegen von der Insel, kommt cool), ebenso wie EXODUS und PHIL CAMPBELL´S ALL STARR BAND. Auch SLAYER absolvieren nach einer Fragestunde („Habt ihr Hobbys, die total unslayer sind?“ – Kerry King: „Nö!“) ihren zwoten, wieder sehr souveränen Gig. King und Araya schleichen sich am nächsten Morgen heimlich vom Schiff. Vorher begeistern sie aber sogar das Personal dermaßen, dass selbst zwei Kellnerinnen in adretten Blümchenblusen verzückt kichernd mitmoshen und Erinnerungsschnappschüsse schießen.
Gerade erst mit der Arbeit beginnen MOTÖRHEAD, die bei ihrem Meet & Greet zwar weder wirklich meeten noch greeten, sich aber für ´ne Fotosession mit den Passagieren zur Verfügung stellen. Und darauf haben wirklich alle Fans Bock und lassen sich in Gruppen von bis zu acht Personen mit dem Dreier ablichten.
Zwei weitere Highlights des diesjährigen Motörboats treten ebenfalls erstmals in Erscheinung: Den absoluten Abriss liefern dabei die SUICIDAL TENDENCIES, deren Auftritt eher einer Messe als einem Gig ähnelt. Das Stardust Theater ist so voll wie bei SLAYER, die Energie jedoch noch drei Stufen höher. Die „Church Of Suicidal“ agiert völlig losgelöst von Songs oder jeglicher Bandhierarchie. Jeder der wie immer im eigenen Merch auftretenden Musiker ist ein Star für sich, handwerklich top, das Publikum animierend und teilweise in völliger Ekstase. Frontmann Mike Muir turnt wie ein Irrer über die Bühne und quatscht gewohnt semi-sinnvolles Zeug, bis er Fusseln am Mund hat. Seine Jünger hängen ihm an den Lippen, das „S.T.“-Gebrülle ist ohrenbetäubend, die Security feiert mit und hat plötzlich kein Problem mehr mit ´ner Wall Of Death, einem amtlichen Pit, 50 Fans auf der Bühne und 1.000 auf und ab hüpfenden Passagieren. Zum Schluss springt Mike einfach ins Publikum, schüttelt Dutzende Hände und verlässt die Venue durch den Haupteingang. Die mit Abstand tighteste und spielfreudigste Band des Schiffs!
Wer seinen Metal hingegen übertrue braucht und selbst ANTHRAX für ´ne Grunge-Combo hält, kriegt bei DEATH DEALER ´ne ansehnliche Latte in der Badebuxe. Sean Peck (auch bei den tollen Cage und dem Mercyful-Fate-Gitarristen-Projekt Denner/Shermann) gehört zu den brillantesten Echtmetall-Sirenen der Post-Achtziger und legt die entsprechende latente Großkotzigkeit an den Tag. Er ist eh etwas angepisst, weil ANTHRAX-Grunger Scott Ian uncoolerweise die Schiffs-P.A. nutzt, um die Passagiere zu seinem MOTOR SISTER-Projekt zu lotsen, und stellt klar, dass der wahre Metal bei DEATH DEALER zu finden sei. Stimmt auch. Peck hat ´ne Weltklassestimme, Manowar-Urgestein Ross The Boss ist ein granatengeiler Riffmeister, und wenn Conny nicht auf Scott Ians Propaganda reingefallen wäre und zudem noch „Korn sind geiler!“ krakeelt hätte, wäre uns keine Note entgangen. So geht´s aber aufs Deck zu MOTOR SISTER: Für die prominent besetzte Coverband haben sich Scott, seine Frau Pearl Aday (nebenberuflich Tochter von Meat Loaf), John Tempesta (The Cult) und Joey Vera (Armored Saint) mit dem früheren Mother-Superior-Sänger Jim Wilson zusammengetan und spielen die Songs seiner längst aufgelösten Band mit einem Tick mehr Metal. Das liegt vor allem an Rhythmusgitarrenmaschine Ian. Besonders geil sind allerdings die Harmony-Vocals von Jim und Pearl. Viel los ist vor der Bühne trotz Scotts Extra-Werbung dennoch nicht.
Das etwas alberne Tagesmotto nennt sich „Heavy Metal Luau“. Man soll in Hawaii- oder Beachwear übers Schiff stolzieren. Kein Problem. Am zweiten Cruise-Tag verliert man eh langsam jegliche Hemmungen, wie die selbstbewusste Blondine, die sich tagtäglich irgendwelche Metal-Parolen inklusive Heavy-Artworks auf die Titten airbrushen lässt und stolz zur Schau trägt. Nur Lemmy macht bei dem ganzen Quatsch nicht mit. Er sitzt in seiner üblichen Uniform im Casino und kämpft mit den einarmigen Banditen...

Tag 3

Heute erreichen wir Nassau, wo tatsächlich ein Passagier des Schiffs verwiesen wird. Er hatte zuvor mehrfach einen Merch-Verkäufer angepöbelt und diverse letzte Warnungen missachtet, bis es den Veranstaltern zu viel wurde und er seine Sachen packen durfte. Vielleicht gefällt´s ihm hier ja. Die Stadt ist abseits der ätzenden Touristenpfade (ein Juwelier und Andenken-Trash-Laden neben dem anderen...) ganz nett, wenn man darüber hinwegsieht, dass einen alle zehn Meter wer anquatscht, ob man ein Moped bzw. Taxi braucht oder Meth kaufen will. Dazu regnet es mehrfach wie aus Eimern. Zu guter Letzt erreicht uns ´ne Hurrikan-Warnung, so dass die Gigs an Bord erst später beginnen können. Bei HATEBREED schaukelt der Kahn wirklich heftig, und als Bonus gibt´s einen Wolkenbruch. „Fuck the hurricane, we came to rock!“, brüllt Jamey Jasta, fordert die Fans zu massenhaften Arschbomben in den Pool auf und inszeniert dort sogar einen ansehnlichen Circlepit.
Der erste ANTHRAX-Gig wird genauso abgefeiert wie die beiden SLAYER-Events. Die New Yorker huldigen dem 30. Jubiläum von „Spreading The Disease“ durch das coole Eröffnungs-Triple ´A.I.R.´/´Lone Justice´/´Madhouse´. Joey Belladonna fegt freudestrahlend über die Bretter, sieht zwar inzwischen aus wie ´ne Mischung aus Thomas Anders und Costa Cordalis, singt aber großartig – vorausgesetzt, die Kompositionen geben ihm den nötigen Freiraum. Das ist besonders bei ´Neon Knights´ der Fall, wodurch sich das Gequengel, ob man bei einem Elf-Song-Set wirklich drei Cover spielen muss (die anderen beiden sind wie immer ´Got The Time´ und ´Antisocial´) gleich wieder erledigt hat.
Um 22:30 Uhr geben sich die eigentlichen Gastgeber MOTÖRHEAD endlich mit einer anständigen Dröhnung die Ehre. Ein Mann, ein Wort: „Bomber“, grummelt Lemmy ins Mikro, und ab geht´s. Man hat als Fan zwei Möglichkeiten: Entweder hofft man die ganze Zeit nervös, dass alles gutgeht und Lemmy nicht wieder die Show abbrechen muss. Oder aber – und das ist die weitaus bessere Alternative – man hat einfach Spaß mit MOTÖRHEAD 2015: etwas gemütlicher, vorhersehbarer und zahmer, aber nach wie vor 100 Prozent MOTÖRHEAD. Lemmy steht fast unbeweglich in seinen „red suede shoes“ vorm Mikro, singt gut, spielt völlig okay (sein Basssolo in ´Stay Clean´ sitzt wie ´ne Eins) und hat trotz der für ihn unübersehbar anstrengenden Performance definitiv Spaß. „Ich stelle euch jetzt mal die Band vor. Nur für den Fall, dass ihr denkt, wir wären jemand anderes“, grinst er, aber letztendlich feiert das Auditorium mit lautstarken „Lemmy, Lemmy“-Schlachtrufen eh nur den Böss selbst. Diverse Crowdsurfer purzeln über die Barrikade vor der Bühne, fliegen jedoch bei Wiederholung direkt aus dem Saal. Ein Betroffener lässt sich nach dem Gig von einem Kumpel erzählen, welche Stücke er wegen seiner Aktion verpasst hat, und guckt ziemlich frustriert aus der Wäsche. Rätselhaft ist, dass MOTÖRHEAD null Komma null Songs von ihrem aktuellen Chartstürmer „Bad Magic“ ins Set packen. Da hatte man wohl mal wieder keinen Bock auf zusätzliche Proben. Ein strenges Wort auch an Frau Schiffbauer, die es tatsächlich schafft, während ´Lost Woman Blues´ die Segel zu streichen, sich mal eben „für ´ne halbe Stunde aufs Ohr“ legen will und erst am nächsten Vormittag wieder auf den Beinen ist.
Nachdem sie ihren ersten Gig parallel zu SLAYER starten mussten, haben HUNTRESS diesmal MOTÖRHEAD als Konkurrenz und ziehen dadurch erneut die Arschkarte. Schade für Jill & Co., die definitiv ein größeres Publikum verdient hätten.
Das pfiffige Tagesmotto heißt „Three Ring Freak Show“ und meint ´ne Art Horrorzirkus. Das Publikum soll sich als klassische Freakshow-Charaktere präsentieren. Je später der Abend, desto unklarer ist allerdings, wer sich tatsächlich verkleidet hat und wer einfach nur komplett durchgerockt übers Schiff wankt.

Tag 4

An Deck und in den Lounges gibt´s die übliche Asi-Kreuzfahrts-Bespaßung (besoffen schwierige Wörter buchstabieren, besoffen Tischtennis spielen, Bauchklatscher-Wettbewerb). Parallel laufen Meet & Greets mit den restlichen Kapellen. Im Gegensatz zum Treffen mit MOTÖRHEAD bekommt man von ANTHRAX, den SUICIDALs, EXODUS & Co. zusätzlich zum Foto einen Händedruck oder sogar ein „What´s up, dude“ spendiert. Kurz darauf kann man an Deck noch mal DEATH DEALER und speziell Frontmann Sean Peck bewundern, der auch bei gefühlten 40 Grad nicht auf seine fette Lederkutte verzichten will und aussieht, als ob er jeden Moment kollabieren würde. Denkwürdig wird der Gig, als Ross The Boss ankündigt, man spiele jetzt zum letzten Mal überhaupt einen Manowar-Song. Die folgende ´Hail And Kill´-Adaption führt auch im Pool zu echtmetallischer Ekstase.
Tagesheadliner, falls die Bezeichnung bei so einem Event überhaupt Sinn ergibt, sind im Stardust Theater ANTHRAX und MOTÖRHEAD. Erstere präsentieren ein weitgehend überarbeitetes Programm und räumen wieder großflächig ab. Ausgerechnet bei MOTÖRHEAD kommt der Kahn dann äußerst schwerfällig auf Touren, denn parallel veranstalten die SUICIDAL TENDENCIES an Deck ihre zweite Messe. Mike Muirs Truppe hat erneut mehr Energie, technische Finesse und Spielfreude im kleinen Finger als jeder andere Act des Schiffs und wird wieder von einem komplett ausrastenden, ziemlich sportlichen Publikum gefeiert, bei dem sogar ´ne Polonaise cool aussieht.
Sir Kilmister trägt heute weiße statt rote Schuhe. Das waren auch schon die markantesten Unterschiede zum Vorabend, denn die Setlist wird kein bisschen variiert. Witzigerweise nuschelt Lem ausgerechnet beim eher „aktuelleren“ ´Rock It´ (immerhin von 1983, die Hälfte der Songs stammt aus den Siebzigern), dass der Track aus grauer Vorzeit stamme („even before I was born“). Am Ende des Sets verweist er noch auf seinen am 24. Dezember fälligen 70. Geburtstag und meint, das würde sich irgendwie seltsam anfühlen. Insgesamt ist der zweite Auftritt einen Tick souveräner als der vom Vorabend. Lemmy hat also allen Unkenrufen zum Trotz durchaus noch ein paar Pfeile im Köcher.
Die Abschlussnacht nennt sich „Motörhead After Dark“ und feiert 40 Jahre MOTÖRHEAD. Vor dem zweiten MOTOR SISTER-Gig wird in Anwesenheit von Kilmister, Campbell und Dee eine MOTÖRHEAD-Torte geschlachtet und umgehend von Conny verköstigt (es wäre schöner gewesen, wenn der dunkle Guss aus Schoko und nicht aus Frucht bestanden hätte, aber ich konnte es gerade noch so verkraften - Conny). ´ne Wodka-Torte (ihr wisst schon: klarer Alkohol ist gesünder als trüber...) war´s anscheinend nicht, denn Frau Schiffbauer drückt sich auch heute vor einem Karaokeaufritt. Dafür zeigt Joey Belladonna dort, dass er wirklich verdammt noch mal alles an klassischem Siebziger-Hardrock/AOR schwindelerregend geil singen kann. Dann geht´s auch schon in die Heia, denn am nächsten Morgen wird man zurück in Miami bereits um neun Uhr morgens mit sanfter Gewalt von Bord geschoben. Die ersten Gäste der kommenden Wochenendkreuzfahrt warten schließlich bereits am Pier. Die hartnäckig müffelnde Kotzeecke an Deck dürfte den einen oder anderen Normalopassagier in nächster Zeit noch zu irritiertem Naserümpfen bringen.
Wir sehen uns 2016 wieder. So Gott, Lemmy oder Gott Lemmy es wollen.


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Setlist Anthrax Gig 1

A.I.R.
Lone Justice
Madhouse
Caught In A Mosh
Got The Time
Antisocial
Fight ´Em ´Till You Can´t
Medusa
In The End
Neon Knights
Indians


Setlist Anthrax Gig 2

Among The Living
Caught In A Mosh
I Am The Law
Antisocial
Fight ´Em ´Till You Can´t
Efilnikufesin (N.F.L.)
In The End
I´m The Man
Indians

Setlist Motörhead

Bomber
Stay Clean
Metropolis
Over The Top
The Chase Is Better Than The Catch
Rock It
Lost Woman Blues
Doctor Rock
Ace Of Spades
Just ´Cos You´ve Got The Power
No Class
Overkill

Bands:
SUICIDAL TENDENCIES
ANTHRAX
EXODUS
SLAYER
MOTÖRHEAD
HATEBREED
Autor:
Conny Schiffbauer
Jan Jaedike

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