Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 30.05.2012

ACCEPT , HELL - Hamburg, Docks

Begleitet von einem heroischen Intro, das wie eine vertonte Mischung aus dem Einmarsch der Gladiatoren und einem Abenteuerfilm über einen schwulen Vampirjäger aus der städtischen Kanalisation Bottrop klingt, marschieren HELL auf die Bühne, und nachdem ich das Glas meines Monokels nochmals frisch geputzt und mir die Sehhilfe ins Auge geklemmt habe, bleibt mir enthüllungsjournalistisch festzustellen: Das ist die hässlichste Band der Welt. Klamotten, die von Cradle Of Filth vor zehn Jahren in einem Altkleidercontainer der Arbeiterwohlfahrt entsorgt wurden, weiße Tünche im Konterfei, Langhaarversuche trotz kreisrunder Regenwaldrodung auf den Köppen, und sowohl Bassist Tony Speakman als auch Sänger David Bower erinnern an einen ganz Großen ihres Fachs: Gollum. Echte Zwillingsbrüder von Smeagol also. Da platzt das Monokel.

Man muss der Band wirklich hoch anrechnen, dass sie supertight spielt, dass ihr Frontmann nebst Headmikro-Albernheit stimmgewaltig und facettenreich singt, aber diese völlig überzogene theatralische Schlossgespenst-Attitüde des vokalen Mimik- und Gestikleistungssportlers lässt einen genauso beschämt weggucken wie die Epilepsietänze von Janick Gers bei Maiden. Das hier ist kein übermannsgroßes Entertainment nebst Pathos eines Primordial-Alan, sondern peinliches Wurzelgnomgehampel. Irgendwann reicht es halt, und weil das Songwriting der Engländer alles andere als höllisch stark ist - was sich bis zu unserem Chefdenker Götz allerdings noch nicht herumgesprochen hat -, hinterlässt dieser Auftritt nicht sonderlich beeindruckte Hanseaten. (Wir sprechen uns noch, Wolf! - gk)

Was dann folgt, ist die Neuauflage von Samuel Becketts „Warten auf Godot“. 70 Minuten erduldet die prall gefüllte, etwa 1.500 Fans starke Halle bei nervigen Soundspielereien und einer Mix-CD auf Repeat. Dreimal Chickenfoots ´Big Foot´, dreimal ´The Boys Are Back In Town´, weißte?

Keiner weiß, was los ist. Sind Accept aus Stalingrad nicht heimgekehrt? Hat sich die Band während des Hell-Auftritts totgelacht - oder gar aufgelöst? Nach 80 Minuten betritt Riffmeister Wolf Hoffmann die Bühne, schnappt sich ein Mikro und informiert über einen Defekt der Anlage: „Wir versuchen unser Bestes.“ Irgendwann wird es plötzlich dunkel, man hört Luftschutzsirenen und dröhnende Flugzeuge - und ACCEPT gehen mit ´Hellfire´ ins Rennen. Bombensound! Die schwersten Riffs Nachkriegsdeutschlands! Dazu Mark Tornillos Schneidbrenner-Kreissägen-Stimmenmischmasch! Die Halle marschiert sofort mit. Und höllisch laut ist es! Ganz nach amerikanischem Gigantomanievorbild holt der Mischpultmann alles, aber auch wirklich alles aus der Anlage heraus. Bei dem Fünfer stimmt jede einzelne Facette: Die Axtfront Hoffmann/Frank/Baltes am Bühnenrand und ähnliche dramaturgische Zusammenspielereien, das Miteinander aus purer Lust und Freude der Musiker und ihrer immer wieder aufgeblitzten Ernsthaftigkeit des Tuns, die geilen Chöre, die „Ohohoho“-Mitsingriffs - und natürlich die Hits. Als solcher kann der Titelsong der neuen Platte, ´Stalingrad´, bereits jetzt bezeichnet werden, denn die Meute feiert diese Nummer von allen neueren Songs am meisten ab. Zu den weiteren absoluten Höhepunkten dieses Feldzugs avancieren ´Restless And Wild´, ´Son Of A Bitch´, ´Princess Of The Dawn´, ´Metal Heart´ und die ultimative Zugabe ´Balls To The Wall´. Also, meinetwegen können Accept einmal wöchentlich in Hamburg einstöpseln.

Setlist ACCEPT:

Hellfire
Stalingrad
Restless And Wild
Living For Tonite
Breaker
Son Of A Bitch
Monsterman
Bucket Full Of Hate
Shadow Soldiers
Neon Nights
Bulletproof
Losers And Winners
Aiming High
Princess Of The Dawn
Up To The Limit
No Shelter
Pandemic
Fast As A Shark
Metal Heart
Teutonic Terror
Balls To The Wall

Pic: Hans-Martin Issler

Bands:
HELL
ACCEPT
Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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