Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 29.08.2018

KORPIKLAANI , DOKKEN , CHILDREN OF BODOM , STEEL PANTHER , NIGHTWISH , GOJIRA , MANTAR , SOLSTAFIR , JUDAS PRIEST , DIRKSCHNEIDER , ALESTORM , IN EXTREMO , DANZIG , HELLOWEEN , BETONTOD , WATAIN , THUNDERMOTHER , ARCH ENEMY , DESTRUCTION , VINCE NEIL , DORO , AMORPHIS , MR. BIG , DIMMU BORGIR , BEHEMOTH , RUNNING WILD - Gänsehaut in der Hitzehölle

Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein war da, gefühlt jeder Fernsehsender und natürlich auch eine Rock-Hard-Gesandtschaft: Wenn Wacken, dieses idyllische Dörfchen in der Pampa, während der Festivalzeit zur viertgrößten Stadt des Bundeslandes avanciert, kann dem Spektakel in Norddeutschland niemand entkommen. Auf den folgenden Seiten findet ihr unseren wie immer völlig subjektiven Rückblick auf die 29. Auflage des W:O:A.

DONNERSTAG

Da denkt man, man hat schon alles gesehen und ist durch nichts mehr zu erschüttern, und dann das. Nix wird´s mit dem lockeren Spaziergang aufs Gelände, stattdessen ist ´ne handfeste Sicherheitskontrolle angesagt. Hacky „Eisenfavst“ Hackländer, der seit heute Morgen einen sargähnlichen Koffer mit sich herumträgt, will es zwar nicht einsehen, aber der hünenhafte Security-Mann lässt sich auf keine Diskussionen ein: „Mit dem Teil kommst du nicht rein.“ Was irgendwie verständlich ist, denn der bekennende Watain-Fan hat allen Ernstes seine Kettensäge dabei, um für Erik Danielsson & Co. beim Speed-Carving-Kurs im Wackinger Village noch schnell ein monumentales umgedrehtes Kreuz herzustellen. Die Kettensäge muss also wieder zurück ins Auto, und ich dackel alleine los, um von DOKKEN mit einer ziemlich schrägen Coverversion des The-Doors-Klassikers ´The End´ empfangen zu werden. Bei gefühlten 50 Grad Außentemperatur hat der Psychedelic-Faktor der Nummer etwas Prophetisch-Beklemmendes, ehe ´It´s Not Love´ und ´In My Dreams´ das Publikum in die Realität zurückholen. Olle Don singt ziemlich gut, was man von VINCE NEIL schon zu seligen Mötley-Crüe-Zeiten eigentlich nie behaupten konnte. Es hat also auch etwas von Katastrophen-Tourismus, wenn man sich den Auftritt in der sengenden Sonne gibt, aber was soll ich sagen: Vince macht die Sache im Rahmen seiner Möglichkeiten ziemlich gut, bedient sich clevererweise aus dem reichen Hitfundus seiner ehemaligen Stammband und hat mit seinen Backing-Musikern echte Asse im Ärmel. Vor allem der Show-Drummer, der die Becken schon mal mit dem Fuß anschlägt und unter wildesten Verrenkungen seine Sticks durch die Luft wirbelt, macht echt was her. Da ist es sogar egal, dass Hacky, der es inzwischen auch aufs Gelände geschafft hat (zwar ohne seine geliebte Kettensäge, aber immerhin…), verächtlich „Stripper-Metal“ in sein Bier grummelt und Mr. Neils Figur zu der Annahme verleitet, dass der Frontmann die Fastfood-Lokale nahe seiner Wohnung scheinbar im Stundentakt ansteuert. Geschenkt. Findet übrigens auch seine platinblonde Begleiterin, die den Gig hinter der Backline stehend standesgemäß mit ihrem pinkfarbenen iPhone filmt.
Nach einem kurzen Boxenstopp im VIP-Bereich machen wir Halt an der Zeltbühne und schauen uns eine Weile die Death-Worshipper von GRUESOME an. Gitarrist/Sänger Matt Harvey und seine Sidekicks schroten respektive röcheln sich stoisch durch ihren Set, können das Publikum, das anscheinend zum größten Teil aus Schattensuchenden besteht, aber nur bedingt begeistern.
Das gelingt DIRKSCHNEIDER auf der Hauptbühne deutlich besser. Kein Wunder, denn zu Accept-Krachern wie ´Princess Of The Dawn´, ´Metal Heart´ oder ´Balls To The Wall´ geht das komplette Infield steil. Band und Fans haben sichtlich Spaß in den Backen. Nur warum Udo bei diesem Wetter noch ´ne Jacke trägt, will sich uns partout nicht erschließen. (tk)
VALLENFYRE gehören schon seit einiger Zeit zur aufstrebenden „neuen“ Death-Metal-Kohorte und zeigen auch heute, dass sie keinerlei Interesse an aggressionslindernden Maßnahmen haben. „We are here to bring the filth to this festival!“, brüllt Sänger Gregor Mackintosh ins Mikro, und obwohl er dies öfter behauptet, wird diese Aussage nicht weniger richtig. Die Band versprüht mit ihrem matschig-verzerrten Gitarrensound eine angenehm räudige Atmosphäre, die immer wieder durch spannende Melodien aufgebrochen wird. Nachdem sie noch artig ihrem Labelchef gedankt haben, ist der Auftritt dann vorüber. Coole Show fernab von Altherren-Gejammer oder Rockstar-Attitüde und gerade deshalb erfrischend.
BEHEMOTH genießen ja mitunter den Status, live unangreifbar zu sein, da die Perfektionisten aus Polen wirklich alles bis ins kleinste Detail geplant haben und dazu noch eine Crew besitzen, die den reibungslosen Ablauf garantiert. Heute ist allerdings wohl beim Soundcheck nicht alles richtig gelaufen. Die Gitarren gehen völlig unter, und so ist das Ganze leider eher eine Schlagzeug-Unterrichtsstunde als das Konzert einer Band. Abgesehen vom Gesang lässt sich etwas anderes als das Drumming von Weltklasse-Schlagzeuger Inferno nur schwer erahnen. Auch das Wechseln des Standortes im Publikum verändert an dieser Sache leider nichts, dabei reißen die satanischen Prediger ganz schön was ab: Neben den alten Hits wie ´Demigod´ oder ´Conquer All´ und neueren Meilensteinen wie ´Messe Noir´ oder ´Ora Pro Nobis Lucifer´ gibt es auch zwei Stücke vom neuen Album zu hören. Während ´Wolves Of Siberia´ schon häufiger auf den Bühnen dieser Welt zu hören gewesen ist, feiert ´God=Dog´ heute seine Premiere. Erst wenige Stunden zuvor wurde der Song digital im Netz veröffentlicht und wird nun dem schwitzenden Wacken-Publikum live serviert. Abgeschlossen wird das Ganze durch den ehemals letzten Song eines Behemoth-Sets, ´Chant For Eschaton 2000´, und ´O Father O Satan O Sun´, der sich anscheinend seit Längerem zum neuen Abschlusstrack hochgearbeitet hat. Insgesamt eine perfekte Behemoth-Show nebst Feuersalven und unermüdlich arbeitenden Musikern – wäre da nicht das Soundproblem, das bis zum letzten Ton nicht behoben werden kann.
Glenn Danzig ist eine Ikone, ja sogar eine Legende. Viel davon zu sehen ist beim heutigen DANZIG-Auftritt allerdings nicht. Wenig überzeugend klingt der ganze Spaß, und auch der ehemalige Type-0-Negative-Drummer Johnny Kelly kann den Hebel nicht herumreißen. Unerklärlich, ob es an den Temperaturen oder der Stimmung der Musiker liegt, aber der Funke mag ums Verrecken nicht überspringen. Songs vom letzten Totalausfall-Album „Black Laden Crown“ machen das natürlich auch nicht besser. Gesanglich kommt Glenn nicht annähernd an seine alten Großtaten heran, und ´Tired Of Being Alive´ wirkt daher schon fast ironisch. Der Schinkengott fällt und fällt…
WATAIN trotzen der Hitze derweil im Zelt auf der Headbangers Stage und scheuen sich nicht, auch dort ordentlich Feuer und Rauch aufzufahren. Die Schweden haben sich mittlerweile zwei Jungs aus der Nachbarschaft in Uppsala für ihre Live-Besetzung geangelt: H. Death an der Gitarre und E. Forcas am Schlagzeug gehören eigentlich zu den Wahnsinnigen von Degial, unterstützen aber nun ihre Brüder im Geiste bei Konzerten. Musikalisch ist das in keiner Hinsicht negativ, sondern wirkt eher so, als ob dies noch mehr Adrenalin freigesetzt hätte. Die fanatischen Satansanbeter präsentieren sich in Höchstform und legen ein Brett hin, dass einem angst und bange wird. ´Malfeitor´ ist schon als Studioaufnahme einer der besten Watain-Songs aller Zeiten, aber live ist das Stück noch mal eine andere Hausnummer und kann auch heute alle Rahmenbedingungen vergessen machen, denn spätestens beim Solo dieses Übersongs läuft es einem trotz Sauna-Temperaturen kalt den Rücken herunter. Kraftvoll, unduldsam und erbarmungslos hämmern sich die fünf Verrückten durch ihre Songs und zeigen einmal mehr, dass in Sachen blindwütiger Hass niemand in ihnen vorbeikommt. Natürlich dürfen auch neue Großtaten wie ´Nuclear Alchemy´ nicht fehlen und fügen sich perfekt in die Setlist ein. In besserer Form hat man Watain selten gesehen! (sh)
Eisenfavst ist nach der Dosis Black Metal selig, aber DIE Attraktion des heutigen Tages möchte auch er nicht verpassen. Als JUDAS PRIEST mit dem Titelsong des neuen Albums „Firepower“ und dem sich anschließenden ´Grinder´ in ihren Gig einsteigen, hat sich gefühlt jeder Besucher vor der Bühne eingefunden und bestaunt die Punktlandung der englischen Edelstahlschmiede. Andy Sneap spielt fehlerlos und erhält auf seiner Bühnenseite Unterstützung vom wie immer stoisch vor sich hin groovenden Ian Hill, während Scott Travis hinter seinem Drumkit phasenweise regelrecht unterfordert wirkt und nur bei Nummern wie ´Firepower´, ´Freewheel Burning´ oder ´Painkiller´ ernsthaft an seine Grenzen gehen muss. Für die Show zuständig sind vor allem Rob Halford und Richie Faulkner. Während Letzterer selbstsicher den musikalischen Spiritus Rector gibt und über die riesigen Leinwände mit dem Publikum kommuniziert, wirkt der Metal God, als wäre er einem Jungbrunnen entstiegen. Stimmlich völlig unangreifbar ackert er sich durch eine gigantische Setlist, die diverse Überraschungen auffährt, und ist nebenbei vermutlich der einzige Mensch auf diesem Planeten, der es schafft, in einer silbermetallicfarbenen Fransenjacke nicht total bescheuert, sondern würdevoll auszusehen. Wir bekämpfen die Hitze mittlerweile mit diversen Bechern Bier, die uns die Rock-Hard-Leser Bastian und Michael unaufgefordert in die Hand drücken (danke dafür, Jungs!), machen uns aber trotzdem ein bisschen Sorgen um den ja auch nicht mehr ganz taufrischen Rob Halford. Oder verarscht uns der alte Fuchs im großen Stil und hat sich ins Innenfutter seiner Alujacke ein Dutzend Kühlakkus einnähen lassen? Zuzutrauen wäre es ihm. Wir klären das beim nächsten Interview, versprochen. Doch zurück zur Show: Bevor in diesem Magazin die Synthwave-Bewegung im Rahmen eines Specials thematisiert wurde, war mir das Subgenre gänzlich fremd. Hier und jetzt vor der in Bonbonfarben erstrahlenden Bühne ergibt plötzlich alles einen Sinn: Judas Priest gehören zu den Urvätern der Bewegung, schlagen visuell und auch songtechnisch mühelos den Bogen in die glorreichen Achtziger und wirken wie Wandler zwischen den Welten, denen die Zeit schon lange nichts mehr anhaben kann. Als bei den Zugaben Glenn Tipton die Bühne betritt und seine Gitarre einstöpselt, schließt sich der Kreis endgültig. Ein Wahnsinnskonzert! (tk)

Setlist Judas Priest

Firepower
Grinder
Sinner
The Ripper
Lightning Strike
Bloodstone
Saints In Hell
Turbo Lover
Tyrant
When The Night Comes Down
Freewheel Burning
Rising From Ruins
You´ve Got Another Thing Comin´
Hell Bent For Leather
Painkiller
+++
Metal Gods
Breaking The Law
Living After Midnight

FREITAG

Die schweißtreibenden Temperaturen führen zu wachsender Kreativität in der Kleidungswahl: Nicht wenige männliche Besucher haben sich heute in luftige Sommerkleidchen, Miniröcke oder gar Bikinis geworfen. So lässig wie THUNDERMOTHER sieht aber keiner der Herren aus. Die Mädels rocken mit ´I Don´t Need You´ so energiegeladen in den Tag, als wären es angenehme 20 Grad auf der Bühne. Frontfrau Guernica lässt ihrer Bluesrock-Röhre freien Lauf, während Gitarristin Filippa übermütig samt Instrument ins Publikum springt und rockend ein Bad in der Menge nimmt. Die Mädels kommen hervorragend an, darum ist es umso bedauerlicher, dass sie ihre Show um rund 20 Minuten kürzen müssen, weil da jemand entweder unglaublich mies oder unglaublich clever geplant und der Band für den Abend noch einen Auftritt in der Schweiz gebucht hat.
Auch CANNIBAL CORPSE zeigen sich von der Hitze recht unbeeindruckt. Wenn Corpsegrinder Fisher nicht gerade voller Inbrunst ins Mikro grunzt, funktioniert er seine Matte zum Vollzeitventilator um und fordert die Fans auf, das Spielchen nachzumachen: „Versucht mal, mit mir mitzuhalten. Ihr werdet scheitern, aber probieren könnt ihr´s ja mal.“ Neben einer fetten Show und einem kühlen Windhauch bescheren die Death-Metaller uns auch den ersten Circle-Pit des Tages, bevor sie von AMORPHIS aus dem hohen Norden abgelöst werden. Braun gebrannt und bestens aufgelegt präsentieren die Finnen ihre schnieke neue Bühnendeko, die wie das Cover-Artwork der aktuellen Platte in Schwarz und Gold gehalten ist. Wie die Scheibe sich nennt, kann einem in der Hitze des Gefechts schon mal entfallen: „Unser neues Album heißt... Wie heißt es denn? „Queen Of Time“, glaube ich“, grinst Tomi Joutsen über sich selbst. Es ist der einzige Fauxpas, den der Sänger und seine Kollegen sich heute erlauben, ansonsten geht es hochprofessionell und mit Vollgas zur Sache. Neue Tracks wie ´The Bee´ und ´Daughter Of Hate´ werden genauso lautstark abgefeiert wie die etwas betagteren ´Silver Bride´ und ´House Of Sleep´, bevor der Eläkeläiset-Song ´Vaivaistalossa´ als Outro die gelungene Show beendet. (am)
Amorphis´ Humppa-Outro gibt die Richtung vor, kurz darauf entern KORPIKLAANI die Bühne, um das Publikum zu fröhlichen Circle-Pits zu animieren. Die bewegten Bilder, die das traditionelle Backdrop ersetzen, sind recht ästhetisch, da könnten sich auch einige Headliner mal ein Beispiel dran nehmen. Apropos Ästhetik: Violinist Tuomas glänzt heute im weißen Fransen-Outfit. Beendet wird der Auftritt durch den akustischen Ratschlag, mit ´Beer Beer´ und ´Vodka´ gegen die drohende Dehydration anzukämpfen.
MR. BIG starten mit ´Daddy, Brother, Lover, Little Boy´ in einen abwechslungsreichen Gig, zitieren auch mal AC/DC, lassen Flitzefinger Paul Gilbert und Bassgott Billy Sheehan Raum für Soli und erinnern mehrmals an ihren im Februar verstorbenen Schlagzeuger Pat Torpey. Goldkehlchen Eric Martin greift sich auch mal die Akustikgitarre und erklärt den Auftritt in Wacken inbrünstig zum Highlight in der Bandkarriere. (ts)
Da denkste, du kannst mal eben schnell von Mr. Big zu SCHANDMAUL rüberlaufen, weil der Zulauf bei einer Mittelalter-Band schon nicht allzu groß sein wird – Pustekuchen! Rappelvoll ist es bei den Folk-Rockern, die zudem von einer Gebärdensprache-Simultanübersetzerin unterstützt werden. Da die Jungs und Mädels mit ihrer Musik allerlei märchenhafte, selbstironische, aber auch ernste Geschichten der Marke ´Bunt und nicht braun´ erzählen, gar kein übler Schachzug. Auch sonst haben Sänger Thomas Lindner und seine Bande das Publikum voll im Griff und lassen gestandene Metaller fröhlich miteinander tanzen, hüpfen und schunkeln. Auf den ausgewachsenen Circle-Pit beim Live-Dauerbrenner ´Walpurgisnacht´ wäre manch über-true Metal-Combo ziemlich neidisch. Daumen hoch!
Fluchen statt Schunkeln heißt es dann bei CHILDREN OF BODOM: Frontmann Alexi Laiho gibt mal wieder alles, um seinen eigenen F-Wort-Rekord zu brechen. Trotzdem bleibt bei all den „motherfucking fucks“ noch genug Zeit, den Fans mit ´Are You Dead Yet?´, ´Needled 24/7´, ´Every Time I Die´ & Co. eine geballte Ladung Melo-Death vor den sonnenverbrannten Latz zu knallen und eine Crowdsurfing-Welle ohnegleichen loszutreten. Allerdings legen die nicht mehr ganz so jungen Bodom-Kids zwischen ihren Stücken ziemlich lange Pausen ein, was sich ab und zu als kleiner Stimmungskiller entpuppt. Schade, aber, um es mit Alexis Worten zu sagen, trotzdem „wie immer ein Vergnügen, gottverdammt!“. (am)
Während DESTRUCTION ihre mehrjährige Wacken-Abstinenz auf der W:E:T-Stage durchbrechen, spielt DORO parallel auf der „Harder“-Hauptbühne auf. Zum 35-jährigen Bühnenjubiläum wird geklotzt und nicht gekleckert: Vor einer Kulisse aus Maschinenraumgebläsen und brennenden Öltonnen hämmern die zierliche Düsseldorferin und ihre Band gleich zu Beginn zwei Warlock-Klassiker (´I Rule The Ruins´ und ´Burning The Witches´) in die Menge. Der 55-Jährigen ist die Freude, aber auch die Nervosität anzusehen, vor diesem großen Publikum aufzutreten. Kein Wunder: Heute stehen einige Überraschungen abseits des routinierten Sets an. Nach ´Raise Your Fist In The Air´ werden die Sweet-Mitglieder Andy Scott und Peter Lincoln auf die Bühne gebeten, um den Klassiker ´Ballroom Blitz´ zu entstauben. Bei ´East Meets West´ gastiert Tommy Bolin, bevor bei ´If I Can´t Have You – No One Will´ und dem Amon-Amarth-Cover ´A Dream That Cannot Be´ Johan Hegg ins Mikro brüllt. Nach den großen Doro-Hits und einem Gastauftritt von Sabina Classen steht am Ende noch Annihilator-Gitarrist Jeff Waters für eine ´Breaking The Law´-Coverversion auf der Bühne. Eine von vorne bis hinten unterhaltsame Show!
NIGHTWISH bieten im Anschluss einen großen Best-of-Set. Beindruckend ist der riesige Videoscreen, auf dem animierte Postkartenmotive in quietschbunten Farben gezeigt werden. Passt aber natürlich zur Musik, denn Kitsch ist für die Finnen kein Fremdwort. Star des Abends ist Floor Jansen, die in ihrem Walküren-Outfit über die Bühne springt, tanzt und bangt, wenn sie nicht gerade ihren großen Stimmumfang präsentiert. Im Verbund mit dem gigantischen Pyroeinsatz muss man den Finnen einen Auftritt der Superlative attestieren, der vom Publikum gnadenlos abgefeiert wird.
Eine solche Produktion hätte man sich auch von RUNNING WILD gewünscht, doch hier ist Schmalhans Küchenmeister. Nicht mal ein Backdrop hat sich Rock´n´Rolf geleistet, es gibt lediglich einige Verstärker mit Adrian-Logo und ein paar blitzblanke Treppenaufgänge als Bühnenaufbau zu sehen, dazu ein paar Pyros und eine durchschnittliche Lightshow. Das ist ein bisschen wenig für einen Auftritt auf einem Mega-Festival im Jahr 2018, bei dem alle anderen Hauptbühnenbands mit vielfältigen optischen Elementen arbeiten. Bei der Performance lässt das Quartett nicht viel anbrennen, doch so richtig kicken will das Programm nicht. Als Die-hard-Fan freut man sich über selten gespielte Songs wie ´Lonewolf´, dem Großteil des Wacken-Publikums sind solche Deep Cuts aber natürlich unbekannt, weshalb es so gut wie keine Regung zeigt. Der neue Song ´Stargazed´ entpuppt sich als 08/15-RuWi-Riffrocker, der nicht gerade für Begeisterungsstürme sorgt, genauso wenig wie die Entscheidung, das Konzert mit dem drögen ´Stick To Your Guns´ zu beenden. Rolf bleibt nicht nur auf Platte, sondern auch live unter seinen Möglichkeiten. (rb)
Während Kollege Bittner im Infield mit Kapitän Kasparek in See sticht, zerlegt das Zwei-Mann-Abrisskommando von MANTAR den Bullhead Circus fachgerecht in alle seine Einzelteile. Das norddeutsche Duo um den wie vom Leibhaftigen besessen auf sein Kit einprügelnden Drummer Erinç und Frontmann/Gitarrist Hanno verursacht ein musikalisches Inferno, das seinesgleichen sucht. Die Stimmung im Zelt ist geradezu apokalyptisch intensiv, und vor der W:E:T-Stage gehen alle Freunde extremer Klänge kollektiv steil. (sb)
Auf der „Faster“-Hauptbühne wartet mit IN FLAMES eine Band auf, die schon in der Vergangenheit ein Wackener Stimmungsgarant war. Das Quintett eröffnet seinen Set überraschend mit ´My Sweet Shadow´, das sonst oft am Ende der Konzerte zum Einsatz kommt. Mit ´Pinball Map´ steht eine weitere Überraschung an, bevor mit ´Cloud Connected´ einer der größten Hits abgefeuert wird. Schade, dass die Schweden ihre dreidimensionalen Videoscreens im weiteren Verlauf nur mit monochromem Farbgeflacker bespielen lassen, mit den Pyros geizen und zu viel langweiligen neuen Kram spielen. Der Lack ist auch hier ein bisschen ab.
Die Band der Stunde muss zu später Stunde ran: GHOST starten um 1:45 Uhr und halten die Zuschauer trotz Dezibel-Beschränkung mit einem Hit-Potpourri wach. Cardinal Copia erweist sich als bewegungsfreudiger als seine päpstlichen Vorgänger, wobei der eine oder andere Fan die sakrale Aura von Papa Emeritus I - III vermisst. Zwar kommt Papa Nihil beim Instrumental ´Miasma´ für ein Saxofonsolo auf die Bühne, was aber eher komödiantische Züge trägt. Nach gefeierten Hits wie ´Year Zero´, ´He Is´ und ´Square Hammer´ läutet Copia um kurz vor drei Uhr mit der ´Monstrance Clock´ die Bettruhe ein. (rb)

SAMSTAG

Der letzte Tag des 29. W:O:A startet mit – Überraschung – strahlend blauem Himmel und der nächsten Überdosis Sonne. Während die glattgebügelten Möchtegern-Revoluzzer von BETONTOD auf der Hauptbühne ihre Pop-Punk-Parolen in die Menge knödeln, wählt der altmodische Metalfan lieber den US-Power-Metal von RIOT V, die auf die etwas abseits gelegenen „Louder“-Bretter abgeschoben wurden. Aber sei´s drum, die „Armor of Light“ glänzt frisch poliert im Sonnenlicht, und mit dem 30 Jahre alten Jubiläumsmaterial ihres Klassikeralbums „Thundersteel“ im Gepäck geben die Amis Vollgas, um den Wackingern den Schlaf aus den Knochen zu schütteln. Zugegeben, Todd Michael Halls markerschütternde Sirene fräst sich nach einer Weile arg schrill in die Gehörgänge, doch zu einem hochsommerlichen Samstagmittag passen Riot V wie die Faust aufs Auge. (sb)
Dem hitzegebeutelten Publikum verschreibt die Running Order am Nachmittag erst mal gute Laune im Doppelpack: KNORKATOR bringen mit ihrer treffsicheren Kombination aus feiner Ironie, Schlagfertigkeit und hohem musikalischem Niveau schnell die Hüften zum Schwingen und die Münder zum Singen. Frontmann Stumpen springt und klettert dabei in blaugepunkteter, enger Radlerhose und bedankt sich zudem mit dem Ständchen ´Du bist Schuld´ bei Nightliner-Fahrerin Jule für ihre Dienste.
Wem die schnellen Wortsalven zu viel mit Denken zu tun haben, der geht 200 Schritte nach links, wo zeitgleich auf der „Faster“-Stage ALESTORM zum Weitertrinken animieren. Die schottischen Party-Piraten (heute mit Bade- statt Bananenente als Bühnendeko) blicken auf ein Meer von springenden Fans, aufblasbarem Pool-Spielzeug und crowdsurfenden Piraten. Spätestens beim Cover von ´Hangover´ und der Trinkhymne ´Drink´ sind Hitze und Matschschädel wieder vergessen.
Genug Piratenklamauk und rechtzeitig rüber in den Bullhead Circus geeilt, um wenigstens das letzte Drittel von NIGHT DEMON zu erhaschen. Im Zelt geht ein erfrischender Windzug, während die Kalifornier mit Kloppern wie ´Screams In The Night´ und ´The Chalice´ begeistern. Beim schlagzeuglosen Beginn von ´Darkness Remains´ wird noch schnell die durchgetretene rechte Bassdrum in einem beeindruckenden Boxenstopp ausgetauscht. Zum Glück, denn so kann das Trio (heute auch mit angeschlagenem Basssound) noch ´Night Demon´ und Iron Maidens ´Wasted Years´ obendrauf legen.
Wer es nun wieder fröhlicher mag, geht ins Infield, wo SKINDRED ihren groovenden Crossover aus modernem Metal und Reggae starten. Der ist wie gemacht für sonnige Festivaltage: Sänger Benji Webbe verbreitet gute Laune, trägt seine Sonnenbrillen-Kollektion auf und dirigiert durch eine äußerst dynamische und kurzweilige Show. „Das hier ist kein Konzert, das hier ist eine Feier des Lebens“, ruft er bestens gelaunt und animiert die Zuschauer zum Mitmachen, die auch auf die für Wacken ungewöhnlichen Reggae-, HipHop- und Dubstep-Samples der Waliser abgehen.
Im Gegensatz zu ihren Bühnenvorgängern präsentieren sich GOJIRA in schlichten schwarzen Klamotten, ballern aber dafür umso kompromissloser aus den Boxen. Schon mit dem Opener ´Only Pain´ rollt der Basssound über das Publikum, das sich den Staub aus den Haaren schüttelt. Neben Video-Einspielern setzen die Franzosen beim Hit ´Stranded´ passend zum Albumtitel „Magma“ auf Feuerfontänen und eröffnen den Kampf der Elemente: Der aufziehende Wind reagiert prompt und verweht viele Klangelemente ins schleswig-holsteinische Nirgendwo. Schade, denn bei Songs wie ´Flying Whales´ oder ´Backbone´ machen doch alle Nuancen den Bann der Band aus.
Dann wird´s wieder bunt und schrill im Infield: STEEL PANTHER lassen vor einem großen Publikum aus begeisterten Fans, belustigten Zuschauern und neugierigen Skeptikern natürlich keine Zote aus. Die Ulk-Hair-Metaller sind top drauf, wobei musikalische Finessen im irrwitzigen Rahmenprogramm etwas untergehen. Bei ´17 Girls In A Row´ stürmen etwa 30 bis 40 (zunächst) mehr oder (sowieso schon) weniger bekleidete Frauen aus dem Publikum die Bühne und versuchen, sich so lasziv wie möglich in den Vordergrund oder an Sänger Michael Starr zu drängeln, während die Musiker den Ruhm-Rausch der Mädels rücksichtslos befeuern. Da schämt man sich für Herren und Damen gleichermaßen etwas fremd. Mit dem The-Kinks-Cover ´You Really Got Me´ gibt´s eine versöhnliche Mitsing-Nummer, bevor die Band mit ´Death To All But Metal´ und ´Party All Day (Fuck All Night)´ ihre fulminante Show beendet und die einen atem-, die anderen sprachlos zurücklässt. (ir)
Mittlerweile senkt sich die Sonne gen Horizont und bietet uns zum ersten Mal an diesem Tag die Gelegenheit zum langsamen Abkühlen, als Motörheads ´Ace Of Spades´ den Auftritt von ARCH ENEMY ankündigt. Nachdem die „Faster“-Stage zuvor noch mit teils massiven Soundproblemen zu kämpfen hatte, wird Michael Amott & Co. ein druckvolles, sägendes Klanggewand auf den Leib geschneidert. Das aktuelle ´The World Is Yours´ gibt mit gewaltigem Pyro-Einsatz gewohnt brachial und hymnisch die Richtung eines Sets vor, der mit Hits wie ´War Eternal´, ´The Eagle Flies Alone´ oder ´Nemesis´ prominent bestückt ist, dabei aber auch durchgehend überraschungsarm bleibt. Bei Arch Enemy weiß man eben, was man bekommt.
Dasselbe gilt für die fröhliche Pagan-Folk-Party von ENSIFERUM nebenan, bevor die jetzt schon legendäre „Pumpkins United“-Reunion-Tour von HELLOWEEN ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Das nostalgische Klassentreffen der alten und neuen Kürbisköpfe erstreckt sich heute Abend über zweieinhalb (!) Stunden und zählt zum Besten, was dieses W:O:A zu bieten hat. Die Protagonisten sind perfekt aufeinander abgestimmt und unterstreichen ihren hochgradig unterhaltsamen Auftritt mit einer Videoshow, die sich durch eine kunterbunte Cartoon-Welt bewegt. Highlights gibt es mit atemberaubenden Interpretationen von ´Halloween´, ´How Many Tears´ oder ´A Tale That Wasn´t Right´ im Überfluss zu bestaunen, ganz vorne mit dabei sind das von Kai Hansen intonierte „Walls Of Jericho“-Medley und ein originelles Schlagzeugsolo, bei dem Dani Löble im virtuellen Duell mit dem verstorbenen Originaldrummer Ingo Schwichtenberg alle Register zieht. Zum krönenden Abschluss wird bei ´I Want Out´ ein Arsenal an Kürbis-Wasserbällen in den vorderen Bühnenbereich geballert, und ein Feuerwerk vollendet diese mitreißende Zeitreise, die die Grenzen der Perfektion neu auslotet.
Nichtsdestotrotz führt der Weg vieler Metaller zwischendrin zur postapokalyptisch gestalteten Wasteland Stage, wo sich das blutjunge Neuseeland-Trio ALIEN WEAPONRY mit gebleckten Zähnen gegen die wenig schmeichelhafte Position parallel zum Headliner wehrt. Zwar fehlt es den Jungspunden noch merklich an Erfahrung (bei einer Altersspanne von 15 bis 17 Jahren auch kein Wunder), ihre ehrlichen, authentischen Midtempo-Groover in Maori-Sprache und Sepultura/Pantera-Format locken trotzdem eine beeindruckende Anhängerschaft vor die Bühne.
Einmal quer über den Plaza haben derweil SÓLSTAFIR die Headbangers Stage im Zelt übernommen und errichten zwischen krachenden Wutausbrüchen und sphärischer Melancholie ein farbenfrohes Monument der Emotionen nach dem anderen.
Nachdem die wiedervereinten Kürbisköpfe ihre Headliner-Position mit einem Paukenschlag rechtfertigen konnten, folgt mit DIMMU BORGIR ein derber Rückschlag im Infield. Das nahezu durchgängig präsente Soundproblem der „Faster“-Stage meldet sich mit einer Arschbombe zurück und lässt das Infield gerade bei den Blastbeat-Parts in einem Meer aus dröhnend-dumpfem Gewummer und wüsten Keif-Kakophonien ersaufen.
Über den Sound können sich ESKIMO CALLBOY nicht beschweren, dennoch erweist sich die Flucht vor der akustischen Apokalypse als folgenschwerer Fehler. Vielleicht wurden meine Ohren auch einfach nur zu sehr von Helloween euphorisiert oder von Dimmu Borgir zu Mus zerschrotet, aber eine derart unerträgliche Mischung aus stumpfsinnig-aggressiven Metalcore-Krümelmonster-Anfällen und Techno-Gezappel gehört eigentlich verboten. Und das matschige Geknüppel der Nachbarn hört man in den Songpausen trotzdem noch. Alles falsch gemacht.
Glücklicherweise geht es mit BONFIRE wieder aufwärts, die zu später Stunde noch einmal den Bullhead Circus aufmischen und eine Hardrock-Show der klassischsten Sorte zu bieten haben, bevor im Anschluss ein letztes Mal die Reise zurück zur zentralen Hauptbühne ansteht. Dort hat sich nämlich um halb zwei der verbliebene harte Kern versammelt, um zusammen mit den großen IN EXTREMO und deren gewohnt souveränem Mittelalter-Spektakel das Finale der 29. Auflage des Wacken Open Air einzuläuten.
„Another one bites the dust“ könnte dieses Jahr das Motto des ausnahmsweise von erbarmungslos trockener Hitze und Staub geprägten Familienfests im hohen Norden gewesen sein. Eine gelungene Abwechslung – vor allem musikalisch bleibt das W:O:A aber auch dieses Mal ein Siegeszug. Nächstes Jahr steht das 30-jährige Jubiläum an, dann wahrscheinlich wieder mit mehr „rain“ und weniger „shine“. Vielleicht aber auch nicht. (sb)

In Wacken schwitzten sich um Kopf und Kragen: Thomas Kupfer (tk), Stefan „Hacky“ Hackländer (sh), Ronny Bittner (rb), Isabell Raddatz (ir), Alexandra Michels (am), Tobias Schmidt (ts), Simon Bauer (sb) und Wolfram Küper.
Die Fotos schossen Thorsten Seiffert und Kathrin Popanda.

Bands:
SOLSTAFIR
DESTRUCTION
DOKKEN
NIGHTWISH
WATAIN
THUNDERMOTHER
BETONTOD
JUDAS PRIEST
DIMMU BORGIR
DANZIG
RUNNING WILD
BEHEMOTH
DORO
STEEL PANTHER
KORPIKLAANI
GOJIRA
MR. BIG
VINCE NEIL
MANTAR
ALESTORM
IN EXTREMO
DIRKSCHNEIDER
AMORPHIS
CHILDREN OF BODOM
ARCH ENEMY
HELLOWEEN
Autor:
Alexandra Michels
Wolfram Küper
Tobias Schmidt
Simon Bauer
Isabell Raddatz
Thomas Kupfer
Stefan Hackländer
Ronny Bittner

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