Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 23.09.2015

MARDUK , ENSIFERUM , DARK TRANQUILLITY , DESTRUCTION , SONIC SYNDICATE , TRIVIUM , BLOODBATH , DEATH ANGEL , PANZER , BATTLE BEAST , HATEBREED , AVATARIUM , POWERWOLF , PARADISE LOST , KYLE GASS BAND , AMORPHIS , CANNIBAL CORPSE , KADAVAR , CRADLE OF FILTH , NIGHTWISH , SODOM , TANKARD , VENOM , AUTUMNAL , BLACK STONE CHERRY , KREATOR , DIABLO BLVD - Brünhild und die Bartbrigade

Bullenhitze und viehische Regengüsse, flötiger Mittelalter-Rock und garstiges Black-Metal-Getrümmer – auf dem diesjährigen SUMMER BREEZE in Dinkelsbühl wurden sämtliche denkbaren Metal-Festival-Extreme ausgelotet. Mittendrin: die Rock-Hard-Delegation.


MITTWOCH

Nachdem die BLASMUSIK ILLENSCHWANG das Festival traditionell eröffnet hat, steht die Nuclear-Blast-Labelnight an. Die startet mit DIABLO BLVD, und die Belgier demonstrieren, wie eine gelungene Mischung aus Volbeat und Danzig zu klingen hat.
BATTLE BEAST leben danach stark von der Ausstrahlung ihrer Frontfrau Noora Louhimo, die wunderbar in einer Neuverfilmung des Nibelungenliedes die Rolle der Brünhild übernehmen könnte. Vorerst macht sie aber auch auf der Bühne einen tollen Job. Einzigartig ihr Bandleader, der es bei einem Solo schafft, gleichzeitig zu spielen und eine Dose Bier zu exen.
Bei AVATARIUM (weiterhin ohne Mastermind Leif Edling) geht es wesentlich emotionaler und ruhiger zu. Auch hier sorgt die Sängerin (in Lackschuhen) neben ihrer ausdrucksvollen Stimme mit ihrem beeindruckenden Charisma für reichlich Gänsehautmomente.
PANZER fahren dann andere Geschütze auf (schönes Wortspiel... - Red.) und verstärken sich – bei ihrem zweiten Auftritt überhaupt – mit V.O. Pulver aus der Schweiz. Auffällig, dass Herman Frank wesentlich mehr Spielfreude als bei seinen letzten Accept-Auftritten an den Tag legt. Schmier dagegen singt sich schon mal für seinen zweiten Gig morgen mit Destruction warm und vergisst dabei nicht, den verstorbenen Summer-Breeze-Mitveranstalter Mike Trengert angemessen zu würdigen. Am coolsten ist aber der Crowdsurfer im Rollstuhl (!).
SONIC SYNDICATE melden sich anschließend eindrucksvoll zurück, leider ohne ihre Basserin. Frontmann Nathan Biggs legt dafür so viel Energie an den Tag, dass man fast Angst haben muss, dass er ins Publikum fällt. Apropos Publikumsreaktionen: Betrachtet man die, sind die Schweden der Tagessieger.
DEATH ANGEL bieten zum Ende ihrer Europa-Sommertour einen gewohnt souveränen Set, bei dem man allerdings mehr ältere Nummern hätte einbauen sollen.
Die Überraschung des Tages sind die Spanier AUTUMNAL auf der Camel Stage, die gefühlvoll zeigen, wie eigenständiger Doom Metal zu klingen hat.
Wer Kräfte schonen will, geht jetzt ins Bett. Auf dem Weg dahin bietet sich zum Ausklang mit ISOLE eine weitere Doomband an. (wk)

DONNERSTAG

Lethargie bei 37 Grad ist vielleicht der einzige gemeinsame Nenner des Publikums am Donnerstag, denn die Musikstile auf den Hauptbühnen könnten gegensätzlicher nicht sein. Bands wie CORVUS CORAX, DIE APOKALYPTISCHEN REITER und SALTATIO MORTIS ziehen mit deutschsprachigem (Mittelalter-)Rock die gewandete Partyplebs unter die süddeutsche Sonne. Ihnen stehen die Big Teutonic Four und eine Reihe handverlesener internationaler Acts wie OPETH oder die unterhaltsame KYLE GASS BAND gegenüber.
Zunächst müssen TANKARD in der Mittagshitze ran. Holy-Moses-Trommler Gerd Lücking springt für den erkrankten Olaf ein und erweist sich als super Ersatz.
Genau wie ihre Fans in Röhrenjeans und weißen Turnschuhen, zeigen sich danach DESTRUCTION unbeeindruckt von der Hitze. Man pustet zwischenzeitlich Feuersäulen in den Himmel, gibt sich aber sonst – im Vergleich zu vielen geschminkten Truppen auf der Zeltbühne – minimalistisch und old-school.
BLACK STONE CHERRY haben es im Anschluss auf der Main Stage schwer. Das Publikum ist eher luftig gestellt (hurgs? - Red.), und der starke Auftakt ´Maybe Someday´ verpufft im etwas unkoordinierten Einstieg. Der Gig nimmt schließlich Fahrt auf, doch die kollektive Hitzemattheit können die Amis nicht kurieren.
Bei SODOM auf der Pain Stage das Kontrastprogramm: Moshpit, Crowdsurfen und von ´Agent Orange´ bis ´Ausgebombt´ die perfekte Festival-Setlist – hömma, so muss dat!
KREATOR beschließen als Headliner das Thrash-Inferno auf einem übervollen Infield mit multiplen Walls Of Death. Dass man sich etwas mit der Zeit verkalkuliert und einige Songs hintenüber fallen, merkt im ekstatischen Publikum kaum einer.
Nach Mitternacht fegen AMORPHIS die Reste zusammen. Die Finnen haben fürs Summer Breeze ihr ´94er „Tales From The Thousand Lakes“-Album eingepackt. Unterstützt von einer mystischen Lichtshow, growlt sich Toni Joutsen durch das alte Material. Solide, aber schleppend findet das wohl auch der hitzeverbrannte und staubbedeckte Typ neben mir, der „Das nich´ schlecht“ murmelt und dann einschläft. (ln)

FREITAG

Wer wegen des intensiven Donnerstagsprogramms noch etwas schwächelt, bekommt mittags von den Suffköppen ALESTORM einen eingeschenkt. Die Songs der Schotten sind keine Überflieger, die Kerle punkten aber durch ihr seltsames Entenlogo und kernige Animationen à la „Show me your buttholes“.
Schneller, als sämtliche Skeptiker „Scheiß Hippies!“ grummeln konnten, haben sich KADAVAR zu einem Retro-Top-Act hochgearbeitet. Die Berliner Bartbrigade agiert auch heute auf ihrem gewohnten Grat zwischen Tiefenentspannung und Dröhnrock.
Doch das erste echte Highlight ist der Arschkicker-Metal der SchwedInnen SISTER SIN. Frontnase Liv Jagrell, der man ihren Real-Life-Job als Fitnesstrainerin ansieht, hat sich trotz aller Routine ein kleines Maß an Unsicherheit bewahrt, was die Band umso sympathischer macht. Neben den üblichen Power-Granaten sind die mit einem Killerrefrain beeindruckende aktuelle Single ´Desert Queen´ und das die Vorlage in der Pfeife rauchende U.D.O.-Cover ´24/7´ weitere Höhepunkte.
´ne Band wie ENSIFERUM könnte man auch morgens um neun oder nachts um drei auf die Bühne jagen. Durstige Finnen mit Spaß inne Backen funktionieren immer. Dazu noch ein paar Gogo-Tänzerinnen (u.a. eine der zahllosen Ex-Bräute von unserem Redaktionscasanova Jens), und – schwupps! – führt das Publikum ´ne Mischung aus Circlepit und Polonaise auf.
Nach ´ner einstündigen Programmunterbrechung wegen eines krassen Wolkenbruchs mit fiesen Sturmböen werden SEPULTURA von einem dezimierten, aber umso enthusiastischeren Publikum angefeuert, sodass man Sänger Derek Green sogar glaubt, wenn er vom besten Festivalgig der Saison spricht. Mit seinem Kommentar, Sepultura seien inzwischen nur noch ein Haufen Scheiße, hat sich der neidische Ex-Frontmann Max Cavalera – zumindest im Live-Kontext – definitiv ins Knie geschossen. Mal wieder am geilsten: der 1991, also zwei Jahre nach dem Release von „Arise“ geborene Drum-Derwisch Eloy Casagrande.
Bei SUICIDE SILENCE stellt man sich nicht freiwillig in den wieder aufkommenden Regen. Also ab ins Zelt, wo COMBICHRIST mit ihrem rohen Elektro-Metal komplett abräumen. Dass die live so geil sind, hätte man echt vorher wissen müssen.
Nachdem sie auf dem W:O:A noch im Kinderprogramm stattfanden, besetzen POWERWOLF heute eine der Headliner-Positionen. Das gesamte Gelände ist auf den Beinen und empfängt die Band mit ohrenbetäubenden Schlachtrufen. Die Wölfe legen einen bombastischen Siegeszug hin. Attila Dorn ist eh ein hervorragender Sänger und inzwischen auch ein souveräner Einpeitscher. Der Rest der Truppe wirkt ein bisschen choreografiert, aber genau das passt zu ihrem Grusical-Flair. Es gibt eine tolle Lightshow, viel Feuer, einen vollständigen Wechsel der Deko mitten im Set und natürlich Hits, Hits, Hits! Wenn zehntausende Fans „We drink your blood“ brüllen, kriegt man Gänsehaut!
Dann wartet auf der zweiten großen Bühne bei BLOODBATH schon der nächste Mikromann im Priesterkostüm: Der aktuelle Sänger Nick Holmes (Paradise Lost) ignoriert die üblichen Death-Metal-Klischees und führt angenehm verschroben britisch durchs Programm. Im Publikum beobachtet sein Vorgänger Mikael Åkerfeldt (Opeth) das Ganze mit zustimmendem Dauergrinsen.
TRIVIUM werden mit einem inzwischen nervenden Automatismus als (next) big thing gehandelt. Tatsächlich haben sie in der Metalszene irgendwann mal ´ne Lücke zwischen Tradition und Moderne gefüllt, von der heute allerdings kaum noch jemand weiß, dass es sie überhaupt mal gab. Die Stimmung ist gut, es ist dennoch deutlich leerer und weniger feierlich als beim „Co-Headliner“ Powerwolf. Matt Heafy & Co. fehlen sowohl die richtig großen Hits als auch das Sympathisch-Kumpelmäßige.
Der nächtliche Doppelschlag MARDUK/CRADLE OF FILTH wird zu einem echten Abriss. Marduk sind die gewohnte personifizierte Garstigkeit: viel Nebel, gedämpftes Licht, schlecht gelaunte Ansagen und ´ne megamäßig getriggerte Doublebass, die einem die Lungenflügel zusammenpresst. Nur der durchs Publikum segelnde Wasserball zeigt, dass wir hier nicht direkt in der Vorhölle angekommen sind.
Dann rast die Cradle-Geisterbahn los: imposante Lightshow, leckere pyromanische Tänzerinnen und natürlich Giftzwerg Dani Filth mit seinen rasiermesserscharfen Screams und derben Grunts, bei denen man sich immer wieder fragt, wie er sie aus seinem kleinen Körper presst. „Cradle“ brüllt der Mob, „anal“ versteht Dani und freut sich. Auch sonst regiert auf der Bühne kauziger Humor. „The next song is called ´Right Wing...´ – don´t get too excited, Germany! – ´...Of The Garden Triptych´. So was können nur Engländer. Gute Nacht!

SAMSTAG

Auch der Samstag ist nicht gerade arm an Höhepunkten. KNORKATOR brechen vor der Pain Stage sämtliche Zuschauer/Crowdsurf/Alberne-Ansagen-Rekorde.
Von PARADISE LOST funktionieren bei Tageslicht und auf einer Riesenbühne die poppigen Songs am besten (auch schön: der aus diversen DIN-A4-Blättern bestehende Old-School-Teleprompter von Nick Holmes).
CANNIBAL CORPSE sind die erwartete Präzisions-Death-Metal-Maschine. Stiernacken Corpsegrinder sieht aufgrund des wieder auffrischenden Windes aus wie Cousin Itt von der „Addams Family“.
DARK TRANQUILLITY sorgen mit einer stimmigen Light- und Videoshow für Atmosphäre.
HATEBREED gehen eher basisch zu Werke und räumen als Co-Headliner auf der Main Stage ab, auch wenn SICK OF IT ALL im Zelt in Sachen Hardcore-Energie ein paar Briketts mehr auflegen. Die Shirts der Hatebreeders (Agnostic Front, Kreator, Black Sabbath, Peter And The Test Tube Babies) sind genauso vielseitig wie der bunt gewürfelte, Circlepit-geile Mob vor der Bühne. Nur ein paar NIGHTWISH-Fanclub-Grazien in der ersten Reihe gucken etwas pikiert.
Ihre Faves sind dann tatsächlich mit Abstand die beste Band des Tages. Die selbstbewusste Setlist verzichtet auf diverse sichere Singlehits, die alten Tarja-Nummern wirken fast wie Fremdkörper, und optisch wird ohne Ende geklotzt: Feuer, Pyros, Funkenregen, gigantische Bühnenbauten. Das gesamte Publikum steht kopf. Wenn es Nightwish in 50 Jahren nur noch als Hologramm-Band gibt, sollte man Floor Jansen allerdings um 20 Zentimeter runterschrumpfen. Dann muss man nicht mehr ständig grinsen, wenn der locker zwei Köpfe kleinere Gitarrist Emppu Vuorinen an der schicken Vokal-Amazone vorbeizwergt.
VENOM sind kurz nach Beginn der Witching Hour der letzte Act auf den Hauptbühnen. Front-Opi Cronos ist heute glücklicherweise nicht bauchfrei unterwegs. „Welcome to hell“, grölt er. „Kannste haben“, grinst Petrus und öffnet für zig Stunden die Regenschleusen. Ein guter Zeitpunkt, um sich vom diesjährigen Summer Breeze zu verabschieden, das mal wieder ein krönender Abschluss der großen Sommerfestivals war. (jj)

In Dinkelsbühl schwitzten, froren und hatten trotzdem ´ne Menge Spaß: Jan Jaedike (jj), Wolfram Küper (wk) und Laura Niebling (ln).

Pic: Peter Kupfer

Bands:
DESTRUCTION
PARADISE LOST
MARDUK
NIGHTWISH
PANZER
BLACK STONE CHERRY
TANKARD
CANNIBAL CORPSE
TRIVIUM
AVATARIUM
CRADLE OF FILTH
POWERWOLF
KYLE GASS BAND
BLOODBATH
DARK TRANQUILLITY
VENOM
DIABLO BLVD
BATTLE BEAST
SODOM
AUTUMNAL
KADAVAR
HATEBREED
SONIC SYNDICATE
DEATH ANGEL
ENSIFERUM
AMORPHIS
KREATOR
Autor:
Wolfram Küper
Jan Jaedike
Laura Niebling

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