Review

Reviews 8.5
Heavy Metal

ACCEPT

Too Mean To Die

Label: Nuclear Blast/Rough Trade
Dauer: 52:11
Erscheinungsdatum: 15.01.21
Ausgabe: RH 403

In unserer ausführlichen Titelstory hat Matthias ja bereits jedes Album-Detail mit der Lupe untersucht, fehlt eigentlich nur noch ein Resümee eines anderen Autoren, um den Gesamteindruck abzurunden. Mein erster Gedanke zum Album war Anerkennung und Kritik zugleich: Es ist typisch ACCEPT. Persönlich würde ich mir insgeheim etwas mehr Innovationskraft wünschen, gerne auch mal ein stilistisches Abschweifen dieser gestandenen Riege von Profi-Musikern (die jede Note mithilfe ihres Produzenten traumwandlerisch an die richtige Stelle platzieren) - wohl wissend, dass die meisten Fans das kaum goutieren würden. Auch Wolf Hoffmann hat seine Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht, und selbst ACCEPT haben Alben im Giftschrank, die heute keinen mehr interessieren.

Und so ist „Too Mean To Die“ in erster Linie eine weitere Variante der Alben seit „Blood Of The Nations“ (2010): perfekt gespielter, messerscharf riffender Heavy Metal mit Tornillos röhrender Reibeisenstimme, die von Platte zu Platte selbstsicherer und besser wird. Hoffmanns präzises, schön nach vorne gespieltes Gitarrenwerk (Titeltrack!) ist zwar der spürbare Antrieb der Songs, die Aha-Momente finden aber eher im Hintergrund statt. Eine witzige Text-Formulierung (die ´Zombie Apocalypse´ sind die Handy-Mutanten der Jetztzeit), die „Heys“ und „Hos“ als verhöhnende Social-Media-Emojis in ´Overnight Sensation´. Natürlich wirken diese Einfälle nur, weil die Musik so makellos gut ist. Sie sorgen auch dafür, dass man gar nicht darüber nachdenkt, dass ein flotter ACCEPT-Rocker wie ´Overnight Sensation´ im Grunde schon fünfmal geschrieben wurde. Natürlich gibt es darüber hinaus etliche Passagen, die aufhorchen lassen. Die Beethoven-Adaptionen in ´Symphony Of Pain´ sind irre lässig integriert, das abschließende, Klassik-inspirierte Instrumental ´Samson And Delilah´ fungiert als mehrstimmiger Ohrenschmaus. Und mit ´The Best Is Yet To Come´ liefert Mark Tornillo inmitten einer grässlichen Pandemie den schönsten Text seiner Karriere. Es gehört eine Menge Mut dazu, gerade jetzt an Optimismus, Zuversicht und Selbstbewusstsein zu appellieren. Aber noch besser ist die zurückhaltende Art, wie er die Botschaft vermittelt. Das Highlight des Albums ist diesmal also eine Ballade!

Es ist nicht alles Gold, was glänzt, die Spur des Gewöhnlichen und bereits Gehörten windet sich ebenfalls durch die Platte. Vielleicht am Ende sogar etwas zu viel für eine Top-Band. Aber selbst wenn es mal nicht ganz so rund läuft, stehen da immer noch waschechte Metal-Kracher mit starken Slogans, die jeder Kuttenträger vor der Bühne mitsingen kann (´The Undertaker´, ´Not My Problem´, ´Sucks To Be You´). Nein, das muss man selbst als eisenharter Kritiker akzeptieren können. Irgendjemand muss die Fahne des klassischen Heavy Metal hochhalten.

Autor:
Holger Stratmann
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