ReviewDynamit

Band
MARILLION 
Kategorie
Dynamit 
Heft
RH #353 
Titel
FEAR (F*** Everyone And Run) 
Erscheinungsjahr
2016 
Note
8.0 

Earmusic/Edel (68:10)
Schon lustig, dass MARILLION selbst unter sogenannten „Musikkennern“ nach wie vor als Nerd-Thema schlechthin gelten, als veralteter Scheiß, den man noch nicht mal mit der Kneifzange anfasst, man kann stattdessen ja schließlich die neue Radiohead streamen oder irgendein hippes Indie-Gedöns, das morgen schon keine Sau mehr interessiert. Dabei klingen die Engländer, die Anfang der Achtziger den Progrock wiederbelebt, sich Ende der Achtziger als anspruchsvolle Pop-Band neu erfunden, Mitte der Neunziger den New Artrock in die Spur gebracht und in den frühen Nullern als erste namhafte Gruppe überhaupt konsequent auf Crowdfunding gesetzt haben, immer noch angenehm relevant - und zwar ohne dass sie es die ganze Zeit raushängen lassen müssten. Klar, die leicht joviale Onkelhaftigkeit in Steve Hogarths Texten ist immer da, aber das kann man ertragen, denn h, wie ihn seine Fans nennen, ist noch lange nicht Chris Martin, und überhaupt sollte man froh sein, wenn sich ´ne Band heutzutage politisch äußert. Musikalisch knüpfen Steve Rothery, der immer noch einen wunderbaren Gitarrenton fährt, und der Rest der Truppe  auf „FEAR“ an den überzeugenden Vorgänger „Sounds That Can´t Be Made“ von 2012 an, das Mäandern zwischen Zerbrechlichkeit und Nach-vorne-Schauen ist ähnlich gelungen, man hat irgendwie das Gefühl, MARILLION versuchen momentan, ihrem 1994er Zehn-Punkte-Meisterwerk „Brave“ eine zeitgenössische Alternative an die Seite zu stellen. Dass das nicht immer klappt - geschenkt; auch Steven Wilson komponiert nicht ausschließlich geniale Töne. Dass es meistens klappt - großartig. Denn das macht diese Band nach wie vor progressiver als vier Fünftel ihrer Epigonen.


Boris Kaiser 8.0

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