ReviewBuch

Kategorie
Buch 
Heft
RH #369 
Titel
Straight Edge: A Clear-Headed Hardcore Punk History 
Erscheinungsjahr
2018 
Note

Tony Rettman
(Bazillion Points)
Klappern gehört zum Handwerk. Wer möchte es Tony Rettman schon verdenken, dass er Straight Edge auf dem Klappentext seines neuen Buches zur „vielleicht wichtigsten Jugendbewegung aller Zeiten“ kürt? Wie in seinen beiden vorangegangenen Werken fühlt sich der freie Journalist abermals der „Oral History“ verpflichtet und verzichtet auf den 400 Seiten gänzlich auf Erklärungen, Einordnungen und Wertungen. Die Geschichte des Straight Edge (von Minor Threat bis Vegan Reich) wird demnach ohne Netz und doppelten Boden von den Protagonisten selbst erzählt, ein historisch ziemlich lückenloser Abriss, wobei der eine oder andere Name in der Liste der Interviewpartner verblüffenderweise nicht auftaucht (beispielsweise Springa, SSD-Sänger und Gründungsmitglied der „Boston Crew“). Trotz der hohen Informationsdichte werden nicht alle Fragen abschließend geklärt. Warum Straight Edge etwa eingangs vom Autor als „chronisch missverstandene musikalische Subkultur“ bezeichnet wird, bleibt im weiteren Verlauf des Buches vage bis nebulös. Insgesamt krankt Rettmans Collage von O-Ton-Sequenzen ein ganz klein wenig daran, dass kritische Stimmen wie die von Craig Setari (u.a. Agnostic Front, Straight Ahead, Sick Of It All, Cro-Mags) nur selten dokumentiert werden: „Youth Of Today sind die einzige Band in meinem Musikerleben, die ich verlassen habe, weil es mir schlichtweg zu trendy und kitschig wurde.“ Ganz ohne Frage ist das in amerikanischer Sprache erschienene „Straight Edge – A Clear-Headed Hardcore Punk History“ die ideale Ergänzung zu „Straight Edge: Subkultur, Ideologie, Lebensstil?“ sowie „Straight Edge – Geschichte und Politik einer Bewegung“ (beide 2010), die einen strikt soziologischen Ansatz verfolgen.

3 Fragen an Autor Tony Rettman:

Nachdem das Buch „New York Hardcore 1980-1990“ so ein großer Erfolg war, lag es sicherlich auf der Hand, dass du dich für den Nachfolger mit der Straight-Edge-Szene befasst, oder? Schließlich feierten lokale oder regionale Bands wie Youth Of Today, Shelter, Bold, Judge oder Gorilla Biscuits in den späten Achtzigern im Big Apple riesige Erfolge.

»Mein Buch über den New Yorker Hardcore war ein Erfolg? Das höre ich jetzt zum ersten Mal. Warum lebe ich dann immer noch in einem Pappkarton neben der Autobahn? Aber natürlich stimmt das, was du sagst. Die Leser von „New York Hardcore 1980-1990“ haben sehr positiv auf den Schlussteil des Buches reagiert, wo es speziell um die Bands ging, die du gerade aufgeführt hast. Also war es irgendwie eine logische Konsequenz, dass ich dieses Thema vertiefen würde. Aber diesmal eben allumfassend und nicht nur auf eine Stadt bezogen, also von den Anfängen des Straight Edge in Washington D.C. und Boston bis zum landesweiten Siegeszug der Bewegung.«

Was fasziniert dich am meisten an der Straight-Edge-Bewegung? Gab es irgendwelche negativen Erfahrungen bei der Recherche zu deinem Buch, oder haben sich alle Interviewpartner positiv gegenüber deinem Anliegen gezeigt?

»Ich denke, an Straight Edge fasziniert mich am meisten die Langlebigkeit. 35 Jahre nach dem gleichnamigen Song von Minor Threat gibt es immer noch Bands, die Straight Edge als ihre Plattform benutzen und so klingen und sich auch so kleiden wie in den späten Achtzigern. Bei Straight Edge handelt es sich um eine hochgradig verwirrende sowie polarisierende Jugendkultur, in etwa vergleichbar mit „Deadheads“ oder Biker-Gangs. Ich persönlich habe während der Recherchen zu meinem Buch keinerlei negative Erfahrungen mit der Szene gemacht. Ganz im Gegenteil: Diejenigen Personen, die am stärksten mit den negativen Elementen von Straight Edge in Verbindung gebracht werden („Hardline“ usw.), entpuppten sich als die angenehmsten Gesprächspartner.«

Ähnlich wie dein Buch über den New York Hardcore folgt auch „Straight Edge – A Clear-Headed Hardcore Punk History“ wieder dem Ansatz der „Oral History“. Welche Vor- und Nachteile hat diese Methodik? Warum hast du dich abermals gegen die konventionellere narrative Struktur etwa eines Steven Blush („American Hardcore“) entschieden?

»Für mich gibt es bei der „Oral History“ ausschließlich Vorteile und keinerlei Nachteile. Es ist der einfachste Weg, Geschichte von denjenigen erzählen zu lassen, die sie am eigenen Leib erfahren haben; der einzige Weg, die wahre Geschichte aufzuzeichnen. Durch diese Herangehensweise gibt es für den Autor keine Möglichkeit, eigene Theorien zu entwickeln oder persönliche Reflexionen beizusteuern – deswegen mag ich die „Oral History“ so sehr. Am Ende schert sich doch sowieso niemand darum, was ich denke.«


Matthias Mader

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