ReviewAlbum des Monats

Band
MEGADETH 
Kategorie
Album des Monats 
Heft
RH #345 
Titel
Dystopia 
Erscheinungsjahr
2016 
Note
8.5 

Viele Alben der Thrash-Big-Four, die wirklich das Zeug zu unsterblichen Klassikern haben, sind in den letzten 15 Jahren nicht gerade erschienen. Auch MEGADETH verwalten nach wie vor in erster Linie das Erbe ihrer ersten fünf Platten und erwarben sich in den letzten Jahren vor allem den zweifelhaften Ruf, dass einige ihrer neueren Dreher trotz gelegentlich starker Einzelsongs besonders schwach sind. Am mangelnden Erfolg scheiterten letztlich auch die wechselnden Line-ups, bis Dave Mustaine und David Ellefson den nächsten, womöglich finalen Versuch eines Neuanfangs angingen. Dermaßen unter Druck gesetzt, überrascht „Dystopia“ mit einer Kompaktheit, die noch nicht mal dem neuen Line-up zugeschrieben werden kann, denn Mustaine komponierte das Album im Alleingang und begann bereits mit der Studioarbeit, ohne die Namen seines zukünftigen Drummers und seines Leadgitarristen zu kennen. Trotzdem konnten Kiko Loureiro (mit herausragenden Soli) und Chris Adler (mit punktgenauem Spiel) dem Album ein wenig zusätzlichen Glanz verleihen.
„Dystopia“ hat stellenweise die Aggressivität, Progressivität, Wild- und Frechheit der ersten MEGADETH-Alben, die Kenner an minimalsten Details erkennen dürften. Man braucht nur darauf zu achten, wie gewitzt MEGADETH die drei Achterbahnfahrten ´The Threat Is Real´, ´Dystopia´ und ´Fatal Illusion´ beenden. Songs, die mit harschen Riffs, begnadeten Soli und unerwarteten Tempowechseln gesegnet sind und trotzdem in viereinhalb Minuten auf den Punkt kommen. Kein müder Abklatsch früherer Großtaten, sondern Originale in der Tradition von ´Wake Up Dead´, ´Hangar 18´ und ´The Conjuring´. ´Death From Within´ dreht sich hingegen um einen kanonartigen Refrain und sorgt für etwas Ausgeglichenheit nach dem heftigen Auftakt-Trio. Danach folgen drei Tracks mit „Countdown To Extinction“-Charakter, allen voran der getragene Düster-Lovesong ´Poisonous Shadows´ und das politisch aufgeladene ´Post American World´. Wobei Letzteres durchaus zurückhaltend formuliert ist, wie ich finde. Darf man fragen, was nach einer amerikanisch dominierten Welt kommt? Man darf, auch wenn der proamerikanische Standpunkt des Autoren bekannt ist. Das Instrumental ´Conquer And Die´ leitet dann das brutal ratternde ´Lying In State´ ein, kein Klassiker, eher eine simpel gestrickte Abrissbirne, ehe das kurzweilige ´The Emperor´ ein Album-Finale einleitet, das mit dem Fear-Cover ´Foreign Policy´ einen knackigen Schlusspunkt setzt, anstatt mit getragener B-Seiten-Ware zu langweilen. Ähnlich wie bei Slayers „Repentless“ schreit einen die adrenalinbefeuerte Motivation, das Aufbäumen nach einem Beinahe-Zusammenbruch, geradezu an. Aus solchem Stoff sind gute Thrash-Alben gemacht, im Falle von MEGADETH das beste seit „Countdown To Extinction“.

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Killing Is My Business… And Business Is Good! (1985)
Peace Sells… But Who´s Buying? (1986)
So Far, So Good… So What! (1988)
Rust In Peace (1990)
Countdown To Extinction (1992)
Youthanasia (1994)
Cryptic Writings (1997)
Risk (1999)
The World Needs A Hero (2001)
The System Has Failed (2004)
United Abominations (2007)
Endgame (2009)
Th1rt3en (2011)
Super Collider (2013)
Dystopia (2016)


LINE-UP

Dave Mustaine (g./v.)
Kiko Loureiro (g.)
David Ellefson (b.)
Chris Adler (dr.)


DIE PATEN

Wer die folgenden Bands mag, wird auch auf „Dystopia“  stehen:

Anthrax * Metallica * Annihilator * Death Angel * Testament * Sacred Reich * Overkill * Nevermore * Forbidden * Metal Church * Savatage * Trivium * Heathen * Flotsam And Jetsam * Artillery


Holger Stratmann 8.5

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