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SLIPKNOT

Wie klingt „.5: The Gray Chapter“?

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Selten erlebt man bei einer Metal-Veröffentlichung eine solche Abschottung um das neue Werk eines Künstlers wie bei SLIPKNOT. Nachdem die neue Opeth-Scheibe Wochen vor Erscheinen trotz Watermark geleakt ist, rücken Roadrunner bis auf die vorab veröffentlichten Singles 'The Negative One' und 'The Devil In I' keinerlei weitere Songs raus, weder als Vorab-CD, Download oder Stream.

Die einzige Chance, vor dem Veröffentlichungstermin (17. Oktober) in die Scheibe reinzuhören, besteht darin, an einer von wenigen, kurzfristig anberaumten Listening-Sessions teilzunehmen. Bei unserer exklusiven Hörprobe in der Rock-Hard-Redaktion wird überdeutlich, mit welcher Vorsicht vorgegangen wird: Die Plattenfirmenvertreterin lässt jeden der Anwesenden eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben – das gilt sogar für Leute, die zwischendurch nur eine Flasche Wasser in den Raum bringen. Schmunzeln müssen wir darüber, dass das heilige Stück zur Tarnung in einer „Biene Maja“-Hülle Platz findet, der Roadrunner-IT-Mann aber doch dick und fett „Slipknot“ auf den Rohling geschrieben hat.

Und wie klingt die Scheibe nun? Nach der einmaligen Einfuhr des über einstündigen Werkes kann man bestätigen, dass SLIPKNOT der angekündigte Spagat zwischen „Iowa“ und „Vol. 3: (The Subliminal Verses)“ gut geglückt ist, wobei die auf dem dritten Album etablierten melodischen Anteile überwiegen. Bereits das Intro 'XIX' überrascht mit eigenartigen Harmonica-Klängen, das folgende 'Sacastrophe' zitiert zu Beginn sogar Pink Floyd und beweist damit einmal mehr, dass die Rasselbande sich immer wieder gerne neuen Einflüssen öffnet. Im weiteren Verlauf greift die Band immer wieder ihre Thrash- und Death-Metal-Wurzeln auf, achtet aber penibel darauf, innerhalb der Songs mit den Dynamiken zu spielen und – wie im Paradebeispiel 'The Devil In I' – zur Strophe einen Gang runterzuschalten und beim Refrain Killer-Hooks abzuliefern. Des Weiteren werden die Songs erstaunlich oft mit ruhigen Ambient-Sounds eingeführt, die auch mal düstere Voodoo-Vibes versprühen ('Be Prepared For Hell') oder Electronica-Spielereien beinhalten ('Killpop'). Doch keine Angst: Die Band hat auch genügend Tracks im Programm, die ohne Umwege volles Pfund auf die Zwölf hauen.

Und wie sieht es mit Hits aus? Erstaunlicherweise fällt keiner der 14 Tracks qualitativ durchs Raster, am prägnantesten haben sich bei mir das zwischen 'Disasterpeace' und 'Wait And Bleed' pendelnde 'Nomadic' und das knüppelharte, mit einem packenden Nu-Metal-Refrain ausgestattete 'Custer' ins Gedächtnis gebrannt. Aber auch das verträgliche 'The One That Kills The Least' dürfte sich als ein passabler 'Before I Forget'-Nachfolger empfehlen.

Der Rausschmiss von Egomane Joey Jordison scheint der Band im Übrigen gutgetan zu haben. Während Joeys Drums in der Vergangenheit immer über allen anderen Schlaginstrumenten thronten, sind die Percussions (und auch die Samples und Scratches) auf „.5: The Gray Chapter“ wesentlich präsenter zu vernehmen. Des Weiteren beherrscht der neue Drummer (dessen Identität derzeit noch ungeklärt ist) den Jordison-Stil perfekt, lässt aber auch des Öfteren auf einen Progressive- und Hardcore-Hintergrund schließen.

Zusammengehalten wird das Klanginferno durch den einmal mehr meisterhaften Gesang von Corey Taylor, der wieder häufiger als auf „All Hope Is Gone“ sein Shoutorgan bemüht, aber auch wieder zahlreiche cleane Gänsehautgesänge abliefert.

Egal, was man von dem Maskenimage und dem Drumherum halten mag: In musikalischer Hinsicht untermauern SLIPKNOT mit „.5: The Gray Chapter“ erneut ihren Status als eine der weltweit führenden Extrem-Metalbands.

Ein Interview mit der Band findet ihr in der kommenden ROCK HARD-Ausgabe Vol. 330 (EVT: 22.10.).

„.5: The Gray Chapter“-Tracklist

01. XIX
02. Sarcastrophe
03. AOV
04. The Devil In I
05. Killpop
06. Skeptic
07. Lech
08. Goodbye
09. Nomadic
10. The One That Kills The Least
11. Custer
12. Be Prepared For Hell
13. The Negative One
14. If Rain Is What You Want