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OVER YOUR THRESHOLD

Über die eigenen Grenzen hinaus

Als selbst national weitgehend unbekannte Band mit einem vier Jahre alten Demo im Rücken einen Vertrag bei Metal Blade zu ergattern, ist allerhand. Die Münchener Prog-Deather OVER YOUR THRESHOLD haben genau das geschafft und dem Label „Facticity“ fertig produziert, mit Artwork und allem Pipapo angeboten. Drummer Julian und Gitarrist Lukas geben Auskunft über das Woher, Warum und Wohin.

Ich geh mal davon aus, dass euer Bandname nichts damit zu tun hat, holde Damen über die Schwelle zu tragen. Geht es darum, die Aufmerksamkeits- und Toleranzschwelle der Hörer zu überschreiten, musikalisch etwas zu wagen und aus festen Schemata auszubrechen?

Julian: »Im groben Sinne ja, es bedeutet so viel wie: über die eigenen Grenzen hinaus. Natürlich kann das auch auf unsere Musik übertragen werden, wenn man so will, aber auch genau so gut auf jede andere Situation, in der es darum geht, etwas zu schaffen. Wenn es dir gelingt, dich selbst zu übertreffen, wird am Ende auch etwas dabei raus kommen. Allerdings muss man auch dazu sagen, dass wir zum Zeitpunkt der Namensgebung noch junge Metalkids waren. In erster Linie fanden wir das OVER YOUR THRESHOLD einfach cool klingt, die Bedeutung wurde erst später wichtig... Es hätte also schlimmer kommen können.«

Sieht man sich euer Gastaufgebot an, den Produzenten und sogar das Logo, ist die Frage legitim: Wie sehr schaut ihr zu Obscura aus dem benachbarten Landshut auf, inwiefern haben sie euren Stilwechsel hin zu technischerem Death Metal seit dem Demo beeinflusst?

Lukas: »Ist berechtigt, wir kennen Steffen (Kummer) und den ‚JoeC’ (Jonas Fischer) jetzt schon seit einigen Jahren. Da wir ein Gast-Gitarrensolo und besonders ein Gast-Basssolo ziemlich cool fanden, war es für uns nur naheliegend die beiden dafür zu fragen, insbesondere da die beiden in zwei der besten Bands spielen, die wir kennen!

Julian: »V.Santura genießt einen hervorragenden Ruf als Produzent, und wir wussten was wir soundmäßig ungefähr zu erwarten hatten. Es war einfach nur naheliegend, uns an ihn zu wenden, zumal sein Woodshed Studio mit Sitz in Landshut von München aus auch mit geringem Aufwand zu erreichen war. Und das Logo... Würden wir Schweden-Death machen, müsste es vielleicht Vergleiche mit dem Bloodbath-Logo Stand halten. So wie das Obscura-Logo Ähnlichkeiten mit dem Obituary-Logo hat. Ich persönlich hatte damals eher das alte Batman-Logo im Hinterkopf. Insgesamt treffen da schon einige Faktoren zusammen. Obscura ist auch definitiv ein Einfluss für uns, aber eben einer von vielen! Wer sich unsere CD anhört, wird auch erkennen das wir keine Kopie sind.«

Habt ihr mehrere andere Label-Angebote ausgeschlagen, um auf „the real deal“ zu warten?

Lukas: »Das können wir leider auch nicht so genau sagen. Naja, wir haben eine komplett fertige CD produziert, sprich mit Artwork und Musik, und uns damit bei Labels beworben. Letztendlich hat das bei Metal Blade Anklang gefunden. Ist doch schön, dass es im Zeitalter von Downloads und CD-Brennen durchaus möglich ist, auch als gerade einmal lokal bekannte Band bei einem guten Label zu landen. Das spricht sehr für Metal Blade Records.«

Habt ihr die Songstrukturen und Arrangements im Studio mit V. Santura noch einmal stark überarbeitet? In Bezug auf welche Feinheiten hat er euch wesentlich nach vorne gebracht, welche Lektionen habt ihr gelernt?

Julian: »Songstrukturen gar nicht, da hatten wir eine konkrete Vorstellung. Was Gesang und Sound betrifft, haben wir allerdings sehr von seiner Erfahrung profitiert! Oder wenn wir uns innerhalb der Band uneinig waren, haben wir auf sein Urteil vertraut. Er weiß sehr gut, was funktioniert und was nicht, was man lieber lässt und wo man noch ein bisschen dran feilen sollte. Wir haben gelernt, mehr das Gesamtbild zu betrachten, und uns nicht zu sehr in Details zu verlieren.«

In einem anderen Interview bezeichnet ihr euch alle als brillante Köche, die nebenbei auch Musik machen. Was sind eure Spezialitäten – gut bürgerlich und deftig, oder eher wie eure Musik auch raffiniert und exotisch?

Lukas: »Lustig, das war eigentlich eine eher ironisch oder witzig gemeinte Antwort auf die Frage, was uns so besonders macht... das bleibt uns jetzt wohl. Der eine oder andere von uns kocht vielleicht schon gern, allerdings haben unsere „Kochkünste“ ziemlich sicher nichts mit unserem Songwriting zu tun.«

'Self Exhibition' könnte für jeden Musiker stehen, der etwas veröffentlicht und auf die Bühne geht – er trägt etwas Persönliches, mitunter Intimes an die Außenwelt, teilt sich mit, hinterlässt etwas, das ihn überdauern kann. Ist das euer Anspruch – oder geht es in der Band eher darum, maximalen Spaß zu haben und sich selbst technisch etwas herauszufordern?

Lukas: »Mittlerweile ist es schon ein sehr flach getretenes Thema: Facebook, Konsorten und die (Nicht-)Wahl, die wir als Nutzer haben, mit sozialen Netzwerken umzugehen. Es ist der älteste Text auf dem Album, weshalb er thematisch weniger zu den anderen Songs passt. Ich denke jeder bei uns in der Band hat unterschiedliche Motive bei OVER YOUR THRESHOLD zu spielen; der maximale Spaß ist natürlich für jeden extrem wichtig! Aber auch der musikalische Anspruch an sich selbst, etwas zu schaffen. Auch Freibier spielt eine Rolle, haha.

Julian: »Von beidem etwas würde ich sagen. Das sind ja neben dem Erfolg/Geld die häufigsten Beweggründe für "Künstler", die du angesprochen hast. Bei uns ist es einfach auch der Spaß an der Musik, der uns voran treibt, wir haben fast alle unsere Nebenprojekte in denen wir mitwirken. Aber toll ist es schon, wenn weltweit Leute deine Musik gut finden, das spornt noch zusätzlich an. In 'Self Exhibition' geht es übrigens um die Selbstentblößung im Internet.«

Wofür steht der Albumtitel „Facticity“: Ist er eine Abfuhr an den Glauben; geht es darum, sich nichts vorzumachen/vormachen zu lassen?

Julian: »Mit dem Titel des Albums ist die Faktizität im philosophischen Sinn gemeint. Also das Faktische, Gegebene bzw. das scheinbar oder mit unseren Mitteln Erfassbare. Darunter zählen wir auch ganz banale Dinge, zum Beispiel dass alle Menschen atmen, essen, irgendwann sterben oder auch einmal urinieren müssen. Das ist sozusagen der Ausgangspunkt, nicht weniger und nicht mehr. Diese sehr weltliche Sicht auf die Dinge und den Menschen wird mit unserem Album vertreten und in den meisten Songs thematisiert. Auch das Artwork spiegelt dieses „Leitmotiv“ wider.«

Habt ihr viele Songs/Parts verworfen bzw. noch jede Menge Tracks für eine zweites Album in Hinterhand? Sind auf dem Debüt viele Songs, die ursprünglich nach eurem alten Stil klangen und durch beständiges Neuarrangieren die heutige Form annahmen?

Lukas: »Natürlich kommt es vor, dass man den einen oder anderen Part verwirft oder etwas anders arrangiert aber größtenteils wurden die älteren Songs nicht mehr verändert, da sie uns trotzdem noch gefallen und Spaß machen zu spielen. Jeder Musiker entwickelt sich ständig weiter, neue Songs zu schreiben macht uns natürlich auch Spaß, deshalb glaube ich jetzt eher nicht, dass wir ein zweites Album aus alten Ideen zusammen wurschteln.«

 

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