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SENTENCED

Kälte und Menschenfeindlichkeit

SENTENCED

In ROCK HARD Vol. 313 gab es nur einen kurzen Aperitif zum kompletten Menü: Sami Lopakka und Vesa Ranta lassen SENTENCEDs  „North From Here“ und seine Entstehungszeit noch einmal Revue passieren.

Sami, Vesa, warum klingen eure ersten drei Alben trotz der äußerst moderaten personellen Veränderungen wie die Visitenkarten von drei komplett verschiedenen Bands?

Sami: »Erst mal fühlt es sich seltsam an, Fragen zu etwas zu beantworten, das 20 Jahre zurückliegt. Dabei begeistert mich am meisten, dass ich immer noch lebe. Was die radikalen Wechsel betrifft: Wir hatten zunächst keine klare Vision und probierten einfach alles Mögliche aus, und je mehr wir als Musiker wuchsen, um so mehr Möglichkeiten hatten wir. Wir wollten und nie limitieren, sondern immer genau das machen, was wir gerade fühlten. Wir waren Teenager auf dem Weg ins Twen-Alter, die etwas eigenes finden wollten. Und dazu brauchten wir Zeit.«

Vor dem  Death Metal der Demos und eures Debüts „Shadows Of The Past“ gab es eine thrashige Vorstufe namens (Utmost)  Deformity. Basser Jari blieb auch nach der Umbenennung bei euch, wurde vor dem Album aber von Taneli ersetzt.

Sami: »Ich war noch kurz Mitglied von Deformity, da spielte ich gerade mal ein Jahr Gitarre. Wenn ich mich recht entsinne, kam die Namensänderung mit Vesas Einstieg. Deformity waren ein Zwischending aus Thrash und Death, mit SENTENCED wechselten wir zu purem Death Metal. Von Deformity gibt es zum Glück bis auf einige schreckliche Proberaumaufnahmen kein Material.«

Vesa, du warst damals unter Spitznamen wie Rökö und Vesku bei den Thrashern Anthony, auf dem „Perfect Violence & Concrete Destruction“-Demo war deine Adresse abgedruckt. Die „Two Songs Of Sorrow“-Single habt ihr im später legendären Tico-Tico-Studio aufgenommen.

Vesa: »Wenn man jung ist, kommt man auf dämliche Namen – nicht nur für Bands sondern auch seine Kumpel. Rökö hat keine Bedeutung und existiert auch in der finnischen Sprache nicht. Für mich klingt es nach einem Typen, der zerrissene Jeans und ausgebeulte Shirts trägt. Anthony waren tatsächlich eine der ersten finnischen Metal-Bands im nun legendären Tico-Tico. Wir trafen den Studiobesitzer Ahti Kortelainen als Soundmann bei einem Gig. Sein Live-Mix war so großartig, dass wir bei ihm aufnehmen wollten.«

Sami: »Vesa hat uns von Ahti überzeugt. Wir anderen hatten nicht den blassesten Schimmer von Studioarbeit.«

Die schwedische Szene war stark von Morbid Angel und Autopsy inspiriert, die finnischen Bands Ende der 1980er waren viel stärker von Cracass geprägt. Wer hat euch am meisten beeinflusst?

Sami: »Wir haben auch einige Grind-Attacken ausprobiert, aber das passte nicht zu uns. Langsame Rhythmen geben einfach mehr Gestaltungsfreiraum. Wir haben uns alle möglichen Thrash und Death-Metal-Bands reingezogen, aber am meisten Death, Obituary und Morbid Angel. Was in Schweden abging, interessierte uns ebenfalls, speziell Nihilist. Dazu die ganzen Underground-Tapes aus der ganzen Welt.«

Vesa:  »Meine Lieblingsalben aller Zeiten waren und sind Morbid Angels „Altars Of Madness“, Deaths „Spiritual Healing“, Atheists „Piece Of Time“, Darkthrones „Soulside Journey“ und Entombeds „Left Hand Path“. Einflüsse davon ergaben sich beabsichtigt wie unbeabsichtigt.«

War es eine Erleichterung, vom beschaulichen Kuhdorf Muhos in die Großstadt Oulu zu kommen, wo Impaled Nazarene und Belial lärmten?

Sami: »Tatsächlich ist Miika Tenkula nie aus Muhos weggezogen. Dafür aber Vesa und ich; Taneli lebte schon in Oulu, aber das war erst zu „North From Here“-Zeiten. Zuvor waren wir von der dortigen Szene recht isoliert. Zudem waren wir nicht die sozialsten Gesellen und sind es jetzt noch nicht. Ein interessantes Detail ist, dass das erste SENTENCED-Interview von Mika Luttinen geführt wurde, der damals bei einer lokalen Radiostation die Metal-Sendung bestritten hat. Das war 1990 und ich war 15. Kürzlich habe ich das Interview wieder gehört und ganz deutlich gespürt; dass es für alle des Beste gewesen wäre, wenn ich mich damals schon umgebracht hätte.«
Vesa: Die Miete unseres ersten Proberaums in Oulu bestand darin, Musik für die Bewohner einer Behinderteneinrichtung zu spielen, in der ich meinen Zivildienst ableistete. Die Shows waren in jeder Hinsicht speziell. Wir waren schon damals extrem laut und mehr als zwei dieser Vorführungen hat es nicht gegeben...«

Auf dem Day Of Darkness habt ihr auch mit Beherit gespielt...

Sami: »Und natürlich haben wir sie ernst genommen, hah. Ihre Schweinekopfrituale waren allerdings etwas zu viel des Guten... Musikalisch zogen wir nicht nach, sondern wurden viel komplexer und atmosphärischer.«

Atheist wurden eben schon als Idole und Ikonen benannt. Hättet ihr wie sie oder Pestilence mit dem Nachfolger von „North From Here“ ebenfalls in jazzige Gefilde abdriften können?

Sami: »Wenn es um Jazz geht, waren wir immer einer Meinung: das ist Scheiße, mit der wir nichts zu tun haben wollen. Wir wollten SENTENCED gar nicht zu weit vom Metal emanzipieren. Frühe Atheist, Morbid Angel, Death und das Darkthrone-Debüt „Soulside Journey“ waren kompositorisch Leitbilder. Gleichzeitig waren wir sehr ambitioniert, unsere eigene Note einzubringen, statt nur Bekanntes zu vermischen.«

Taneli bezeichnete das Album rückblickend als überladen und komplex, mit nicht ganz so großartiger musikalischer Performance.

Vesa: »Die wenigen Fehler werden von der enormen Atmosphäre aufgewogen. Wir haben beinahe live aufgenommen, die ganze Band hat die Songs gemeinsam eingespielt. Digitales Equipment gab es kaum. Schlagzeug, Bass und Gitarre hatten wir nach fünf Tagen im Kasten, inklusive Mix waren wir weniger als zwei Wochen mit dem kompletten Album beschäftigt. Es ist mir eins der liebsten Werke in unserem Katalog, zumal extrem viele gute Erinnerungen damit verknüpft sind. Wir studierten, aber die Band spielte in unserem Leben die größte Rolle. Jede Woche waren wir vier oder fünf Abende im Proberaum.«

Sami: »Für seine Zeit war „North From Here“ originell und obwohl es hinsichtlich der Verkaufszahlen nicht wahnsinnig lief, beeindruckte es viele – gerade auch Musiker. Wir haben es auch nie als Bürde betrachtet. Als Ville zu uns kam, passte die Stimme nicht zu den Songs. Damals konzentrierten wir uns live ohnehin auf „Amok“ und „Down“, weil das die Basis eines neuen Lebensabschnitts für SENTENCED war. Das hätte aber auch mit Taneli als Fronter passieren können. Es lag jedenfalls nicht daran, dass wir Probleme hatten, die Songs live zu bringen. Wir suchten einfach die Herausforderung. Es war vor allem Miikas Vision, einen Song-orientierteren Stil zu finden, mehr Melodien zuzulassen und das Tempo zu drosseln. Genau das taten wir mit „Amok“.«

Wie reagierte euer Produzent Ahti Kortelainen auf die Songs von „North From Here“? Riet er euch, sie zu entschlacken und straffer zu arrangieren?

Sami: »Er war hauptsächlich Tontechniker und griff selten in die Musik selbst ein. Vielleicht hat es ihn einfach einen Scheiß interessiert, hah! Unsere Mentalität war: Kümmere dich um das Set-up, drück den roten Knopf, wir spielen den Song, du drückst rechtzeitig auf Stopp und dann fuck off, haha. Aber ernsthaft: Ahti hat uns bei jedem Studioaufenthalt unendlich viel gelehrt, was Aufnahmetechnik betrifft.«

Hatten Spinefarm einen Schimmer, was sie musikalisch erwartet?

Sami: »Sie kannten das „Journey To Pohjola“-Demo, welches nach unserem Debütalbum aufgenommen wurde, hatten also eine ungefähre Idee. Spinefarm fanden das Album ganz okay waren aber geschockt, als sie feststellten, dass man mit Metal in Finnland Geld verdienen kann. Riku Pääkönen, der Firmenchef, meinte, dass er das durch „North From Here“ gelernt hätte.«

Der Lizenzdeal mit Century Media war der Beginn einer bis über das Band-Ende hinaus währenden erfolgreichen Zusammenarbeit.

Vesa: »Wir waren in dem Stadium, in dem wir alles für die Band geben und gucken wollten, wie weit es uns trägt. Touren klang nach einer tollen neuen Erfahrung. Aber erst nach „Amok“ kamen wir professionell aus Finnland raus. Die nächsten zehn Jahre folgten ein bis zwei Touren pro Album.«
Sami: »Wir waren extrem aufgeregt. Gleichzeitig wussten wir nicht, was wir erwarten sollten. Taneli war gerade dabei, sein Englischstudium zu beginnen, ich mein Finnischstudium, die anderen hatten ähnliche Pläne. Aber wir waren alle bereit, die Band an erste Stelle zu setzen und das Studium nebenher zu betreiben.«

Wo habt ihr das Schwarzweiß-Foto für das Backcover aufgenommen – im Freilichtmuseum Turkansaari?

Vesa: »Nein, das ist nur ein Schuppen im Hinterhof von meinem Elternhaus.«

Die Neuauflage von „North From Here“ zeigt wie das Original Nordlichter. War Hannu Hautala ein Kumpel oder professioneller Fotograf?

Vesa: »Fotografie hat mich damals schon immens interessiert und ich war mit den Arbeiten vieler einheimischer Naturfotografen vertraut. Hannu war einer der respektiertesten von ihnen und eins seiner Bilder verkörperte die Atmosphäre des Albums visuell. Es ist so kalt wie die Musik.«

Sami: »Hautala hat seither viele Preise für seine Fotografien abgeräumt. Er wollte damals 500 Finnische Mark haben, das entspricht heute ungefähr 85 Euro. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mein erstes Nordlicht gesehen habe, hier oben ist das keine so rare Erscheinung. Aber als die Band bereits existierte, habe ich eine Reihe besonders beeindruckender erlebt. Speziell der Winter ist hier sehr präsent. Kälte und Menschenfeindlichkeit waren auch lyrisch ein Abbild der Musik. Uns war auch wichtig uns von den damaligen Klischees abzuheben. Die Texte unseres Debüts waren nicht bemerkenswert oder höchstens bemerkenswert scheiße. Daraus hatten wir gelernt. Seither genossen Texte viel mehr Beachtung.«

Zu welchem Zeitpunkt wolltet ihr Teile des Kalevala vertonen?

Sami: »Wir wollten keine kompletten Verse rezitieren, sondern nur Inspiration darin suchen. Auf „North From Here“ gibt es einige solcher Einflüsse. So existiert auch in dem Buch ein Kapitel namens 'Capture Of Fire' und auch 'Awaiting The Winter Frost' hat Kalevala-Elemente, wenngleich ohne direkte Zitate. Amorphis basierten ihr komplettes Konzept darauf, also war es für uns unattraktiv und wir bewegten uns weiter.«

Was hatte s mit eurer Selbstbejubelung als „northernmost killers themselves“ auf sich – Sarkasmus oder ein „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl?

Sami: »Auf diesem Album war es definitiv letzteres, danach hieß es eher „Wir gegen uns selbst“. Wir wollten unsere sehr nordischen Ursprünge betonen, aber Patriotismus trifft es nicht wirklich. Humor spielte definitiv auch eine großen Rolle.«

Wie wichtig ist Musik heutzutage in eurem Leben?

Sami: »Ich habe sechs Jahre bei der Merchandise-Firma Northern Tribe gearbeitet, musste aber gehen noch bevor sie eine Bruchlandung hinlegten, um meiner Familie weiterhin ein Dach über dem Kopf und warme Mahlzeiten bieten zu können. Derzeit habe ich einen Zeitarbeitsvertrag im Bürowesen. Kürzlich habe ich auch einen Roman fertiggestellt und an finnische Verlagshäuser geschickt. Bislang kam darauf kein Feedback. Vielleicht bleibt es auch dabei. Musik bedeutet mir immer noch viel, aber ich habe weniger Zeit dafür. Trotzdem schreiben wir mit KYPCK an einem neuen Album.«

Vesa: »Ich habe zwei Jahre nach der Beerdigung von SENTENCED benötigt, um wieder Spaß am Musikmachen zu empfinden. Die anderthalb Jahrzehnte hatten meine Batterien komplett verbraucht und ich brauchte dringend Abstand. Aber ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, wieder aktiv zu werden. Heute bestreite ich meinen Lebensunterhalt als Fotograf. Meine neue Band The Man Eating Tree ist mir sehr wichtig.«

Sind SENTENCED nur noch eine verblassende Erinnerung?

Sami: »Wir werden diese Band für den Rest unseres Lebens unter der Haut tragen. Es ist mehr als eine Summe von Erinnerungen. SENTENCED ist, was wir waren und teilweise noch sind. Taneli lebt als Tätowierer in Helsinki, also treffen wir uns meist, wenn The Black League in Oulu spielen oder KYPCK in der Hauptstadt.«

Vesa: »Wir sollten uns alle öfter treffen. Aber jeder ist beruflich und in der Familie eingespannt. Wir sollten eine Tour mit KYPCK, The Man Eating Tree, Poisonblack und The Black League machen, über die guten alten Zeiten reden und nur „ein paar“ Bier trinken. In Finnland haben wir bereits mit KYPCK getourt und es genossen.«

Mit dem Tod von Miika Tenkula ist eine echte SENTENCED-Reunion egal in welchem Line-up  unmöglich. Wobei ihr schon 2005 bei eurem Begräbnis betont habt, dass so etwas nie stattfinden wird. Habt ihr eure Einstellung diesbezüglich geändert?

Sami: »Absolut nicht.«

Vesa: »Auch wenn Miika noch unter uns weilen würde, hätte diese Entscheidung Bestand. Dennoch denke ich oft an die Zeit mit SENTENCED, letztlich sind die 16 Jahre doch recht schnell vergangen...«

 

www.sentenced.org

 

Pic: O. Recker (Promo)