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DEADBORN

Endzeitpropheten auf Wurzelsud

DEADBORN

Die Death Metal-Legion aus dem Schwarzwald lässt es langsam kommen, entlädt sich dann aber gewaltig. „Mayhem Maniac Machine“ ist fünf Jahre nach dem Debütalbum „Stigma Eternal“ eine fette Portion Gehacktes halb und halb: Einerseits technisch und dabei nahezu maschinell, andererseits immer noch menschengesteuert und emotional. Frontmann Mario Petrovic gibt zu allem ausführliche und humorvolle Antworten – nur zur Necrophagist-Vergangenheit verteilt er wie ein Angeklagter, der sich vor Gericht durch eine Reportermenge manövriert, „kein Kommentar“. Was gar nicht nötig wäre.

Mario, Lou Reed und Die Krupps hast du mit ihren jeweiligen „Metal Machine Music“ als Inspirationen zu „Mayhem Maniac Machine“ klar abgelehnt. Wie steht es um Kraftwerk „Die Menschmaschine“ - hast Du eine Verbindung zu diesen Pionieren eines ganz anderen teutonischen Sounds? Ist das Musik, die sich in der Plattensammlung Deiner Eltern verbirgt?

»Klar kenne ich die von dir erwähnten Bands. Jede Band war für sich und ihren Stil oder ihre Bewegung bahnbrechend, aber uns haben die in keiner Weise inspiriert. Auf dem Dachboden liegt auch nichts herum, bis auf Frank Laufenbergs „Super Oldie Night“, die war es aber auch nicht. Meine Eltern haben nur Kassetten.«

Ihr habt alle Alben dem Death Metal oder seinen Fans gewidmet. Wie verlief Deine Metal-Sozialisation: War Helloween-Dur-Musik schon immer der Feind?

»Bei mir ist das eher etwas gemischt. Angefangen im Kindesalter mit Glam- und Hard Rock, später dann die Steigerung zum Metal und Thrash Metal mit Bands wie Metallica, Pantera oder Sepultura. Die großen Bands eben mit ihren legendären Alben. Später dann vom Death Metal bis hin zum Black Metal, die ganze Palette querbeet durch. Meinem persönlichen Ausdruck entspricht eigentlich nur der Death Metal, ich höre mir aber von True Metal bis hin zum extremsten Geballer oder der ausgefallensten Weltmusik vieles an. Sofern es meinen Geschmack trifft oder in irgendeiner Weise mein Herz berührt und mich inspiriert.«

Kannst Du richtig singen? Ist das ein Tabu bei DEADBORN?

»So ein wenig geht das schon, aber ein zweiter Pavarotti wird aus mir bestimmt nicht. Ich habe auch nicht viel Interesse daran, meine Stimme in diese Richtung weiterzuentwickeln. Grundsätzlich ist das kein Tabu, wenn es der Song zulässt. Ein Beispiel hierfür: Morbid Angels „Covenant“, bei ´God Of Emptiness´ wurde das ziemlich gut umgesetzt. Bisher gab es aber bei DEADBORN keine Notwendigkeit für einen klaren Gesang.«

Jetzt mit dem richtigen Booklet vor Augen wird tatsächlich der Name „Nr. III“ auf dem Schädel des Skeletts sichtbar. Da muss man spontan an Iron Maidens 'The Prisoner'-Intro aus der gleichnamigen Serie denken. Unter den Fingern des Schützen am Abzug sieht man so etwas wie Abschussmarkierungen, drei Fünferblöcke. So viele Dienstjahre hat die Band noch nicht auf dem Buckel. Auf dem Oberarmknochen steht auch noch was – mit viel Phantasie kann man daraus HIV lesen...

»Die Nr. III steht für das dritte Output, die drei Fünferblöcke stehen für die Jahre, in denen unser Freund Gabor Olosh (siehe den Interviewteil in der Heftausgabe – Anm. d. Verf.) im Schwarzwald sein Unwesen treibt. Das, was Du als HIV vermutest, ist eigentlich nur die Zahlenkombination 418 und hat nichts zu bedeuten. Genauso hätten wir auch 666 nehmen können oder 397.«

In ´Bionic Abomination´ betrachtest Du die Mensch-Maschine-Verschmelzung kritisch, „the perverse creation of a blind man, called himself god“. Brandmarkst Du damit den puren Wissenschafts- und Fortschrittsglauben als ebenso wertlose Ersatzreligion, wie Christentum etc.?

»Ja, wie Du schon richtig erkannt hast, symbolisiert die Thematik des Songs den Wissenschafts- und Fortschrittsglauben. Aber als wertlose Ersatzreligion würde ich die Forschung nicht bezeichnen. Immerhin beruht sie auf Fakten und hat den Menschen viel gutes gebracht, und vor allem weiter, im Gegensatz zu Religionen.«

Wie schwer war es in ´Insane Motor Cortex´ den Wahnsinn eines Menschen nachzuvollziehen, der scheinbar spürt, wie die Maschine in ihm die Kontrolle übernimmt?

»Jeder Song steht für sich, und ist eine in sich geschlossene Betrachtung, aber stets in Verbindung mit dem Titel der Scheibe. Der Text zu ´Insane Motor Cortex´ war nicht unbedingt schwieriger als es bei den anderen Songs. Mit etwas Fantasie, wissenschaftlichen Grundlagen und einer Prise Wahnsinn entstanden bisher alle DEADBORN-Songs mit mehr oder weniger gleichem Aufwand.«

Apropos Maschine: Die Darstellung mit Zahnrädern und dem ganzen industriellen Gelumpe ist doch veraltet – zeitgemäßer wäre es gewesen, das Skelett angeschlossen an Unmengen von Computerchips zu zeigen.

»Du solltest das Ganze etwas nostalgischer betrachten. Ist es doch irgendwie auch eine Art Abschied des analogen Zeitalters. Das Konzept ist eher etwas retro angehaucht, somit kommen Computerchips oder sonstige digitale Missgeburten nicht in Frage. Und was ist schon zeitgemäß...?«

Ihr bezeichnet das neue Album in der Ankündigung auf MySpace als Soundtrack zur nahen Apokalypse – ich nehme mal an, mit Augenzwinkern und nicht bezogen auf das Weltende laut Maya-Kalender. Glaubt Ihr ernsthaft, dass unsere Generation den totalen Kollaps miterleben wird?

»Ja das mit dem Augenzwinkern hast du richtig erkannt. Was die vorausgesagt haben, geht mir persönlich am Arsch vorbei. Das ist die gleiche Scheiße, wie mit der Bibel und dem ganzen anderen Mist. Die waren doch alle auf irgendeinem Wurzelsud, als sie ihre Vorhersagen gemacht haben.«

Christian Neumann hat als Gast den Bass auf Eurem neuen Album eingespielt. Kanntet Ihr ihn schon ewig als ehemaligen Jack-Slater-Musiker, oder hat Euer neuer Gitarrist Kevin seinen Aardvarks-Kollegen ins Spiel gebracht?

»Wir kennen Jack Slater schon seit einigen Jahren. Auf unseren Konzerttouren kreuzten sich unsere Wege immer wieder und wir haben gemeinsam ein Haufen erfolgreicher Gigs gespielt. Die Jungs waren schon immer von unserem Sound begeistert. Da 2010 unser langjähriger Bassist Jan von uns gegangen ist und wir händeringend Ersatz suchten, haben wir Chris gefragt, damit die neue Scheibe endlich im Kasten ist und auf den Markt kommen kann. Wir rechnen ihm das sehr hoch an, ohne ihn wäre das Ganze nicht so gut gelaufen. Dennoch wollte er leider nicht als festes Mitglied bei uns einsteigen. Somit haben wir den vierten Platz an Kevin vergeben. An dieser Stelle nochmals ein fettes Danke an unseren Kameraden Christian Neumann!«

Gibt es in eurer Region tatsächlich eine Szene, oder nur eine handvoll Musiker?

»Der Proberaum in Baden-Baden besteht schon lange nicht mehr, wir proben seit 2005 im tiefsten Schwarzwald, Kreis Freudenstadt. Das Hauptquartier ist aber immer noch in Baden-Baden. Natürlich ist es immer schwer, passende und treue Musiker zu finden, die an die Sache glauben und hinter der Band stehen. Hinzu kommt noch ein höherer technischer Anspruch, den man als Musiker mitbringen sollte um bei einer Band wie DEADBORN zu spielen. Es gibt gebietsweise nur eine Handvoll Musiker, die wirklich diesen Kriterien entsprechen. Wir hatten einfach Glück, dass wir zueinander gefunden haben - oder war es doch Schicksal?«

Habt ihr noch einen richtigen old-school-Plattenladen in Baden-Baden?

»Da gab es mal einen, ist aber schon zwölf Jahre her. Ich habe dort die erste Bolt Thrower auf Vinyl erworben, erste Pressung, geile Sache! Den Laden gab es aber nicht so lange, er existierte maximal zwei Jahre. So ein Geschäft funktioniert hier nicht, da leider die Zielgruppe zu gering ist. Der Inhaber hat dann Pleite gemacht und Jahre später hat er sich tot gefixt! Spitzen Lebenslauf.«

 

Zum Interviewteil von Ausgabe 301 geht es hier entlang!

 

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