Online-MegazineKolumne

CASPIAN

Wo die Post abgeht

CASPIAN

Keine andere ausländische Band hat in den letzten Monaten mehr Publikum ins Mao Live House gelockt als die Instrumental-Postrocker von CASPIAN, die sich nach diesem Konzert als ungekrönte Könige von Beijing fühlen dürfen.

2009 waren CASPIAN eine der letzten Bands, die ich mir in meiner alten Heimat Graz noch live ansehen konnte. Damals verirrten sich circa 50 Hanseln ins Forum Stadtpark, die sich aus den üblichen Verdächtigen zusammensetzten: Kunst- und Architekturstudenten, Hornbrillenträger, Musikfreaks. Gesindel halt. Insofern waren meine Erwartungen an den Beijing-Gig der Beverly-Boys eher gedämpft, denn wer soll sich bitte für die Tabellenführer der zweiten Postrock-Liga in einer Woche interessieren, in der mit Suicide Silence und Dark Tranquillity namhafte Konkurrenz in der Stadt ist? Guckste wohl: Schon bei der chinesischen Vorgruppe 16 MINUTES ist das Mao Live House dermaßen pickepackevoll, dass man sich nur mit grobschlächtigem Körpereinsatz durch die engen Röhren der Location schieben kann. Das Ganzkörperkontakt-Nahkampftraining aus der U-Bahn zahlt sich also spätestens jetzt aus. An der Beijinger Supportband dürfte das Zuschauerinteresse eher nicht liegen, denn ihr ausufernder Psychedelic-Rock mag auf Platte durchaus seine Momente haben, die Livepräsentation wirkt mit nur einem Gitarristen und einer Schlagzeug spielenden Sängerin hingegen auf Dauer etwas lähmend. Das Unterhaltsamste ist dabei noch die einzige Ansage von Gitarrist Robin: „Please welcome our frontman Cindy!“

Währenddessen ist es bereits dermaßen heiß, dass sich CASPIAN das Aufwärmen schenken können. Stattdessen stehen sie draußen am Tresen, quatschen mit einigen Fans und verchecken ihre Shirts: „Wir sind auf dieser Tour Musiker, Roadies, Manager und Merchandiser in Personalunion“, lacht Gitarrist und Keyboarder Philip Jamieson, während er selbst verwundert auf den nicht abreißenden Strom an Konzertbesuchern blickt: „Wir waren ja schon einmal in China bei irgendeinem Festival, und anscheinend haben sich die Leute unseren Namen gemerkt und sind jetzt mit ihren Familien gekommen – anders kann ich mir das auch nicht erklären.“ Der Mann übt sich in Bescheidenheit, denn auch wenn seine Band auf Platte nach wie vor um den Einzug in die Champions League kämpft, ist sie live dort längst angekommen.

Das ist selbstverständlich auch in Beijing nicht anders: Nach einem gesprochenen Intro vom Band geht die Band mit 'Fire Made Flesh' gleich in die Vollen, und während sich der Song langsam aufbaut, entwickelt sich jener für CASPIAN so typische Sog, der sie live unwiderstehlich macht. Gleich drei Gitarristen errichten hier eine undurchdringliche Wand aus purer Energie, die wie ein Monolith auf die völlig geplätteten Zuhörer klatscht. Der Sound ist gleichzeitig massiv und druckvoll sowie fein ausbalanciert, eine Kunst, die im Mao Livehouse nicht jedem gelingt (drücken wir es vorsichtig aus). Standards wie 'Malacoda' oder 'The Raven' wirken dadurch deutlich dynamischer und zwingender als auf der Konserve.

Blickfang ist natürlich einmal mehr Philip Jamieson selbst, der mit seinen geschätzten zwei Metern Körpergröße auf der Bühne wie ein sich im Wind wiegender Baum wirkt. Allerdings sorgt seine Hintermannschaft auch für einen gnadenlosen Orkan, der die letzten Zweifel und Fragezeichen hinwegfegt: An dieser Band haben sich die Mitbewerber an der Livefront zu messen. Das sehen die restlos euphorischen Chinesen ebenso, auch wenn eine Blitzumfrage nach dem Gig einige interessante Begründungen für den Konzertbesuch mit sich bringt: „Weil mich diese Musik in einen Rausch versetzt, ohne dass ich Kopfweh bekomme.“ „Weil die Tickets billig waren.“ „Weil mein Freund gehen wollte.“ „Weil die Schlange vor dem Mao so lang war.“ „Weil der Sänger so geil ist.“ Ah ja. 

 

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Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Pics: Wu Gang

Flyer: Promo