Online-MegazineKolumne

Wo der Weihnachtsmann klont

Wer in China lebt, wird vom Westen in dieser Jahreszeit scheinbar glühend beneidet. Zumindest einmal im Jahr muss man sich keine Beileidsbekundungen der Marke „Wie hältst du diese Luft hier aus?“ oder „Wie kann man nur jeden Tag Hundefleisch essen?“ anhören, stattdessen trudeln massenweise aufmunternde E-Mails zum Thema „Sei froh, dass dir diese Weihnachtsscheiße erspart bleibt!“ ein.

All diese Weihnachtshasser sollten vielleicht von einem Besuch in China Abstand nehmen, denn konträr zur irrigen Annahme wird dieses Fest hier sehr wohl gefeiert – und zwar das ganze Jahr. In einem Land, in dem von iPhone über Atomreaktoren bis zur orangefarbenen Running-Wild-Lederjacke wirklich ALLES kopiert wird, ist das Klonen der stillsten Zeit des Jahres (?) nur folgerichtig - vor allem, wenn sich damit Geld verdienen lässt.

Und da sich in 365 Tagen logischerweise mehr Kohle machen lässt als in nur einem Monat dauert das christliche Hochamt in unserem atheistischen Staat eben ein ganzes Jahr. Bei einem Supermarkt ums Eck wurde beispielsweise im Sommer die Musik von 'Merry Christmas Everyone' mit einem Text heruntergedudelt, der sich ungefähr mit „Frische Bananen, schön wie du“ übersetzen lässt. Selbst in der tiefsten Provinz sieht man immer und überall „Happy Christmas“-Sticker mit feist grinsenden Weihnachtsmännern an Bars und Restaurants pappen. Wer im zentralchinesischen Nancheng einen 500 Jahre alten Tempel aus der Ming-Zeit besucht, findet dort zwar keine Terrakotta-Krieger, dafür jedoch auf einer ganzen Etage eine Gartenzwerg-Armee mit der Fratze von Santa Claus. In Beijing fährt zu jeder Jahreszeit ein Wagen durch die Straßen, der die Bäume zur Melodie von 'Jingle Bells' mit Schädlingsvernichtungsmitteln besprüht. Kurze Zeit später rieselt zwar nicht der Schnee zu Boden, dafür jedoch die Blätter. Und wer das Glück hat, am Heiligabend am Flughafen der Hauptstadt festzusitzen, erfreut sich nicht nur an den Dauerschleifen-Klängen von 'Stille Nacht', sondern auch am Anblick von äußerst knapp bekleideten Weihnachtshostessen. Diese hätten zwar an und für sich die Aufgabe, Glühwein an gestrandete Passagiere auszuschenken – nachdem Santa Claus bei Minusgraden jedoch aus gutem Grund keinen Minirock trägt, kippen sie die meisten Tassen gleich selbst in sich hinein. Die meisten schweben nach kurzer Zeit tatsächlich wie Engel dahin.

Den Vogel schießen wieder mal die Spaßvögel in Hongkong ab. Das vorweihnachtliche Ambiente in dieser Stadt erinnert an eine Mischung aus Star Wars, Disneyland und Schloss Neuschwanstein: Über den Straßen hängen meterdicke, neonfarbene Christbaumkugeln, blitzende Sterne und Posaunenengel, während sich von einigen Wolkenkratzern Weihnachtsmänner in Spider-Man-Manier abseilen. Das martialische Ambiente wird von lebensgroßen Spielzeugsoldaten unterstrichen, die ab und zu ein Stück marschieren und mit ihren Trompeten einen besinnlichen Marsch schmettern (ich bilde mir ein, den Badenweiler herausgehört zu haben). Und obwohl Hongkong de facto in den Tropen liegt, schneit es auf der Nathan Road – aus speziellen Vorrichtungen klatschen klebrige Schaumflocken auf die Straße, was die ohnehin recht offenherzigen Damen in einem dezent pornösen Gesamtbild erscheinen lässt.

Apropos: Einer der Höhepunkte des Hongkonger Weihnachtsprogramms war im letzten Jahr eine Hamburger Erotik-Show mit dem Namen „Kissmas“, die „echtes Hamburger Reeperbahn-Feeling“ versprach und keine Kosten und Mühen scheute, authentische Stripperinnen aus Thailand einfliegen zu lassen. Seitdem glauben sie in Hongkong vermutlich, Maria hätte im Stall zu Bethlehem Reizwäsche und Strapse getragen. Doch nicht nur wegen der Temperaturen ist Weihnachten hier ein heißeres Fest als in Europa. Die einheimischen Teenager haben den Heiligabend, der auf Mandarin „Ping an ye“ („Friedensnacht“) heißt, in „Shi shen ye“ umbenannt – auf Deutsch in etwa „Jungfräulichkeits-Verlusttag“. Anscheinend sind die Kids fest davon überzeugt, genau an diesem Tag zum ersten Mal im Leben Sex haben zu müssen. Der Erfolg bleibt nicht aus, denn in den Wochen danach läuten die Krisentelefone der Schwangerschaftshotlines Sturm. Wahrscheinlich hält Asiens Jugend Verhütung schlichtweg für überflüssig. Zu Weihnachten haben schließlich schon andere Jungfrauen ein Kind bekommen.

Besinnliches Fest!

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
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