Online-MegazineKolumne

Verrückt nach Maggie

Strawberry Festival

Die Maifeiertage sind in China Festivalzeit. Wobei beim Strawberry Festival in Beijing weniger die Musik als vielmehr das totale Chaos gefeiert wurde. Die Love-Metaller von HIM werden hingegen vom Winde verweht – und von Hongkong-Star Maggie Cheung gemobbt.

In den letzten Jahren war das Rock Hard stets beim MIDI zu Gast, Chinas dienstältester Institution in Sachen Musikfestivals. Höchste Zeit also, zur Abwechslung einmal der Konkurrenz einen Besuch abzustatten: Das Strawberry Festival ist das Produkt von Modern Sky Records, der ersten Adresse für Indie-Musik im Reich der Mitte. Seit 2009 geht diese Veranstaltung mehr oder weniger kontinuierlich im Tongzhou Canal Park im Osten der Hauptstadt über die Bühne, während das MIDI wie eine heiße Kartoffel hin und her geschoben wird und selbstverständlich auch diesmal in ein anderes Drecksloch am Ende der Welt siedeln musste. Auch Line-Up-technisch war das Strawberry 2014 eindeutig im Vorteil, denn neben heimischen Helden wie Carsick Cars, den Thrashern von Suffocated, den schrägen Vögeln Second Hand Roses oder den Schunkel-Schreckschrauben Hanggai standen auch renommierte Namen wie HIM, Alcest, Explosions In The Sky oder Swallow The Sun auf dem Billing. Kann eigentlich nicht viel schiefgehen, oder? Denkste.

Die Shanghaier werfen den Beijingern ja gerne vor, in einem staubigen Wüstenkaff zu hausen, doch dass die Wüste Gobi unmittelbar am Parkplatz des Strawberry-Festivals beginnt, kommt dann doch ein wenig überraschend: Die Autoabstellfläche ist im Prinzip eine zugeschüttete Baugrube und somit eine riesige Sandkiste, die zu allem Überdruss auch noch von einem ausgemachten Sturm durchpflügt wird. Das Ergebnis ist eine massive Wand aus Sand, in der man teilweise nicht einmal die Hand vor den Augen erkennen kann, wodurch sich die ersten schon auf dem Parkplatz rettungslos verirren.

Endlich an der Pressekasse angekommen, stehen zunächst wie erwartet ein paar Verhandlungen an („Ja, Deutschland ist ein Land in Europa. Nein, der Pass ist nicht gefälscht.“), um die vereinbarten Backstage-Pässe – NICHT – zu bekommen: „Die bekommt ihr drinnen vor irgendeiner Bühne. Ruft einfach diese Nummer hier an.“ Also wird die angegebene Nummer angerufen, unter der wir dann Erstaunliches erfahren: „Was wollt ihr? Backstagepässe? Warum?“ – „Weil wir Interviews führen wollen.“ – „Interviews? Ach so.“ – „Ja. Wo bekommen wir die?“ – „Die bekommt ihr bei mir.“ – „Is’n Ding. Und wo bist Du?“ – „Ich warte in der Mülltonne.“ – „Wie bitte?!“ – „Ja, also in dieser Mülltonne irgendwo in der Mitte vor der Hauptbühne. Bis denne.“

Die Suche nach der Mülltonne wird in Folge zu einem Problem, denn das Gelände ist heillos überlaufen. Dummerweise steht die Hauptbühne am Ende einer Mulde, wodurch sich die Massen nicht verlaufen können – alles konzentriert sich auf ein relativ begrenztes Areal entlang der Hügel, wodurch es teilweise weder nach vorne, noch zurückgeht. Der Publikumsandrang ist dermaßen enorm, dass sich die Zuschauer teilweise übereinander stapeln, um zumindest einen Blick auf die Postrocker Explosions In The Sky zu erhaschen. Zu spät Gekommene bleiben hingegen in einem Wald aus Menschenleibern stecken. Irgendwo dazwischen versteckt sich hinter dem Mischpult tatsächlich eine kleine Mülldeponie, in der ein spindeldürres Kerlchen der Marke ewiger Kunststudent mit ein paar Backstagepässen herumwedelt. „Sag mal, wieso stehst Du eigentlich hier im Müll?“ – „Damit mich die Journalisten leichter finden.“ Logisch.

Backstagepässe zu besitzen heißt jedoch nicht zwingenderweise, auch backstage zu kommen – denn hinter der Bühne hat mittlerweile eine kleine Armee Aufstellung genommen, die den Bereich hermetisch abriegelt und niemanden durchlässt. Der Grund für die Aufregung heißt Maggie Cheung. Die 50-Jährige ist hauptberuflich Oberzicke und im Nebenberuf Schauspielerin, die sich im Zuge einer Midlife-Crisis berufen fühlt, jetzt auch noch Sängerin zu werden. Das ist schlecht für alle Beteiligten, denn der Superstar aus Hongkong terrorisiert die Organisatoren quasi im Minutentakt mit teilweise widersprüchlichen Anweisungen, so dass Teile der Security anfangen, sich gegenseitig zu verprügeln – längst wissen sie selbst nicht mehr, wer jetzt wo sein darf und warum. Irgendwann wird es HIM-Tourmanager Janne zu bunt und er kommt nach draußen, um das finnische Fernsehteam und die Rock-Hard-Crew persönlich abzuholen. Sein Problem: Einmal draußen, wird er selbst von der Security abgeblockt und mit robustem Körpereinsatz zurückgedrängt, woraufhin selbst der Kummer gewohnte Finne langsam die Contenance verliert. Während eine Pressetante in Tränen aufgelöst „Das ist alles wegen Maggie Cheung“ schluchzt, entfährt Janne ein kerniges „Maggie Cheung ist mir piepschnurzegal – I care about HIM!“

Drei Wutanfälle später landen wir tatsächlich in einem spärlich eingerichteten Zelt, in dem HIM vor sich hin lungern. Der immer stärker werdende Sturm pfeift durch die Planen, alle Bandmitglieder haben sich mit Gesichtsmasken vermummt – bis auf Ville Valo, der die Ruhe selbst ist und sich erstmal eine Zigarette anzündet. „Das kann die Luft nur besser machen“, grinst er und fügt dann ernst hinzu: „Bis jetzt hat sich unser Trip nach China nicht unbedingt ausgezahlt. Wir haben vor zwei Tagen beim Strawberry in Shanghai gespielt, nach 24 Minuten haben sie uns leider den Saft abgedreht. Das war schade, denn die Fans kannten zu meiner Überraschung alle Lieder und haben auch mitgesungen.“ Während Ville diplomatisch bleibt, knurrt Bassist Migé durch seinen Atemschutz: „Das war wegen Maggie Cheung. Die blöde Kuh hat so lange überzogen, bis wir kaum noch spielen konnten – obwohl wir eigentlich Headliner waren.“

Doch es kommt noch besser: Genau in diesem Moment wankt der immer blasser werdende Janne ins Zelt und legt eine handgeschriebene Liste an Songs auf den Tisch, die HIM heute Abend nicht spielen dürfen, darunter politisch hochbrisante Songs wie 'Wings of a Butterfly' oder 'The Funeral of Hearts'. Ville verdreht nur noch die Augen: „Lass mich raten – das ist wegen Maggie Cheung… Die Sache ist die, dass wir ihnen unsere Setlist schon vor sechs Wochen gemailt haben und bis jetzt alles okay war. Fuck that. Spielen wir halt was von Carcass.“

Es folgt eine fieberhafte Beratung und eine improvisierte Bandprobe, denn immerhin muss die halbe Setlist kurzfristig komplett umgebaut werden. Draußen nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn die menschgewordene Problemzone Maggie Cheung hat mittlerweile die Bühne betreten und heult mit dem Sturm um die Wette. „Bitte gebt mir 20 Chancen, heute ein gutes Lied zu singen“, meint sie in ihrer ersten Ansage, und man weiß nicht, ob sie dabei zu scherzen beliebt. Noch vor zehn Jahren war die Dame eine der hübschesten Schauspielerinnen Hongkongs, heute sieht sie aus wie eine verlederte Version von Winnetous Schwester aus dem „Schatz im Silbersee“. Während sie im Minirock ebenso rat- wie taktlos über die Bühne stolpert, entfahren ihrer Kehle gutturale Laute, für die man selbst in einer Beijinger Karaokebar als talentfrei geadelt werden würde. Andere wiederum würden sie als nächste Sängerin für Nightwish ins Spiel bringen. Nach einigen grauenvollen Minuten vergewaltigt die Sirene ironischerweise gerade noch 'Stay' von Rihanna, dann hat die Bühne ein Einsehen – und stürzt ein. Die Beamten werden später sagen, es sei  der Sturm gewesen, der die Aufbauten zum Einknicken brachte, doch wahrhaftig, ich sage euch: Es gibt Dinge auf dieser Welt, die wirken verheerender als jede Naturkatastrophe.

Das war’s dann. Das gesamte Festival wird an dieser Stelle abgebrochen und alle Konzerte auf den anderen Bühnen sofort abgewürgt, wodurch Alcest und Swallow The Sun durch die Finger schauen. Da hilft es auch nichts, dass die Fans vor der Hauptbühne „Schiebung!“ und „We want HIM!“ skandieren – eine anrückende Armee aus Sicherheitskräften und Polizisten treibt die Unruhestifter schnell in Richtung Ausgang, wenn sie nicht ohnedies vom Winde verweht werden. Und während sich das gesamte Festival in einer Staubwolke auflöst, schüttelt Ville hinter der Bühne nur noch den Kopf: „Jetzt sind wir tausende Meilen von Finnland ans andere Ende der Welt geflogen, um für 24 Minuten fünf Songs zu spielen. Gott sei Dank hat unser Hotel eine Bar“, sagt er noch und entschwindet im Sandsturm.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Fotocredits:

maggie zhang 2pc - shot by paul tsang, rest bands 2pcs for each shot by Ren Hua Cao忍花草, Hanggai 3 pcs shot by  zhou chen周晨, Bild von eingestürzter Bühne: www.facebook.com/theheartagram

Alle anderen Bilder: Liu Jun