Online-MegazineKolumne

THE IGNITION

Initialzündung in China

THE IGNITION

Seit vier Jahren organisieren die deutschen Riffrocker THE IGNITION in Eigenregie Tourneen durch China. Mangelnde Sprachkenntnisse machen sie dabei mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust wett, ihr Mut wird mit zunehmendem Erfolg belohnt.

Solltet ihr das beschauliche Dorf Tönnishäuschen in der Nähe von Ahlen nicht kennen, so grämt euch nicht - bislang hat nicht einmal Wikipedia Notiz von der Ortschaft mit den 350 Einwohnern genommen. Solltet ihr die Band THE IGNITION aus besagtem Tönnishäuschen nicht kennen, so grämt euch nicht - bislang… Ihr wisst schon. Solltet ihr allerdings noch nie von Städten wie Wuhan, Suzhou oder Changsha gehört haben, würde sich vielleicht ein Blick in den Atlas lohnen, denn dabei handelt es sich jeweils um Millionenstädte in der Volksrepublik China. Und genau dort haben die in ihrem Heimatland bislang eher unbekannten THE IGNITION mittlerweile eine respektable Anhängerschaft. Nach vier in Eigenregie aufgestellten Tourneen und Live-Auftritten bei Festivals wie dem MIDI oder dem International Starlight Music vor zehntausenden Zusehern haben sich die vier Jungs einen Namen im Reich der Mitte gemacht - mit Fleiß und einer gewissen Lust am Abenteuer.

„Begonnen hat das alles vor ein paar Jahren mit einem Urlaub in Shanghai. Ich habe dort einen Kumpel besucht, und was macht man als Deutscher, wenn man einmal in  China ist? Man geht in eine deutsche Bar mit dem Namen ‚Papa’s Bierstube‘“, erinnert sich Sänger und Gitarrist Tim Jungmann lachend. Er freundete sich damals mit der Besitzerin an, und aus einer Bierlaune fiel die Bemerkung, dass man ja mit der Band einmal beim Kneipengeburtstag spielen könne. Gesagt, getan - und 2011 traten THE IGNITION zum ersten Mal den weiten Weg nach China an; rat- und planlos, aber voller Motivation: „Wir waren einfach geplättet, diese ständigen Menschenmassen, der Overkill an Eindrücken, fremden Sitten und Gerüchen hat uns zunächst selber die Sprache verschlagen.“

Beim Konzert fand Tim seine Stimme glücklicherweise wieder, und nach dem Ersterfolg machte sich das Quartett aufs Geratewohl in die Stadt, um nach weiteren Auftrittsmöglichkeiten zu suchen: „Wir sind da an irgendwelche Live-Bars geraten, in denen wir jeweils spontan drei Gigs gespielt haben, woraus sich dann weitere Kontakte ergeben haben. Die haben wir dann für’s nächste Jahr genutzt. Da ging es dann schon rauf nach Nanjing und Beijing, und dann sind die Touren wie im Schneeballsystem immer größer geworden.“



In diesem Jahr ging die Ochsentour quer durch das Riesenreich von Suzhou, Wuhan, Beijing, Shijiazhuang, Xinxiang, Changsha bis nach Guangzhou und Hongkong. Dazu sei angemerkt, dass THE IGNITION ihr Ding ganz ohne Promoter, Manager geschweige denn chinesische Sprachkenntnisse durchziehen. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, und der Schreiber dieser Zielen rät von solchen Abenteuern dringend ab. Aber: Die vier Dorfrocker aus Nordrhein-Westfalen setzen ganz auf die Devise „Wer wagt, gewinnt“: „Mittlerweile wissen wir, auf welchen chinesischen Webseiten wir suchen müssen, um Ansprechpartner in den jeweiligen Live-Clubs zu finden. Da gibt es meistens eine Telefonnummer, und in der Regel sind diese Leute alle bei WeChat.“ WeChat - das ist eine Mischung aus Messenger und sozialem Netzwerk, ohne das man in China quasi nicht am Leben ist. Wer ein Smartphone hat, hat WeChat, und wer kein Smartphone hat, ist entweder tot oder Ausländer. „Jedenfalls schreiben wir die Leute einfach mal auf Englisch an, und da Chinesen clever und pragmatisch sind, finden sie schon einen Weg, sich das übersetzen zu lassen. Wir tauschen uns dann in Folge eben schriftlich aus und wälzen so viel wie möglich auf die Venues ab. Die checken uns das Hotel und holen uns vom Bahnhof ab - das war’s.“

Klingt einfach. Ist es aber nicht. Weil die Dinge in China eben nie einfach sind. Einmal werden Tickets nicht gekauft, dann werden aus Versehen andere Bands gebucht, und schließlich verhindern legasthenische Beamte, dass man es rechtzeitig zum Zug schafft. Wer sich schon einmal in den Weiten des Riesenreiches verloren hat, weiß, dass das nur bedingt lustig ist. „Ach ja, ich war jetzt schon acht Mal in China, da weiß man schon, wie die Dinge dort laufen. Es ist klar, dass der Kommunikationsaufwand hier um einiges größer ist - einem Chinesen muss man zwölf Mal erklären, mit welchem Zug man ankommt, welches Equipment man braucht etc. Man muss sich eben immer bewusst sein, dass hier eine andere Mentalität herrscht, dann kann man auch damit arbeiten - auch wenn einen die Dinge als Deutschen mitunter schon an den Rand des Wahnsinns treiben können.“



Trotz allem überwiegen für Jungmann die positiven Überraschungen und Eindrücke, vor allem die Freundlichkeit der Menschen und schließlich auch die Clubs: „Die Ausstattung und das Equipment hier sind schon der Hammer. Von solchen Möglichkeiten können wir in Deutschland nur träumen, auch, was das Publikum betrifft, das bei uns immer extrem gut abgeht. Wir haben jetzt auch jemanden kennengelernt, der unsere Musik in China veröffentlichen will, das ist natürlich schon auch eine Ansage.“ Zu Hause ein Zwerg, im Ausland ein Riese? Es gibt Schlimmeres. Das Ausland hat im Falle von China schließlich 1,3 Milliarden Einwohner. Da reicht es, wenn 0,1 Prozent Fans von THE IGNITION werden.

www.theignition.de
www.facebook.com/theignitionrocks

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.