Online-MegazineKolumne

NIGHTWISH

I Wish I Had A Nightmare

NIGHTWISH

Für NIGHTWISH hätte das Konzert in Beijing ein triumphales Comeback werden sollen – und endete doch in einem Debakel. Nicht für die Band, sondern für China.


Ich hätte es zwar nicht für möglich gehalten, in meinem Leben noch mal NIGHTWISH zu verteidigen, aber: An dem Desaster von Beijing ist die Band gänzlich schuldlos. Die finnisch-holländisch-britische Freundschaft war zuletzt vor acht Jahren in der Volksrepublik und freute sich auf die Konzerte in der Hauptstadt und in Shanghai, um verlorenen Boden gut zu machen: „In den USA ist es ja so, dass man dort regelmäßig Präsenz zeigen muss, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Hier in China ist es interessanterweise genau umgekehrt, wir spielen in größeren Venues und haben mehr Tickets verkauft, als wir eigentlich gedacht hätten“, erzählt Bandleader Tuomas Holopainen in einem gottverlassenen Hotel im Westen von Beijing. Der Mann mit dem Hut wirkt vor dem Konzert zwar ein wenig angespannt, aber keineswegs unfreundlich, während Bassist Marco Hietala kreidebleich und rot unterlaufenen Augen neben ihm sitzt. „Anscheinend war es so, dass es in dieser Stadt einen Heavy-Metal-Laden gibt [ er meint den „13 Club“]. Die Crew der Band NIGHTWISH hat sich irgendwie dorthin verirrt, und unbestätigten Gerüchten zufolge dürfte zumindest ein Musiker ebenfalls vor Ort gewesen sein“, gähnt der Hüne, während Tuomas vielsagend lächelt. „Ich lasse von so etwas lieber die Finger. Ich habe zu Hause noch eine halbe Flasche chinesischen Schnaps, sie steht im Giftschrank – es ist das schlimmste Gesöff, das ich jemals getrunken habe.“



Vom letzten Chinabesuch 2008 ist der Band offensichtlich nicht viel in Erinnerung, nur an den Ausflug zur Großen Mauer denkt Tuomas gerne zurück: „Das war damals im Winter, und am Tag zuvor hat es noch geschneit. Die Bergketten waren alle in weiß getaucht, und es war wunderschön. Touren an sich ist zwar anstrengend, aber Erlebnisse wie dieses inspirieren mich immer wieder – die Welt ist eben ein magischer Ort, um Musik zu schreiben.“ Allerdings macht Marco keinen Hehl daraus, dass der nicht enden wollende Tourzyklus zur letzten Platte „Endless Forms Most Beautiful“ schön langsam an die Substanz geht: „Wir haben gerade eine Tour in Nordamerika absolviert, und jetzt sind wir am anderen Ende der Welt – so etwas geht nicht spurlos an uns vorbei. Wir freuen uns jedenfalls schon auf eine Pause, und ich kann dir versichern, dass wir diese extensiv und intensiv betreiben werden“, seufzt der singende Bassist. Zuvor gibt es allerdings noch ein kurzes Meet and Greet mit einigen chinesischen VIP-Gästen, bei der die Band alles unterschreibt, was ihnen unter die Finger kommt, unter anderem Turnschuhe, BHs und Plüschpandas. Manager Ewo Rytkönen fragt seine Schützlinge anschließend noch wie ein Familienpapi, ob alle brav ihre Pässe eingepackt haben, dann geht es auch schon mit dem Bus ab zur Venue.



Diese ist mit dem LeSports Center ein selbst für Beijinger Verhältnisse ausnehmend hässlicher Klotz. 2008 wurden hier die Basketball-Bewerbe bei den Olympischen Spielen ausgetragen, seitdem steht der Laden, der aussieht wie ein weggeworfener Betonwürfel, meistens leer. Hin und wieder finden auch mal Konzerte statt, zumindest dann, wenn es die Beijinger Polizei zulässt. Die hat den Laden nämlich fest im Griff und ist selbstbewusst genug, ihre Macht flächendeckend zu demonstrieren. Von den aufgelegten Karten gehen geht im Regelfall ungefähr ein knappes Drittel direkt in den Besitz der Polizei über – aus „Sicherheitsgründen“, wie es dann immer so schön heißt. Bezahlt werden diese Karten natürlich nicht, dafür warten schon in der U-Bahn-Station die Schwarzmarkthändler auf die ankommenden Fans, um ihnen mit wedelnden Armen und zu horrenden Preisen Tickets zu verkaufen. Die Geschäfte laufen mehr oder weniger aggressiv ab, denn es sind so viele Händler, dass man keine zehn Meter kommt, ohne von einem „Hawker“ angeschnauzt zu werden. Das Geschäft läuft aber auch in die umgekehrte Richtung: Einige wedeln mit Bündeln druckfrischer Geldscheine und wollen Tickets kaufen. Die „Banknoten“ schauen dabei täuschend echt aus, doch das Leben einer Blüte ist in der Regel nach der ersten Taxifahrt ausgehaucht – die Beijinger Taxifahrer sind geübte Gelddetektoren und kennen sämtliche Tricks. Wer sich jetzt fragt, warum eigentlich die Polizei nicht einschreitet, sollte vielleicht die ersten Zeilen dieses Absatzes noch einmal lesen.

Einmal in der Halle angekommen, fangen die Probleme erst so richtig an. Der Saal ist durchgängig bestuhlt, einen Fotograben gibt es nicht – dort haben stattdessen ein paar Sicherheitskräfte Aufstellung genommen, die grimmig in die Menge schauen. Journalisten und Fotografen werden in einen abgesperrten Bereich ganz am Rand der Halle gepfercht und stehen unter Aufsicht. Dabei ist das sogenannte Sicherheitskonzept ohnehin in dem Moment obsolet, in dem die Band die Bühne betritt – natürlich stehen sämtliche Fans auf und jubeln NIGHTWISH zu. Diese beginnt (wahrscheinlich) mit 'Shudder Before The Beautiful', was sich allerdings nicht so genau sagen lässt, da der „Sound“ eine einzige Katastrophe ist. Von Sängerin Floor Jansen hört man keinen Ton, zwischendurch klingelt leise ein Handy, bei dem es sich um Tuomas’ Keyboard handeln dürfte, ansonsten donnern Schlagzeug und Bass ohrenbetäubend durch den Saal. Das hat seine Gründe: Der Soundmann wurde samt Mischpult in den hintersten Bereich der Halle unter eine übergelagerte Stiege verbannt, offiziell vermutlich aus Sicherheitsgründen, wahrscheinlich allerdings eher deshalb, um in der Mitte des Saales noch ein paar zusätzliche Sitzplätze unterzubringen.

Den Fans selbst sind die katastrophalen Umstände erstaunlich egal, sie liegen NIGHTWISH definitiv zu Füßen, die sich auf der Bühne auch nichts anmerken lassen und eine engagierte Show abzocken. Ihr Manager Ewo – eigentlich einer der entspanntesten und umgänglichsten seiner Zunft – wirkt hingegen jedes Mal um ein paar Jahre gealtert, wenn er aus dem Production Room kommt, der in diesem Fall eher die Bezeichnung „Krisen-Sitzungszimmer“ verdienen würde. Und während sich die spärlich akkreditierten Journalisten und Fotografen noch verblüfft angucken, was das hier eigentlich soll, werden sie nach zweieinhalb Songs auch schon von den Sicherheitskräften aus der Halle geworfen. Auch eine Art, negative Berichterstattung zu verhindern.

Die Frage ist nur, wozu diese ganzen Schikanen und Drangsalierungen eigentlich gut sein sollen. Liegt es tatsächlich an den gebetsmühlenartig zitierten „Sicherheitsmaßnahmen“? Das am wenigsten. Liegt es an der unersättlichen Geldgier aller Beteiligten? Teilweise. Tatsächlich geht es jedoch um etwas ganz anderes: Es gibt in der zweiten Staffel von „Game Of Thrones“ einen klugen Dialog, in dem der Emporkömmling Petyr „Littlefinger“ Baelish die Königinwitwe Cersei Lannister selbstgefällig mit den Worten angrinst: „Knowledge Is Power.“ Diese setzt ihm über ihre Leibwächter kurzerhand ein Messer an den Hals und blafft zurück: „Power Is Power.“ Genau darum geht es. Genau so funktioniert China.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

JUDAS PRIEST + AMORPHIS + ARCH ENEMY + BANNKREIS + BELPHEGOR + DESERTED FEAR + DIRKSCHNEIDER + DORO + EPICA + FIREWIND + u.v.m.02.08.2018
bis
04.08.2018
WackenWACKEN OPEN AIRTickets

ReviewsNIGHTWISH

Vehicle Of SpiritRH #356 - 2016
(Nuclear Blast/Warner)Ein paar Infos zur neuen NIGHTWISH-DVD konnten wir euch im...
Endless Forms Most BeautifulRH #336 - 2015
Nuclear Blast/Warner (79:16)Wo die Konkurrenz in diesem Genre - nennen wir es ru...
Showtime, StorytimeRH #319 - 2013
(Nuclear Blast/Warner) Ich bin eigentlich kein großer Fan von Musik-DVDs, da i...
IMAGINAERUM (by Nightwish)RH #311 - 2013
(Capelight) (FSK 12) Der „Nightwish-Film“ wäre gern ein Tim-Burton-meets-N...
Imaginaerum (The Score)RH #306 - 2012
Nuclear Blast/Warner (53:42) So richtig zur Ruhe kommt man im Hause NIGHTWISH m...
ImaginaerumRH #297 - 2012
 Nuclear Blast/Warner (74:56) Sollte irgendjemand noch Zweifel daran gehab...
Walking In The Air - The Greatest BalladsRH #289 - 2011
Drakkar/Sony (67:48) Zum fröhlichen Reigen der NIGHTWISH-Compilations gesellt ...
Made In Hong Kong (And Various Other Places)
Nuclear Blast/Warner (CD: 66:13; DVD: 49:52) Eines muss man Tuomas Holopainen l...
The IslanderRH #253 - 2008
Mal wieder eine neue NIGHTWISH-Single, und einmal mehr ist das Ganze nur etwas f...
Bye Bye BeautifulRH #250 - 2008
(35:11) Pünktlich zum Start der großen Europatour steht mit „Bye Bye Beauti...
Dark Passion Play
(75:45) Kitsch as Kitsch can. Das seit langem erwartete sechste NIGHTWISH-Album...
Highest Hopes ? The Best Of NightwishRH #221 - 2005
(78:14) Da machen wir doch noch mal ´ne schnelle Mark und bringen zur Überbr...
The SirenRH #219 - 2005
(21:35) Eine neue Single der finnischen Himmelsstürmer, die in erster Linie f...
Tales From The ElvenpathRH #211 - 2004
(67:46) Sobald im Supermarkt deiner Wahl Lebkuchen, Dominosteine und Christsto...
Wish I Had An AngelRH #210 - 2004
(22:55) Zweite Single-Auskopplung aus dem Platin-Album „Once“, auf dem es ...
OnceRH #205 - 2004
(60:45) NIGHTWISH hatten schon immer ein Faible für das Pompöse, übernatürl...
End Of Innocence
Da der DVD-Markt nach wie vor mächtig expandiert, werfen viele Bands die Scheib...
Century ChildRH #182 - 2002
Ursprünglich hatten NIGHTWISH vor, auf dem neuen Longplayer mit einem ?echten? ...
Over The Hills And Far AwayRH #170 - 2001
Der Albumtitel verrät es bereits: NIGHTWISH haben sich auf ihrem neuesten Outpu...
WishmasterRH #157 - 2000
Puh, da isser endlich, der langerwartete Nachschlag zum letztjährigen Überflie...
OceanbornRH #144 - 1998
Auch wenn mir einige Scheuklappen-Träger hier wiedersprechen werden: Das große...
Angels Fall FirstRH #131 - 1997
Finnische Bands zeichnet meist etwas Besonderes aus, sie sind oft extremer, vers...
From Wishes To Eternity Live
Eine mehr als empfehlenswerte Angelegenheit ist die erste DVD der finnischen Sho...