Online-MegazineKolumne

Hellfest-Blog – Tag 4 – Es geht um die Wurst

Es ist wieder so weit: Unsere Rock-Hard-Delegation macht sich auf die Reise ins wunderschöne Clisson, um euch vom Hellfest zu berichten, das auch in diesem Jahr zweifelsohne das stärkste Festival-Billing in ganz Europa auffährt.

Der gestrige Tag hängt uns allen noch in den Knochen. Besonders Herrn Peters, der sich gestern quasi nur von Weißwein ernährt und erst in den späten Abendstunden noch was zu beißen besorgt hat. Seine Wahl fiel auf einen mit Salat und Entenfilet garnierten Wrap, zu dem obendrein noch eine saftig aussehende Bratwurst und hausgemachte Fritten serviert wurden. „Wow, doppelte Fleischbeilage, lecker!“, dachte sich unser Karnivore, der schon das ganze Wochenende bemüht ist, den fehlenden Fleischverzehr der ansonsten vegetarischen bzw. veganen Reisegruppe höchstpersönlich auszugleichen. Leider war die Wurst „mit Eingeweiden gefüllt und halb roh“. Aber zehn Euro sind zehn Euro, also runter mit dem unappetitlichen Ding (bäh. Nie wieder französische Hausmannskost! - jp). Um heute weitere kulinarische Abenteuer auf dem Gelände zu umschiffen, speisen wir mittags gar fürstlich in der Pizzeria in Clisson und lassen dabei den gestrigen Tag Revue passieren. Für den Lacher schlechthin sorgt Dolmetscherin Conny, die des Öfteren auf dem Gelände angebaggert wurde. Charmanteste Anmache: „Wenn du ein Kind hättest, wärest du 'ne MILF für mich!“ - worauf Fotograf Björn mit dem fast ebenso guten Didi-Hallervorden-Klassiker „Darf ich Sie zur Mutter machen?“ kontert.

Conny schenkt derlei Sprücheklopferei keine Beachtung, sondern hat an diesem Wochenende nur Musik im Kopf. Dementsprechend marschiert sie strammen Schrittes zum Gelände, um GRAVE PLEASURES nicht zu verpassen. Ich trotte mit vollem Magen hinterher, bereue den Spurt aber nicht, als die Band mit ihrem Deathrock die Zuschauer im Tempel-Zelt zum Singen und Tanzen bringt. Live funktionieren die ehemaligen Beastmilk auch ohne ihren geschassten Gitarristen Johan "Goatspeed" Snell, und kompositorisch scheint bei den Schweden alles im Lot zu sein, wenn man die beiden neu vorgestellten Tracks ('Crying Wolves' und 'Lipstick On Your Tombstone') vom kommenden Album als Gradmesser nimmt. Die vor mir abtanzenden Turbojugend-Mitglieder zeigen sich auf jeden Fall schwer begeistert.

GRAVE PLEASURES

Im Anschluss steht im Altar-Zelt mit MORGOTH eine deutsche Death-Metal-Legende auf den Brettern, die bezüglich der Durchschlagkraft im Vergleich zu den mächtigen Obituary allerdings den kürzeren zieht. EYEHATEGOD lärmen parallel im Valley-Zelt, während NUCLEAR ASSAULT vor der Mainstage 02 für Moshpit-Alarm sorgen. 



Max Cavalera kann sich trotz schwächelndem kreativen Output auf eine treue Fanbase verlassen. Nachdem er im letzten Jahr mit Soulfly einen recht uninspirierten Gig beim Hellfest hingelegt hat, revanchiert der gebürtige Brasilianer sich in diesem Jahr mit einem bärenstarken CAVALERA CONSPIRACY-Auftritt. Man hört deutlich, dass Max' Gitarre eingestöpselt ist und somit die göttlichen Riffs des Sepultura-lastigen Sets (u.a. gibt es eine rare 'We Who Are Not As Others'-Performance) endlich wieder vernünftig zur Geltung kommen. Schade, dass beim Endpart vom finalen 'Roots Bloody Roots' die PA abkackt und die Band den Song nicht zu Ende spielen kann.

CAVALERA CONSPIRACY

Bei CANNIBAL CORPSE kann man eigentlich nie was falsch machen, und so knüppeln sich die Jungs aus Buffalo vor prall gefüllter Kulisse im Altar-Zelt mit beeindruckender Präzision durch ihre Schlachtplatten-Setlist. Im Valley-Zelt präsentieren sich zur gleichen Zeit LIFE OF AGONY, von deren Frontfrau Mina Caputo ganze zwei Songs nichts zu sehen ist, weil die Dame singenderweise im Bühnengraben unterwegs ist. Im Anschluss geben Jens und ich uns im Backstage für zwei exklusive Interviews die Klinke in die Hand. Mehr dazu lest ihr demnächst im Rock Hard. (rb)

CANNIBAL CORPSE

Eine halbe Stunde später steht mit LIMP BIZKIT die erste "große" Band des Tages auf den Brettern. Obwohl musikalisch eigentlich so gar nicht mein Ding, muss man den Herren attestieren, dass sie einen amtlichen Gig abliefern, der den anderen starken Performances auf dem Hellfest in nichts nachsteht. Fronter Fred Durst macht in Sachen Bartwuchs so langsam den Herren von ZZ Top Konkurrenz, Gitarrero Wes Borland punktet mit dem schrägsten Bühnenoutfit des gesamten Festivals, und die Setlist lässt für Fans der Ami-Truppe, die gerade ihren zweiten Frühling zu erleben scheint, kaum Wünsche offen. Spätestens zu 'My Way' steht das Publikum Kopf, und Freds Kampfansage in Richtung VIP-Tribüne ("Fuck everybody up there") kommt naturgemäß gut bei den Fans an, die vor der Bühne kaum noch Spielraum haben, um sich mal ein paar Zentimenter zu bewegen.

LIMP BIZKIT

IN FLAMES verzichten heute komplett auf Videoeinspieler und Pyroshow und kommen in der Folge fast bieder daher. Wer mit einem Kracher wie 'Only For The Weak' in seinen Set einsteigen kann, kann natürlich trotzdem nur gewinnen, und die Schweden sind in bester Spiellaune. Fronter Anders Fridén ruft mal wieder - jeder, der schon mal einem Gig des Fünfers beiwohnen durfte, kennt's ja schon - zum Crowdsurfing-Wettbewerb auf, und das Publikum nimmt die Herausforderung selbstredend gerne an. Runde Sache, an der es (bis auf die eingangs erwähnten fehlenden Showelemente) wenig zu meckern gibt.

Als Tagesheadliner stehen heute KORN auf dem Programm - und wir nutzen die Gunst der Stunde um, wie sagt man so schön, 'nen Schuh zu machen und uns auf die gut elfstündige Heimfahrt zu begeben. Und so endet die Reise damit, womit sie auch begonnen hat: Einem Stapel Soundcheck-CDs, diversen Energydrinks und den unsäglichen Geschwindigkeitsbegrenzungen in unseren Nachbarländern. Ankunft im Ruhrpott am frühen Morgen, wir verabschieden uns hiermit. Au revoir, Hellfest, schön war's. Bis zum nächsten Jahr! (jp)

Björn, Jens, Ronny

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Pics: Björn Fehl