Online-MegazineKolumne

Das härteste Land der Welt (Teil 2)

China Blog #8

Vor einigen Wochen war an dieser Stelle bereits über die guten Gepflogenheiten der 5.000 Jahre alten Kulturnation China die Rede. Nachdem im Metalbereich momentan eher Flaute herrscht, ist es vielleicht an der Zeit, diesem erschöpfenden Thema ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

China Blog #8Schließlich naht mit Riesenschritten das Frühjahr und damit die Zeit, in der das „Amt für geistige Zivilisation“ Hochsaison hat. Dort arbeiten jene staatlich organisierten Spaßverderber, die uns Beijingern das Spucken, das Fluchen, das Rumbrüllen, kurz jeden Rest verbliebener Lebensfreude austreiben wollen. Gerade jetzt im Frühjahr haben die Zivilisationswächter wieder viel zu tun, wenn sie zur Jagd auf die „bang ye“ blasen. Die „bang ye“, das sind die „Oben-ohne-Kerle“, meist ältere Familienväter, die im Sommer mit hochgerolltem Feinrippunterhemd vor ihren Hütten sitzen und Bier trinken. Dabei fächeln sie sich mit ihrer linken Hand frische Luft zu, während sie mit der rechten ihren üppigen Bauch tätscheln, um sicher zu gehen, ob er noch da ist.

Jahrhunderte lang hielten sie es so, bis die „Hauptstädtische Behörde zur Förderung der Moral“ in jenem unglückseligen Jahr vor Olympia beschloss, Besuchern der Stadt den Anblick nackter chinesischer Bäuche nicht mehr zu gönnen. In Scharen zogen die Beamten aus, um die völlig verdutzten Nudisten über den Tatbestand ihrer Unzivilisiertheit aufzuklären, woraufhin sie ihnen ein T-Shirt überstreiften mit dem Aufdruck „Ein zivilisiertes Beijing fängt bei mir an.“ Großen Erfolg hatte die Aktion allerdings nicht. Meine Putzfrau verwendet ein solches Shirt als Wischlappen, und die „bang ye“? Die sitzen wie eh und je halbnackt vor ihren Hütten, halten jedoch im Frühjahr verstärkt Ausschau nach Verdächtigen und Ausländern (die per se verdächtig sind). Wer Glück hat, erspäht noch einen von ihnen, wie er sich gerade noch hastig sein Pyjama-Oberteil in die Unterhose stopft.

China Blog #8Überhaupt, die Schlafanzüge. An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick nach Shanghai zu werfen – was wir Beijinger normalerweise nicht machen, doch dazu später. Jedenfalls stehen in dieser Stadt todschicke Glas- und Stahlspargeltürme, modernste Einkaufszentren für den Gucci-Handtaschen-Kauf am Nachmittag und stylische Cocktailbars für das Besäufnis danach, und dann spazieren die Shanghaier inmitten dieser Glitzerfassade im Nachthemd zur Nudelbude ums Eck, um sich ein paar Teigtaschen zum Mittagessen zu holen. Und weil Pyjamas zum unverzichtbaren Standard-Accessoire des gemeinen Shanghaiers gehören, gibt es sie auch in allen Variationen. Neben den klassischen Karo- und Streifenmustern sind vor allem Aufdrucke mit „Winnie The Pooh“ und japanische Comicfiguren sehr beliebt. Letztere zieren im Übrigen auch die Unterwäsche aufgebrezelter Luxusdamen, die ansonsten im Armani-Kleidchen durch das glamouröse Nachtleben stolzieren (hat man mir zumindest erzählt). Um ein Nachthemd zu tragen, muss es jedoch wie gesagt nicht Nacht sein. Neulich schlappte ein Pyjama-tragender Mitdreißiger mit Gelfrisur und Yuppie-Brille, den ich zunächst ernsthaft mit Karl-Theodor zu Guttenberg verwechselt hatte durch einen Supermarkt, um sich dort haargenau denselben Pyjama noch einmal zu kaufen.

Klare Sache, dass den „Komitees für patriotische Hygienekampagnen“ auch die Kleidung ihrer Untertanen ein Dorn im Auge ist. Für nichts schämen sie sich in der Hauptstadt jedoch mehr als für die brachiale Sprachgewalt beim Fluchen – eine lokale Besonderheit, für die Beijing berühmt(-berüchtigt) ist. Die Hitliste der Lieblingsbeschimpfungen führt eindeutig „sha bi!“ an, ein Ausdruck, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit herumgekräht wird und eine Mischung aus Herabwürdigung des Intellekts und Vulgärbeschreibung tierischer Unterleibsanatomie darstellt. Ach was, nennen wir das Kind beim Namen: „Sha bi!“ heißt „Du bescheuerte Kuhfotze!“, und wer es nach einem Tag in unserer Hauptstadt nicht mindestens 200 Mal gehört hat, dem empfehle ich ein Fußballspiel im Worker's Stadium. Dort hält sie Stand, die Speerspitze derer, die sich kollektiv und lustvoll gegen jede Art von Erziehungs- und Modernisierungsmaßnahmen zur Wehr setzen. „Sagt Nein zu Beijing-Flüchen!“ ermahnt sie ein freundlicher Stadionsprecher zu Beginn eines Spiels. „Sha bi!“ donnert das Echo von den Tribünen. „Verfolgt zivilisiert das Spiel“ lautet die nächste Aufforderung. „SHA BI! SHA BI!“ brüllen 80.000 Kehlen mit Begeisterung im Chor. Und was passiert, wenn sich ein lebensmüder Schiedsrichter tatsächlich einen falschen Pfiff (also einen für die gegnerische Mannschaft) erlaubt, nun, davon vielleicht an anderer Stelle mehr.

China Blog #8Es gibt jedoch einen Ausdruck, der all diese Schimpfwörter an Schärfe und Herabwürdigung noch übertrifft, und deshalb sollte man die „Shanghai Pussy“ (Shànghai bi) wirklich nur den Todfeinden vorbehalten. Die Beziehung zwischen Beijing und Shanghai ist nämlich in etwa ähnlich herzlich wie die zwischen Nord- und Südkorea oder – noch schlimmer – zwischen Schladming und der Ramsau. Die Shanghaier sind in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von uns Beijingern: Bodybewusste Szenetypen, die in ihren Drum-'n'-Bass-Clubs lieber über ihr neuestes Handy reden als derbe Zoten über die erotischen Entgleisungen der Parteiführung zu reißen. Beijinger halten sie für Weicheier, die weibisch daher parlieren und nach der Arbeit lieber ihrer Frau etwas kochen anstatt mit ihren Kumpels auf ein Bier zu gehen (könnt ihr euch so etwas vorstellen?!). Die Frauen hingegen, ja, die sind hochmütig, arrogant und frigide und trauen sich nicht, fremden Männern auf der Straße Sex anzubieten („Do you speak English?“).

Umgekehrt halten die Shanghaier uns Beijinger für zurückgebliebene Vollproleten, die in einem staubigen Wüstenkaff auf ihren Bürokratenärschen (auf Shanghaierisch: Verwaltungs-Sitzflächen) sitzen und sich in schlechten Umgangsformen üben, weil sie zu faul zum Arbeiten sind. Das Interessante dabei ist, dass diese Einstellung auch auf die Menschen abfärbt, die eigentlich gar nicht aus den jeweiligen Städten, ja nicht einmal aus China stammen. Neulich musste ich bei einem internationalen Architektenbüro in Shanghai anrufen, um ein Interview mit einem dort arbeitenden Stadtverweser zu führen. Die leicht überforderte Sekretärin war offensichtlich noch nicht mit den Eigenheiten der chinesischen Telefonwarteschleife vertraut, und so vernahm ich durch den Hörer deutlich eine Stimme, deren nasalen Ursprung ich irgendwo im 15. Wiener Gemeindebezirk ortete. Sie sprach: „Na geh heast, i hob jetzt koa Zeit, konn der Voibaua aus Peeking net a bissl scheißen gehen...?“ (Auf Deutsch: Oje, ich bin gerade ein wenig gestresst, wäre es nicht schön, wenn dieser womöglich leicht zurückgebliebene Agrar-Experte aus Peking ein wenig später anrufen würde?)

China Blog #8

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten und siebten Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang