Online-MegazineKolumne

D-A-D

Action bis die Hose platzt

D-A-D

D-A-D geben ihr zweites Gastspiel in Peking und kennen nach wie vor nur eines: kompromisslose Rock'n'Roll-Vollbedienung, die schlichtweg gute Laune macht.

Egal, ob Griechenland die Eurozone sprengt, die Freundin mit dem besten Kumpel durchbrennt oder Nightwish gerade ein neues Album veröffentlichen – so schlecht kann man sich gar nicht fühlen, als dass es einem nach einem D-A-D-Konzert nicht besser ginge. Die Dänen sind auch im 33. Dienstjahr ihres Bestehens die personifizierte Lust am Rock'n'Roll. Rückschläge und Enttäuschungen merkt man ihnen auf der Bühne nie an, selbst Jetlag und widrige Umstände scheinen die vier Herren nur zu noch energetischeren Leistungen anzustacheln. So wieder einmal gesehen in Beijing, wo das Quartett bereits zum zweiten Mal nach 2013 ein Gastspiel gibt. War es vor zwei Jahren noch das Yugong Yishan, stehen sie diesmal im etwas kleineren Mao Live House auf der Bühne. Und das ist an diesem Abend sicherlich kein Nachteil, denn der Andrang ist durchaus überschaubar.

Das ist einerseits angenehm, denn so kommt man auch in der engen Röhre des Mao zu einer komfortablen D-A-D-Vollbedienung. Andererseits schaut der Veranstalter, das dänische Kultur Institut durch die Finger, das mit dem Konzert Geld in die Kassen eines Charity-Projektes spülen wollte. Von einer schütteren Kulisse lassen sich die Veteranen jedoch nicht entmutigen und gehen stattdessen bei bestem Sound sofort mit 'Jihad' und 'Evil Twin' in die Vollen. „Ladies and Gentlemen, this is D-A-D from Denmark“ kreischt Jesper Binzer zur Begrüßung ins Mikrofon, und im Prinzip hätte er auch sagen können: Willkommen zu Hause, denn ein Gutteil des Publikums setzt sich aus der dänischen Community zusammen. Von denen wiederum erscheinen nicht wenige mit ordentlichem Anzug und Krawatte, was den Schluss nahelegt, dass die Kopenhagener Botschaft gerade einen kleinen Dienstausflug ins Mao macht.

So richtig wild geht es daher im Publikum nicht zur Sache, aber des Wahnsinns knusprige Beute steht ohnehin auf der Bühne und hört auf den Namen Stig Pedersen. Der Tieftöner schafft es auch im fortgeschrittenen Alter, mit jeder Tour noch etwas irrer zu werden und sieht mit seinem roten Lackanzug – dessen Hose irgendwann in der Mitte des Sets an einer empfindlichen Stelle aufplatzt – selbstredend wieder mal zum Schreien aus. Aus seiner schicken Sammlung an zweisaitigen Bässen hat er diesmal die Modelle „Bullenschädel mit Glutaugen“, „Plexiglas mit blauem LED-Rand“ und „Eisernes Kreuz mit Flugzeug-Bund“ mit dabei. Mit ein bisschen Verspätung ist der Rote Baron also doch noch in Beijing gelandet. Dazwischen klettert der fliegende Däne entweder auf das Schlagzeug oder die Monitorbox, um dann von eben jener mit Gepolter wieder herunter zu purzeln. Sollte es eines Tages eine Universität für Rock'n'Roll-Posing geben, wäre dieser Mann zweifellos ihr Spiritus Rector – es gibt keine spektakuläre, abgefahrene, coole oder auch völlig alberne Pose, die er nicht kennt.
'Sleeping My Day Away'? Von wegen. Müsste die Band nicht um 2 Uhr in der Früh am Flughafen sein, würde sie nach dieser angeblich letzten Zugabe wahrscheinlich immer noch spielen. So jedoch erwartet das Quartett noch ein strammes Programm, das sie innerhalb einer knappen Woche über Manila nach Hongkong und Singapur führt. „Das hat richtig Spaß gemacht“, strahlt beispielsweise ein chinesischer Punk-Stammgast des Hauses, der sich an diesem Abend eher aus Zufall in den Laden verirrt hat. Nur eines gibt ihm abschließend zu denken: „Die Typen dort oben haben dauernd etwas von Dänemark erzählt. Ist das jetzt die Band oder heißt so ihr Album? Cool, muss ich mir kaufen.“

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

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