Online-MegazineInterview

SCORPIONS

Wenn es richtig losgeht

Die erste Hälfte des Interviews mit dem dienstältesten SCORPIONS-Musiker Rudolf Schenker (s. ROCK HARD # 296) endete mit seinem Plädoyer für den rebellischen, anarchischen Geist des Rock’n’Roll und der Feststellung, dass die Hannoveraner auch wegen der internationalen Karriereaussichten immer englisch gesungen haben. Was schon vor ´Du bist so schmutzig´ von „Eye II Eye“ nicht ganz stimmte.

 Zum zweiten Teil des Interviews geht es hier entlang.

Waren ´Fuchs geh voran´ und ´Wenn es richtig losgeht´ - eure beiden 1975 als The Hunters veröffentlichten eingedeutschten The-Sweet-Titel - ein eigener Fehltritt, oder auf dem Mist eines Labels gewachsen?

»Das war kein Fehltritt. Wir hatten mit Conny Plank den ersten Produzenten, der ein Glückstreffer war. Dann kamen wir mit Frank Bornemann ins Gespräch. Er hatte dann aber keine Zeit, uns zu produzieren. Ich hatte immer das Gefühl, wir müssen ins Musicland nach München gehen. Und wer saß am Mischpult? Mack, der ein Jahr davor mit den Rolling Stones eine Platte gemacht hat. Das musst du dir mal überlegen. Er hat uns dann auch geholfen, aber er war kein einfacher Typ. Er hat viel mit dem Electric Light Orchestra gemacht und später mit Queen. Das war der Hammer, wie wir da mir nichts, dir nichts reingerutscht sind. Ich habe damals gesagt: „Lasst uns nicht selbst produzieren, das ist zu viel Action!“ Ich hatte Dieter Dierks vorgeschlagen und Uli wollte Chas Chandler, der Hendrix entdeckt hatte. Wir hatten beide angefragt. Dieter sollte uns live bei einem Festival in Essen oder Düsseldorf anchecken. Da spielten Nektar eine Nacht als Headliner, aber wir waren am anderen Tag da und spielten nachts um drei Uhr. Die Leute haben sich damals erst mal mit ihren Schlafsäcken in der Halle schlafen gelegt. Wenn eine Band aus dem Rahmen gefallen ist, sind sie wieder aufgestanden und haben mitgemacht. Wir gingen auf die Bühne und fingen an. Auf einmal erhob sich ein Schlafsack, dann der nächste, am Ende stand die ganze Halle. Matthias Jabs hatte an diesem Festival nach uns mit Lady gespielt und hatte Probleme mit seiner Gitarre. Er hat sich dann meine geliehen und die blutig geschlagen, weil er sich verletzt hatte. Egal, ich rief dann später Dieter Dierks an, ob er es gut fand. Er hatte uns verpasst, weil er einen Tag zu spät ankam und nur gehört, dass wir wahnsinnig gut angekommen sind. Ich schlug ihm vor, am selben Tag in Unna vorbeizukommen und er fuhr gleich von Köln dort hin. Der Gig hat ihn extrem angetörnt. Er wollte dann sehen, wie wir im Studio arbeiten und hatte die zwei Titel ´Fox On The Run´ und ´Action´ von The Sweet, die wollte er mit uns gerne in deutsch aufnehmen. Was natürlich ein Trick war. Der Verlag bekam nämlich dafür die Hälfte von dem, was der Titel in Deutschland im Original eingespielt hat. Wir wollten die Chance beim Schopf ergreifen. Es lief so gut, dass wir das nächste Album auch gemeinsam aufnahmen, das war „In Trance“. Die SCORPIONS mussten Kompromisse eingehen und waren sich für nichts zu schade. Wir wussten, dass wir eine Qualität haben und mussten gewisse Leute nur davon überzeugen.«

Einige deutsche Bands haben damals geschimpft, Dierks habe sie bewusst am langen Arm verhungern lassen, um eure Monopolstellung zu erhalten.

»Wie heißt noch mal diese Frau aus Amerika, diese Blonde, die da ganz extrem losgelegt hat? Die hat er doch auch produziert, oder Twisted Sister. Dieter war der letzte, der andere ausgebremst hätte. Er hätte am liebsten zehn erfolgreiche Bands um sich herum gehabt. Als wir angefangen haben, waren tierische Bands in Hannover. Jane, Eloy, und und und. Wir haben die größte Action gemacht und wir waren eine Gang. Wir haben alles mögliche gemacht, auch unseren Bus vermietet und bei anderen Bands ausgeholfen. Wir hatten einen 350er SEL Mercedes gekauft, der war groß genug für fünf Personen, ich bin meist gefahren. Wenn wir acht Stunden nach Paris unterwegs waren, nach Marseille oder in die Schweiz, haben wir Musik gehört. Ich hab immer versucht, die besten Anlagen zu bekommen und Clarion-Lautsprecher, um die Band zu unterhalten und damit wir uns am Neusten orientieren. Wir haben immer besprochen, was wir verbessern können. So etwas wie den hydraulisch hochfahrbaren Drum-Riser wurde damals ausgetüftelt. Wir haben alles so lange ausdiskutiert, bis keiner mehr etwas gegen die Entscheidung sagen konnte, weil alles stimmig war. Dass war der Unterschied zu den anderen Bands, die sich in die Haare bekommen haben. Diese Philosophie haben wir bis in die Mitte der 1980er und noch etwas länger durchgehalten. Du siehst es bei den Stones oder anderen großen Bands wie Metallica: Wenn der Kern gesund ist, ist die Frucht gesund. Metallica hatten Probleme mit Dave Mustaine gehabt, die sind auch durch allen möglichen Mist gegangen. Das habe ich ja von Peter Mensch gehört, der deren und auch unser Manager war. Uns ging es darum, uns für die Sache einzusetzen. Es gab nichts anderes neben der Musik.«

Du meintest eben Wendy O Williams von den Plasmatics.

»Genau. Dieter hat wirklich niemanden geblockt und Accept haben ja auch gut mit ihm ausgesehen. ´Balls To The Wall´ war ein fantastischer Song. Wenn Accept das gehabt hätten, was Rammstein heute haben – ein bisschen mehr Balls und die richtige Bandchemie - wären sie viel weiter gekommen.«

Accept waren die einzige Band, die schon überregional einen Namen hatte, als ihr Deutschland mit „Blackout“ auch endlich im Sturm genommen habt. Die übrigen hiesigen Metal-Pioniere steckten entweder noch in den Kinderschuhen, oder gründeten sich später. Wie viel hast du von der einheimischen Szene mit Running Wild, Sinner, Steeler usw. mitbekommen?

»Ziemlich früh. Da bist du in Spanien in einem Interview und es heißt: Da gibt es bei euch diese Band, Helloween, die sind richtig gut. Dann hörst du dir so was an und merkst: Die sind sehr von Iron Maiden inspiriert. Warlock fand ich sehr gut, speziell die alte Band. Sie vornweg und die anderen ein bisschen dirty. Ich habe Doro auch gesagt, dass es ein großer Fehler war, diese Band aufzulösen. Das hatte Warlock ausgemacht und hätte weltweit eher funktionieren können, als sie alleine. Die erste Band aus Deutschland, die ich wahrgenommen habe, waren nicht Atlantis, wie hießen die davor? Frumpy. Das war für mich die geilste Band, Jean-Jaques Kravetz und so weiter. Rammstein haben eine eigene Art, das ist ein Kunstwerk. Hut ab. Die haben es auch geschafft, mit einer sehr extremen Form. Till und der Gitarrist haben mir oft gesagt, dass sie ihre Ossi-Zeit abwirtschaften mussten, dadurch kamen die verrückten Ideen zustande.«

Nicht nur die ganze Bay-Area-Szene und unendlich viele skandinavische Bands schwören auf deutsche Hardrock- und Metal-Wertarbeit. Diese Musiker schätzen deinen Bruder, dich und Wolf Hoffmann für eure Präzision. Hast du Wolfs stark von der Klassik beeinflusstes Spiel damals verfolgt?

»Auf jeden Fall, ich habe auch die letzte Platte angehört, wo ich sagen muss: Tierisch gut gemacht. In den 80ern wäre die ein noch größerer weltweiter Erfolg geworden. Wolf ist ein viel besserer Gitarrenspieler als ich, der die Leadgitarre sehr stark beherrscht. Mikael, unser zweiter Produzent meinte, ich habe wie Keith Richards einen charakteristischen Stakkato-Anschlag. Ich muss etwas in der Hand haben, was eine greifende Form hat. Im Studio habe ich meine Energie immer in das wenige, was ich an Akkorden schlage, rein gegeben um die Intensität und Energie zu steigern. Uli fand ich immer faszinierend, und es hat mich immer gefreut, wenn er mir Klassisches vorgespielt hat. Als er und Michael weg waren, war es für mich nach den Touren von „Lovedrive“ und „Animal Magnetism“ immer ein Spießrutenlauf, neues Material zu schreiben, damit wir wieder auf Tour gehen konnten. Das ging bis 1988 und da habe ich mich mehr darauf konzentriert, Songs und Ideen zu liefern. Mir war früh bewusst, dass die Qualität der Songs ausschlaggebend für den Erfolg ist. Jimmy Page war mein großes Vorbild, weil er ein riesengroßer Komponist, Gitarrist und Produzent ist. Eine seltene Kombination, genau so wie Eddie Van Halen.«

Eine der im nationalen Rahmen größten deutschen Bands waren die Böhsen Onkelz. Nach ihrer Trennung macht der kreative Kern solo weiter. Der eine – Gitarrist Gonzo – hat sich dafür einen alten Bekannten von euch als Sänger geschnappt, nämlich Charly Huhn. Stefan Weidner hat als Der W selbst den Gesang übernommen. Wäre das für dich eine Option für die Zukunft? Schließlich hast du 1965 bei der Bandgründung auch noch den Leadsänger gegeben.

»Darüber habe ich mir öfter Gedanken gemacht. Es gibt gewisse Sänger, die Gefühle so vermitteln können, dass die Stimme nicht der entscheidende Punkt dabei ist. Ich habe oft mit meinem Bruder über eine gemeinsame Platte gesprochen. Dann würde ich diese Funktion nicht einnehmen, sondern verschiedene Sänger nehmen, so wie Slash es gemacht hat. Der deutsche Akzent spielt auch eine Rolle. Klaus hat sich da gut reingefuchst, obwohl der Anfang auch schwer war. Ich habe in letzter Zeit gar nicht viel komponiert und mich distanziert. Wenn ich wieder anfange, möchte ich effektiver werden. Das kann man nur, wenn man loslässt und wieder neu eintaucht. Viele Musiker komponieren ein Lied nach dem anderen und merken gar nicht, wie sie schlechter werden. Das lief bei mir genau so.«

Auf Michaels aktuellem Album spielst du Rhythmusgitarre bei ´Hanging On´.

»Er hatte den Vorschlag gemacht und mir den Song zugeschickt. Das war keine große Geschichte, das ist ja heutzutage ganz toll. Da bin ich kurz bei Michael Voss, der auch ein toller Typ ist, abgestiegen und hab meine Parts eingespielt. Wer auch nicht schlecht war, wo wir gerade bei Charly Huhn waren, sind Victory. Die hatten auch gute Chancen. Denen haben wir sogar das Management noch vermittelt. Aber die Chemie muss passen. Deshalb ist Franz Beckenbauer, der sehr sensibel ist, als Trainer Weltmeister geworden, weil er in der Lage war, zu erkennen, welche Chemie passt und welche nicht. Wenn ich daran denke, wie wir den Pete Tolson schon bei Dierks im Studio hatten, nachdem Uli ausgestiegen war... Da hatten wir 130 Gitarristen, unter anderem Paul Chapmann von UFO, einen von Procul Harum und was weiß ich wen. Tolson von The Pretty Things war ein tierischer Gitarrist, aber er passte nicht. Matthias war uns schon früher aufgefallen, aber wir waren uns nicht sicher, ob wir nicht erst mal weiter weg suchen sollen. Der Mann war der richtige und wir haben ihm kurz angerufen: Zack, mit dir wollen wir ein bisschen Session machen. Das hat funktioniert und das sind die feinen Nuancen. Wenn das nicht vorhanden ist, machst du dich in einer Band gegenseitig kaputt.«
www.the-scorpions.com
www.myspace.com/officialscorpions

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

SCORPIONS + QUEEN + IGGY POP + EUROPE + SHINEDOWN + SHAKRA + GRAVEYARD + SKILLET + MANDO DIAO + FLOGGING MOLLY + u.v.m.17.06.2016
bis
19.06.2016
CH-Hinwil, AutobahnkreiselROCK THE RINGTickets
RAMMSTEIN + DEEP PURPLE + SCORPIONS + EVANESCENCE + IN FLAMES + FIVE FINGER DEATH PUNCH + ROB ZOMBIE + EMPEROR + ALTER BRIDGE + EUROPE + u.v.m.16.06.2017
bis
18.06.2017
BE-DesselGRASPOP METAL MEETINGTickets

ReviewsSCORPIONS

WIND OF CHANGE - DIE SCORPIONS STORYRH #357 - 2017
Martin Popoff(Hannibal)Nun ja, der Kanadier Martin Popoff mag (aus der Fernsicht...
Forever And A Day - Live In Munich 2012RH #354 - 2016
(Eagle Vision/Edel)Deutschland, 2012. Einmal wollten die SCORPIONS noch mit „S...
Forever And A DayRH #340 - 2015
(Sony Music)Wenn man schon eine Doku über die komplette Karriere der SCORPIONS ...
Return To ForeverRH #334 - 2015
RCA/Sony (47:56)Junge, Junge, man musste nach diversen Vorab-Berichten ja schon ...
MTV UnpluggedRH #320 - 2013
RCA/Sony (109:24) „Ach, mal wieder ´ne Compilation von den SCORPIONS? Live? ...
Live In 3D – Get Your Sting & BlackoutRH #298 - 2012
(Sony Music/Media Markt) Nachdem Geräte zum Abspielen von 3D-Filmen erschwingl...
ComeblackRH #296 - 2011
Columbia/Sony (54:20) Warum nicht? Die SCORPIONS haben sich in den letzten Jahr...
Sting In The TailRH #276 - 2010
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Plötzlich sind die SCORPIONS in. Von „B...
In TranceRH #275 - 1976
Mit ihrem dritten, Deep-Purple-lastigen Album „In Trance“ schaffen es die SC...
Humanity - Hour IRH #241 - 2007
SonyBMG (49:27) Nach dem starken „Unbreakable“ setzen die SCORPIONS mit ihr...
The Platinum CollectionRH #223 - 2005
(225:04) Jawollja, darauf hat die Welt gewartet. Der ca. 342. Best-of-Sampler d...
UnbreakableRH #205 - 2004
(56:34) Nach dem Rohrkrepierer „Eye II Eye“ und ihren Akustik/Klassik-Spiel...
Eye II EyeRH #144 - 1999
Eine Band, die einst für ganze Generationen von Hartwurstmusikern über Geschma...
Pure InstinctRH #101 - 1996
Die SCORPIONS haben kapituliert. Kapituliert vor dem Ruf, den man ihnen seit Jah...
Live BitesRH #96 - 1995
Ich gebe zu, wer nicht hundertprozentiger SCORPIONS-Fan ist, verliert langsam ab...
Face The HeatRH #77 - 1993
Die Ballade 'Wind Of Change' änderte für Deutschlands Flaggschiff in Sachen Ha...
Crazy WorldRH #45 - 1990
Daß das letzte Studiowerk der SCORPIONS, "Savage Amusement", nicht das Nonplusu...
Best Of Rockers N´ BalladsRH #36 - 1989
Die Edelrockerjacke hängt symbolträchtig am Mikroständer. Ja, so ist es, die ...
Savage AmusementRH #27 - 1988
Endlich ist es soweit: Fünf lange Jahre haben sich die Skorpione Zeit gelassen ...
World Wide LiveRH #13 - 1985
Eigentlich erübrigt sich wohl diese Kritik, denn jeder, der an dieser Platte in...
Love At First StingRH #5 - 1984
Nicht so ganz überzeugt hat mich das neueste Werk der Hannoveraner. Im Vergleic...
Love At First Sting1984
Auch wenn die Hannoveraner Stacheltiere für das, was sie der Hardrock-Gemeinde ...
Tokyo Tapes1978
Es existiert wohl kaum ein Album, das die These vom Propheten, der im eigenen La...
Blackout1982
Wenn man daran denkt, was die fünf Hannoveraner in den letzten 15 Jahren so all...
Lovedrive1979
Ein kleiner Supermarkt im verschlafenen Münsterland-Städtchen Lüdinghausen: E...