Online-MegazineInterview

AVANTASIA

Stockholm-Syndrom

AVANTASIA

Schon wieder AVANTASIA? Die hatten wir doch neulich erst? Stimmt, aber seit unserem letzten Interview mit Mastermind Tobias Sammet sind ein paar einschneidende Dinge passiert: Mit „Ghostlights“ hat die Truppe ihr inzwischen siebtes Studioalbum veröffentlicht, das mir nichts, dir nichts auf Platz zwei der deutschen Albencharts eingestiegen ist – und in Kürze werden Sammet und seine Bande mit der ersten Single-Auskopplung 'Mystery Of A Blood Red Rose' beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest antreten.

Gerade letzteres erlebt man in Deutschland mit einer Metalband nicht alle Tage. Während es in Finnland nicht ungewöhnlich ist, Truppen wie Lordi ins Rennen zu schicken, dominiert hierzulande vor allem Pop das Feld der Kandidaten. Wir bimmelten bei Tobi durch, der wie immer bester Laune ist.

Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Veröffentlichung von „Ghostlights“, Tobi!

»Vielen Dank! Im Laufe der Jahre bekommt man ein Gespür dafür, ob eine Platte nach dem Release abkacken wird. Ich hatte vorab schon erwartet, dass wir mit dem Album nicht unter „ferner liefen“ vor uns hindümpeln werden, aber der Erfolg, den wir jetzt haben, ist schon ein bisschen verrückt. Bisher hat sich „Ghostlights“ auch noch nicht aus den Verkäufen verabschiedet. Man erlebt es ja oft, dass man zwar in den Charts einsteigt, aber nach zwei Wochen gleich wieder raus ist. Das sieht bei uns bisher nicht so aus. Aber als Metal-Musiker ist mir das natürlich scheißegal... (lacht).«

Nur scheißegal? Noch truer wäre es, wenn du hoffen würdest, dass sich die Platte möglichst überhaupt nicht verkauft.

Er lacht wieder: »Genau! Nicht, dass man uns noch kommerziellen Ausverkauf vorwirft. Mir gefällt es ohnehin besser, nebenbei noch anderweitig arbeiten zu müssen. Aber Spaß beiseite, ich bin zu einer Zeit groß geworden, als meine Art von Musik selbst in den Metal-Medien nicht sonderlich gefeatured wurde. Früher habe ich viele Fanzines gelesen, und es hat mir Spaß gemacht, selbst kleine Bands auszugraben. Aber davon, dass man Kult ist, kann man schlecht eine Familie ernähren. Von daher freue ich mich natürlich, dass die Verkäufe gut laufen.«

Als nächstes steht für dich ohnehin ein Event ins Haus, das alles andere als Underground ist: Ihr nehmt an der Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest (ESC) teil. War das deine Idee?

»Nein, tatsächlich nicht. Das klingt zwar so abwegig, dass es auch von mir sein könnte, aber der Vorschlag kam von unserer Plattenfirma. Ich bekam irgendwann einen Anruf, in dem ich ganz vorsichtig gefragt wurde, ob ich mir die Teilnahme vorstellen könnte, und habe ganz spontan zugesagt. Seien wir ehrlich, bisher hatte ich mit dieser Veranstaltung nichts am Hut. Das meine ich jetzt völlig wertfrei. Wenn man mich fragt, ob ich zur Promotion im Fernsehen einen Song präsentieren möchte, dann sage ich reflexartig zu. Ich habe ein neues Album am Start, gehe demnächst auf Tour, und darf einem Publikum, das bisher vielleicht gar nicht weiß, dass es uns oder diese Art von Musik überhaupt gibt, einen Track vorstellen. Warum also nicht? Die Zusage war für mich gar keine so große Geschichte, obwohl dem ESC von der Mitte der Gesellschaft eine recht große Bedeutung zugemessen wird. Ich betrachte die Teilnahme als willkommene Abwechslung. Ob ich meinen Song jetzt im Frühstücksfernsehen, bei MTV, im WDR Rockpalast oder beim ESC-Vorentscheid performe, macht für mich im Endeffekt keinen Unterschied. Medial wird die Veranstaltung natürlich ein bisschen anders beäugt, aber das ist ja auch gut so. Wenn ich Angst vor Medien hätte, hätte ich den falschen Beruf gewählt. So lange ich auf einer Bühne stehe und von vielen Scheinwerfern angeleuchtet werde, fühlt sich die Sache tendenziell schon mal gut an (lacht).«

Wobei Frühstücksfernsehen und Rockpalast auf nationalem Level bleiben, und es beim ESC zumindest die Chance gibt, auch international wahrgenommen zu werden.

»Wenn wir beim nationalen Vorentscheid gewinnen würden, dann würde ich auch B sagen und nach Stockholm fahren. Bis jetzt kann ich aber überhaupt nicht einschätzen, ob der typische deutsche Fernsehzuschauer etwas mit unserer Musik anfangen kann. Es gibt zwar unheimlich viele Metal-Fans, aber die Massenmedien ignorieren das Thema gerne. Einmal im Jahr, wenn die Aussätzigen nach Norddeutschland pilgern, wird über Wacken berichtet, und das kriegt dann auch jeder mit. Die Fotos von den Moorleichen in Hasenkostümen sind ja auch ganz lustig, keine Frage. Dass unsere Szene aber einen Großteil der Unterhaltungsindustrie ausmacht, wird gerne mal unter den Teppich gekehrt. Was das für unsere Chancen bedeutet, gewählt zu werden, weiß ich nicht. Sehen wir der Sache ins Auge: Wir sind nicht sonderlich schön, werden nicht ständig im Radio gespielt, und heben uns von den anderen Kandidaten musikalisch schon ein bisschen ab. Keine Ahnung, ob der deutsche Markt für so was gemacht ist.«

Wobei 'Mystery Of A Blood Red Rose' schon gut im Radio laufen könnte.

»Du meinst, der könnte auch von Ralph Siegel sein (lacht)?«

Nein, aber wenn ein Sender wie WDR 2 Guns N' Roses, Meat Loaf und Black Sabbath spielt, warum dann nicht auch AVANTASIA?

»Stimmt schon, vereinzelte Radio-DJs sind geschmacklich voll auf der Höhe. Trotzdem passt unsere Musik nicht perfekt ins Bild der Radio-Hörgewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Wir hätten natürlich auch einen anderen Song nehmen können, 'Draconian Love' etwa. Der wäre vielleicht mainstreamiger gewesen und auch als erste Single in Frage gekommen, aber wir haben uns bewusst für die old-schooligere Variante entschieden. Für den ESC mussten wir den Track noch ein wenig schneiden, weil ein Beitrag nur drei Minuten lang sein darf.«


Hast du dir vor der Zusage Gedanken darüber gemacht, ob dich die Teilnahme an so einer Veranstaltung bei den Metalheads Credibility kosten könnte? So frei nach dem Motto: „Na toll, jetzt macht der Sammet auch noch bei so 'ner Mainstream-Kommerz-Kacke mit!“

»Nein, ehrlich gesagt habe ich gar nicht darüber nachgedacht, wie die Metalszene auf die Teilnahme reagieren könnte. Wenn man zehn Mal in Wacken gespielt hat, braucht man sich vermutlich eh keine Gedanken mehr darüber machen, dass jemand einem kommerziellen Ausverkauf vorwerfen könnte (lacht). Jeder, der eine Bühne betritt und dafür Eintritt nimmt, ist im Endeffekt kommerziell. Dasselbe gilt für jeden, der seine CDs verkauft. Ich vertraue darauf, dass unsere Fans wissen, wie sie das zu nehmen haben. Es steht jedem frei, die Sache gut oder schlecht zu finden. Ich habe mir auch in der Vergangenheit nie Gedanken darüber gemacht, wie irgendwas ankommen könnte – und das wäre auch nicht besonders Rock 'n' Roll. Als Iron Maiden damals bei „Top of the Pops“ aufgetreten sind, war das vermutlich auch keine strategische Entscheidung zur Förderung der Kredibilität. Manche Dinge muss man einfach aus dem Bauch heraus entscheiden.«

www.tobiassammet.com
www.facebook.com/avantasia



DISKOGRAFIE (nur Studioalben)
The Metal Opera (2001)
The Metal Opera Part II (2002)
The Scarecrow (2008)
The Wicked Symphony (2010)
Angel Of Babylon (2010)
The Mystery Of Time (2013)
Ghostlights (2016)

 

Pic: Alex Kuehr (Promo)