Online-MegazineInterview

TESTAMENT

Mogeln ist erlaubt

TESTAMENT

TESTAMENT wurden niemals offiziell aufgelöst, aber nach „The Gathering“ aus dem Jahr 1999 wurde es recht still um die Band. Einen Teil dazu beigetragen hat sicherlich die Krebserkrankung von Frontmann Chuck Billy, die er glücklicherweise gut überstanden hat. Aber auch der Sänger mit halb-indianischen Wurzeln spricht während unseres Interviews von einer Reunion, aus der die beiden Alben „Formation Of Damnation“ und „Dark Roots Of Earth“ hervorgegangen sind. Im Fokus des Gesprächs steht aber die neue DVD „Dark Roots Of Thrash“, die Anfang Oktober in die Läden kommt und TESTAMENT von einer recht düsteren Seite zeigt.

Chuck, hast du die „Dark Roots Of Thrash“-DVD selbst schon sehen können?

»Ja, habe ich und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich finde sowohl den Schnitt, als auch den Sound sehr gut. Die Energie, die TESTAMENT auf der Bühne erzeugen, wird gut eingefangen. Wir waren schon immer eine Band, die live stärker als auf Platte war und das kann man auf „Dark Roots Of Thrash“ auch gut sehen. Hören natürlich auch (lacht).«

Wie sehr seid ihr in die Produktion der DVD involviert gewesen?

»Die Band war zu jeder Zeit in den Entstehungsprozess eingebunden und hat Kommentare abgegeben oder Verbesserungsvorschläge gemacht, was den Mix des Videos angeht. Beim Sound hingegen hatten Eric (Peterson, g. -
cb) und ich die Zügel in der Hand. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, dass die DVD auch wirklich einen fetten Sound bekommt.«

Das ist euch absolut gelungen und bringt mich direkt zur nächsten Frage.
Euer Gitarrist Alex Skolnick hat in einem Interview mit Rock Hard gesagt, dass die größte Lüge im Rock'n'Roll das Livealbum wäre.
Inwiefern trifft das auch auf „Dark Roots Of Thrash“ zu? Wie viel musstet ihr im Studio nachbessern?

»Gar nichts (lacht). Nein, wir mussten natürlich ein wenig nachhelfen, weil du bei einer Liveaufnahme nie einen perfekten Sound hinbekommst.
Man benutzt bei einem Konzert nicht die gleichen Mikros für Gitarren wie beispielsweise im Studio. Das führt zu einem Qualitätsverlust und deshalb haben wir beschlossen, die Gitarren im Studio noch einmal zu reampen und so einen wärmeren Gitarrensound für die DVD zu bekommen.
Einige der Vocals mussten wir auch fixen, weil dabei zum Teil etwas schief gelaufen ist. Dennoch ist „Dark Roots Of Thrash“ ein richtiges Livealbum, mit kleineren Spielfehlern oder der einen oder anderen Ungenauigkeit beim Gesang. Uns war es nach wie vor sehr wichtig, dass das Live-Feeling nicht verloren geht. Es ist uns gelungen, denke ich.«

Abgesehen davon habt ihr an dem Abend eine wirklich gute Show gespielt.

»Ja, da hast du recht. Zudem war es eine wirklich lange Show. Wir hatten von vornherein schon eine umfangreiche Setlist auf der Tour, zu der wir am Abend des Mitschnitts spontan noch fünf Songs hinzufügten. Klassiker wie 'Over The Wall' oder 'Disciples Of The Watch'.«

Nun seid ihr nicht gerade dafür bekannt schlechte Alben abzuliefern. Wie kompliziert ist es für eine Band wie TESTAMENT eine Setlist zusammen zu stellen?

»Ehrlich gesagt wird das mit jedem Album schwieriger. Als wir nach der Reunion mit den Originalmitgliedern „Live In London“ herausbrachten, waren auf dem Album fast nur Klassiker zu hören. Die Jungs wollten zu dem Zeitpunkt primär Material spielen, an dem sie auch auf den Alben beteiligt waren. Deshalb befindet sich auf „Live In London“ keinerlei aktuelles Material. Wir haben de facto erst vor ungefähr zwei Jahren angefangen auch Songs von beispielsweise „The Gathering“ zu spielen. Ich begrüße das sehr, denn meiner Meinung nach zeigen gerade diese Songs was TESTAMENT ausmacht. Ich denke, wir haben nach all den Jahren durch „The Gathering“ zum ersten Mal herausgefunden, was richtig für TESTAMENT ist und was nicht. Deshalb fand ich es immer schade, dass die Jungs nichts von dem Album spielen wollten. Mit „Formation Of Damnation“ und dem neuen Album haben wir nun zwei starke Platten veröffentlicht, was die Setlist logischerweise dahingehend veränderte und jetzt neue Stücke zum Tragen kommen. Aus dem Grund war es eine bewusste Entscheidung unsererseits zum jetzigen Zeitpunkt eine neue DVD zu veröffentlichen, die sowohl die Klassiker, als auch neue Songs beinhaltet.«

Warum fällt das Bonusmaterial auf der DVD so spärlich aus? Es finden sich lediglich ein paar Backstage-Impressionen, sowie der Clip zu 'Native Blood' in der Bonussektion.

»Ehrlich gesagt haben wir gar nicht so viel Material in der Hinterhand, das wir hätten verwenden können. Wir haben zwar ein wenig auf der Tour gefilmt, aber wirklich Veröffentlichungswertes war da nicht dabei. Wir reden natürlich immer davon, dass wir dieses und jenes machen wollen, aber irgendwie passiert darauf hin nie etwas (lacht).«

Ich hatte die Idee, dass ihr das Material lieber für eine History-DVD, wie sie beispielsweise Iron Maiden oder Rush schon gemacht haben, zurückhaltet.

»Die Idee steht tatsächlich schon etwas länger im Raum (lacht). Wenn wir dieses Projekt wirklich angehen sollten, müssten wir natürlich unsere persönlichen Schatzkammern öffnen und das ganze alte Zeug wieder hervorkramen. Bei „Dark Roots Of Thrash“ geht es aber um die aktuelle Tour und das aktuelle Line-up. Ich möchte allerdings nicht ausschließen, dass uns unsere Vergangenheit im Kontext einer DVD noch einmal einholt (lacht).«

Hat sich die Art und Weise, wie ihr Songs schreibt über die Jahre verändert?

»Ich würde nicht sagen, dass sich das Songwriting selbst verändert hat, da Eric und ich schon immer die Hauptsongwriter der Band waren. Vielmehr hat sich das Drumherum gewandelt, die Technik. Wir schreiben die Songs heute eher Coast-To-Coast, weil wir alle nicht mehr in unmittelbarer Nachbarschaft zusammen wohnen. Alex beispielsweise lebt in New York, während der Rest in Kalifornien wohnt. Deshalb sind wir dazu übergegangen, uns die neuen Ideen per E-Mail zuzusenden. Eric und ich setzen uns immer noch regelmäßig zusammen und arbeiten an Demos, die wir dann an die anderen schicken, damit sie einen Eindruck von dem neuen Material bekommen. Wenn wir uns schließlich alle zum Proben in Kalifornien treffen, geben die Jungs uns ihren Input und machen Vorschläge, was den einen oder anderen Part angeht. Das richtige Songwriting findet also statt, wenn wir alle zusammen im Proberaum sind.

Von daher denke ich nicht, dass sich die Art unseres Songwritings verändert hat. Eric schreibt hauptsächlich die Riffs und ist immer darauf fokussiert, was zu TESTAMENT passt und was nicht.«

TestamentIm Endeffekt arbeitet ihr aber trotzdem demokratisch an den Songs.

»Genau. Eric und ich liefern den Jungs zwar die rudimentären Songs, aber wir alle arbeiten bei den Proben an den einzelnen Parts. Falls ein Bandmitglied mit einer Nummer nicht zufrieden ist, überlegen Eric und ich uns etwas Neues und geben den Jungs neue Demos. So lange bis jeder mit dem Material zufrieden ist. Das gilt auch für die Produktionen im Studio.«

„Dark Roots Of Earth“ hat im Vergleich mit den vorangegangenen Alben eine eher düstere Ausrichtung. War das auch mit ein Grund für die Art, wie ihr die Lightshow auf der Tour arrangiert habt?

»Ja, definitiv. Wir haben auf der Tour generell auf viele helle Lichter verzichtet. Eine „freundliche“ Beleuchtung wäre kontraproduktiv der Atmosphäre gegenüber gewesen, da – wie du schon richtig festgestellt hast – „Dark Roots Of Earth“ düsterer als die anderen Alben ist. In der Vergangenheit war das manchmal anders. Bei den Touren zu „Practice What You Preach“ oder „Souls Of Black“ hatten wir weiße, gelbe und, ich will nicht sagen pinke, aber sehr helle rote Scheinwerfer dabei, die die Bühne stärker erhellt haben (lacht). Dafür setzten wir dieses Mal mit Strobos einige Effekte. Von daher war es dann doch schon wieder sehr hell auf der Bühne. Zumindest für kurze Intervalle (lacht).«

Warum habt ihr euch für New York und gegen die Bay Area als Aufnahmeort entschieden?

»Wir haben schon das letzte Livealbum („Live At The Fillmore“ - cb) in der Bay Area aufgenommen, also entschieden wir uns für die Ostküste. Da lag es nahe das Konzert in New York aufzuzeichnen, da wir dort ein tolles Publikum und immer sehr gute Shows hatten. Klar, wir hätten auch in San Francisco aufnehmen können. Der dortige Auftritt war aber der erste Gig der Tour. Da waren noch nicht ganz richtig aufeinander eingespielt und das Ergebnis hätte nicht gut werden können. Ein anderer Punkt, der für New York gesprochen hat, war die Location mit ihrer großen Bühne, auf der wir unsere ganze Lichtproduktion auffahren konnten.«

Die Impressionen, die die Kamera einfängt, bringen die gute Stimmung während des Konzerts gut rüber.

»Stimmt. Aber das Package war auch verdammt stark. Wenn mir vor einem Jahr einer gesagt hätte, dass eine Tour mit uns, Overkill und Flotsam And Jetsam funktionieren würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.
Momentan ist die Mentalität doch eher so, dass Bands, die schon lange im Geschäft sind, sich lieber junge, aufstrebende Bands mit ins Boot holen, um neue Fans zu akquirieren. Ehrlich gesagt, habe ich anfangs auch so gedacht, weshalb ich der Tour skeptisch gegenüber stand. Aber die Booker hatten wirklich ein feines Gespür für die Fans und so haben wir mit der Tour alle ein gutes Geschäft gemacht (lacht).«

Habt ihr euren Fokus als Band eher auf Konzerte als auf neue Platten verlagert?

»Wir befinden uns im digitalen Zeitalter und die Kids kaufen nicht mehr so viele Platten wie früher. Die meisten Bands verdienen ihren Lebensunterhalt mittlerweile auf Tour, wo sie noch CDs und Shirts direkt an die Fans verkaufen können. Genau das führt uns immer wieder auf Tour.
Als wir „The Gathering“ herausgebracht haben, war die Situation eine ganz andere. Es war schwer zu touren, weil die Nachfrage für Heavy Metal nicht so groß war und man als Band nicht so viel Geld verdienen konnte.
Heute ist die Situation wieder besser und die Heavy-Metal-Szene auf der ganzen Welt ist beinahe so stark wie in den Achtzigern. Da sind natürlich auch eine Menge junge Kids dabei, die viele Bands noch nie gesehen haben. Die Möglichkeit ergibt sich nun und ich finde, dass das eine gute Sache ist. Wir ziehen daraus natürlich auch einen Vorteil und ich denke, dass die kommende Tour mit Lamb Of God für uns ebenfalls eine gute Sache werden wird. Das ist die letzte Tour zu „Dark Roots Of Earth“ und wir sind sehr motiviert. Danach geht es dann wieder ans Songwriting für ein neues Album.«

Damit lasst ihr euch aber nicht wieder so lange Zeit, oder?

»Nein (lacht). Anfang 2014 beginnen wir mit dem Songwriting und danach gehen wir direkt ins Studio. Das wird ein paar Monate dauern, aber ihr müsst nicht allzu lange auf ein neues Album warten (lacht).«

Dann lass uns zum Schluss noch kurz über dein Engagement bei der „Up Where We Belong: Native Musicians In Popular Culture“-Ausstellung sprechen. Du hast dich sehr positiv über dieses Projekt geäußert. Siehst du das Projekt als Chance die Aufmerksamkeit der Menschen auf die noch immer existierenden Probleme der indigenen Bevölkerung Amerikas zu lenken?

»Ich denke, dass jede Wahrnehmung der Native Americans gut ist. In den letzten Jahren sind sehr viele positive Dinge diesbezüglich geschehen.
Ich bin beispielsweise der erste Musiker indianischer Abstammung, der einen Platz im Hard Rock Café in Albuquerque bekommen hat. Viel Publicity hat uns auch das „Native Blood“-Video gebracht, mit dem wir den Preis für das beste Musikvideo auf dem American Indian Film Festival gewonnen haben. Vor allem die indianische Seite in mir hat sich über diese Entwicklung sehr gefreut. Zudem war es eine große Ehre für mich an der „Up Where We Belong"-Ausstellung im Smithsonian American Art Museum mitzuarbeiten. Das Museum kennt in Amerika jeder Bürger und es befindet sich unglaublich viel Geschichte unseres Landes darin. Für mich war es sehr aufregend in diesem Museum zu sein, denn meine Großmutter war schon einmal für unseren Stamm hier und hat die traditionellen Korbflecht-Techniken zur Schau gestellt. Somit schließt sich für mich hier ein Kreis.«

 

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