Online-MegazineInterview

GORY BLISTER

Ketzerisch, infiziert und gierig

GORY BLISTER

„Earth-Sick“ ist einfach zu gut, um nur mit „3 Fragen an...“ in der Printausgabe (RH # 299) abgespeist zu werden. Dort kam nur Drummer Joe zu Wort. Die pessimistische Sicht auf die Spezies Mensch als selbst zerstörerisches Krebsgeschwür des Planeten Erde geht bei ihm mit einer Skepsis hinsichtlich des technologischen Fortschritts einher. Am Rest des Interviews beteiligt sich auch Gitarrist Raff mit einigen Kommentaren, die besonders die Kompositionsweise der italienischen Prog-Deather beleuchten.

Joe, haben eure Texte eher einen spirituellen oder einen wissenschaftlichen Hintergrund?

Joe: »Ich glaube, dass weder der eine, noch der andere notwendig ist.«

Der Astronaut auf eurer Covercollage hat eine blutige Schuss- oder Stichwunde. Sind menschliche Kolonien auf dem Mond oder sonst wo im Weltall eine realistische Perspektive? Oder nur Science Fiction bzw. maximal einer superreichen Schicht vergönnt?

»Wenn die Menschheit so weiter macht, wie bisher, kommt sie schnell an einem Punkt an, von dem ab sie die Entwicklungen nicht mehr aufhalten bzw. rückgängig machen kann. Dann wird auch kein Politiker oder kapitalistischer Manager ein Ticket zu seiner persönlichen Errettung in der Tasche haben. Kolonien im Niemandsland? Sollten wir vor 30 Jahren wirklich auf dem Mond gelandet sein (eher vor über 40 Jahren –Anm. d. Verf.), dann wären wir schon viel öfter dort gewesen und es gäbe dort vielleicht eine Besiedlung. Aber wir fahren ja immer noch Autos, die Benzin verbrennen...«

Steht die Abkürzung 'H.I.V.' als Songtitel für das Aids-Virus, oder ist das ein interner Code?

Joe: »Erneut muss ich beidem zustimmen. Ich habe die Buchstaben als Initialen der Wörter heretic (abweichend, ketzerisch), infected (infiziert) und voracious (gierig) verwendet und die Adjektive auf die Menschheit bezogen. Aber sind das nicht ebenfalls die Hauptansatzpunkte des Aids-Virus? Der Planet Erde ist so krank, wie der menschliche Körper nach einer Virusattacke. Wir sind das Krebsgeschwür, welches den Planeten befallen hat. Früher oder später wird er eine Heilmethode finden und uns auslöschen.«

Eure Kompositionen stecken voller komplexer Rhythmusmuster und – wechsel und sind von pulsierenden Melodien durchzogen. Arrangiert ihr diese Strukturen in Heimarbeit am Laptop – oder auf herkömmliche Weise bei Jams im Proberaum?

Raff: »Grundsätzlich versuchen wir, die Old-School-Attitüde zu bewahren. Nachdem wir unsere eigenen Prozesse verinnerlicht und analysiert haben, konnten wir die Arbeit optimieren und stromlinienförmiger gestalten. Meist bereite ich in meinem kleinem Heimstudio einige Riffs vor. Grundsätzlich denke ich dabei immer daran, was einen coolen Death-Metal-Song ergeben könnte und improvisiere dazu auf der Gitarre. Wenn das geschafft ist, mache ich mich an den Entwurf einer Struktur mit drei bis vier Riffs und nehme sie zum Metronom auf. Im nächsten Schritt schicke ich diese rohen Ideen an Joe, der sich Gedanken ums Arrangement macht. Ein paar Tage später treffen wir uns im Proberaum und diskutieren, was wir in diesen Parts emotional ausdrücken wollen. Erst wenn beide das gleiche Feeling anstreben, jammen wir, bis beide zufrieden sind. Dann begeben wir uns an eine primitive Aufnahme und legen die Idee erst mal für einige Zeit in die Schublade. Einige Wochen später hören wir den Ideenfundus mit frischen Ohren erneut und wenn wir weiterhin überzeugt sind, arbeiten wir die Strukturen im Detail aus und enden schließlich bei der Ausarbeitung von Gesangslinien.«

Im Review zu eurem letzten Album war Boris Kaiser enttäuscht, dass ihr auf „Graveyard Of Angels“ nicht mehr so sehr nach den späten Death geklungen habt.

Raff: »Boris kannte GORY BLISTER schon lange, bevor wir einen Vertrag hatten. Er war immer ein großer Supporter der Band und wir sind ihm sehr dankbar dafür, wir wissen das immer noch sehr zu schätzen! Als ich die Rezension gelesen hatte, konnte ich seine Perspektive nachvollziehen. Auch wenn Death immer zu unserem Background gehören werden, haben wir doch immer schon versucht, jedem Song auf jedem Album eine individuelle Note zu geben. Insofern hat mir das Review gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dies fügt unabwendbar zu Wendepunkten, die aber zum Leben von Musikern, die daran glauben, was sie spielen und auch an den Geist des Metal, den ihr in Deutschland sehr gut versteht.«

Neben Death sind auch Pestilence als Einflüsse hörbar – letztere vor allem in den Wahwah-Orgien von 'H.I.V.'.

Raff: »Auch dieser Song verfolgt den gerade geschilderten Anspruch. Daher habe ich mit dem Wahwah-Sound bei der Rhythmusgitarre experimentiert, obwohl er eher bei den Soli bekannt ist. Mit Arrangements wie diesem versuchen wir auf „Earth-Sick“ Territorien zu betreten, die GORY BLISTER bislang noch nicht erforscht haben.«

 

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